Sonntag, 5. August 2018

1958 - Weltwirtschaftskrise und der Run zum Mond – Buddy Holly bis Everly Brothers

Es kommt zur ersten Weltwirtschaftskrise nach dem 2. Weltkrieg – nur Deutschland bemerkt wenig davon, da hier das Wirtschaftswunder in vollem Gange ist. In Frankreich wird Charles De Gaulle Präsident, er hat weitgehende Vollmachten um gegen die Revolution in Algerien vorzugehen. Zwischen den Westmächten und dem Ostblock gibt es Streit um den Status von Berlin, aber es gibt auch Entspannungsbemühungen. Währenddessen beginnen die kommunistischen Rebellen in Kuba ihre letztlich erfolgreiche Offensive gegen die Diktatur. Ihr Anführer Fidel Castro wird bald einen kommunistischen Staat vor den Toren der USA etablieren – zu deren andauerndem Ärger. Währenddessen beginnt der Run auf den Mond: Die Russen starten ihre „Sputnik“ Sonden, die Amerikaner wählen ihre Kandidaten für den Mondflug aus. Und der Nordpol wird von einem U-Boot unterquert und der Südpol von gleich zwei Expeditionen erreicht (allerdings nicht zum ersten Mal). Und das erste Autotelefon geht in Betrieb – es kostet halb soviel wie das dazugehörige Auto. 1958 ist das Geburtsjahr von Kate Bush, Ice T, Prince – und Michael Jackson. In diesem Jahr gibt es in jedem Bereich der Musik der 50er etwas zu entdecken. Rock'n'Roll verliert ein bisschen an Fahrt (...weil Elvis zur Army muß ?) aber alle wichtigen Künstler machen nun sehr gute LP's – auch wenn es sich dabei meist um Compilations handelt – man bedenke: Es ist die Zeit der Singles !! Es gibt wunderbaren Vocal Jazz von Billy Holiday bis Frank Sinatra, Miles Davis pusht die Entwicklungen im Jazz, spielt Cool Jazz und Be Bop, ebenso wie sein ehemaliger Begleiter John Coltrane, dessen letztjährig aufgenommenes erstes Solo-Album nun veröffentlicht wird.. Die Everly Brothers und Rick Nelson machen Teenager-Musik mit Niveau, Johnny Cash verbindet Rock'n'Roll und Country und James Brown (behauptet zumindest großmäulig er...) erfindet den Soul. Die Musik der 50er in aller Schönheit und in voller Blüte – was nicht ausschließt, dass es kommerziell erfolgreiche Musik gibt, die ich aufgrund persönlichen Widerwillens hier nicht weiter als bis zum unteren Ende dieser Einführung erwähnen will. So sind mir Perry Como, Paul Anka, Domenico Modugno (mit dem unerbittlichen „Volare“) oder etliche Weihnachtsalben Rock'n'Roll Style nicht der Erwähnung wert.

Buddy Holly


s/t

(Coral, 1958)

Kein Wunder, dass Weezer ihren ersten Hit nach dem Erfinder des Power Pop benannten. Der junge, extrem kurzsichtige Brillenträger (die er für das Cover aus ästhetischen Gründen weglassen musste...) aus Lubbock/Texas mag nicht viele Songs hinterlassen haben, als er im folgenden Jahr mit gerade mal 22 Jahren bei einem Flugzeugabsturz umkam, aber die, die er hinterlassen hat, sind Pop in Perfektion. Sie haben ebensoviel mit dem Rock'n'Roll Elvis' und Chuck Berry's gemein, wie mit dem Country von Johnny Cash oder dem Rockabilly von Gene Vincent. Sie sind irgendwo in der Schnittmenge der Zeitgenossen - und sie sind pure Pop. Das erste Album – noch unter dem Moniker The Chirpin' Crickest veröffentlicht, weil die Plattenfirma Band und Solo-Künstler trennen wollten - mag etwas stärker sein, weil es flotter ist,und weil die Dichte an Hits größer ist, aber der Zweitling – drei Monate später dann unter dem Künstlernamen des als Charles Hardin Holley geborenen Burschen veröffentlicht - hat genug formidable Songs für die Karriere mehrerer Pop-Bands der heutigen Zeit. Buddy Holly wurde natürlich mit dem gleichen Personal aufgenommen wie das Debüt, es ist auch wieder eine Compilation der letzten Singles, und da sind immer noch haufenweise Songs, die zu Standards geworden sind. Da ist natürlich die Top Ten Single „Peggy Sue“ neben Klassikern wie „I'm Gonna Love You Too,“, „Listen to Me“, „Everyday“, „Words of Love,“ und dem rasanten „Rave On“. Der Rest mag nicht ganz so stark sein, aber Holly's Versionen von „Ready Teddy“ oder „You're So Square (Baby I Don't Care)“ sind aller Ehren Wert und unterscheiden sich allein schon wegen seines Gesangsstils genug von den Versionen seiner Zeitgenossen. Es ist, wie gesagt, das letzte Album, das noch zu Holly's Lebzeiten veröffentlicht wurde, alles was danach kam, ist posthum zusammengestellt und es zeigt, welcher Verlust der Tod Buddy Holly's letztlich bleiben sollte. Nicht umsonst ging der Tag, an dem er (mit Richie Valens und The Big Bopper) bei einem Flugzeugabsturz umkam als „The day the music died“ in die Annalen ein.

Buddy Holly - I'm Gonna Love You Too 


Elvis Presley


Elvis Golden Records

(RCA, Rel. 1958)

Wie üblich (und schon etliche Male erwähnt) war es in den 50ern unüblich autarke LP's zu veröffentlichen. Das gewählte Format war die 7'' oder die 10'', die dann gegebenenfalls als „Album“ zur Doppel 10'' gemacht wurde. So hatte auch RCA etliche von Elvis' Singles nicht auf Alben versammelt – die kurze 7''/ 45er war das Format, das von jungen Leuten gekauft wurden – alleine schon weil sie natürlich auch billiger waren als eine LP. So waren es diese Singles, die seine Popularität begründeten, denn sie bekamen in den Radio Stationen auch das erforderliche Airplay. (Und diese einzelnen Songs sind es ganz nebenbei bis heute, die man mit Elvis verbindet). Die '58 zusammengestellte Original Vinly LP Elvis Golden Records enthält vierzehn Tracks, von denen neun die Single Charts getoppt hatten. Man sagt, dies sei das erste Greatest Hits Album (was natürlich nicht stimmt...) aber immerhin ist es das erste, das nach Resteverwertung aussieht. Das Cover jedenfalls ist so geschmacklos, dass es schon wieder gut ist, aber man muß immer wieder darauf hinweisen, dass die meisten LP's von Presleys Zeitgenossen ebenfalls Compilations waren – sie wurden nur nicht ausdrücklich als Greatest Hits Package tituliert. Was den Inhalt angeht, ist Elvis Golden Records allerdings phänomenal. Man kann waherscheinlich sagen, die Geschichte des Rock'n'Roll - oder sogar die Geschichte der Musik Amerika's - wäre ohne Singles wie „Hound Dog“, „All Shook Up“, „Heartbreak Hotel“, „Jailhouse Rock“, „Too Much“, „Don’t Be Cruel“, „(Let Me Be Your) Teddy Bear“, „Love Me Tender“ und „I Want You, I Need You, I Love You“ möglicherweise garnicht geschrieben worden... Zumindest wäre sie beträchtlich ärmer. Elvis Golden Records mag kein „reguläres“ Album sein – Elvis war inzwischen bei der Army und hatte bis 1960 keine Gelegenheit Singles aufzunehmen - aber es ist wegen der Dichte an essentiellen Tracks vielleicht sogar die beste Wahl um seine Musik kennenzulernen.

Elvis Presley - All Shook up 


Wanda Jackson


s/t

(Capitol, 1958)

Es gibt in diesem Jahr, in dem dem Rock'n'Roll allmählich die Puste auszugehen scheint, mit Wanda Jackson's Debütalbum eine seltene Erscheinung – ein Album mir echtem Rockabilly - von einer Frau. Rockabilly war eine Domäne der Männer, nicht nur in den paar Jahren seit '55. Es gab höchstens noch Brenda Lee und Connie Francis, aber deren Musik war ungefährlich, weibliche, sexuelle Ein- oder Zweideutigkeiten wie bei Elvis – und damit dessen Wucht – fehlten im Rockabilly-Kosmos. Aber da war Wanda Jackson, die mit Aussehen, Stimme, Persönlichkeit und Songs bewies, dass auch Mädchen gefährlich sein konnten. Sie hatte zunächst mit modernisiertem Country, High Octane-Stimme und bloßen Schultern das Publikum im konservativen Nashville verstört, war mit Elvis getourt, hatte mit ihm Platten gehört und ihre persönliche Art von Rockabilly, Country und Rock'n'Roll herausgebildet. In den Jahren von '55 bis '58 hatte sie einige kleinere Hits gehabt, meist Versionen von Country-Klassikern - und auf ihrem Debüt gibt es auch davon genug und sie macht das mit ihrer jugendlichen Stimme großartig - aber insbesondere ihre Versionen von „Whole Lotta Shakin', ihr „Money Honey“ und das ikonische „Let's Have a Party“ dürfte Eltern bekümmert den Kopf schütteln haben lassen und jungen Mädchen seinerzeit bewiesen haben, dass Frauen mehr als Beiwerk beim Tanz sein können. Dass diese unbändigen Ausbrüche von neuen und alten Country-Klassikern unterbrochen werden, lässt Wanda Jackson heute erfreulich abwechslungsreich klingen. Zumal ihre Country-Heuler wirklich Stil haben. Nach einem weiteren, schon etwas zahmeren Album (There's a Party Going On - 1961) wandte sie sich auch der verdammten Religion zu und machte Pop, Country und Gospel. Ihr Funktion als Ikone des weiblichen Rock'n'Roll konnte sie damit nicht mehr zerstören. Und jetzt ist sie Kult. 

Wanda Jackson - Let's Have a Party 

John Coltrane


Blue Train

(Blue Note, 1958)

John Coltrane


Soultrain

(Prestige, 1958)

Blue Train, John Coltrane's einzige LP für Blue Note, kam aufgrund mündlicher Vereinbarungen mit Label-Boss Albert Lion zustande. Coltrane machte mit diesem Album erst seine zweite LP als Solist – zu einem gewissen Teil sicher aus der Not heraus - Miles Davis hatte ihn 1957 aufgrund seiner Heroinsucht aus seiner Tour-Band geworfen, Coltrane aber wollte mehr touren. So stellte er eine eigene Band zusammen und spielte im September '57 diese Sessions für Blue Note ein - natürlich mit den besten Musikern des Labels: Eine dreifach besetzte Hornsektion mit dem Trompeter Lee Morgan, Trombonist Kurtis Fuller und Coltrane selbst am Saxophon, Kenny Drew am Piano und Miles Davis' Rhythmussektion mit Bassist Paul Chambers und Drummer „Philly“ Joe Jones. Alles beileibe keine reinen Mitläufer und alles Musiker, die ihn später immer wieder in wechselnden Konstellationen begleiten sollten. Noch war Coltrane musikalisch nicht so „revolutionär“, wie sie werden würde, noch ist es der „reine“ Hard Bop, der hier gespielt wird – egal, meiner Meinung nach, denn Innovation im Jazz ist oft nur für Musiktheoretiker interessant (und wirklich zu erkennen) und Blue Train ist unabhängig von allen technischen Feinheiten ein großartiges Album voller Inspiration und Energie. So wurden der Titeltrack oder das energiegeladene „Moments Notice“ mit dem Trombone-Solo von Fuller, sowie das großartige „Locomotion“ zu Standards des Hard Bop – und dieses Album mit seinem geschmackvollen Cover-Design zum ersten Klassiker in Coltrane's Solo-Diskografie. Da ist insbesondere das enge Zusammenspiel der drei Bläser auf Blue Train, welches die LP mit Recht zum Highlight macht – und zu dem Album, das er selber als das Beste aus der Phase vor Giant Steps (1960) bezeichnen sollte. Aber da sind davor noch einige andere Sessions – unter anderem wieder in der Band von Miles Davis, der ihn Anfang '58 wieder zurück holte – und das Album Soultrane, das Coltrane bei einem Recording Date im Februar '58 mit Miles' Band – nur eben ohne Davis – aufnahm. Bei dieser Dichte an Dates (drei Tage zuvor hatten sie Milestones aufgenommen und in ein paar Wochen kommen die Sessions zu Kind of Blue!) und bei all den Konzerten wäre ein bisschen Müdigkeit verzeihlich gewesen, aber Nichts da! - Für Soultrane scheint Coltrane sich auf's Songwriting konzentriert zu haben, ist dabei durch die kleine Quartett-Besetzung gewissermaßen dazu gezwungen, die Formulierungen und Ausschmückungen zu übernehmen. Er beginnt auf diesem Album mit der Ausarbeitung seiner „Sheets of Sound“ Dieser Begriff, der für seine komplexen, sehr schnellen Soli steht, die von tiefsten Tönen in höchste Register fliegen, wird erstmals in den Liner Notes zu Soultrane vom Downbeat Magazine - Kritiker Ira Gitler verwendet. Was Coltrane auszeichnet, ist aber nicht so sehr die stupende Technik, sondern seine Fähigkeit, Stimmungen auszudrücken, er kann romantische Schlaflieder genausogut wie vor Adrenalin strotzende Grooves, und er meistert all das genauso mühelos, wie die Tempowechsel und Melodie-Verzweigungen seiner Soli. Soultrane mag nicht so revolutionär sein, wie Giant Steps, My Favorite Things, Ascension oder A Love Supreme – aber Coltrane machte ab hier bis zu seinem Tod kein einziges „schlechtes“ Album mehr. 

 John Coltrane - Locomotion

 John Coltrane - You Say You Care


Mile Davis


L'Ascenseur Pour L'Echaffaud

(Fontana. 1958)

Miles Davis Quintet


Relaxin' With The Miles Davis Quintet

(Prestige, Rec. 1956, Rel. 1958)

Miles Davis


Milestones

(CBS, 1958)

Ach – diese Veröffentlichungspolitik im Jazz... Aber ich habe mich nun mal darauf festgelegt, Alben nach ihrem Erscheinen in der Welt der Musik-Hörer hintereinander zu stellen und zu beschreiben. Somit ist das erste Miles Davis-Album '58, das die Ohren der Fans erreicht, ein Soundtrack, der Ende '57 in Frankreich aufgenommen wurde, das zweite Album eine Session Davis' mit seinem Quintet von 1956 und das letzte, im September '58 veröffentlichte Album dasjenige, welches ich in dem Coltrane-Review hier zuvor erwähnte. Für den französischen to be-Film Noir Klassiker Ascenseur pour l'échafaud (Deutsch: Fahrstuhl zum Schafott) hatte der Assistent des Regisseurs Louis Malle Miles Davis und seinen Chef zusammengebracht. Davis' schaute sich die Rohfassung des Films an und erklärte sich bereit, den Soundtrack einzuspielen. Dafür holte er sich kurz vor dem Jahreswechsel ein paar ziemlich unvorbereitete französische Jazzmusiker ins Studio, legte denen ein paar Melodieskizzen vor, ließ Filmausschnitte auf der Leinwand und ließ die Bänder laufen. Das hat bei Davis immer wieder funktioniert, die Musiker sind ohne Zweifel gut genug, die Skizzenhaftigkeit der Musik passt zum düsteren Film, der (erzwungene) Minimalismus macht sie regelrecht zeitlos, Davis' Trompete schwebt in den kurzen Tracks wie ein Geist über den Rhythmen und Klavier-Akkorden – und erschafft Stimmungen, wie man es nur von ihm kennt. Ascenseur pour l'échafaud kam mit dem Film im Januar '58 zunächst als 10'' heraus und wurde zu Recht zu einem weiteren Highlight in Davis' vielseitiger Diskografie – die schon zwei Monate später um die Session titels Relaxin' With The Miles Davis Quintet ergänzt wurde. Das Quintet bestand bei diesen Sessions aus Red Garland, Paul Chambers, Philly Joe Jones, John Coltrane und Davis – und diese Namen kennen wir ja jetzt schon – die bürgen für Qualität. Das Prestige-Label hatte Davis bis Ende '56 unter Vertrag gehabt, er hatte hier etliche Sessions aufgenommen und die wurden in den Jahren sozusagen thematisch geordnet veröffentlicht. Hier hieß es also nicht Steamin'..., Cookin'... oder Workin'... (alles Titel anderer Sessions), sonder Relaxin' With The Miles Davis Quintet - und so klingt die Musik fröhlich, ausgeruht, warm, mitunter sogar romantisch – und wenn man bedenkt, das hier zwei Titanen des Jazz miteinander spielen auch ein bisschen zu konventionell, um wirklich völlig zu beeindrucken. Immerhin - auf Sonny Rollins' „Oleo“ hebt Coltrane in die Stratosphäre ab und „If I Were a Bell“ ist zu schön um wahr zu sein. Ich will nichts diskreditieren. Relaxin'... ist nicht revolutionär, aber besser als Vieles, was man aus jener Zeit kennt. Ein entspanntes Album – dem mit Milestones ein Album folgt, das aktuell aufgenommen worden war, das auch nicht bei Allen Fachleuten (wer auch immer das ist) als eines von Davis' „Hauptwerken“ gilt, das aber zeigt, wie er sich weiter entwickelte. Mit Cannonball Adderley hatte er einen neuen Alt-Saxophonisten neben den nun wieder cleanen Coltrane gestellt, sein Quintet war mit ihm zum Sextett angewachsen, mit dem tollen Bassisten Chambers, mit Philly Joe Jones an den Drums und mit Red Garland am Klavier. Und die ganze Belegschaft lässt er im rasanten Opener „Dr. Jekyll“ ihr Können zeigen. Der nächste Track „Sid's Ahead“ mag etwas zu lang sein, wird ein bisschen zum Selbstzweck, aber der von Davis geschriebeneTiteltrack zeigt den Schritt Richtung Kind of Blue und hat einen dieser unfassbaren Coltrane-“Sheets of Sound“ Ausbrüche. Und Thelonius Monk's „Straight, No Chaser“ ist so gut, als wäre Monk selber dabei gewesen. Hier solieren Adderley und Coltrane so wunderbar zusammen – Coltrane lyrisch, Adderley regelrecht guttural – dass man sich eine weitere Zusammenarbeit der beiden nur wünschen kann (… und kekommen wird – auf Kind of Blue...) Davis mag mit Milestones nicht die Sphären von Kind of Blue, Sketches of Spain oder In A Silent Way erreichen – aber sein stilistisches Spektrum wird im Laufe der Jahre sehr weit reichen (wie oben schon gesagt) und er ist spätetens ab jetzt bis weit in die Siebziger einer der ganz großen Innovatoren. Hier also ein Meisterwerk des Hard Bop von ihm.

Miles Davis - Ascenseur pour l'échafaud 

 Miles Davis - Oleo

 Miles Davis - Straight, No Chaser


Cannonball Adderley


Somethin' Else

(Blue Note, 1958)

Klassisches Cover von Blue Note Designer Reid Miles – klassisches Album. Mit Cannonball Adderley's siebtem Solo-Album, einegspielt kurz vor seinem Beitritt in Miles Davis erlauchten Kreis, bleibe ich beim Thema Hard Bop. Miles Davis war in diesen Jahren bekanntlich hyper-kreativ, und Cannonball nutzte wohl die Gelegenheit, sich Davis' Dienste als Sideman für das eigene Album zu sichern, nachdem der ihn gehört hatte und zu sich holen wollte. Davis half mit Inspiration (so sehr, dass man das Album mitunter als verstecktes Miles Davis-Album bezeichnet) und mit dem Titeltrack und einigen wunderbaren Trompeten-Tönen. Julian – aka Cannonball – Adderley soll aber auch ein Sympathieträger gewesen sein. Der Beiname Cannonball ging angeblich auf einen Versprecher eines Mitschülers zurück. Der wollte den an Diabetes erkrankten Adderley eigentlich wegen seines dauernden Hungers „Cannibal“ nennen – daraus wurde dann Cannonball. Aber weiter zum Album: Adderley hatte schon lange Erfahrung als Solist und Songwriter. Er hatte mit seinem Bruder Nat schon diverse Alben eingespielt, bei Blue Note bekam er freie Hand und mit seinem Kollegen Davis jemanden dazu, der Somethin' Else zu etwas ganz besonderem macht. Die Kombination von Adderley's voluminösem und durchdringenden Alt-Sound und Davis schwebenden Trompetentönen, die Ruhe in den Kompositionen, die unterschwellige Spannung, dazu Hank Jones' lyrisches Klavier... hier wird alles richtig gemacht und - wieder einmal – die Spannung und Freude ist bei jedem Ton hörbar, aber das ist ein Faktor, der schwer zu beschreiben ist, den man letztlich nur glauben und hören kann. Besonders schön ist der von Davis ausgewählte Opener „Autumn Leaves“, der sehr coole Titeltrack – wie gesagt von Miles Davis geschrieben, die Art wie sich Davis und Adderley hier am Ende gegenseitig umspielen. Die an Charlie Parker erinnernden Saxophon-Soli auf "Dancing in the Dark“. Das komplette Album ist von den hier genannten das Unverzichtbarste. Der Prolog zu Kind of Blue.

Cannonball Adderley - Autumn Leaves 

Billie Holiday


Songs For Distingué Lovers

(Verve, Rec. 01-57, Rel. 1958)

Billie Holiday


Lady In Satin

(Columbia, 1958

Die Frage, ob Songs For Distingué Lovers nun wirklich 1958 veröffentlicht wurde, oder ob es schon im Vorjahr zu haben war, kann ich nicht beantworten – ist mir aber auch ein bisschen egal. Aufgenommen wurde dieses Album Anfang '57, organisiert von Norman Granz, dem Mann, der Anfang der Fünfziger Billie Holiday aus der Versenkung, den Drogen und Depressionen heraus auf die Bühne holte, ihr half, gegen Auftrittsverbote wegen Drogenbesitz anzuspielen, und ihr zumindest musikalisch einen späten Frühling bescherte. Gesundheitlich ging es mit ihr bergab, aber ihre Stimme – inzwischen gebrochen und gezeichnet – wurde wieder gehört – und trotz oder wegen ihrer Narben und Wunden immer mehr bewundert. Das mag was von Voyeurismus haben, aber Tatsache ist – Billie Holiday klingt immer glaubhaft. Sie kingt, als würden die Inhalte und Texte sie etwas angehen, als hätte sie schon all das Glück und Unglück, das sie besingt auch schon erlebt. Songs For Distingué Lovers wurde mit kleiner Jazz-Besetzung aufgenommen. Holiday traf auf Musiker, die sie schon in den Vierzigern begleitet hatte, Trompeter Harry Edison und Saxophonist Ben Webster bekamen Raum zum Improvisieren, und auch wenn die Virtuosität ihres Gesangs verloren war, bei Standards wie „Foggy Day“ oder „Day In, Day Out“ ist das egal – sie gab ihr Bestes. Man sollte sich die cleaneren Versionen von Ella Fitzgerald zum Vergleich anhören – und entscheiden was besser ist. Das Album hatte 1958 nur sechs Tracks, wurde im Laufe der Zeit um etliche Aufnahmen ergänzt – und es ist (für mich) fast das beste Vocal Jazz-Album des Jahres – wenn da nicht noch Billie Holidays Orchester-Album wäre und Sinatra's Sings Only for the Lonely (siehe unten). Denn dann nahm Billie Holiday ihr legendäres Album Lady in Satin auf... Sie war mit der Arbeit mit kleinen Jazz-Combo's nicht mehr zufrieden, wollte mal mit Orchester arbeiten und wechselte im Oktober '57 Label und Management. Ihr hatte insbesondere Frank Sinatra's In the Wee Small Hours sehr gefallen und sie verlangte nach einem „cushion under her voice“... Zunächst wollte sie mit Nelson Riddle arbeiten, Sinatra's Arrangeur bei diesem Album, aber dann entschied sie sich für den etwas süßlicheren Ray Ellis – nicht die beste Entscheidung, meinen Viele (auch ich). Lady in Satin teilt mit In the Wee Small Hours nicht nur Stimmung und Konzept, Holiday interpretiert auch gleich drei von dessen Songs: „I'll Be Around“, „I Get Along Without You Very Well“, und „Glad To Be Unhappy“ lassen sich so natürlich wunderbar vergleichen – und auf seine Art gewinnt immer Sinatra den Wettbewerb – wobei man bedenken sollte – Sinatra war '55 auf der Höhe seiner Sangeskunst und Ausdrucksfähigkeit, ironischerweise unter anderem stark beeinflusst von Holiday's so emtionalen und technisch brillianten Aufnahmen aus den 30/40ern. Holiday aber war 1957 gezeichnet, die Stimme durch Drogen- und Alkoholmissbrauch kaputt. Aber in gewisser Weise macht das wieder den Unterschied: Sie hat all die Emotionen bei der Hand und all die Schmerzen selbst erlitte, und wenn die Stimme immer wieder wegbricht, macht gerade das den Gesangsvortrag so glaubwürdig und überzeugend. Es ist ganz schlicht eine Geschmacksfrage. Unstrittg aber ist, dass Ray Ellis nicht Nelson Riddle's Klasse hat. Viele Arrangements sind zu dick aufgetragen, der Kontrast ist manches mal zu stark und erstickt Holiday's inzwischen so fragiles Gleichgewicht. Dass ihr Vortrag dem Hörer bei Songs wie „I Get Along Without You Very Well“ oder bei „I'm A Fool to Want You“ (ebenfalls von Sinatra – auf dessen Where Are You definitiv gesungen...) bei aller Unsicherheit regelrecht die Kehle zuschnürt, zeigt wie gut sie selbst in diesem Zustand noch war. Wie gesagt: Manchem sind gerade diese Aufnahmen die Besten. Mit Lady in Satin hatte sie immerhin so viel Erfolg, dass sie ein weiteres Album mit Ray Ellis aufnahm. Sie überlebte die Veröffentlichung von Lady in Satin gerade mal um ein paar Monate, ehe sie im Juli '59 an Leber-Zirrhose starb. 

 Billie Holiday - Day In Day Out

 Billie Holiday - I'm a Fool to Want You



Frank Sinatra


Come Fly With Me

(Capitol, 1958)

Frank Sinatra


Sings For Only The Lonely

(Capitol, 1958)

Jetzt auf Frank Sinatra einzugehen, ist nach den hier voran stehenden Worten über Lady in Satin natürlich Pflicht. Aber wäre Billie Holiday's Album nicht '58 erschienen, so hätte ich aus der Sparte „Vocal Jazz“ auf jeden Fall Sinatra's Sings Only for the Lonely als das größte Album seiner Art und diesen Jahres bezeichnet... und so würde ich genauso wie bei Billie Holiday's Songs for Distingué Lovers das im Januar '58 erschienene Come Fly With Me von Sinatra beschreiben. Sinatra war (immer noch) auf der Höhe seiner Kunst. Eine gewisse Routine in der Abfolge der Alben hatte sich eingeschliffen – Sinatra wechselte jetzt immer wieder zwischen tiefblauen, melancholischen Konzeptalben und seinen geliebten, fingerschnippend-swingenden Big Band Song-Kollektionen. Come Fly With Me ist ein Konzeptalbum voller munterer Songs rund um die Welt, erstmals in Zusammenarbeit mit Billy May arrangiert – mal mit Big Band Bläsern, mal mit vollem Orchester, und natürlich mit gekonnten Gesangsparts von Frankie-Boy. Den Titelsong ließ er sich von Sammy Cahn und Jimmy Van Heusen auf den Leib (und auf's Konzept) schreiben, das leicht melancholische „Around the World“ hätte vielleicht besser ans Ende der Reise gepasst – aber das ist eine. Kleinigkeit, die vor der famosen Songauswahl verblasst. Seine Stimme passt nach Paris („April in Paris“) wie nach London („London By Night“), New York (...natürlich... „Autumn in New York“) und Brasilien (das großartige „Brazil“). Der Mann ist der personifizierte stilvolle 50er-Jahre Gentleman und das knatsch-bunte Reiseprospekt-Cover ist unpassend billig. Mit Billy May würde er noch Alben mit den Aufforderungen mit ihm zu swingen und zu tanzen folgen lassen, aber zunächst ging er – nun wieder mit Nelson Riddle – ins Studio, um ein weiteres Konzept-Album voller dunkler Torch-Songs aufzunehmen. Frank Sinatra Sings For Only the Lonely ist das bessere, weil zeitlosere, tiefgründigere und anspruchsvollere Album der beiden '58er Alben Sinatra's. Seine Ehe mit Film-Star Ava Gardner war am Ende, Nelson Riddle's Frau und Tochter waren gestorben – die beiden hatten Grund zur Trauer und konnten (das hört sich jetzt gemeiner an, als es sein soll) aus tiefsten emotionalen Tiefen schöpfen. Tatsächlich ist ...Sings for Only the Lonely das nihilistischste von Sinatra's „traurigen“ Alben. Es wäre, wenn man die samtene Orchestrierung wegnähme, schwer zu ertragen und in seiner Düsternis fast erschreckend. Und auch dieses instrumentale Backing ist mitunter ganz schön unheimlich. Man höre nur die einsame Trompete bei „What's New“ oder die geisterhaften Strings von „It's a Lonesome Old Town“. Und dabei wollte Sinatra zunächst garnicht mit Riddle arbeiten, hatte den vom Trauer-Vorgänger Where Are you? erprobten Gordon Kenkins zunächst anstellen wollen. Die Zusammenarbeit mit dem ebenso schlecht gestimmten Riddle macht ...Sings for Only the Lonely wohl zu dem, was es ist – einem kargen Meisterwerk, das exakt neben den Klassiker In the Wee Small Hours passt, ihn in der Tiefe der Trauer noch übertrifft. Am besten beide Alben hören... Es mag bezeichnend sein, dass Sinatra selber es als sein bestes Album bezeichnet hat. Und das liegt nicht nur daran, dass das Rat Pack-Mitglied hier in vielen Songs seine Depressionen in Alkohol ertränkt – siehe „Only The Lonely“, das Album als Mikrokosmos - „Angel Eyes“ oder „One For My Baby“. Sinatra in tiefbalu – der Farbe, die ihm am besten steht. Das erschreckende Covermotiv brachte Nicholas Volpe übrigens den Grammy... schön, dass sowas auch anerkannt wurde.

 Frank Sinatra - Come Fly With Me

 Frank Sinatra - Only the Lonely

Don Gibson


Oh Lonesome Me

(RCA, 1958)

Die Reihenfolge der vorgestellten Alben ist wohl überlegt. Don Gibson's Debüt-Album Oh Lonesome Me ist eine Erleichterung nach Sinatra's finsterstem Album. Und es hat genauso viel Niveau – nur auf anderen Ebenen. Man würde Don Gibson heute wohl als Singer/Songwriter bezeichnen – er selber sah sich wohl auch in der Tradition von Hank Williams, hatte sich jahrelang als Solo- und Band-Musiker bei Radiostationen seine Meriten verdient, war als Songwriter immer besser geworden und hatte Mitte der Fünfziger mit Sweet Dreams einen ersten Klassiker und Hit geschrieben. '57 hatte er einen Vertrag bei RCA unterschrieben - und dort würde er in Nashville mit dem Gitarren-Virtuosen Chet Atkins als Produzent und mit Elvis' Background-Sängern von den Jordanaires nun eigene Alben aufnehmen. Mit dieser Musik, dem Crossover aus Country und beschwingtem Rock'n'Roll und mit seinen melancholischen Lyrics bediente er sowohl die Country- als auch die Pop-Charts. Für heutige Ohren mag die Musik seicht klingen, aber 1958 gab es noch keine revolutionären Outlaws und die Songauswahl aus einigen gelungenen Coverversiuonen und eigenen Tracks ist fehlerlos. Der Sound ist zu diese Zeit neu, wird sich in den kommenden Jahren als Nashville Sound in den Charts festsetzen und die Stadt als Metropole der Countrymusik weiter etablieren. Der Titeltrack von Oh Lonesome Me wird zum viel-gecoverten Klassiker – von Ray Charles über Neil Young bis M. Ward ist er ein Standard in Country und Rock. Der Schmachtfetzen „I Can't Stop Lovin' You“ wird ebenfalls zum Standard, die Coverversionen von „Blues in My Heart“ und „Heartbreak Avenue“ sind genauso gelungen wie reine Album-Tracks aus der eigenen Feder – wie „Too Soon to Know“ oder „If You Don't Know It“. Tatsächlich: ein echtes Singer/Songwriter Album – das Gibson in solcher Konsistenz und Klasse nie mehr übertreffen wird. 

 Don Gibson - Too Soon To Know


Everly Brothers


Songs Our Daddy Taught Us

(Cadence, 1958)

Die Everly Brothers sind jünger - und in ihrem Bezug auf ihre Traditionen - älter als Don Gibson. Phil und Don sind 1958 zwar erst 19 bzw 21 Jahre alt, aber sie sind schon auf einem frühen Gipfel ihres Ruhms angelangt. Sie haben vor der Veröffentlichung von Songs Our Daddy Taught Us mit „Bye Bye Love“ oder „Wake Up, Little Susie“ und „All I Have to Do Is Dream“ Elvis Konkurrenz gemacht, sind in ihrer Generation eher als „Rock'n'Roll-Act“ denn als Country-Musiker bekannt und hatten im Vorjahr ein sehr hübsches Debüt-Album veröffentlicht. Aber ihr formidabler Harmonie Gesang hat seine Wurzeln bei (älteren) Close-Harmony-Acts wie den Louvin Brothers oder den Stanley Brothers.Ihr zweites Album ist genau das, was der Titel sagt. Ihr Vater Ike Everly hatte Klein-Don und Klein-Phil dereinst das alte Country- und Gospel-Material beigebracht – das er selber mit seiner Frau im Radio aufgeführt hatte – und ihnen anhand uralter Songs diesen wunderbaren Harmoniegesang antrainiert. Nach den schnellen Erfolgen mit flotterem, Rock'n'Roll-affinem Material mit dem zweiten Album ein paar alte Traditionals wie die Mörderballade „Down in the Willow Garden“, den Uralt-Folksong „Barbara Allen“ (aus dem 17. Jahrhundert) oder den Louvin Brothers Hit „Roving Gambler“ (aus den Zwanzigern) zu veröffentlichen ist mindestens mutig. Aber ein guter Song bleibt ein guter Song – die Interpretation ist nicht modern, sondern zeitlos, die Stimmen der Brüder klingen so jung, wie sie eben sind, das Tenmpo mag meist nicht so flott sein, wie bei „Bye Bye Love“ - aber das Tempo der „jungen“ Musik hatte sich in den letzten Monaten allgemein verlangsamt, der erste Rock'n'Roll Ansturm schien abgeebbt – da passte dieses ruhigere Album vielleicht auch ganz gut zum Zeitgeist. Dass diese Songs fantastisch sind, die Harmonies bestechend, die musikalische Umsetzung durch ihre Sparsamkeit (meist nur Akustik-Gitarren) wahrhaftig zeitlos ist, ist unbestreitbar. Dass sie mit einem solchen Konzept ihrer Zeit weit voraus waren, mögen sie nicht gewusst haben, aber die Musik hier ist hörbar „heartfelt“. Das Album enthält keine Hits und es landete auch nicht in den Charts – aber Songs Our Daddy Taught Us wurde zu einem Dauerbrenner, einem der Alben, die immer wieder neu veröffentlicht wurden – einem Klassiker, der problemlos neben den diversen Singles-Compiations besteht..(die – mal ganz nebenbei – auch den meisten ihrer späteren Alben nicht gerecht werden...).

Everly Brothers - Roving Gambler 










Donnerstag, 26. Juli 2018

1978 – Pere Ubu und Devo - Da gab es auch eine Szene in Cleveland

...Wieso Cleveland? Cleveland in Ohio war in den 30er Jahren mal eine der größten Städte der USA. Aber mit dem Beginn der Ölkrise zu Beginn der Siebziger gingen etliche große Arbeitgeber aus der Stahl- und Automobilindustrie Pleite, weil sie mit der internationalen Konkurrenz nicht mithalten konnten. Legendär war der durch Cleveland fließende Cuyahoga, dessen Oberfläche durch hemmungslose Einleitung von Abwässern so verschmutzt war, dass er 1952 und 1969 Feuer fing (den hat z.B. Randy Newman besungen...). Eine Stadt mit dieser Atmosphäre, aus der in den Siebzigern die Menschen zu Tausenden abwanderten, die sich als erste US-Stadt nach der „Großen Depression“ der 30er Jahre 1978 für zahlungsunfähig erklären lassen musste, ist wahrscheinlich die perfekte Stadt für die gespenstischen, morbiden, absurden und apokalyptischen Klänge, die Pere Ubu und Devo erzeugten. Keimzelle von Pere Ubu waren die Rockets from the Tombs, die einen an MC5 und die Stooges erinnernden kranken Rock'n'Roll spielten, deren charismatischer Sänger David Thomas dann Pere Ubu gründete während der Rest der Band als Dead Boys in der New Yorker Punk-Szene Fuß fasste. Ihre Zeitgenossen Devo (bedeutet De-Evolution = die Menschheit entwickelt sich nicht vorwärst sondern zurück) aus dem nahe liegneden Akron teilten Auftrittsorte, künstlerischen Anspruch und vor Allem den Sinn fürs Absurde und die Schönheit des Verfalls. Ich denke es ist kein Wunder, dass Musiker, die in einer solchen Umwelt aufwachsen, die sich gegenseitig kennen , auch gewisse Gemeinsamkeiten haben. Es gab also tatsächlich eine Art „Szene“ – wenn so etwas aus der Gleichzeitigkeit von Einflüssen, Ideen, und den dazugehörigen, dafür sensiblen Künstlern besteht. Jedenfalls war Cleveland ein Ort, an dem sich musikalische Eruptionen zu einer bestimmten Zeit häuften. Und das darf man gerne auch als Szene bezeichnen.

Pere Ubu


Modern Dance

(Rough Trade, 1978)

Pere Ubu


Dub Housing

(Chrysalis, 1978)

Pere Ubu sind eine der eigenständigsten Bands der Post Punk Szene und inzwischen haben sie die breite Anerkennung gefunden, die sie verdienen. 1978 klangen sie allerdings ziemlich ungewöhnlich: Einerseits waren sie eine klassische Garagen-Punk Band mit dem üblichen Sound aus Gitarre, Bass, Drums, aber zugleich kamen da noch Allan Ravenstines seltsamen Synthesizer-Effekte hinzu - und David Thomas' bizarrer, hüpfender Gesang weit ausserhalb jeder Norm. Und im Gegensatz zu anderen Bands ihrer Generation paarten sie ihre Musik schon zu Zeiten, als das noch ungewohnt war mit den Stilmitteln von Krautrock Bands wie Can und NEU! und kreierten aus dieser Kombination einen sehr eigenständigen Sound. Ein Song wie “Laughing" mit seiner wandernden Saxophoneinleitung klingt nach Free Jazz, ist aber zugleich durch die hypnotische Gitarre- & Bass Linien fest im Punk verankert. Mit pulsierendem Beat beschwören sie das Bild einer in sich zusammenbrechenden Stadt herauf, einer Stadt, die ihren Untergang in einer apokalyptischen Party feiert. Kein Wunder, wenn man weiss, dass in ihrer Heimatstadt Cleveland zu dieser Zeit vermutlich genau diese Atmosphäre herrschte (Siehe Oben). Aber obwohl Modern Dance ein Panorama von Neurosen, Paranoia und Phobien ist, wird daraus kein depressives Album: Hier wird am Rande des Abgrundes getanzt. Das nachfolgende Album (..auf Chrysalis, der Heimat von Jethro Tull und dergleichen..!) sollte dann Pere Ubus Meisterwerk werden - wobei es sich zur Zeit seines Erscheinens natürlich miserabel verkaufte. Der Albumtitel Dub Housing bezieht sich auf die gleichförmigen Wohnblocks in Cleveland, die auf dem Cover abgebildet sind, in denen einige Bandmitglieder zur Zeit der Aufnahmen leben. Pere Ubu verändern und verdrehen die Songstrukturen hier noch mehr als auf dem Debüt, David Thomas klingt entweder, als würde er in Stimmen sprechen, oder als hätte er Schluckauf, Ravestines Synthies blubbern und zischen, und die Band spielt dazu neurotische Rockmusik. Ja, es gibt Rockmusik auf Dub Housing, und „Navvy“ ist sogar fast Pop, „Ubu Dance Party“ ist hüpfender Spaß, das Titelstück dagegen ist düster, ähnelt in vielem „Laughíng“ vom Debüt-Album. Einerseites ist Dub Housing die Fortführung der Musik auf Modern Dance, zugleich wird dieses Album jedoch zum Endpunkt einer Entwicklung. Pere Ubu existierten zwar weiter, aber so konsequent ausserhalb aller Normen wie auf ihren beiden ersten Alben sollten sie nie wieder klingen - auch wenn ich ihr drittes Album sehr empfehlen werde. 

 Pere Ubu - Laughing

 Pere Ubu - Navvy


Devo


Q: Are We Not Men ? A: We Are Devo

(Warner Bros., 1978)

Die Band aus Akron/Ohio hatte sich in der Umgebung Clevelands einen Namen gemacht, war bei ihren bald folgenden Auftritten in New York sowohl David Bowie und Iggy Pop als auch Robert Fripp und Brian Eno so positiv aufgefallen, dass Letzterer beschloss, die Band auf jeden Fall zu produzieren. Eno flog sie auf eigene Kosten nach Köln, setzte sie in Conny Plank's Studio, und nahm dort ihr Debüt mit ihnen - oder besser gegen sie – auf.... denn die Band ließ sich in ihren hektischen Roboter-Punk nicht gerne hineinreden. Die meisten von Eno's Ideen blieben aussen vor – für den Gönner sicher frustrierend – so dass das Album eben nach einer Mischung aus Synth-Pop und Punk klingt – ein Sound, der Songs wie „Uncontrollable Urge”, „Jocko Homo” oder „Gut Feeling / Slap Your Mammy” ganz hervorragend steht. Dazu kommt Mark Mothersbaughs Stimme, die klingt wie David Byrne, der eine Clown verschluckt hat oder wie Jello Biafra auf Speed. Sie covern „(I Can't Get No) Satisfaction“ von den Stones, und hören sich dabei so durchgeknallt an, dass man nicht mal an Ironie denkt, sie sind politisch vollkommen unkorrekt beim Klassiker „Mongoloid“, und man kann ihnen nicht ansatzweise böse sein, weil sie die gesamte Menschheit - sich selbst eingeschlossen – für verrückt erklären. Sie parodieren Progressiven Rock genauso wie Punk und das mit Können, Witz und Selbstironie. Q: Are We Not Men ? A: We Are Devo war nie der große Erfolg beschieden, den sich die Band wünschte - sie wollten schließlich die Welt erobern, aber es ist einer der witzigsten Startpunkte für etwas oft doch so Ernstes wie Post-Punk.

Devo - Mongoloid 




1978 – The Clash bis Vibrators - und was vom Punk übrig bleibt...

Punk ist - wie gesagt 1976/77, also sofort nach seiner „Geburt“ - mit einem feuchten „Plopp“ implodiert, hat dabei aber mächtig Eindruck hinterlassen, indem er etlichen jungen Menschen die sehr positive Erkenntnis vermittelt hat, dass man auch ohne jede Vorkenntnisse oder gar Virtuosität, dafür mit Vision, Wut und Engagement interessante Musik machen kann. So gibt es zum Ende der Sex Pistols im United Kingdom einige weitere Bands, die mit ihren Singles in den ersten paar Stunden des Punk hoch gespült wurden (The Adverts). Es gibt die, die fälschlicherweise in die Sparte „Punk“ geschoben wurden (The Stranglers, Saints) und es entstehen ab '77 reihenweise Bands, deren Kenntnis von Musiktheorie, Gitarre, Bass und Schlagzeug gering - deren Innovationskraft und Idealismus dafür um so größer ist (Wire, Siouxie & the Banshees, X-Ray Spex etc). Das wiederum sind oft Musiker, die mit dem selbstzerstörerischen Nihilismus der Pistols Wenig bis Nichts am Hut haben. Zur gleichen Zeit und aus gegebenem Anlass kommen etliche „gestandene“ Musiker auf die Idee, ihre vorhandene Virtuosität den einfacheren Strukturen dieser neuen Art von Musik unterzuordnen (Vibrators, The Only Ones...). Und all diese Bands – so z.B. auch Public Image Ltd. um den Ex-Sex Pistol John Lydon - machen letztlich die Art von Musik, die ganz passend unter dem Begriff New Wave oder Post Punk zusammengefasst werden wird – sie machen die Musik, die zunächst noch als Gegenentwurf zum Rock der Siebziger steht, die im Laufe der Zeit Dinosaurier wie Led Zeppelin oder Yes überflüssig macht und die musikalischen Entwicklungen in den 80ern und 90ern (Hardcore, Grunge, Alternative Rock etc...) auf den Weg bringen wird – und die ganz nebenbei dann mit Bands wie U2 oder den Simple Minds eigene Dinosaurier hervorbringen wird. Hier nun ein paar der wichtigsten und besten Alben des Jahres '78 aus dem Bereich, den man Post-Punk/New Wave nennt – Ein Bereich der Musik, der auf beiden Seiten des Atlantik mindestens bis '82 extrem fruchtbar sein wird.

The Clash


Give 'em Enough Rope

(CBS, 1978)

Nach ihrem fantastischen Debüt – einem der definitiven „Alben“ des Punk – bei dem doch eigentlich nur die Single zählt – hatten The Clash in England ziemlichen Aufruhr verursacht. Die einzelnen Bandmitglieder mussten nach diversen Untaten immer wieder in den Knast: Gründe waren Vandalismus in dieser und jener Form und absurde Vergehen wie „Kopfkissendiebstahl“. Aber neben all dem Unsinn begannen sie sich tatsächlich auch noch stärker politisch zu engagieren, spielten bei „Rock Against Racism“ auf und wetterten gegen Thatcher und die von ihr eingeführte soziale Kälte und Ungerechtigkeit - und nahmen nun mit dem „Ex Blue Öyster Cult Hit-Produzenten“ Sandy Pearlman ihr zweites Album mit richtiger, „glatter“ Produktion auf. Ein Vergehen, das ihnen die Punk-Szene äußerst übel nahm. Aber heute kann man's ja sagen: Give 'em Enough Rope ist durchaus ein würdiger Nachfolger des Debüts – das zu übertreffen ja sowieso unmöglich war. Insbesondere die erste Hälfte des Albums mit „Safe European Home“, „English Civil War“ und vor allem „Tommy Gun“ ist schön kraftvoll und rotzig, der bessere Sound beraubte die Band nicht ihrer Energie und der von vielen Dogmatikern als skandalös angesehene Umstand, dass sie inzwischen erkennbar über den Tellerrand des Punk hinwegsahen, erwies sich bald als Segen. Give 'em Enough Rope gilt aber auch im Nachhinein zu Recht als eines der letzten wichtigen Manifeste des Punk. 

The Clash - Tommy Gun 

The Adverts


Crossing The Red Sea With The Adverts

(Bright, 1978)

Wie in der Einleitung gesagt: Punk war '78 Geschichte, und die Bands die nun ein Album veröffentlichten, hatten das Wichtigste zuvor auf ihren Singles gesagt: The Adverts zum Beispiel gehören zu den Pionieren des Genres, sie hatten als Live-Act Im Roxy ganz zu Anfang des Hypes bestanden, ihre Singles - „No Time to be 21“, „One Chord Wonders“ und vor Allem „Gary Gilmore's Eyes“ (über einen Mörder, der seine Augen nach Vollzug der Todesstrafe der Medizin spenden wollte) hatten zu Recht für Furore gesorgt. Tatsächlich soll der verehrte John Lydon sie später als eine der wenigen Punk-Bands erwähnt haben, die Gnade vor seinen Augen fand. Zu ihrem Ruhm mag auch beigetragen haben, dass sie mit Gaye Advert (eigentlich Black) eine Bassistin in ihren Reihen hatten – in der doch sehr chauvinistischen Szene eine Ausnahme. Ihr nun verspätet veröffentlchtes Debüt Crossing the Red Sea with the Adverts ist tatsächlich so etwas wie das (unbekanntere) Pendant zu den Debütalben der Pistols und der Clash. Es ist eines der wenigen Alben seiner Zunft, bei denen neben den Singles auf LP-länge noch weitere gelungene Songs zu finden sind – Songs, die das Album tatsächlich komplett genießbar machen: „Bored Teenagers“, „Bombsite Boy“ und der „Great British Mistake“ hätten als Singles genauso gut funktioniert, die Band bekam von Produzenten John Leckie einen für Punk recht „cleanen“ Sound, der aber den Genuss erhöht, zumal die Energie der Adverts doch regelrecht aus den Boxen spritzt. Die Texte mögen sehr selbst-referentiell sein – es geht eben um junge, desillusionierte Menschen – aber so waren sie eben, und Punk war nur eine kurze Explosion. Um so besser, dass davon etwas so genießbares übriggeblieben ist.

 The Adverts - Great British Mistake


Public Image Ltd.


Public Image / First Issue

(Virgin, 1978)

John Lydon als Idealist: Während die restlichen Sex Pistols noch als Ruine des Punk weitermachten, hatte er die Band nach der desaströsen US-Tour verlassen, um mit anderen Leuten andere Musik zu machen. Er rekrutierte mit John Wardle einen Freund aus College-Tagen als Bassisten. Der benannte sich um in Jah Wobble – Jah als Bezug zum von ihm geliebten Dub-Reggae und seinen abgrundtiefen Bässen. Dazu kam der Gitarrist Keith Levene – der Gründungsmitglied bei The Clash gewesen war, und dessen Gitarrenspiel vielleicht nicht im althergebrachten Sinn virtuos war, der dafür aber Splitter in die Ohren des Publikums schoss.– und der Kanadier Jim Walker als Drummer. Dass Lydon von Punk, und von den Anhängern aus Sex Pistols Tagen und dem Ausverkauf der ganzen Szene aufs Äußerste angewidert war, hatte er schon bei den Pistols deutlich zum Ausdruck gebracht. Nun machte er auch Musik, die genau diese Abscheu und Ablehnung vermitteln sollte: Er verband Noise, Sound Collagen, Dub und durchaus auch Elemente des progressiven Rock auf First Issue zu etwas, das man in bald Post-Punk nennen würde (Ein Begriff, zu dem er sicherlich auch einen passenden Kommentar hätte...). Dass man Public Image Ltd. mit den Pistols in Verbindung bringen würde, konnte er nicht verhindern. Sein „Gesangs“-Stil war nun einmal unverkennbar , aber Songs wie der neun-minütige Opener „Theme“ haben mit Punk genau soviel zu tun, wie mit Jimi Hendrix. Und da ist vor Allem der massive, tiefergelegte Bass-Sound von Jah Wobble, der das Album so besonders macht. So ein Sound war bislang außerhalb des (damals noch ziemlich unbekannten) Dub-Reggae noch nicht da gewesen. P.I.L. wurden tatsächlich vom Label gezwungen, First Issue wegen seiner „Andersartigkeit“ für den amerikanischen Markt teilweise neu aufzunehmen – aber auch diese Aufnahmen wurden aufgrund „mangelnder Kommerzialität“ bis 2013 nicht in den USA veröffentlicht..! Ignoranz ist zeitlos. 

Public Image Ltd.- Theme 



Siouxie & The Banshees


The Scream

(Polydor, 1978)

Siouxie & the Banshees entstehen – wie viele Post Punk Bands - um '76, nachdem sich die junge Susan Janet Ballion aka Siouxie Sioux und der Gitarrist Steven Severin bei einem Konzert von Roxy Music kennenlernen. Beide hängen bald im hippen Umfeld der Sex Pistols herum, Sid Vicious spielt mal kurz bei den Banshees mit, Visionär und Radio-DJ John Peel liebt ihre Singles (die als 81er Compilation Once Upon a Time gesammelt unverzichtbar sind) aber die Banshees bekommen erst '78 auf Druck ihrer Fans den gewünschten Plattenvertrag und veröffentlichen die erfolgreiche Single „Hong Kong Garden“ und ihr großartiges Debüt-Album Scream. Und was soll man sagen – hier ist auch wieder all das vertreten, was Post-Punk zur Frischzellenkur für die lahmende Pop-Musik der Siebziger macht: Simplizität, Furor, Stil. Siouxie's selbstbewusste, schneidende Stimme nimmt den neuen Typus Sängerinnen kommender Jahre vorweg, drohend grummelnder Bass, marschierende Drums, uneitel jangelnde Gitarren – und dazu das wichtigste Element – diese Songs. Die Singles haben sie tatsächlich nach alter britischer Tradition aussen vor gelassen, aber keiner der Tracks der LP bleibt unter dem Niveau der „Hits“. Egal ob „Jigsaw Feeling“, „Carcass“ oder „Mirage“, alles spannende Songs, äußerst dynamisch und dramatisch. Dass Siouxie and the Banshees als Begründer der Gothic-Szene gelten, hat sowohl mit ihrem düsteren Sound als auch mit ihren polarisierenden Auftreten zu tun. Dass Siouxie bei Konzerten Nazi-Symbole als modische Accessoires trägt, prägt das Gothic Image, hat mit politischer Gesinnung aber nichts zu tun. Sie widmen den Song „Metal Postcard (Mittageisen)“ dem Foto-Collagen-Künstler John Heartfield, der als ausgewiesener Gegner der Nazi's 1933 aus Deutschland geflohen war. Scream ist ein eigenständiges, prägendes und eines der wichtigsten Alben des Post-Punk – und Siouxie and the Banshees werden in den folgenden Jahre etliche weitere tolle Alben veröffentlichen, durch die sie gleichberechtigt neben The Cure, Joy Division, Gang of Four etc stehen. 

Siouxsie And The Banshees - Jigsaw Feeling 

X-Ray Spex


Germfree Adolescents

(EMI, 1978)

Und à propos Frauen im (Post)-Punk – es gibt einige erfreulich selbstbewusste Musikerinnen in der doch sehr patriarchalischen und macho-haften Szene jener Zeit. Da hat eine gewisse Marianne Elliott Said aka Poly Styrene zusammen mit der Saxophonistin Susan Whitbyam aka Lora Logic + männlichem Bassist, Gitarrist und Drummer – wieder mal nach dem Besuch eines Sex Pistols Konzertes übrigens... 1977 die X-Ray Spex gegründet um Punk mit besagtem Blasinstrument und psychedelischen Ausbrüchen zu vereinen. Und damit wird ihr Debüt Germfree Adolescents zu einem weiteren Solitär in der Musik seiner Zeit. Man kann die Ursprünge der Clash und der Pistols ja problemlos erkennen – die X-Ray Spex hingegen scheinen komplett fertig aus dem Orkus entsprungen zu sein. Insbesondere Poly Styrene nutzt die neu geschriebenen Regeln des Punk um nichts anderes als sie selbst zu sein, sie ist eine hervorragende Texterin, die die moderne Konsum-Gesellschaft zugleich anspuckt und feiert, fasziniert betrachtet und sich vor ihr ekelt. Das Album enthält mit „Oh Bondage! Up Yours!“ einen der anthemischen Punk-Songs dieser Zeit – eine als zynische Aufforderung verpackte Kritik an grenzenlosem Konsum, und das komplette Album ist voll solcher energetischer, lustvoller Ausbrüche. Das Saxophon – übrigens meist von Rudi Thompson gespielt, weil Lora Logic bei den Aufnahmen zum Album gerade mal 17 war – lässt die X-Ray Spex natürlich aus der Masse herausragen – genau wie Poly Styrene's opernhafter, schriller Gesang, der für die Szene erstaunlich virtuos ist. Mit Germfree Adolescents hatte die Band allerdings auch in einer regelrechten Explosion alles gesagt, was zu sagen war. Im folgenden Jahr löste sie sich auf und nach einem Solo-Album schloss sich Poly Styrene der Hare Krishna Bewegung an. 1995 kam es zu einem weiteren Album, aber Germfree Adolescents ist ein Album, das keine vergleichbaren Nachfolger(…höchstens die Riot Grrrls der Neunziger...) oder Vorläufer hat, und die weiteren Highlights hier – der Titelsong, „Identity, „Plastc Bag“ und so weiter – machen es als komplettes Ding delektabel. 

X-Ray Spex - Oh Bondage! Up Yours! 


The Saints


Eternally Yours

(Harvest, 1978)

The Saints


Prehistoric Sounds

(Harvest, 1978)

Ein bisschen unfair ist es ja schon, die Australier The Saints in diesen Topf hier zu werfen: Sie waren '77 mit ihrem Album I'm Stranded einfach nur zur rechten Zeit am richtigen Ort (London's Punk-Szene) – aber ihre Inspiration kam erkennbar von Bands aus den Siebzigern wie den Stooges oder den MC5 (... was sie andererseits mit vielen ihrer Zeitgenossen teilen...) und die beiden Bandköpfe Chris Bailey und Ed Kuepper hatten von Anfang an mehr im Sinn, als den limitierten Sound von Punk – was I'm Stranded letztlich zum zeitlosen Klassiker macht – und was die beiden nachfolgenden Alben zwar einerseits noch weiter vom Punk entfernt, sie aber zu gleichermaßen hörenswerten Alben macht. Bailey's arrogantes Genöle ist das einzige Element, das die Saints in die Schublade Punk passen lässt, ihr zweites Album Eternally Yours hat schon etliche Inhaltsstoffe, die im „reinen“ Punk ein No Go gewesen wären: Da gibt es akustische Gitarren, Tempowechsel, Bläserparts, ja, sogar regelrechtes Singer/Songwriter Material, wie etwa das von Ed Kuepper geschrieben „Memories are Made of This“. Natürlich gibt es auch schnelle, harte Punk Nummern, die an etwas komplexere Ramones erinnern mögen („No, Your Product“), aber dieses Changieren zwischen Wildheit und Kontrolle, Punk und hartem Rock macht das Album nicht so sehr zum Punk-Standardwerk, als vielmehr zum gelungenen Album seiner Zeit. Und im selben Jahr noch gingen die Saints noch weiter in Richtung Jazz und Blues australischer Prägung. Prehistoric Sounds klingt gar nicht mehr nach Punk, stattdessen haben wir Ed Kueppers ausgefeilte Bläsersätze, Songs wie „Church of Indifference“ oder die Hymne an die Heimatstadt Brisbane – und mit „Swing for the Crime“ und „All Times Through Paradise“ zu Anfang zwei Stücke, die den Rest dummerweise etwas zu sehr überstrahlen. Was Prehistortic Sounds ist? Jedenfalls kein Punk... Es ist Rockmusik, bei der Bläser gleichberechtigt neben den Gitarren stehen und ein Vorbild für spätere Bands wie etwa Rocket from the Crypt bilden. Aber es ist auch keine „normale = banale“ Rockmusik, dafür schimmert das Unkonventionelle und die Kraft des Punk doch zu sehr durch. Chris Bailey übrigens war nicht entzückt, und er und Ed Kuepper trennten sich. The Saints blieben als Bailey's Solo-Vehikel produktiv, Kuepper machte mit den Laughing Clowns und dann alleine weiter. 

 Saints - Memories Are Made Of This

 Saints - Swing For The Crime

The Buzzcocks


Another Music In A Different Kitchen

(United Artists, 1978)

The Buzzcocks

Love Bites

(United Artists, 1978)

Die Buzzcocks sind mit ihrem schlauen (Pop)-Punk eine der Bands der ersten Stunde gewesen. Ihre Debüt EP Spiral Scratch (von 1977) ist so genial wie ihr Titel: Neun Minuten, in denen alles gesagt ist. Ihr Sänger Howard Devoto verließ die Band sofort nach dieser ersten EP, um mit Magazine ebenso tolle Musik zu machen (siehe folgendes Review), wie Mitbegründer Steve Shelley es dann weiterhin mit der Ursprungsband machen sollte – ein Split also zum Nutzen der Musikhörer. Die Beschreibung: "Punks with design school cred and pop hooks.“ ist zutreffend. Den Buzzcocks mag die Häme der Sex Pistols oder die politische und gesellschaftskritische Wut von The Clash fehlen, aber dafür konnte keiner jugendliches Ungestüm und sexuelle Verwirrungen so gut in kurzen, knackigen Songs ausdrücken. Und somit machten sie von Anfang an nicht Punk (das machte doch eigentlich Keiner) sondern Power-Pop, an den frühen Beatles geschult, an der gesellschaftlichen Realität ihrer Zeit gehärtet. Another Music in a Different Kitchen jedenfalls hat die reduzierte Virtuosität, die die hier beschriebenen entscheidenden Alben der End-Siebziger auszeichnet. Da sind die Propeller-Drums von John Maher, effektive Gitarren von Steve Diggle – ohne unnötigen Ballast auf den Punkt gespielte Songs die meist unter der Drei-Minuten Marke bleiben, und Steve Shelley's Lyrics über Teenage Angst und bittersüße Liebe. Das ist nicht in dem Sinne aggressiv, aber es ist perfekte, harte, schnelle Popmusik. Und das gleiche kann man auch über den flugs hinterher geschossenen Nachfolger Love Bites sagen: Womöglich sind die „Punk“ Spuren hier noch weniger erkennbar, vielleicht gibt es kleine Abnutzungsspuren nach so kurzer Zeit, in der die Band im Schnellschußverfahren ein weiteres Album einspielen musste – aber man bedenke: Die Beatles haben damals auch oft zwei gleichwertige Alben in einem Jahr aufeinander folgen lassen – und Songs wie „Sixteen Again“ oder das perfekte und programmatische „Ever Fallen in Love (With Someone You Shouldnt've)“ lassen jede Kritik kleinlich erscheinen. Dies ist Power-Pop im Punk Tempo mit einem Sinn für Melodien, wie man ihn nur von britischen Bands kennt.

 Buzzcocks - Spiral Scratch (Full EP)

 Buzzcocks - Ever Fallen In Love (With Some You Shouldn't)

Magazine

Real Life
(Virgin, 1978)

Eigentlich hatte Howard Devoto die Buzzcocks verlassen, um sein Studium zu beenden, aber dann hörte er Ende '77 die neuen, revolutionären Alben von David Bowie (Low ) und Iggy Pop (Idiot) und beschloss, doch weiter Musik zu machen. Er suchte sich ein paar Musiker zusammen, verkündete groß und breit, dass er mit Punk Nichts am Hut habe, und hatte innerhalb kürzester Zeit die Presse hinter sich und einen Plattenvertrag bei Virgin Records in der Tasche. Tatsächlich ist Real Life einige Schritte von Punk entfernt – und zugleich ist das, was das Album so besonders macht, die Reduktion, die nur aus dem Beben entstand, das Punk erzeugte. Es ist Post-Punk und Art Rock – um es in Kategorien zu beschreiben - und es hat die Eigenschaft, die in jeder Musik entscheidend ist – und die zu dieser Zeit so einige Alben herausragen lässt: Es ist einzigartig und unverwechselbar. Howard Devoto – auf der Bühne meist weiss geschminkt – hatte eine Attitüde, die eher aristokratisch war, passte damit zwar in eine Form, die z.B. Peter Gabriel vorgestanzt hatte, war für den normalen Prog-Rock Fan aber doch zu futuristisch, kühl und fremdartig. Und die Musik auf Real Life mag das Drama eines Peter Hammill und die Experimentierlust eines Brian Eno haben, aber sie wird eben auch durch die Energie des Punk ergänzt. Beim Opener spielen die moody Keyboards des Könners Dave Formula eine 60ies Melodie, dann verkündet Devoto's androgyne Stimme „Clarity has reared its ugly head again. So this is real life" und die Sixties-Sounds werden von dissonantem Piano unterbrochen. Devoto spricht mit Dämonen („My Tulpa“) und mit Gott - dem „Great Beautician in the Sky“. Mit „Shot By Both Sides“ hat er einen unwiderstehlichen Song, der die Rasanz der Buzzcocks mit seiner neu-gefundenen Artyness verbindet. Oder man höre das sich steigernde „Motorcade“ - um zu erkennen, was Devoto's Magazine von den Buzzcocks unterscheidet (das Ausladende, die Theatralik...) Für mich verbindet Real Life den Pop der Buzzcocks mit der Konsequenz von Wire – was jedem, der die beiden nicht kennt dazu bringen sollte, die Alben aller drei Bands aus dieser Zeit zu erforschen. Diese Musik ist erstaunlich zeitlos (...was für die meisten Alben hier gilt...) 

Magazine - Shot By Both Sides 

The Stranglers


Black & White

(EMI, 1978)

Ich nehme ja an, dass die Stranglers – wie so viele Bands dieser Generation – nicht die Absicht hatten, „Punk“ zu sein. Sie haben den Hype genutzt - ob freiwillig oder unfreiwillig - und dabei mit den Mitteln und Ideen ihrer Zeit ihre eigene Art von (Pop-oder Rock-) Musik gemacht. Ihre vorherigen beiden Alben (siehe 1977 - Sex Pistols bis Kraftwerk ) gelten trotz komplexer Sound- und Rhythmus- Strukturen, ausgefeilter Songs und virtuoser instrumentaler Könnerschaft als Grundpfeiler des Punk. Da spielt ihr Name, der textliche Zynismus und ihr Auftreten im Gefolge anderer Bands wohl die größere Rolle. Und auch auf ihrem dritten Album Black & White findet kein Punk statt. Im Gegenteil – die Art, wie sich hier die Gitarren von Hugh Cronwell und die Keyboards von Dave Greenfield umspielen, würde jeder Progressive-Rock Band zur Ehre gereichen. Das 5+minütige „Toiler on the Sea“ hat tatsächlich eine fast zwei-minütige instrumentale Einleitung – aber auf der anderen Seite schieben der Knochenbrecher-Bass von Jean-Jaques Brunel und die No-Fun-Stimme von Cronwell die Musik der Stranglers weit aus jeder Kitsch-Ecke heraus. Dass X-Ray Spex Saxophonistin Lora Logic bei „Rise of the Robots“ aushilft zeigt die Verflechtung der Post-Punk-Szene – und passt natürlich zur erkennbaren Absicht der Stranglers, mehr zu machen, als nur ein weiteres Album in der Art der beiden Vorgänger. Man könnte kritisieren, dass der Versuch, das Spektrum zu erweitern auf Kosten des Songwritings gegangen ist. Black & White gilt als schwächeres Album als die Vorgänger und der Nachfolger The Raven – aber unter den Experimenten verbergen sich immerhin Songs wie „Nice N' Sleazy“ oder das schicke „Sweden (All Quiet on the Eastern Front)“. Und im erschaffen einer regelrecht beängstigenden Atmosphäre sind sie immer besser geworden. Als Beispiel dient mir da das ansonsten etwas schlichte „In the Shadows“. Im Quartett der ersten Alben der Stranglers also das ungeliebte Kind – aber auch das hat seinen finsteren Charme.

The Stranglers - Sweden (All Quiet on the Eastern Front) 


The Only Ones


s/t

(CBS, 1978)

Die Only Ones befinden sich um noch einiges mehr außerhalb der üblichen Punk-Kategorien – wurden aber wegen der zeitlichen Gegebenheiten in diese Schublade gesteckt. Sie sind so Punk wie die Stranglers, die Soft Boys oder Television. Die Musiker sind allesamt schon weit über der Mitte der Zwanziger, haben in England bei diversen Rock- und Art-Rock Band gespielt und steigen jetzt mit ihrem neuen Projekt und – man muss es so nennen – mit einer epochalen Single in das Punk-Karussell ein. „Another Girl, Another Planet“ ist ein Behemoth von einem Song, neben dem noch so gute Begleiter verblassen. Also: diesen Track vielleicht auch mal überspringen, um der Klasse von sparsamen Schleichern wie „Breaking Down“ - mit den bezeichnenden Textzeilen „It's the pains inside my head that worry me“ - oder des monolithischen „The Beast“ gewahr zu werden. The Only Ones hat vieles mit dem Debüt von Television gemein – insbesondere natürlich die nasale Stimme von Sänger und Songwriter Peter Perrett erinnert an Tom Verlaine, aber auch der klare, sparsame Sound der versierten Band, der Verzicht auf Blues-Anleihen, die sich windenden Gitarren und das kluge Songwriting lassen an die New Yorker denken. Dass „Another Girl, Another Planet“ die Klasse der anderen Songs überdeckt, ist regelrecht tragisch – man darf nicht das Album wegen eines Songs überhören. Das weitere Schicksal krankte jedenfalls an dem einen Hit – und an Perrett's galoppierender Drogensucht. Dass sie in den folgenden zwei Jahren zwei genauso gelungene Nachfolger machten, grenzt an ein Wunder. Sollte man nur ein Album der Band wollen, wäre The Only Ones wohl das Album der Wahl. Es ist in seiner Art bezeichnend für die Zeit „nach Punk“ - als auf einmal alles möglich war, weil etliche Musiker sich nun auf's Wesentliche beschränkten – eine Idee, den Song und die Energie, die Popmusik wieder zu einem Ereignis macht.

The Only Ones - The Beast 


The Vibrators


V2

(Epic, 1978)

Auch die Vibrators gehören zu den Bands, denen das Punk-Korsett eigentlich zu eng ist. Aber wegen ihrer Vergangenheit im Vorprogramm von Chris Spedding und Iggy Pop, wegen ihrer Auftritte im Roxy Club und wegen des Erfolges solcher Singles wie „Pogo Dancing“ und „Baby Baby“ gelten sie als Punk Band der ersten Stunde. So sind sie 1978 schon regelrechte Veteranen, und V2 ist schon das zweite Album der Band. Und wie das bei Punk oft so ist - eine komplette LP ist auch hier ein bisschen zu viel. Das Debütalbum Pure Mania gehört noch zu den durchgehend anhörbaren Alben seiner Zunft, auf V2 wurde dann möglicherweise einfach etwas zu viel probiert. Wo die Vibrators gut sind, da sind sie sehr gut - „24 Hour Party People“ klingt nach Chuck Berry und ist entsprechend energetisch, „Feel Alright“ ist feiner Garagen-Rock, und sobald die Vorbilder des Punk unverstellt zu erkennen sind, sind die Vibrators wirklich wunderbar – spielen eine harte Version des zeitlosen Power-Pop. Ähnlich wie die Stranglers, mit denen sie auch die Bühne teilten, ist das Punk-Korsett zu eng für diese Band (vor Allem für Gitarrist John Ellis, der dann auch bald bei Leuten wie Peter Gabriel und Peter Hammill aushelfen sollte), aber im Gegensatz zu anderen, länger kreativen Bands hatten sie nicht die Abenteuerlust - oder die Unverschämtheit – sich weiter zu entwickeln und blieben zu guter Letzt auf der Strecke. Ihre ersten beiden Alben aber sollte man hören, wenn man nicht genug hat von Single-Compilations wie No Thanks! 70's Punk Rebellion und den fünf bis zehn durchgehend lohnenden Alben ihrer „Gattung“. 

The Vibrators - Feel Alright 


Klar, da ist auch Post-Punk in den USA!


Natürlich gibt es '78 noch weitere herausragende Alben, die man Punk oder Post-Punk oder New Wave nennen kann/muss. Hier beschränke ich mich auf Bands aus dem United Kingdom, andere Meisterwerke dieser Art Musik – insbesondere aus den USA – werden unter einer anderen Überschrift anderswo beschrieben. Ich verweise auf den kurzen Artikel über Punk in Cleveland (Pere Ubu, Devo) und auf den "Hauptartikel" mit den Bands aus dem Umfeld des CBGB's. Und '78 gibt es natürlich noch etliche Alben die Post-Punk nur streifen, die gar nichts damit zu tun haben, aber trotzdem toll sind etc. Kommt alles noch irgendwo anders.