Donnerstag, 10. November 2016

1966 - The Mamas and the Papas bis Manfred Mann - Alben von Singles-Bands sind doch nicht schlecht

Noch liegt der Summer of Love in der Zukunft (...kommt im Jahr 1967...), aber Hippie-Glückseligkeit liegt schon genauso in der Luft, wie Vietnam-Protest, der Duft von Marijuana (verboten) und Bewusstseinserweiterung via LSD (erlaubt). Die großen Bands und Musiker der Stunde haben ihre visionären Alben veröffentlicht – oft mit breitem kommerziellem Erfolg wohlgemerkt: Sowohl Beach Boys als auch Beatles, Stones und Dylan sind nicht nur künstlerisch erfolgreich. Aber es gibt in einem Jahr, in dem so viel in der Luft liegt auch noch etliche weitere Alben, die Beachtung verdienen. Manche sind vielleicht weniger würdevoll gealtert, Von The Mama's and the Papa's und the Lovin' Spoonful sind eigentlich nur ihre Single Hits im Gedächtnis geblieben, ob zu Recht, könnte man diskutieren – viele der hier unten reviewten Alben haben Patina angesetzt, um es nett zu formulieren. Aber gerade das macht sie mitunter wertvoll. Mitch Ryder hingegen wird bald vom Hippie-Geist weggeblasen, die Everly's sind 1966 so vergessen wie Rick Nelson – und mit ihrer Version des British Invasion Pop 1966 hauptsächlich in England und Kanada erfolgreich. Dort machen ein paar andere Bands mit Beat und Rhythm'n'Blues oder Blues in allen möglichen Formen weiter, und haben Erfolg, der nicht so lange vorhält, wie der der Beatles – weil sie (noch) das Album Format nicht zu nutzen wissen. Mods wie die Small Faces und The Who wiederum haben ihren Zenith noch nicht erreicht, ebenso wenig wie Cream. Die Yardbirds wiederum sind die Wiege etlicher großer Musiker, aber sie schaffen kein durchgängig tolles Album.... Einfach mal weiterlesen - und übrigens: Viele erwähnenswerte Alben - wie die Soul-Alben '66 oder Folk und Jazz folgen in anderen Posts - irgendwann - ich glaub' ich brauche Hilfe

The Mama‘s And The Papa‘s

If You Can Believe Your Eyes And Ears


(RCA Victor, 1966)

Über die „Aktualität“ der Musik solcher Bands braucht man nicht zu diskutieren. The Mama' And The Papa's sind irgendwie schon dank ihres Namens eine Band aus grauen Vorzeiten, aus einer Zeit als die Sonne noch auf unschuldige Hippie-Köpfe schien, als „gay“ noch fröhlich bedeutete und die Tatsache, dass die vier Musiker sich für das Cover in der Badewanne ablichten ließen – angezogen wohlgemerkt – schon ein Skandal war – ein so großer, dass die Toilette neben der Wanne seinerzeit schamhaft mit einem Sticker überklebt wurde. Aber mal zur Info: Der Name des Quartetts bezieht sich auf die Bezeichnung für Frauen bei den Hell's Angels, ihr Debütalbum war mit seiner Verquickung von Pop, Folk und elektrischer Instrumentierung für die damaligen Zeiten ein regelrechtes Wagnis. Hauptsongwriter John Phillips hatte sich zunächst nur ungern von der reinen (akustischen) Lehre des Folk abgewandt, hatte vor den Aufnahmen erstmals mit elektrischen Gitarren geprobt, aber dann lieferte er auf diesem Album mit „Monday Monday“ und „California Dreamin'“ gleich zwei Klassiker des Sunshine-Pop – mit einer Band, die ich mal als ABBA der Sixties bezeichnen würde. Und ABBA haben inzwischen schließlich auch verdientermaßen ihren Kultstatus erlangt. Das Album ist äußerst abwechslungsreich und ausgefeilt, die Band hatte mehrere Monate auf den Virgin Islands geprobt und aufgenommen. So ist If You Can Believe Your Eyes and Ears zumindest in Teilen eine gleichwertiger Zeitgenosse von Rubber Soul – „Straight Shooter“ hätte durchaus auf das Beatles Album gepasst, dazu die Tatsachen, dass die auf dem Cover ungenannten Begleitmusiker dieselben sind wie bei Pet Sounds, oder dass der Satzgesang mit der wunderbar tiefen Stimme von Mama Cass Elliot dem der Beach Boys durchaus Konkurrenz macht. Dass Phillips Elliot zunächst wegen ihrer Stimme und ihrer äußeren Erscheinung ablehnte, passt zum Chauvinismus der damaligen Zeit, aber es nimmt der Musik nicht ihren Charme. Es ist Musik aus einer Zeit, die letztlich doch nur unschuldiger erscheint. Nach diesem Album brachten interne Querelen die Band in Unruhe – John Phillips Ehefrau Michelle Phillips betrog ihn mit Gene Clark, wurde gefeuert, wieder dazugeholt, der Erfolg und Drogen raubten den Musikern Kraft und Disziplin, die folgenden Alben enthalten allesamt das eine oder andere Highlight, aber wenn man (wie ich) kein Compilation mag, ist If You Can Believe Your Eyes and Ears das Album der Wahl.

The Lovin‘ Spoonful

Daydream


(Kama Sutra, 1966)



Lovin' Spoonful

Hums of the Lovin' Spoonful


(Kama Sutra, 1966)

Als die Lovin' Spoonful im März '66 ihr zweites Album veröffentlichen, stehen ihre Karriere in voller Blüte. Sie machen Good Time Music, spinnen ein Netz aus Jug Band Music, Rock'n'Roll, Blues und Folk, auf Daydream wird fast alles vom immens talentierten Instrumentalisten und Sänger John Sebastian komponiert oder mitkomponiert, mit bunter Instrumentierung inklusive Autoharp Harmonika und und mit Zal Yankovskis Gitearrenspiel, das von schwärmerischer Schönheit bis giftigem Fuzz alle Bereiche abdeckt – was mit dazu führt, dass ihre Alben (sogar bis heute) von den Einen als buntes Potpourri, von kritischeren Geistern als uneinheitlicher Pop wahrgenommen werden. Es ist – ähnlich wie bei The Mama's and the Papa's sicherlich so, dass die Singles bei dieser Band ihre LP's überstrahlen. Hier ist es der Titelsong, der einen ähnlichen Stellenwert hat, wie California Dreamin' von den Konkurrenten, und auch hier hattenb sie zuvor mit „You Didn't Have to be so Nice“ einen keineswegs schwächeren Chartserfolg – der angeblich Brian Wilson zu „God Only Knows“ inspiriert hat - und auch hier sind Albumtracks, die zwar immer ein anderes Gesicht der Band zeigen, die aber beim Hinhören auch erstaunlich viel Spaß bereiten. „There She Is“, „Day Blues“, „It's Not Time Now“, - alles feine Popsongs mit Spaß und Intelligenz. Auf Daydream Klingt die Band nicht mehr so roh, wie auf dem Vorjahres- Debüt, aber noch nicht ganz so ausgefeilt, wie auf dem Nachfolger, der dann im November '66 erschien. Die Lovin Spoonful (deren Name sich nicht etwa auf Heroin-gebrauch, sondern auf den „Coffee Blues“ von Mississippi John Hurt bezog) hatten bei Hippies keinen guten Stand, weil der gebürtige Kanadier Yankovski mit Marijuana erwischt wurde, und den Namen des Dealers preisgab, um nicht abgeschoben zu werden. Ihr Beitrag zum Soundtrack von Woody Allen's „What's Up, Tiger Lily“ war ein bisschen unausgegoren, aber Hums of the Lovin' Spoonful hatte wieder die Leichtigkeit, Fragilität und Intelligenz, die die Musik der Band ausmachte – und die sie für Bands wie R.E.M. zum Vorbild nachte (Peter Buck ist ausgewiesener Fan ihre Musik) Manchen gilt Daydream als ihr bestes, ich bevorzuge Hums... mit seiner noch größeren Dichte an hervorragenden Songs, mit dem ikonischen „Summer In The City,” dem unheimlichen „Rain On The Roof” und mit „Coconut Grove”. Aber nachdem Yankovsky sich und die Band für die Gegenkultur unmöglich gemacht hatte, nachdem sie in der „Szene“ gedisst wurde, verließ er die Band. Es wurde ein Ersatz gefunden, aber die Hinwendung zum puren Pop tat ihnen nicht gut und 1968 verließ mit John Sebastian der Hauptsongwriter die Band. Man höre ihre ersten drei Alben – oder eine Compilation, wenn man so was mag.

The Monkees

s/t


(RCA Victor, 1966)

Musik im Umbruch, so lautet der Titel gan oben. The Monkees ist in gewisser Weise eines der revolutionärsten Alben von '66. Nicht weil die Musik so innovativ wäre, die ist eher ein Abklatsch des british invasion Pop der letzten beiden Jahre, sondern weil hier erstmals Popmusik "crossmedial" genutzt wird. The Monkees sind die nach Aussehen und nicht nach Fähigkeiten gecastete Band zum Film und das Album der Soiundtrack zur Comedy-Serie. Klar, die Beatles hatten zuvor Filme gemacht, aber sie hatten die Musik diesen Filmen zum mindestens angepasst, waren da selber als Songwriter tätig gewesen, und hatten mit A Hard Days Night einen Soundtrack gemacht, dessen Gewicht weit höher war als das Gewicht der Bilder. In den Staaten nun wollte der Produzent und Manager Don Kirshner an den Erfolg der Beatles-Filme anknüpfen, indem er eine Band castete, die lustige, verrückte Abenteuer auf ihrem vergeblichen Weg zum Ruhm erlebet. Dass die Protagonisten dabei Instrumente halten können sollten, war eher zweitrangig. Für das Album zur Serie (das incl. Single ein paar Wochen zuvor erschien) holte sich Kirshner mit Tommy Boyce und Bobby Hart zwei professionelle Songwriter und hatte wohl auch vor, das Album dann von diversen Studiocracks einspielen zu lassen – aber mit Pete Dolenz, Michael Tork und vor Allem dem jungen Michael Nesmith waren bei der Fantasie-Band doch drei Personen dabei, die auch gerne selber musizieren wollten. Tatsächlich wurde die „Band“ ins Studio geschickt, um zu proben - damit sie im TV besser aussahen, wenn sie ihre Instrumente halten – aber dann schrieb Nesmith mit „Papa Gene's Blues“ sogar einen eigenen Song, der sich vom Beat der anderen Stücke durch Country-Einflüsse unterschied. Und „(Theme from) The Monkees“ - Titelsong zu Serie und Album sowie „Last Train to Clarksville“ sind auch gelungenes Songwriting, die Vocals sind purer Pop, die Stimme von Dolenz ist ein beachtliches Kapital. Aber insbesondere Nesmith – der einzige wirklich ernstzunehmende Musiker, der bald mit seiner First National Band zum Country-Rock Innovator werden sollte - hatte für The Monkees später nur Spott übrig. Seiner Meinung nach war die TV Serie bloß flache Comedy mit fünf Typen, die eine Band imitierten. Und der Spott galt natürlich auch dem Album - was aus der Sicht eines Musikers nachvollziehbar ist. Immerhin kann ICH sagen, The Monkees ist unterhaltsam, und bald würden die Schauspieler den Manager feuern und ihr eigenes Ding machen. Im Vergleich zu etlichen Casting Bands heutiger Zeit ist das Album also zumindest goldenes Handwerk (OK, kann man auch von ein paar Songs von Take That etwa sagen...) Die Serie und die ersten beiden Alben hatten zunächst großen kommerziellen Erfolg – und die Monkees gelten zu Recht als die erste zur kommerziellen Ausbeutung zusammengecastete Boyband – die aber allein schon deshalb interessant ist, weil sie sich in kurzer Zeit tatsächlich zu einer echten Band entwickeln wird

Everly Brothers

In Our Image


(Warner Bros., 1966)



Everly Brothers

Two Yanks In England


(Warner Bros., 1966)

In den USA waren sie inzwischen zum unbedeutenden Oldie Act geschrumpft – die Everly Brothers waren eine Band, die mit aufkommendem Hippietum, Psychedelik und freier Liebe Nichts zu tun hatten – aber in England gab es die Beatles und deren Nachahmer (und deren Fans), die den Einfluss der Everly Brothers deutlich auf ihren Fahnen getragen hatten. Die Beatles hatten sich zwar nun (wie weiter oben beschrieben) der psychedelischen Musik zugewandt, aber die Everly's zehrten im United Kingdom noch von ihren Erfolgen seit Beginn der Sechziger. Ihr Close Harmony Gesang war nach wie vor fehlerlos, der fortgesetzte Amphetamin- und Ritalin Missbrauch der Brüder nicht hörbar, das Anfang '66 veröffentlichte In Our Image wegen des #2 Hits „The Price of Love“ ein moderater Erfolg – in England, aber die Tatsache, dass sie in der Tat nach einem „Image“ suchten, war an der sehr gemischten Songauswahl dieser Compilation deutlich erkennbar. In Our Image besteht aus etlichen Singles und B-Seiten, die die beiden im letzten Jahr aufgenommen hatten. Da gibt es mit Mann/Weill's „Glitter and Gold“ Brill Building Songwriting, bei „You Got) the Power of Love“ unverhohlene Beatles Anklänge, und alles wird zusammengehalten und identifizierbar gemacht durch die Vocals der Brüder. konsequenterweise gingen die beiden dann im Frühjahr '66 nach London und nahmen mit den Hollies als Backing Band und Songlieferanten und mit Sessionmusikern wie soon to be Led Zeppelinen Jimmy Page und John Paul Jones eine weitere in Vergessenheit geratene Album-Perlen auf. Two Yanks In England hatte acht Songs aus den Federn der Hollies – die Everly's hatten Graham Nash in New York kennengelernt, und der hatte ihnen Songs angeboten, Material das die Hollies auch selber aufnehmen würden, das eher für B-Seiten oder als Albumtracks gedacht war, aber das hier durch die Vocals von Phil und Don veredelt wurde. Warum dem Album sowohl in den USA (sowieso) als auch in England der Erfolg versagt blieb, ist mir ein Rätsel. Es ist konziser als der Vorgänger, es bietet modernisierte british invasion Popmusik mit starkem amerikanischen Akzent, es ist dank eines edlen Studio-Cast's gekonnt instrumentiert, die Songs neben denen der Hollies – meist von Phil und Don Everly verfasst – fallen auch nicht ab... ich vermute, sie wurden im Rahmen der gesellschaftlichen Veränderungen einfach unmodern, und heutzutage lohnt sich die Wiederentdeckung beider Alben.... weiter unten werden ein paar Worte zu For Certain Because.. von den Hollies folgen...

Mitch Ryder & The Detroit Wheels

Take A Ride


(New Voice, 1966)



Mitch Ryder & The Detroit Wheels

Breakout...!


(New Voice, 1966)

Andere Stadt, andere Musik. Mitch Ryder & the Detroit Wheels kommen aus der Auto-Stadt Detroit, und ihr feuriger Rhythm & Blues/ Blue Eyed Soul hat mit Hippiekultur und aufkommender Psychedelik wenig bis nichts zu tun. Der junge Mitch Ryder hatte in seiner Heimatstadt in einer gemischtrassigen Rhythm 'n' Blues Combo gesungen – was von Rassisten damals nicht gerne gesehen ward, hatte dann seine eigene Band gegründet, und sich in der Soul-affinen Motor-City mit seinen Rivieras einen Namen erspielt – mit furiosen Live-Auftritten – das Vorbild war James Brown – und seiner erstaunlichen Stimme. Einer Stimme, die auch in berufenen Kreisen bewundert wurde. Ex- Four Seasons Vorsänger Frankie Valli etwa hatte ihn gelobt, Keith Richards würde ihn bald bewundern. Die Musiker waren gerade mal 18 Jahre alt, als sie der Produzent/ Songwriter/ Labeleigner Bob Crewe unter Vertrag nahm, den Bandnamen wegen Namensgleichheit m,it einem anderen Act in Mitch Ryder & the Detroit Wheels änderte und versuchte diese Blitze in einer Flasche einzufangen. Ich weiss (naturgemäß) nicht, ob die drei Alben der Band die Energie der Live-Auftritte wiedergeben, aber mit den Studioalben schwarzer Künstler aus jener Zeit können sowohl Take a Ride als auch Breakout...!!! mithalten (- was nicht einfach ist, siehe Soul '66 mit Alben von Otis Redding, Wilson Pickett, Percy Sledge etc...). Das Debüt – genau wie der Nachfolger – zeigt eine völlig tighte Band, die sich hinter den Begleitern der Soul-Größen nicht verstecken muss, einen Sänger, der sich - wie es sich gehört – Vorlagen von James Brown, Sam Cooke, Little Richard, von Protege Bob Crewe etc gekonnt und mit Verve zu eigen macht. Ryder's Stimme ist eigenständig, er macht aus einer Kombination aus Little Richard's „Jenny Jenny“ and Chuck Willis' „C.C. Rider“ einen Soul-Workout, der als „Take a Ride“ zum Hit wird. Die Band verbindet das Beste aus beiden Welten – Soul und Garage-Rock. Er dürfte mit seiner Musik etliche Musiker beeinflusst haben – Bruce Springsteen hat ihn und seine Band definitiv angehört und auch Bands wie die MC5 und die Stooges dürften diesem Energie-Level nachgeeifert haben. Beide Alben haben einen großen Hit: Das Debüt den genannten Titelsong, Breakout...!!! wenige Wochen später ein weiteres Soul-Feuerwerk titels „Little Latin Lupe Lu“. Hier covert Mitch Ryder (den Namen hatte er übrigens angeblich aus dem Telefonbuch...) auch Wilson Pickett's „In the Midnight Hour“ , rast durch „Devil with the Blues Dress On/ Good Golly Miss Molly“ und macht alles richtig, auch wenn der Garagen-Flavor etwas gedämpft wird. Beiden Alben kann man vorwerfen, dass es auch den einen oder anderen Filler gibt – aber das ist bei Soul – ach was – bei fast allen Alben dasselbe. Wenn man das Tempo bedenkt, in dem zu dieser Zeit Alben aufgenommen und veröffentlicht wurden, muss man da gnädig sein – und ich finde, dass die etwas schwächeren Tracks Zeit zum Durchatmen bieten. Auch diese Musik ist deutlich in ihrer Zeit gefangen, wie gesagt wurden die Wheels schon einen Sommer später von Acid-Wolken erstickt, aber heute kann man diesen energischen Motor-City-Soul genießen

 

The Spencer Davis Group

The Second Album

(Fontana, 1966)

The Spencer Davis Group

Autumn '66

(Fontana, 1966)

Dass auch die Spencer Davis Group heutzutage nicht die Bekanntheit solcher Zeitgenossen wie die Stones hat, dass sie hinter den Kinks, den Small Faces oder den Animals zurück geblieben sind, liegt an mehreren Faktoren. '66 war auch ihr Second Album nur eine Ansammlung von Singles mit den paar notwendigen Ergänzungen – und die Band machte den Schritt zur Album-Band nie mit, zumal sie mit dem gerade mal 18-jährigen Steve Winwood schon im nächsten Jahr ihre Stimme und ihren wichtigsten Mann verloren. Dazu sind sie in keiner Weise revolutionär, ihr jazziger Rhythm and Blues/Blue-Eyed Soul ist in seiner Zeit weit mehr gefangen, als die Musik anderer Zeitgenossen. Wenn Steve Winwood Ray Charles' „Georgia On My Mind“ interpretiert, kann man über sein schwarze Kehle nur staunen, aber das vor Allem, weil er dem Vorbild aus den USA in so jungen Jahren, und ohne jede Gesangs-Ausbildung auch gerecht wird. Die Tracks allerdings bleiben doch recht brav im Spannungsfeld zwischen dem Soul der Vorbilder und dem Rhythm and Blues der Zeitgenossen. Natürlich ist da der rasante Hit „Keep On Running“, der Opener „Look Away“ zeigt auch, wie eingespielt und kraftvoll diese Band um den Gitarristen Spencer Davis zu jener Zeit war. Steve's Bruder Muff Winwood spielt Bass, Pete York sitzt an den Drums und die Musik, die sie spielten, ist zwar sehr gekonnt, aber wenig gewagt. So gibt es hier nur zwei Eigenkompositionen und ihre Version von „I Washed My Hands in Muddy Water“ krankt daran, dass hier nicht Winwood, sondern Spencer Davis singt. Der hätte sicher was dagegen gehabt – aber Die Band hätte Steve Winwood Band heissen müssen. Oder sie hätten sich verändern müssen. Aber das noch im gleichen Jahr erschienene Autumn '66 hat dasselbe Manko: Zwei eigenen Songs stehen zehn Cover-Versionen gegenüber - die enorm kompetent eingespielt sind, die möglicherweise sogar neue Facetten der Vorbilder aufleuchten lassen, aber Innovation, gar psychedelische Spielereien sind hier nicht zu finden. Nicht missverstehen: Wieder ist Steve Winwood's Stimme ein Wunder vor dem Herren, wieder hatte die Band bei einigen Songs „Soul“ und eine Wucht, mit der sie sich vor den Vorbildern aus den USA nicht verstecken mussten, aber '66 brach die Zeit der Psychedelik an, die Stones machten ihr erstes Album mit komplett eigenen Songs, auch Bands wie The Who oder die Small Faces waren abenteuerlicher, und wer die Spencer Davis Group hören wollte, der kaufte sich die Singles. Hier das feine „Somebody Help Me“ - dabei hatten sie mit dem krachenden Rhythm and Blues von „High Time Baby“ sogar einen eigenen Song dabei, der sich sehen lassen konnte. Dass Autumn '66 in den USA garnicht veröffentlicht wurde, dass es andere Bands gab, die im LP-Format interessanter waren – all das ließ die Spencer Davis Group verschwinden – aber erst nach dem '67er Hit „Gimme Some Lovin'“. Their Second Album und Autumn '66 sind durchaus tolle Alben ihrer Richtung - für mich ist dies die britische Entsprechung von Mitch Ryder and the Detroit Wheels..



Buffalo Springfield

s/t


(Atco, 1966)

Eigentlich eine seltsame Vorstellung: 1966 waren Neil Young und Stephen Still noch recht unbekannte, junge und aufstrebende Musiker. Solche, die zwar unbestreitbar Talent hatten, aber mitnichten Musiker, bei denen man eine mehrere Jahrzehnte andauernde Karriere vermutet oder vorausgesehen hätte. Das erste volle Album der ersten Band der beiden Musiker, das Debüt von Buffalo Springfield, war auch nicht sensationell - aber es war sehr gut, und im Nachhinein... sieht man vor Allem die Songs, die tatsächlich bis heute (... oder zumindest eine sehr lange Zeit...) ihren Wert behalten haben. Da ist natürlich vor Allem das von Stephen Stills verfasste „For What It's Worth“, der einzige echte Hit der Band, Young's „Flying on the Ground is Wrong“ zeigt schon dessen Talente, ebenso sein „Nowadays Clancy Can't Even Sing“, wobei Gitarrist Richie Furay in beiden Fällen den Gesang übernahm. Aber schon bei diesem Album war erkennbar, dass da eine fruchtbare Konkurrenz zwischen Stills und Young herrschte. Die beiden kannten sich seit 1963, hatten sich zufällig in LA wiedergetroffen und schnell, diese Band gegründet. Ihre Live-Reputation war glänzend, dem schnell zusammengeschusterten Album wurde allerdings nur ein bescheidener Erfolg zuteil, wohl auch weil ihre Beider Manager den Produktionsjob übernahmen – und eigentlich keine Ahnung hatten. Buffalo Springfield hat inzwischen reichlich Patina angesetzt, oder ich drück's mal es so aus: Es ist ein Dokument seiner Zeit. Das folgende Album Buffalo Springfield Again (1967) - dann von Jack Nitzsche aufgenommen – ist das Album der Wahl, wenn man denn nur Eines von den Dreien hören will. Da hat Neil Young die Nase vorn, und die Band ist eingespielt und brennt. Aber dieses Debüt ist auch heute noch besser als so manches Americana-Album der neuen Generation.

Paul Butterfield Blues Band

East-West


(Elektra, 1966)

Mit ihrem Debüt im Vorjahr hatte die Band um den Mundharmonika-Virtuosen Paul Butterfield mit ein paar anderen – wie dem Blues Project etwa - den weißen, elektrischen Blues definiert. Auf ihrem zweiten Album nun nahmen sie gleich ein zwei, drei zusätzliche Stufen. Das lag vor Allem am Gitarren-Virtuosen Mike Bloomfield, dessen Interesse an indischen Raga's, Coltrane, modalem Jazz a la Miles Davis und LSD via bislang ungehörten Improvisations-Ausflügen der Musik der Blues Band etliche Facetten hinzufügte. Die im Studio noch vergleichsweise ökonomischen Soloexkursionen wurden zu dieser Zeit live gerne auf eine Stunde (!) ausgedehnt – und machen die Butterfield Blues Band zum Vorläufer und Vorbild solcher Acts wie Grateful Dead und Quicksilver Messenger Service. Elektra Label-Chef Paul Rothschild nahm die Band in den Chicago'er Chess-Studios auf, und es gibt durchaus typischen „Windy City Blues“ hier – bei Muddy Waters' „Two Trains Running“ oder Robert Johnson's „Walking Blues“ etwa, aber da ist auch Nat Adderley's „Work Song“ inklusive jazzigen Improvisationen von Bloomfield, Elvin Bishop und der verstärkten Harmonika von Butterfield. Ein Beispiel gekonnter Dynamik weit außerhalb der bekannten Blues-Schemata. Da ist das 13-minütige Titelstück, ebenfalls mit auf dem Sleeve aufgelisteter Reihenfolge der Solisten, und da ist als kleiner Fremdkörper im Gesamtkonzept mit „Mary Mary“ purer Pop, komponiert von Michael Nesmith, der bald mit den Monkees erfolgreich sein würde. Mit East-West hatte diese Band den Blues für „Weiße“ in den USA wieder nach Hause geholt – und fiel aufgrund von diversen Vertragsproblemen hiernach auseinander. Paul Butterfield machte noch ein paar weniger interessante Solo-Alben und Gitarrist Mike Bloomfield's vielversprechende Karriere verlief immer erratischer - er versank immer tiefer in Drogen und starb 1981 an einer Überdosis.

The Hollies

For Certain Because...


(Parlophone, 1966)

Die Veröffentlichungspolitik von british invasion Bands in den USA...: Dort heisst For Certain Because... mit anderm Cover nach dem enthaltenen Hit Stop! Stop! Stop! - aber immerhin ist das Tracklisting dasselbe...

Es ist das zweite (in den USA das dritte...) Album der Band im Jahr '66 und es ist meiner Meinung nach ihr Bestes, bevor auch sie sich mit Evolution dem Psychedelik-Trend der Zeit zuwenden. Dass die Hollies nicht die Bedeutung der Beatles erreichten, liegt vielleicht an ihrer weniger ausgeprägten Experimentierlust, an ihrer „Normalität“, an den zwar ausgefeilten, aber weniger charakteristischen Stimmen und daran, dass sie - medial und optisch - nicht die Beatles sind. Es liegt nicht allein daran, dass sie als Songwriter nicht ganz die Klasse von Lennon und McCartney haben, aber sie nutzten nie so wie die Beatles die Möglichkeiten der LP als komplettes Werk. For Certain Because... hat tolle Songs, aber es ist nicht - wie Revolver - ein Album, das wirklich als Album konzipiert ist, bei dem die Band sich bei jedem einzelnen Song etwas gedacht hat – sie hatten eben nicht George Martin als Produzenten - aber dafür ist die Single „Stop! Stop! Stop!“ ist ein rasanter Tanz mit schepperndem Banjo-Riff, der Opener „What's Wrong With the Way I Live“ kommt ebenfalls mit präsentem Banjo daher und stünde US-Folk/ Country-Rock Bands wie der Nitty Gritty Dirt Band hervorragend zu Gesicht. Manche Songs sind unauffällig, ihnen fehlt eine herausragende Idee, aber das ist die Ausnahme. „Tell Me to My Face“ hat eine kluge, leicht asiatisch anmutende Melidie, die von einer spinnenhaften Gitarre vorgegeben wird, etliche Songs sind fein ausgetüftelt, man merkt, dass sie ihr Songwriting vorangetrieben hatten. Allan Clarke und Graham Nash waren erwachsen geworden, und sie hatten zumindest ihr eigenes Rubber Soul gemacht. Und der Vorgänger Would You Believe? - dürfte Fans von Brit-Beat auch gefallen, die Vocal Harmonies sind delikat, die Dichte an guten Songs aber nicht ganz so groß wie auf dem Nachfolger – ein paar gelungene und ein paar weniger gelungene Coverversionen, was der Grund ist, aus dem ich es hier nur kurz erwähne. Die Hollies sind mitunter opulenter und süßlicher als die Beatles, aber nicht so zuckrig wie die Bee Gee's - was sie für mich zur Band der Wahl macht.

Cream

Fresh Cream


(Atco, 1966)

Und jetzt zurück zum Blues in seiner von Weissen adaptierten und psychedelisierten Form – und noch mal Eric Clapton, dessen Album mit den Bluesbreakers weiter oben (in dem ersten Post 1966) seinen Platz erhielt. Das Debüt der ersten, von Robert Stigwood zusammen gecasteten „Supergroup“ hat zwar noch nicht die Klasse des Nachfolgers Disraeli Gears – aber Fresh Cream zeigt in den besten Momenten, wo die Reise hingehen wird. Jack Bruce war ein versierter Bassist mit fabelhafter Stimme und kam von Graham Bond und vom Jazz, Ginger Baker - ebenfalls zuvor bei Graham Bond, dem wahnsinnigen Keyboarder - war ein unglaublicher Drummer, dessen zügelloses Temperament mit seinem eigenwilligen Stil korrespondierte und Gitarrist Clapton war bekanntermaßen auf dem Weg, Gott zu werden.... Auf ihrem ersten Album covert das Powertrio Blues-Klassiker von Robert Johnson, Muddy Waters und Willie Dixon – mit dessen „Spoonful“ der Blues in psychedelische Sphären geschossen wird. Und da sind die Songs von Jack Bruce, die Jazz, Blues und Psychedelik vereinen, die zeigen, dass der Mann in diesem Moment tatsächlich seiner Zeit voraus war. Vor Allem sein „Sweet Wine“ überzeugt mit gewagter Melodik und großer Kraft. Und Ginger Baker's „Toad“ hat tatsächlich so etwas wie ein gelungenes Drum-Solo - damals war es nicht verwerflich oder lächerlich, Soli aller Art zu spielen. Eine Haltung, die heute unmodern sein mag. Das Album hat Schwächen, aber es klang damals äußerst innovativ, und man kann Cream heutzutage als eine der ersten Jam-Bands mit ihrem Hippie-Flair und britischer Exzentrik lieben - oder unwichtig finden.

The Yardbirds

s/t (Roger, The Engineer)


(Columbia, 1966)

...Ach ja, und bei den Yardbirds hatte Eric Clapton auch gespielt. Deren Live Album von '64 war sein erster Auftritt im LP-Format gewesen, inzwischen war er von Jeff Beck ersetzt worden – einem Gitarristen, den ich persönlich noch besser, weil einfallsreicher finde. Roger, the Engineer, wie das Album wegen seines Covers auf öffentlichen Wunsch hin in England genannt wurde, ist eine etwas zwiespältige Angelegenheit. Die Yardbirds hatten '65 etliche Singles veröffentlicht, extensiv getourt, und sich dann ein paar Wochen Zeit genommen um ihr einziges echtes Studioalbum aufzunehmen – das dann leider unter seinem dünnen Sound und ein paar schlechteren Songs zu leiden hat. Jeff Beck's Gitarrenspiel ist fantastisch, aber Sänger Keith Relf klingt mitunter etwas schwachbrüstig, und die Rhythm Section wurde anscheinend im Nebenraum abgestellt. Es gibt einige gelungene psychedelische Experimente – damals ganz erstaunlich – zumal Roger... ein paar Wochen vor Revolver von den Beatles herauskam. Es gibt Blues – natürlich, da kamen sie ja her – aber der wird mit Jazz, asiatischen Sounds und Rock'n'Roll versetzt - hört man dieses Album im Vergleich zum Album der Bluesbreakers, dann verschwinden die Blues-Spuren irgendwie. Es gab '66 sicher einige bessere Alben – aber Roger, the Engineer gehört trotzdem insbesondere dank Jeff Becks Gitarren-Pyrotechnik zu den Guten.

Small Faces

s/t


(Decca, 1966)

Die Small Faces sind 1966 eine der populärsten Bands Großbritanniens, sie sind seit dem Vorjahr mit famosen Singles in den Charts und Stammgäste bei Top of the Pops – und sie werden dabei von ihrem Manager Don Arden wie Streichhölzer abgebrannt. Ständiges Touren, TV-Auftritte, ein Cameo in einem Gangsterfilm - und am Ende hat keiner der vier Musiker einen Penny 'raus. Das erste komplette Album der vier (.. übrigens tatsächlich ziemlich kleingewachsenen...) Musiker ist ein Ausbruch an Energie, keinen Deut schlechter als das Debütalbum der zu dieser Zeit ähnlich agierenden Who (die auch als „Mods“ bezeichnet werden), und sein vergleichsweise geringer Bekanntheitsgrad mag dem Umstand geschuldet sein, dass sie als Single-Band gelten und Small Faces als schnöde Compilation betrachtet wird – oder daran, dass The Who im Vergleich die „reichere“ Karriere hatten. Daran Schuld ist die Tatsache, dass sie zwar in der Folge weitere tolle Alben, und dann mit Rod Stewart als The Faces weiteren Erfolg hatten, aber in den Siebzigern an Bedeutung verloren. Und sie hatten – genau wie alle anderen – nicht George Martin als Produzenten an ihrer Seite. Für dieses Album ist das egal, ich wundere mich nur darüber, dass es nicht bekannter ist. Steve Marriott ist ein charismatischer Sänger, der mit seiner Soul-Stimme den Stil etlicher Heavy Metal Sänger vorwegnimmt – insbesondere das Geschrei eines Robert Plant. Die zwölf Songs, teils als Singles erprobt, sind in ihrer Vermischung von juvenilem Ungestüm, amerikanischem Soul und R&B ein riesiger Spaß. „You Need Lovin'“ nimmt Led Zeppelin's „Whole Lotta Love“ vorweg, der von Sam Cooke geschriebene Opener „Shake“ vermischt R&B und Soul, das Instrumental *Own Up Time“ klingt, als wären Booker T. & the MG's eine Heavy-Kapelle – und weist Keyboarder Ian McLagan als Meister seines Faches aus. Das Album hat – wie das Aussehen seiner Erschaffer - Stil, Energie und es klingt einerseits sehr nach den Sechzigern, ist andererseits aber in seiner Rohheit überraschend zeitlos – und der Einfluss der Band auf Bands wie The Jam und den Brit Pop der Neunziger ist sofort erkennbar.

The Who

A Quick One


(Polydor, 1966)

Nach den Mods von den Small Faces nun die Mods von The Who – logisch. Die sind 1966 mit ihrem zweiten Album – dem ersten beim neuen Label – auf dem Weg zum Super-Stardom. Das neue Label garantierte ihnen mehr Freiheit, aber alles musste schnell gehen, und nachdem sie Shel Talmy und das Brunswick Label verlassen hatten, hatten sie keinen richtigen Produzenten zur Verfügung, bis sich ihr als Producer unerfahrener Manager Kit Lambert bereit erklärte sie zu produzieren. Also musste Jeder der vier Musiker ganz schnell zwei Songs schreiben, damit so schnell wie möglich Geld 'reinkam. Pete Townshend ist natürlich der Hauptsongwriter , der hier mit dem neun-minütigen Titelsong schon den Weg Richtung erzählerischer Rockoper andeutet (wobei die Dauer des Songs auch daher rührt, dass das Album schnell die halbe Stunde + Spielzeit erreichen musste). Auch sein „So Sad About Us“ ist gekonnt, war aber eigentlich für eine andere Band gedacht. Keith Moon durfte das zu jener Zeit obligate Drum Solo auf seinem „Cobwebs & Strange“ einfügen, John Entwistle hatte mit „Whiskey Man“ und seinem persönlichen signature tune „Boris, The Spider“ zwei wirklich gute Songs in petto, aber Roger Daltrey als Songwriter ...?  So ist A Quick One nicht zu vergleichen mit dem energetischen Vorgänger My Generation von '65, zu hastig zusammengeschustert und schlechter produziert als der Nachfolger The Who Sell Out – für den sie viel mehr Zeit haben würden - und mit Tommy oder Who's Next nicht zu vergleichen. Auch dieses Album ist aus genannten Gründen in seiner Zeit gefangen – aber The Who zeigen auch, dass sie eine Band mit Zukunft sind – und für 60iesLiebhaber ist A Quick One ein kostbares Artefakt.

Manfred Mann

As Is


(Fontana, 1966)

Manfred Mann und Band haben 1966 einen wichtigen Teil ihres Personals ausgewechselt – für Sänger Paul Jones kommt Mike D'Abo und Bassist Mike Vickers wird erst von Jack Bruce, dann auf dem neuen Album von Klaus Voormann (... den man sonst doch mit den Beatles verbindet - u.a. weil er das Cover zu Revolver gezeichnet hatte !) ersetzt. Auf den zwei vorherigen Alben hatten sie sich klug, aber etwas akademisch in R&B und Soul versucht, für As Is nun überschritten sie die vorher gezogenen stilistischen Grenzen. Das mag seinen Grund in Sänger Mike D'Abo's breiterem Stimm-Spektrum haben, auch in der Tatsache, dass er gleich drei eigene Songs beisteuern darf – mit „Box Office Draw“ und „Trouble and Tea“ puren 60er Jahre Pop und mit „As Long as I Have Lovin“ eine Soul-Ballade. Und Mike Hugg fühlte sich anscheinend auch bemüßigt, seine Ideen Richtung Baroque Pop und leichter Psychedelik zu verschieben - gößere Diversität lag wohl einfach in der Luft. Natürlich ist der Jazz-Einfluss Manfred Mann's erkennbar – in seinem Keyboard, in dem omnipräsenten Vibraphon, im Jazz-Instrumental „Autumn Leaves“, das ein kleiner Fremdkörper ist. Aber das gehört zur Musik dieser Zeit – und für diese Zeit steht das Album sehr exemplarisch – logischerweise auch mit dem vom 1966 omnipräsenten Bob Dylan geschriebenen Closer „Just Like a Woman“. Ein schönes Album, vielleicht das beste vom Manfred Mann der Sechziger.








































Montag, 31. Oktober 2016

1981 – Ronald Reagan und die NATO und Solidarnosc in Polen – Black Flag bis The Cramps

Der Iran-Irak Krieg ist auf seinem Höhepunkt, während in den USA mit dem republikanischen Dummkopf Ronald Reagan ein ehemaliger Schauspieler und politischer Hardliner zum Präsidenten gewählt wird, der den wahnwitzigen und sinnlosen Rüstungswettlauf mit der UdSSR forciert und die NATO als Verteidigungsbündnis gegen die UdSSR ausbaut. Viele Menschen in Europa sind mit dieser Zuspitzung des Kalten Krieges nicht einverstanden - es ist die Zeit, in der die Anti-Kriegs Bewegung ebenso wie die Anti-Atom und Umweltschutz-Bewegung in Europa an Stärke gewinnt und es ist eine Zeit der Unruhen und Unzufriedenheit mit der sozialen Kälte im von Maggie Thatcher regierten Großbritannien – man muß dabei traurigerweise bedenken: Diese Politik ist eine in demokratischen Entscheidungsprozessen gewählte – Dummheit regierte wohl auch damals schon. Derweil ist in Polen die Gewerkschaft Solidarnosc auf Konfrontationskurs gegen die kommunistische Partei – es ist ein erstes Aufbäumen gegen das System, ein erster Hinweis auf die Umbrüche, die in einigen Jahren folgen werden. Und dann: Erstmals wird von AIDS berichtet. Bob Marley stirbt in diesem Jahr an Krebs. Die Musikindustrie scheint keinen Erfolg auf der Suche nach DEM Trend der 80er zu haben. Man bleibt auf der sicheren Seite, kommerziell erfolgreich ist nur belanglose Musik: Soul verliert seine Seele an Disco, Country wird zu Pop, Pop wird mit den seltsamen Stars on 45 Mixes vollkommen beliebig. Aber wer sich nicht nur an den Charts orientiert wird (wie immer) erstaunlich vielfältige und interessante Musik finden: Junge Bands wie The Cure oder Echo & the Bunnymen machen in England düstere Musik zur Zeit, Soft Cell stellen mit Synth Pop – einem der fruchtbarsten Trend der Zeit - den Hedonismus der Schwulen-Szene zur Schau, in den USA beginnen mit Verspätung Bands wie Black Flag oder Hüsker Dü ihre unironische Version des Punk – den Hardcore-Punk – unter die Leute zu bringen, und gehen direkt in unterschiedliche Richtungen. Ein paar etablierte Musiker wie Rickie Lee Jones musizieren weiterhin auf hohem Niveau, in Deutschland machen diverse Bands eine ansprechende, teutonische Version des New Wave. All das ist (noch) Musik außerhalb des Mainstream. Gute Musik zu machen und dann zu verkaufen scheint '81 sehr schwer zu sein – prominent ignorierte wird hier von mir auch Phil Collins erstes Solo-Album (der hat Millionen davon verkauft... das macht dem nichts aus – und nzwischen gibt es genug Verrückte, die diese Musik im Nachhinein sogar ganz schön toll und wertvoll finden) oder zum Beispiel Foreigner's, Rick Springfield's, REO Speedwagon's fortgesetztes beliefern der Charts mit übelstem Schlock. ICH hätte in den Charts lieber folgende Alben gesehen....

Black Flag

Damaged


(SST, 1981)

Damaged gilt als eines der ersten Alben des West Coast Hardcore, der amerikanischen Reaktion auf die Punk-Revolte Englands und es definierte damals sofort durch seine Intensität und seine Kraft ein ganze Genre. Black Flag existierten zur Zeit des Releases schon seit fünf Jahren,sie hatten unter anderem mit dem mit dem dann zu den Circle Jerks abgewanderten Keith Morris diverse EP's und Singles aufgenommen (Die im folgenden Jahr auf dem Album Everything Went Black zusammengefasst wurden). Aber der wirkliche Durchbruch in Form von weltweiter Aufmerksamkeit (... in gewissen Kreisen jedenfalls...) kam erst jetzt. Ein paar Wochen vor den Aufnahmen kam mit Henry Rollins ein neuer Sänger, dessen physische Präsenz und wütende Energie dieses Album mindestens genauso prägte wie das rasante und virtuose Gitarrenspiel von Bandkopf und SST Labeleigner Greg Ginn. Der hatte nicht nur ein paar feine Songs geschrieben, sondern neben den üblichen Themen (Entfremdung, Langeweile, Wut) auch eine gehörige Portion giftigen Humor in die Lyrics gepackt. Einen Humor, mit dem sich Legionen von Jugendlichen '81 wunderbar identifizieren konnten. Das geniale Black Flag-Logo mit den vier Balken unter dem Namen zog sich bald kilometerweit über Hauswände, Songs wie die Proto-Slacker Hymne „TV Party“ oder „Rise Above“ wurden nicht nur von Punks gehört, sondern auch vom Metal-Publikum beachtet. So mancher später erfolgreiche Thrash-Metaller an der Westküste wird sich Damaged mehr als einmal angehört haben. Das Cover übrigens zeigt Henry Rollins in einem Spiegel, den er zuvor mit einem Hammer zerstört hat. Und das Blut ist Marmelade – also keine Angst.

Kraftwerk

Computerwelt


(Warner Bros., 1981)

Nach dem Erfolg von Die Mensch-Maschine brauchte das Düsseldorfer Kollektiv Kraftwerk erst einmal drei Jahre, um das eigene Kling-Klang Studio aufzurüsten und ein neues Album aufzunehmen. In diesen drei Jahren entdeckten Teile der Popwelt tatsächlich ebenfalls die von den Düsseldorfern mit erfundene Elektronik in der Musik: Sie hatten es vorgemacht, Bowie ließ sich von ihnen beeinflussen, dann kamen Bowie-Adepten wie Gary Numan, OMD, oder John Foxx (von Ultravox) nahmen den Ball weiter auf. So kam es, dass Computerwelt zu einem Zeitpunkt veröffentlicht wurde, als die Musikwelt allmählich Anschluss an die Visionen der Elektronik-Pioniere fand. Und Ralf und Florian hatten nun keine Lust mehr, nur íhrer Zeit voraus zu sein und feierten stattdessen die Ankunft der Welt, die sie schon so lange versprochen hatten. Dafür hatten sie natürlich wieder einige feine Melodien parat. Diesmal gab es kurze Stücke die eine gewisse kühle Fröhlichkeit ausstrahlten: „Taschenrechner“ wurde als Single in unterschiedlichen Sprachen veröffentlicht und enthielt tatsächlich Samples von Rechnern von Casio und Texas Instrument – was den Song heute auf seltsame Weise modern und altmodisch zugleich klingen lässt. „Computer Liebe“ wiederum ist zeitloser Techno, bevor es Techno überhaupt gibt, bei „Nummern“ wird in verschiedenen Sprachen von Eins bis Acht gezählt und die Musik nimmt die vertrackten Rhythmen von IDM zuvor. Durch solche Elemente und durch das kluge „Songwriting“ behält Computerwelt – wie das Meiste, was die Düsseldorfer erschufen - bis heute seinen zeitlosen Charakter. Die Musik zu Beginn der 80er hatte wie gesagt mit den oben genannten Acts Vieles von dem übernommen, was Kraftwerk in den 70ern vorgemacht hatten - aber mit ihrer selbstverständlichen Hinwendung zum Pop waren Kraftwerk – vielleicht ungewollt – wieder Allen einen Schritt voraus.

This Heat

Deceit


(Rough Trade, 1981)

Bands wie This Heat waren und sind bis heute in kommerzieller Hinsicht völlig irrelevant - und zugleich künstlerisch so visionär und singulär, dass man sie nur als kostbare Solitäre betrachten kann... Ein Schicksal, dass sie mit vielen anderen bedeutenden Musikern spätestens seit Ende der Sechziger teilen (The Red Crayola, Captain Beefheart; etc). Ihre Erbe findet sich dementsprechend nur bei den freien Radikalen der Rockmusik, in Genres wie Drone, Prog, Freier Improvisationsmusik, Elektronischer Musik und Punk wieder – bei denjenigen, die Entwicklungen vorantreiben, an denen sich dann andere, banalere Acts bereichern. 1981 ist eines dieser Jahre, in denen es schwer vorstellbar ist, welcher „Szene“ eine Band wie This Heat angehört haben mag, wer so etwas gehört haben mag. Sie klangen – und klingen immer noch - völlig out of place. Höchstens Bands wie die Art Bears (die Art-Rock Band aus der Canterbury Szene) oder Family Fodder beackerten seinerzeit ein ähnliches Feld – allerdings aus einer anderen Richtung sozusagen. Die gleichberechtigten Multi-Instrumentalisten Charles Hayward, Charles Bullen und Gareth Williams' hatten 1977 mit ihrem Debüt immerhin John Peel's Aufmerksamkeit erlangt. Mit einem Debüt, das schon durch Bestandteile der später so unpassend genannten Weltmusik durchzogen war, einem Album, auf dem sie künstlerisch Neuland nicht bloß betreten, sondern komplett durchquert hatten. Ihr zweites und letztes Album Deceit ist deutlich mehr vom Punk beeinflusst und gilt damit als als das Konventionellere . Aber natürlich klangen sie nicht wie die Sex Pistols oder die Ramones, Punk ist nur eine Option die neben Krautrock, Tape Manipulationen, freiem Jazz und Toncollagen genutzt wird. Einzelne Songs zu benennen ist schwierig, jedes Teil hier steht für sich, ist aber seltsamerweise immer dieser speziellen Band zuzuordnen. Ich sag's mal so: Versuche dir eine wilde Mischung aus Can, afrikanischer Musik, Pere Ubu ohne Gesang, Soft Machine und kaputtem Radio vorzustellen. Es ist Post Punk, ehe Punk Geschichte ist. Und ist so was wie „Radio Prague“ überhaupt Musik ? Und ist „Hi Baku Shyo“ nicht schrecklich und zugleich schön ?

Glenn Branca

The Ascension


(99 Records, 1981)

.. und aus gegebenem Anlass noch so ein Album, das keiner kennt, aber alle kennen sollten (... ich will diesmal eine Weile im "experimentelleren Bereich der Populärmusik verweilen). Aber irgendwie ist es ja auch verzeihlich, dass ein Musiker wie Glenn Branca und der Lärm den er mit vier voll aufgedrehten Gitarren, Bass und Schlagzeug macht, nicht jedem gefällt. Branca hatte in New York mit den Theoretical Girls No Wave mitgemacht, die Bereiche in denen Punk und Kunst zusammenlaufen begannen mitgestaltet, war der klassischen Musik sowenig fremd wie der gerade entstehenden Noise-Szene, aus der Bands wie Sonic Youth und die Swans erwachsen sollten. Und so ist The Ascension die Vorwegnahme all dessen, was diese beiden und etliche andere Bands bis weit ins kommende Jahrtausend tragen sollte – Nebenbei, wen wundert es da, dass einer der hier mitspielenden Gitarristen Lee Ranaldo ist (später bei eben jenen Sonic Youth) Komponiert wie eine Symphonie (...später aufgenommene Alben würde Branca dann explizit „Symphony No...“ nennen) arrangiert er sein Orchester aus ohrenbetäubenden Gitarren, Bass Drums um minimalistische Tonsequenzen. Ohne die Vorarbeit in Stücken wie dem über 12-minütigen „The Spectacular Commodity“ hätte Michael Gira vermutlich niemanden gefunden, der mit ihm drei Töne über 20 Minuten anschwellen lässt, bis das Trommelfell blutet. Branca und seine fünf Mitstreiter nahmen The Ascension zwischen Tourdates in den USA und einem Europatrip auf – in einem „Rock“ - Studio, was den Facetten seiner Musik nur zum Teil entspricht – aber die Band war hörbar eingespielt, so dass dieses Album ein wunderbares Dokument seiner Zeit ist. Und es ist in der Tat anstrengend - ich persönlich kann den Lärm zu bestimmten Zeiten auch mal langweilig finden. Aber dann höre ich eben die Moody Blues, um mir dann wieder die Ohren von The Ascension freiblasen zu lassen.

Massacre

Killing Time


(Celluloid, 1981)

Und noch mehr davon ? Massacre war ein weiteres Trio aus dem No Wave/Free Jazz Umfeld in New York (... und hat nichts mit gleichnamigen Death-Metal Acts zu tun.... wobei....). Auch hier sind die Musiker zwar namhaft, aber nicht populär. Der britische Gitarren-Radikale Fred Frith, Drummer Fred Maher, der mit dann bald Lou Reed ebenso zusammenarbeitete wie mit Lloyd Cole und der hyperaktive Bassist/Produzent und Hansdampf in allen Gassen Bill Laswell. Ihr einziges Album Killing Time ist ein Meisterstück in Kakophonie und Dissonanz, irgendwo zwischen Punk, Noise und freiem Jazz – also mithin genau da, wo man es bei diesen Musikern vermuten würde - und es ist dabei doch irgendwie erstaunlich genießbar. Nein - nicht wie ein Album von Television oder Sonic Youth, eher wie ein Aspekt von etwas, auf das sich die oben erwähnten This Heat hätten konzentrieren könnten. Das Ergebnis ist einerseits akademisch, andererseits merkt man dem Titelstück etwa ganz deutlich den Spaß an, den Fred Frith hatte, als er auf die Saiten eindrosch, die Disziplin, mit der Laswell und Maher Rhythmus und Struktur in den Noise von „Corridor“ legen. Daß die Songs (...ja, es sind Songs) meist die 3-Minuten Grenze nicht überschreiten, dass sie tatsächlich immer wieder durch kleine Gadgets wie Bass-Flageolet-Töne, stöhnende Gitarrensounds oder das Schaben auf Saiten aufgelockert werden, dass sie im Grunde simpel, oft sogar minimalistisch bleiben, lässt mich Killing Time hier voller Begeisterung empfehlen – denn das ist ein echtes Qualitätsmerkmal. Jazz für Art-Punks, Punk für Free Jazzer.

King Crimson

Discipline


(E.G., 1981)

Und wenn ich schon mal dabei bin, passt es ja, die Brücke zu King Crimsons Wiedererweckung in Form des Albums Discipline zu schlagen. Was Robert Fripp dazu bewogen haben mag, die Band, die einen Ruf als „coole“ progressiv-Rock Formation zu verlieren hatte, neu zusammenzustellen, weiß ich nicht - und es hat mich damals auch nicht interessiert. Es könnte die Erstarkung der experimentellen Musik (im Untergrund zwar, aber das hat er sicher bemerkt...) gewesen sein, oder die Tatsache, dass er in den Jahren mit Brian Eno die richtigen Musiker gefunden hatte. Es kann auch sehr esoterische Gründe haben – Fripp spütrte laut Interviews den „Geist des scharlachroten Königs“ wieder. Aber wie gesagt – es ist egal. King Crimson hatten auf sehr hohem Niveau Pause gemacht (mit dem großartigen Album Red – 1974). Nun hatte Fripp wieder Bill Bruford als Drummer zu sich geholt, aber er hatte nun den Peter Gabriel Bassisten Tony Levin mit an Bord und als Jungbrunnen den Talking Heads/ Brian Eno Gitarristen Adrian Belew dazu geholt. Das neue Album klang wie eine Fortsetzung von Red, versetzt mit der zappeligen Energie der Talking Heads, aber dann diszipliniert durch Fripp's Sinn für Struktur und Ordnung (Discipline eben...). Oder anders: Als hätten die Talking Heads ein paar Jahre an ihren Instrumenten geübt - denn Adrian Belews Gesang klingt sehr nach David Byrne – hör' dir nur „Elephant Talk“ an – aber die Virtuosität, mit der Fripp und Belew sich gegenseitig an den Gitarren umspielen, hat mit den New Wave Meistern wiederum nichts gemein. Und auch wenn das sanfte „The Sheltering Sky“ zunächst nach einem Ausflug der Heads nach Afrika klingt, verwandelt es sich doch bald in eine runderneuerte Version der ruhigeren Sound- und Melodiecollagen King Crimson's, und das furiose „Frame by Frame“ mit seinen Auf-und-Ab Gitarrenläufen ist dann tatsächlich Progressive-Rock in modern.

Brian Eno & David Byrne

My Life in the Bush of Ghosts


(Sire, 1981)

Bei Brian Eno und David Byrne waren wir gerade, also...: Eno genoß mit Byrne (und den Talking Heads) eine so fruchtbare Zusammenarbeit, dass ein Solo-Album der Beiden irgendwie logisch war. Und dass dabei alles andere als gewöhnliche Popmusik entstehen würde, war auch klar. Tatsächlich wurden die meisten Songs von My Life in the Bush of Ghosts während der Aufnahmen zu Remain in Light aufgenommen, dem von Eno produzierten Album, bei dem Einflüsse afrikanischer Musik den wichtigsten Bestandteil im Sound der Heads bilden. Auf Bush of Ghosts... werden diese Ideen ausformuliert, verändert, und um etliche Faktoren erweitert. Das Album ist eine komplette Sound-Collage aus Radioschnipseln, den Gesängen libanesischer Bergbauern, christlichen Predigern, muslimischen Gesängen, ägyptischer Popmusik und Soundspuren eines Exorzismus-Rituals. Über all das legen Musiker wie Bill Laswell (siehe Massacre übrigens... hier hängt Alles zusammen), David Van Tieghem oder Talking Heads Bassist Chris Frantz gemeinsam mit etlichen Percussionisten einen Funk-Teppich. Dass sich daraus eine muskulöse Einheit bildet, dass es wie eine Erweiterung der Rhythmus- und Soundideen der Talking Heads klingt, ist einerseits logisch, zeigt andererseits aber auch die Meisterschaft sowohl des Visionärs Eno, wie auch des nervös-autistischen Schlaukopfes Byrne. Die beiden nahmen mit dieser Sample-Orgie unter Funk-Rhythmus etliches vorweg, was in den kommenden Jahren in der populären Musik geschehen sollte. ... Bush of Ghosts... mag heute nicht mehr so revolutionär klingen wie 1981, aber man kann sich immer noch trefflich in den Klüften und Spalten seiner Soundlandschaften verlieren.

Motörhead

No Sleep 'til Hammersmith


(Bronze, 1981)

Es wird ja immer wieder gerne der Versuch gemacht, Motörhead irgendwie zu intellektualisieren – was meiner Meinung nach völlig unnötig ist. Wenn man rohen ungezügelten Rock'n'Roll, - mit den Mitteln der Beginnenden Achtziger in völlig eigenständigem Stil hören will, dann muss No Sleep 'til Hammersmith her (Oder eines der ersten Studioalben desTrios) – und dann braucht es keine wortgewandte Rechtfertigung. Die drei Musiker um den ehemaligen Hawkwind Bassisten und Rock- Veteranen Lemmy Kilmister hatten vor Allem mit Overkill (79) und Ace o' Spades (80) phänomenale Studioalben gemacht, die genauso gerne von Black Sabbath/ Deep Purple Fans gehört wurden, wie von Fans der Sex Pistols oder The Damned (mit denen sie auf Tour waren). Letztlich aber haben Motörhead immer nur nach sich selbst geklungen. Da sind Elemente aus Heavy Metal und Punk, da ist auch der psychedelische Rock von Hawkwind, nur eben eingedampft auf seine härteste Essenz, da ist Lemmy's Stimme, die so ungekünstelt nach Suff und Proletariat klingt, nach jemandem, der noch den konsequentesten Nihilisten auslacht und da sind Songtitel, die wie definitive Parolen klingen. No Sleep 'til Hammersmith könnte man auch als schnöde Best of... der ersten Alben bezeichnen, aber die bekannten Songs sind so mitreissend gespielt, klingt so „live“, dass man gerne dabei gewesen wäre – wenn man nicht um seine Ohren fürchten müsste. Alle elf Songs sind Hits. Ob „Ace of Spades“, „Bomber“ oder „Overkill“ - egal. Alles essenziell und alles auch ein bisschen gleich.... Jaja, wie man so sagt: Im Grunde braucht man von Motörhead nur ein Album – maximal – aber dann will man doch immer noch ein bisschen mehr von dieser staunenswerten Urgewalt hören. Dies ist KEIN Heavy Metal. Es ist Motörhead.

The Gun Club

Fire Of Love


(Slash, 1981)

Das Debüt des Gun Club muß zu Zeiten von New Wave und Synth-Pop für den Charts-Hörer äußerst unzeitgemäß geklungen haben – wenn es dann von so jemandem gehört wurde. Fire of Love vermischt Rockabilly, Roots/ Blues Music und Punk zu einem Gebräu, das man heute Gothic Americana nennt, Musik, die inzwischen meist von einem berechneten Image lebt - aber auf diesem Album gibt es keine Unze Berechnung. Der Kopf der Band, Jeffrey Lee Pierce, war – nachweislich - ein Getriebener, der keine andere Wahl hatte, als diese Musik zu machen. Mit seiner Stimme zwischen unirdischem Geheul und besessenem Gesang klang er wie ein Punk, der Zynismus mit Leidenschaft vertauscht hatte, der uralte Geschichten von Sex, Mord und Drogen zu erzählen hatte. „Sex Beat“ hat einen simplen Country-Shuffle Rhythmus, nimmt aber bald rasant Tempo auf. Das durch den Blues Giganten Robert Johnson bekannte „Preachin' the Blues“ wird im Stakkato vorgetragen und mit glühender Slide angesengt. „Ghost on the Highway“ ist Punk-Blues, „For the Love of Ivy“ läßt Bilder von KKK-Ritualen in den Sümpfen der Südstaaten entstehen. Diese Art Blues war giftig und neu (oder auch uralt), und Pierce wird sich gewiss nicht gefragt haben, welches Genre er hier bediente. 20 Jahre später fragte Jack White von den White Stripes vollkommen zu Recht „..why are these songs not taught in schools?

Wipers

Youth Of America


(Park Avenue, 1981)

Die Wipers werden mir immer ein Rätsel bleiben. Ihre Songs sind episch, aber meist kurz, voller Pathos und zugleich ungemein ökonomisch – ja regelrecht sparsam. Die ersten drei Alben sind unverzichtbar, ob das Debut Is this Real ? aus dem Vorjahr oder das folgende Album Over the Edge besser ist, als Youth of America, spielt keine Rolle. Man muss alle drei haben. Aber ihre Einordnung und ihre Beliebtheit bei einem Publikum, das sich zu Hardcore oder Punk bekennt, ist ein bisschen verwunderlich. Ihre Musik mag spartanisch sein, aber Gitarrensoli... diese Hippie-Melodik...die Länge der Songs ? Wichtigster Faktor für den Sound der Wipers ist ohne Zweifel Gitarrist/ Sänger / Songwriter Greg Sage – ein Getriebener, ähnlich wie Gun Club's Jeffrey Lee Pierce – nur kompromissloser und diktatorischer als dieser. Und einer, der sich irgendeiner Szene vermutlich nicht „zuordnen“ würde. Seine Mitspieler sind im Grunde austauschbar, er definiert Alles an der Musik seiner Band. War das Debüt noch eine Sammlung kurzer, harter Songs gewesen, in Tempo und Haltung durchaus „Punk“ - so wollte Sage sich mit dem Nachfolger nach eigener Aussage bewusst von den Bands der US Punk-Szene absetzen. Ich vermute, da spielt einerseits der unbedingte Wille, sich von Nichts und Niemandem vereinnahmen lassen zu wollen eine Rolle als auch der Umstand, dass Sage mit fast 30 Jahren ganz einfach einer anderen Generation angehörte. Jedenfalls sind Stücke wie „Pushing the Extreme“ oder der über 10-minütige Titeltrack kein Punk – und ein Fast-Instrumental wie „When It's Over“ ist von Zeitgenossen wie Black Flag, den Ramones oder Dead Kennedy's meilenweit entfernt. Es ist schwer zu beschreiben, was die Wipers genau machen – sie klingen getrieben, kompromisslos, rau, aber vor Allem klingen auch sie wie keine andere Band.

The Cramps

Psychedelic Jungle


(I.R.S., 1981)

Und wenn ich die letzten beiden Alben hier hingestellt habe, darf ich dieses nicht weglassen... denn auch die Cramps haben in den sumpfigen Bereichen gewildert, in denen der Gun Club residierte. Sie waren mindestens ebenso besessen, und auf ihrem zweiten Album liehen sie sich auch noch den Gun Club Gitarristen Kid Congo Powers aus – aber sie hatten mehr Humor. Es gelang ihnen auf diesem zweiten Longplayer erneut, thrashigen Punk und Rockabilly mit Spuren von Blues und Country und stilbewußter B-Movie Attitüde zu verbinden. Einzig die Tatsache, dass sie selber das Album später als „zu konzeptionell“ - und damit als zu langsam bezeichnen würden, könnte man beklagen. Aber gerade diese Eigenschaften sprechen vielleicht auch für Psychedelic Jungle. Lux Interior und Poison Ivy waren jedenfalls immer noch die Vordenker der Band, Interior sang auch hier als würde er gleich überschnappen und Poison Ivy's Behandlung der Gitarre war einzigartig primitiv. Psychedelic Jungle ist für Cramps-Verhältnisse tatsächlich fast „ruhig“ und dadurch auch irgendwie ...psychedelisch. Sie coverten mit „Greenfuz“ oder „Goo Goo Muck“ obskursten Garage Punk aus den Sechzigern, verfielen bei „Don't Eat that Stuff on the Sidewalk“ in Zappa-eske Freak-Outs, und wurden dann bei „Rockin' Bones“ fast subtil.... aber zum Glück nur fast. Denn da gibt es noch „Caveman“ und das brilliante „The Natives Are Restless“...All you need is Rock and Roll and B-Movies, fellow cave dwellers.

















































Montag, 24. Oktober 2016

1989 - George Bush d.Ä. kommt und der Kommunismus endet - New Order bis Beastie Boys

George Bush wird Präsident der USA, und löst Ronald Reagan ab - ein Idiot wird also gegen ein Arschloch ausgetauscht. Vor Alaska havariert der Öltanker Exxon Valdez und löst die größte Ölpest in der Geschichte der Vereinigten Staaten – und damit der gesamten Welt.... bislang - aus. Irans religiöser Staatsführer Ayatolla Khomeini stirbt und im Ostblock lösen sich die Herrschaftssysteme der Kommunistischen Parteien auf. Zuerst In Ungarn, dann in Polen in der CSSR und in der UdSSR, und dann auch in der DDR müssen die kommunistischen Regimes dem Druck ihrer Bevölkerungen nachgeben und freie Wahlen zulassen und die Grenzen zum Westen öffnen. Estland, Lettland und Litauen werden selbstständig. Die Truppen der UdSSR ziehen sich aus Afghanis-tan zurück. In Rumänien wird der Diktator Nicolai Ceausescu hingerichtet und in der CSSR wird der Schriftsteller Vaclav Havel Staatspräsident. Die Demokratie hat also gesiegt? Mitnichten, gewonnen hat nur der Kapitalismus, aber das wird man dann noch sehen... Der Gameboy kommt in Japan auf den Markt. Salvatore Dali stirbt, R.E,M, bekommen einen hoch dotierten Vertrag bei einem Major. Und in der Musik beginnen Acid House und Dance ihren Einfluß auf die Rockmusik auszuweiten, Independent ist nicht mehr ganz so unabhängig, hat aber einige Highlights, Neil Young wird wieder wach, und auch Lou Reed beginnt seinen dritten Frühling, in Seattle machen sich einige Bands zum Sprung bereit, die mit Punk und Pop und Rock aufgewachsen sind, Death Metal erhebt sich aus dem modrigen Untergrund und definiert sich durch einige Klassiker, HipHop und Crossover machen sich auf den Weg in den Mainstream. Es erscheinen diverse gute Platten, die kommende Entwicklungen andeuten, aber Manches ist auch erschreckend medioker, anscheinend warten etliche ehemals Kreative auf das neue Jahrzehnt. Und natürlich gibt es wie immer haufenweise Musik, die sich elend gut verkauft, die aber richtig schlecht ist – Ich erwähne mal Milli Vanilli – oder die nicht völlig entsetzlichen Simply Red und den Mainstreamservice, den uns Phil Collins mit seinen Hitsingles bietet. Sie Alle verkaufen Unmengen von Alben, aber ich will und werde sie nicht meiner Aufmerksamkeit würdigen.

New Order

Technique


(Factory, 1989)

Während der drei Jahres Pause nach dem Vorgängeralbum hatten New Order die Sommer auf Ibiza verbracht und dort, beeinflusst von der inzwischen vor allem dort regelrecht explodierenden Dance-Szene, die Rhytmustracks zu ihrem neuen Album aufgenommen. Mit diesen als Basisi gingen sie zurück nach Manchester, und nahmen ihre bis dato optimistischste und tanzbarste LP auf. Mit Technique begruben New Order endgültig Ian Curtis und setzten sich an die Spitze der Club Szene. Ein Stimmungsumschwung der schon auf dem wieder von Factory Designer Peter Saville entworfenen Cover erkennbar wird – das erset New Order Sleeve Design, das wirklich „bunt“ zu nennen ist und die strenge Goth-Ästhetik durchbricht. Und die Musik hinter dem Cover ist tatsächlich New Order in hellsten Farben: Ihre Musik war nie wirklich kompliziert, auch zu Joy Division-Zeiten nicht, und auch danach gab es immer eine reduzierte Melodik und -mit den - ohne Curtis - manchmal fast peinlich simplen Texte von Bernard Sumner, aber gerade das passt im Konetxt von Techno und Disco doch ehrlich gesagt ganz wunderbar zur Musik, gibt ihr sogar den besonderen Kick. So ist die erste Single „Fine Time“ einer ihrer tanzbarsten Songs, zwar wie gesagt mit Wegwerf-Lyrik, aber mit einem ansteckenden Beat und einem tollen Riff. Allerdings ist der Hit soundmäßig im Vergleich zum Rest des Albums am wenigsten würdevoll gealtert. Besser klingen heute Songs wie „Round and Round“ und „Mr. Disco“, die ebenfalls den Dancefloor bedienen. Andere Songs - wie „Love Less“ oder „Run“ - hingegen haben noch das Flair bleichen Alternative-Rock's -vor Allem wegen des unnachahmlichen Bass-Drive's, der New Order immer auszeichnete und der Technique zum gelungenen Spagat zwischen Disco und Indie macht – und letztlich ist Modernität hier Mode – und die kommen und gehen... und kommen auch wieder.

The Stone Roses

s/t


(Silvertone, 1989)

Tanzbarkeit: Ende der Achtziger ist das ein immens wichtiger Faktor in der Musik, egal ob im Mainstream oder ausserhalb. Ich habe mal gelesen, dass das Debut der Stone Roses als eine Art Nevermind für Great Britain angesehen wird. Und tatsächlich entstand um diese unglückliche Band - wie zwei Jahre später um Nirvana - schnell ein gewaltiger Hype, der auch durchaus berechtigt war - jedenfalls wenn man nur dieses erste Album hört. Ihre Mischung aus dem Sound der Byrds und Rave, die wunderbar leichtfüßigen Gitarren-Chords von John Squire und die Dance-Rhythmen von Reni und Mani... dazu der coole und zugleich so britisch arrogante Gesang von Ian Brown, den sich der kleine Liam Gallagher damals sicher öfters angehört hat - und dann noch die wunderbaren Songs: Es sind die Hymnen für die aufkommende „Madchester Scene“, die die Stone Roses durch das Album und durch ihre Auftritte mit begründeten, und die Tanzbarkeit und einen gewissen „independent spirit“ in sich vereinen. Bei „Elephant Stone“ oder „She Bangs the Drum“ wird Neo-Psychedelia und Dance gepaart, „I Wanna Be Adored“ klingt zurecht herrlich arrogant, mit diesen klingelnden Gitarrenschichten ist es einfach adorable. Und wenn am Ende der LP Ian Brown „I am The Resurrection“ singt, mag er sich wie der Erlöser vorkommen, das acht-minütige Monster aus Gitarrenlärm und rollenden Rythmen aber läßt doch wirklich buchstäblich Tote auferstehen. Es ist tragisch und leider zugleich auch wenig verwunderlich, dass die Band nach diesem formidablen Debut an Vertragsquerelen aber auch an der eigenen Arroganz grandios scheiterte.

Pixies

Doolittle


(4ad, 1989)

...und um wieder auf Nirvana zurückzukommen... Nicht umsonst wurde Kurt Cobain nie müde, die Pixies als eine seiner absoluten Lieblingsbands und Black Francis seinen liebsten Songwriter zu loben. Die Pixies waren – für den der sie nicht kennt - Ein dicklicher Schreihals mit einer Vorliebe für Surf- und Punkrock, gesegnet mit einer immensen Popsensibilität und eine Backing-Band, die aus Musikern mit genug eigenem Profil für jeweils eigene Bands ausgestattet waren. Sie spielten auf den dreieinhalb Alben ihrer ersten Karrierephase Popsongs mit den Mitteln des Garagenrock und der manischen Intensität von Heilanstalts-Insassen. Natürlich landeten sie damit auch zur Zeit der Veröffentlichung dieses inzwischen schon dritten Albums keine großen Radio-Hits – das war Ende der Achtziger – vor „Smells Like Teen Spirit“ eben – noch nicht zu erwarten. Dazu waren die kommerziellen Radiostationen und MTV zu feige und zu bequem Aber sie lösten in Musikerkreisen und bei einer jungen Generation von Hörern einen Erdstoß aus, der unter anderem bis nach Seattle reichte, und der Bands wie Nirvana den Weg freisprengen sollte. Es ist schon all das versammelt, was die Musik der 90er ausmachen würde. Preziosen wie die unwiderstehlichen Singles „Here Comes Your Man“ und „Debaser“ oder der surrealen Love Song „La La Love You“. Produzent Gil Norton verlieh dem ganzen gerade genug Struktur, um den lyrischen wie soundtechnischen Irrwitz des Black Francis im Zaum zu halten. Songs wie „Monkey Gone to Heaven“ machte die Pixies zu Underground-Helden und Doolittle zu einer der besten LP's dieses Jahres. Aber es zeigte auch die Probleme auf, an der die Pixies letztlich scheitern sollten: Nur bei einem Song noch („Sliver“) bekam die Bssistin Kim Deal einen Credit. Der Rest war vom Diktator Black Francis befohlen. Bald würde die Band am Egoismus Franci' zerbrechen und auch in ihrer zweiten Inkarnation 25 Jahre später nicht mehr an diese Zeit anknüpfen können. In Seattle allerdings gab es einen jungen Mann, der ganz genau zugehört hatte.

Nirvana

Bleach


(Sub Pop, 1989)

..Genau: In Seattle gab es einen gewissen Kurt Cobain, einen jungen, ein bisschen disfunktionalen, aber ehrgeizigen Musiker, der sich die furchtlose Vermischung von Pop, Punk und Wahnsinn bei den Pixies genau angehört hatte und der in den letzten Jahren ein kleines Trio um sich versammelt hatte – noch mit vakantem Platz am Schlagzeug, aber mit einem freundlichen Riesen als Bassisten. Und dieser Typ hatte natürlich auch bei den Beatles und bei The Clash und den Stooges und bei seinen Kumpels von den Melvins zugehört... Kurt Cobain's Inspirationen sind „musically correct“ in höchstem Maße. Und seine Musik mag beeinflusst sein von Anderen – wie soll es zu Beginn der Neunziger – also nach 25 Jahren Rockmusik auch anders sein - sie war aber auch immer seine eigene Vision. Das Debut von Nirvana wurde für gerade mal 600 $ vom Indie-Produzenten Jack Endino in ein paar Tagen aufgenommen, was Cobain's Ethos entsprach, und man sollte es einfach NICHT vergleichen mit Nevermind, DEM Mega-Seller und Markstein des Alternative-Rock.. In gewisser Weise spiegelt Bleach viel stärker die Vorstellung von Musik wieder, die Nirvana Zeit ihrer Existenz hatten, und ist ganz nebenbei weit näher an der Atmosphäre ihrer Live-Auftritte. Bassist Krist Novolesic war wie oben angedeutet (bis zuletzt) Cobain's engster Vertrauter, an den Drums half bei diesem Album noch Melvins-Schalgzeuger Dale Crover aus, Dave Grohl sollte erst einige Monate später zu der Band stossen. Es wäre sicher interessant, sich vorzustellen, die Produktion wäre ähnlich „kommerziell“ wie beim Nachfolger (diese Anführungszeichen sind sehr ernst gemeint, Nevermind ist meiner Meinung nach auch nie „kommerziell“ gemeint gewesen). Die meisten Songs sind nicht weniger von Pop geprägt, als der Über-Hit und Durchbruch „Smells Like Teen Spirit“. „About a Girl“ etwa hat durchaus schon die Qualitäten der Songs des kommenden Albums, genauso wie der Opener „Blew“ oder das Cover „Love Buzz“. Manchmal versinkt das Album im „Sludge“ (= Schlamm) - und das war genauso gewollt - aber selbst Monster wie „Paper Cuts“ haben ihre Qualität. Dass Bleach erst im Gefolge des Nevermind -Erfolges zum Big Seller werden sollte ist berechtigt. Es ist nicht so (gut) wie Nevermind, aber andere Bands hätten auf solch einem Album eine Karriere aufgebaut. Was Nirvana letztlich ja auch taten. Zunächst aber war dem Album nur ein moderater Erfolg für ein Indie-Debutalbum beschieden... oder besser: Noch hat keiner was bemerkt.

The Cure

Disintegration


(Fiction, 1989)

Was haben The Cure in den 80ern nicht für Meisterwerke abgeliefert. Schon ihr zweites Album – Seventeen Seconds – ist ein Klassiker. Die nachfolgenden Alben gehören zum Sound der Achtziger und sind zugleich extrem eigenständig. Es gibt kaum eine Band, die klingt wie The Cure. Manche lehnen sich an deren Sound an, aber die Paarung von Gothic, New Wave und Pop-Elementen mit dem eigenartigen Klang von Robert Smith's Stimme ist einzigartig. Und irgendwie schaffte Robert Smith es in diesen Jahren immer wieder, neue Facetten seiner Vorstellung von Popmusik zu zeigen. Disintegration ist zu gleichen Teilen aus der Düsternis von Faith und der Experimentierlust auf Kiss Me, Kiss Me... zusammengesetzt, die verwaschene Synthesizer und Keyboardsounds unterlegen die Songs mit einem Gefühl der Erhabenheit, Bass und Schlagzeug treiben die Melodie an, und Smith singt zutiefst persönliche Texte, die aber zugleich von universellen Sehnsüchten und Ängsten handeln könnten. Bei den Aufnahmen war Bandmitglied Simon Tolhurst zwar zugegen, aber meistens betrunken. Der Musik und ihrer Qualität tat dies keinen Abbruch. Wieder einmal schrieb Smith einige unsterbliche Popsongs - wie etwa das klaustrophobe „Lullabye“ oder den schon fast zu romantischen „Lovesong“. Natürlich ist das Musik, die hauptsächlich auf die Emotionen zielt – wie The Cure es von Beginn an spielten, und es ist zugleich perfekte Pop-Musik – mit einem ganz eigenen Sound. Disintegration ist ein weiteres Meisterwerk von The Cure und eines der ganz großen Alben der Achtziger – und es ist zeitlos geblieben – wie man das bei wirklich guter Popmusik manchmal findet..

Galaxie 500

On Fire


(Rough Trade, 1989)

Galaxie 500 sind eine der Bands, die man keiner Zeit zuordnen kann. Natürlich gibt es im Sound, in der Produktion ihrer drei Alben gewisse Hinweise auf die End-Achtziger/ beginnenden Neunziger, aber zu dieser Zeit gab es meiner Meinung nach - natürlich auch Dank der Fähigkeiten des Produzenten Kramer - bei manchen Alben wieder eine gewisse Neutralität in Produktion und Sound – was der Musik bis heute gut tut. Die New Yorker Band um Songwriter Dean Wareham stand aber auch in scharfem Kontrast zu anderen Acts aus ihrer Stadt – war nicht so abgeklärt und urban wie Lou Reed etwa, sondern klang eher nach introvertierter Melancholie und warmem Sonnenuntergang am Pazifik Sie mögen dem Noise-Rock Sonic Youth's und der Swans ein paar Gitarrentöne zu verdanken haben, aber der Bezug zur psychedelischen Musik der Sechziger ist weit deutlicher. Aber genug der Vergleiche – denn die haben Galaxie 500 wahrlich nicht nötig. Ihr zweites Album (von drei gleichwertigen übrigens...) erschafft seine ganz eigene Atmosphäre aus surrealen Slacker-Lyrics, slow-motion Gitarren - einen monochromen Sound, der zu jeder Zeit einzigartig bleiben würde. Wareham's Vorbilder mögen erkennbar sein, aber seine zurückhaltende Stimme klingt immer ein bisschen verschnupft aus dem Off, und das Rhythmus Gespann aus Naomi Yang (b) und Damon Krukowski (dr) spielt zwar unauffällig, aber ungeheuer melodisch und einfallsreich. Die Musik erzeugt eine Stimmung von positivem Fatalismus und sie bekommt Dank Wareham's simplem aber einfallsreichem Gitarrenspiel immer im rechten Moment eine Dosis Spannung verpasst. Am Ende des Albums wird mit „Isn't It a Pity“ George Harrison gecovert – ein Verwandter im Geiste vermutlich. Hier fügt Produzent Mark Kramer sein „cheap organ“ hinzu, anderswo hilft Tom Waits' Trompeter Ralph Carney aus, aber all das haben die Songs nicht unbedingt nötig. Für On Fire mag ich keine Highlights benennen können, dafür aber bewegt sich die Musik durchgehend ganz unauffällig auf extrem hohem Niveau. In den vier Jahren ihrer Existenz haben Galaxie 500 ganz nebenbei dreimal die perfekte Quintessenz psychedelischer Musik auf Vinyl gepresst. Dass sie inzwischen als Klassiker gelten, geschah völlig zu Recht. Produzent Mark Kramer sollte ein paar Jahre später die Slowcore Könige Low entdecken, eine von vielen Bands, deren Musik von ganz klar Galaxie 500 beeinflusst ist.

The Blue Nile

Hats


(Linn, 1989)

Gerade habe ich noch über den etwas zeitloseren Sound in der Populärmusik berichtet, der Ende der Achtziger langsam wieder einzukehren scheint. Der Sound von Blue Nile, insbesondere die Art der Produktion von Drums und Synthesizern auf ihren beiden wunderbaren Alben A Walk Across the Rooftops und Hats allerdings ist massiv den modischen Prinzipien der Achtziger ausgesetzt, ist sehr „Eighties“ und somit modisch im schlechteren Sinne - aber das Songwriting und die Themen der Songs, genauso wie Paul Buchanan's Stimme sind von zeitloser Güte. Hats ist ein weiteres Album voller verzweifelter Hoffnung und vergeblichem Begehren, das es trotzdem schafft, nie düster zu klingen. „Let's Go Out Tonight“ und „Downtown Lights“ ragen heraus, aber jeder einzelne der gearde mal sieben Songs hier ist ein essentielles Beispiel für außerordentlich kunstvoll konstruierte Musik. Die Präzision, mit der die Band arbeitete – sie brauchten nicht umsonst ganze fünf Jahre, um den Nachfolger zum formidablen Vorgänger A Walk Across the Rooftops zu erschaffen – ist aus jeder Note, jeder Melodie und jedem Beat herauszuhören. Die Songs haben cineastische Qualität, ohne je zu ausladend zu werden. Bilder werden angedeutet, eine suggestive Atmosphäre dazu erschaffen und der Rest spielt sich im Kopf des Hörers ab. Es sind Bilder von nächtlichen Bars, glitzernden Skylines, Subways und Neon-Laternen, die entstehen, unter denen der Protagonist voller melancholischer Erinnerungen nach Hause schlendert. Es ist eine Atmosphäre, wie sie Frank Sinatra für seine Generation 25 Jahre zuvor mit In the Wee Small Hours so perfekt erschuf. Die beiden ersten Alben von Blue Nile sind unverzichtbare Klassiker der „sophisticated“ Popmusik, und die Frage, ob sie in zeitloserem Klanggewand besser geklungen hätten, ist lediglich akademisch.

Neil Young

Freedom


(Reprise, 1989)

Neil Young hatte in den 80ern zwar einige wirklich schlechte Platten aufgenommen, aber ab Life (1987) hatte die Formkurve aufwärts gezeigt, und This Note's For You vom Vorjahr war zwar ein etwas unbehauenes und unbeholfenes Experiment in Blues, aber auch da waren einige Lichtblicke dabei gewesen. Den Return to Form auf Freedom hätte man allerdings dann doch nicht erwartet (Ganz nebenbei - dasselbe gilt für Lou Reed, der in diesem Jahr 1989 mit New York ein ebenso überraschendes kreatives Comeback hatte, das hier genauso einen Platz verdient hätte...). Young jedenfalls hatte auf seinem neuen Album gleich mehrere Stücke für die Ewigkeit ! Da ist das Straßenepos „Crime in the City“ mit tollen Lyrics, das rührselige, aber sooo schöne „Wrecking Ball“ die Mariachi Ballade „Eldorado“, und gleich zweimal „Keep on Rockin' in the Free World“ (wie auf Tonight's the Night einmal akustisch und einmal elektrisch und wie diese bald ein Live-Favorit) und das fatalistische „No More“. Es gab auch ein paar Filler, mehr als man einem Musiker von Young's Statur eigentlich zugestehen sollte, aber dann gab er einige ziemlich konfuse Konzerte, taumelte durch's eigene Repertoire, hatte dabei immer mehr magische Momente, trug dieselben Hemden, wie die aufkommende Generation Grunge, und der Gedanke erschien auf einmal doch nicht mehr so abwegig, dass einer (oder zwei - siehe oben) der Helden der 60er und 70er doch noch etwas zu sagen haben könnte.

Morbid Angel

Altars Of Madness

(Earache, 1989)

Wenige Alben waren für die Entwicklung des Death Metal – und somit für Metal oder sogar extreme Musik an sich - so wichtig wie Altars of Madness. Morbid Angel setzten neben Chuck Schuldiners' Band Death mit High Speed Riffs, komplexen Song-Strukturen und den chaotischen Soli von Trey Azagthoth einen Standard, dem bald haufenweise anderer Bands nacheifern würden. Die Texte von Sänger David Vincent und Azagthoth wurden aufgrund ihrer satanistischer Thematik als extrem provokant angesehen (dabei sind sie inzwischen - nach Black Metal - höchstens „Standard“...), und sie waren so eindeutig, dass niemand sie als Pose mißverstehen konnte – was zur erhofften Empörung in den Metal-Magazinen führte... David Vincents Stimme (das sog „Growlen“) klang auf diesem Album noch „höher“ als auf den folgenden Werken, was neben den kontroversen Inhalten der Lyrics ein weiterer Grund sein mag, warum die skandinavische Black Metal Szene der 90er explizit dieses Album von Morbid Angel als Vorbild bezeichneten. Im Sound gab es noch reichlich Thrash-Elemente, was die Band seltsamerweise immer leugnete, aber Altars of Madness ist in allen Belangen zweifellos und eindeutig Death-Metal (somit ein Kind des Thrash...) und hat mit „Chapel of Ghouls“ mindestens einen Klassiker des Genres an Bord. Und auch wenn das Album im Vergleich zu den folgenden Werken amateurhaft aufgenommen war, ist es eines der einflussreichsten Metal Alben der 80er – und somit eines der einflussreichsten Alben der populären Musik.

 De La Soul

3 Feet High And Rising


(Tommy Boy, 1989)

3 Feet High and Rising ist mit Sicherheit bis heute eine der einflussreichsten und einfallsreichsten Platten des HipHop, und eine der innovativsten und positivsten ihrer Zeit. De La Soul erfanden mit diesem Album eine Art des HipHop, der sich nicht mit den üblichen Street- und Gewalt Themen sondern mit Liebe, Spaß und ihrer „Daisy Age“ Philosophie befasste. Sie stellten sich nicht einfach nur zum Kampf gegen zu dieser Zeit angesagte Acts wie Public Enemy oder Boogie Down Productions, sie wollten aufzeigen, dass es auch positive Seiten im Leben gibt, wollten etwas positives gegen die Gangsta Attitüde setzen und ihre Leute auf ihre afrikanischen Wurzeln hinweisen. Und dabei entstand nicht einfach HipHop, sondern eine Art Pop, der Samples aus ganz anderen Quellen als den im HipHop üblichen verwandte. Steely Dan, Johnny Cash, Hall & Oates und die Turtles werden gesamplet, bei „Pothouse in my Lawn“ erklingt eine Mouthharp und Country-Yodeling (im Chorus!), die Texte handeln ´von der wahren Liebe („Eye Know“) oder mahnen vor den üblen Folgen von Drogenmissbrauch („Say No Go“). Der größte Hit „Me, Myself and I“ ist purer, selbstbewusster Spaß und die ganze Musik ist mit ihren Verweisen auf andere Künstler und hintergründigen In-Jokes fast so etwas wie eine DJ-Platte, die mit Spaß mehr zu tun hat als mit hartem Ghetto-Alltag. Die Rhymes sind flüssig und so ungeheuer positiv aufgeladen wie man es zuvor nicht kannte. De La Soul waren in dieser Hinsicht die Ersten und definierten ein ganzes Genre – und das über eine erstaunlich lange Zeit. Letztlich klang und klingt bis heute kein Album so wie dieses.

Beastie Boys

Paul's Boutique


(Grand Royal, 1989)

Und hier die zweite große HipHop LP des Jahres 1989. Ebenso genre definig wie 3 Feet High... , sicher etwas weniger intellektuell, mehr Spaß um des Spaßes willen. Die Beatsie Boys hatten schon mit dem Vorgänger Licensed to Ill und dem Party Hit „Fight for Your Right..“ genau das gemacht: Party Rap, aber mit Paul's Boutique machten die drei weißen B-Boys aus Broolkyn nun das definitive Statement für diese Art von HipHop. Sie sampeln die Geräusche aus der Nachbarschaft des dubiosen Ladens "Pauls Boutique", grölen zu dem von den Dust Brothers immens geschickt verwickelten Soundsalat, machen Frauen an, geraten in Gangscharmützel und erzählen von allem Möglichen. Irgendwie gelang es ihnen damit, Punk und HipHop zu einem ziemlich eigenen Gebräu zu vermischen, einem das keine andere Crew je nachkochen konnte oder wollte. Und es ist eben nicht nur die Tatsache, dass das Wild-durch-die-Gegend sampeln in zwei Jahren aufgrund von „urheberrechtlichen“ Regelungen nicht mehr möglich sein würde, die es zu einer festzemetierten Tatsache macht, daß dieses definitive Statement nie adäquat wiederholt werden konnte. So wie die Beastie Boys 1989 klangen, könnte auch heute niemand mehr klingen. Dieses Album ist - genau wie 3 Feet High.. - ein Schnappschuss aus der Zeit, als HipHop wirklich spannend und neu war...