Dienstag, 18. Oktober 2016

2006 - Religiöse Konflikte, Wetter-Extreme und Saddam's Ende - Joanna Newsom bis Natural Snow Buildings

Im Iran und Irak, in Israel, im ganzen Nahen Osten ist die politische und gesellschaftlich/religiöse Situation enorm angespannt. 2006 ist das Jahr, in dem jeder gegen jeden irgendeinen Kampf ausficht, das Jahr, in dem die meisten Journalisten in Ausübung ihres Berufes umkommen und ein weiteres Jahr in dem Hunderte durch politisch und religiös motivierte Selbstmordattentate sterben müssen und in dem in der westlichen Welt diverse Attentatsversuche vereitelt werden. Derweil ziehen sich immer mehr Länder aus dem Irak-Krieg zurück. Die Akzeptanz für diesen Krieg sinkt und sinkt. Am Ende des Jahres wird Saddam Hussein, der ehemalige Staatschef des Irak hingerichtet. Die Stimmung zwischen konservativen Moslems und weniger religiösen Menschen wird weltweit immer schlechter, insbesondere alberne Mohammed-Karikaturen in europäischen Zeitungen führen zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, die Fundamentalisten verstehen da keinen Spaß. Und die klimatischen Verhältnisse werden weltweit merklich immer schlechter – es kommt zu Extrem-Wetter Katastrophen durch Stürme und Schneeschmelzen (Elbhochwasser in Deutschland, Hitze-Notstand in New York) – eine Entwicklung, die sich schon seit Jahren fortsetzt. Die weltpolitische Lage ist durch all diese Entwicklungen äußerst unruhig. In diesem Jahr sterben der legendäre Ex-Pink Floyd Musiker Syd Barrett und Arthur Lee (von Love). Musikalische Highlights gibt es auch in diesem Jahr aus allen möglichen Genres: Ob Folk, Post Punk, elektronische Musik, Metal, Post Rock, Screamo, klassische Singer/Songwriter.... Da sind die Alben von Joanna Newsom, Brand New, Burial, da ist der enorm erfolgreiche Retro-Soul von Amy Winehouse, das Debüt der durch das Web bekannt gewordenen Arctic Monkeys etc. Aber wirklich innovativ ist mal wieder kaum jemand. Gute Musik zuhauf, und meine persönlichen Favoriten sind die Alben von Rachel Unthank und ihrer Folk-Familie, von Joanna Newsom und Corrina Repp. Folk von Frauen in verschiedenen Varianten... und ein stundenlanges Folk/Drone Monster von den obskuren aber majestätischen Natural Snow Buildings. Und welche Musik missfällt mir ? Ich mag die Scissor Sisters nicht, deren „I Don't Feel Like Dancin'“ aber auch irgendwie gut ist, ich kann immer noch nichts mit Rihanna oder Nelly Furtado anfangen, deren Musik mir einfach ZU geplant ist – genau wie die von Justin Timberlake, den toll zu finden irgendwie hip zu sein scheint. Aber ganz schlimm ist der Erfolg von James Blunt dem singenden Soldaten mit Quäkstimme, oder etwa der Teen-Pop-Hype um Tokio Hotel. Also, Nichts mehr davon, sondern lieber....

Joanna Newsom

Ys


(Drag City, 2006)

Als Ys 2006 herauskam, wurde es sofort und einhellig als DAS Ereignis des Jahres gefeiert. Joanna Newsom hatte schon zwei Jahre zuvor mit The Milk-Eyed Mender ein ungewöhnliches und auch ungewöhnlich schönes Album gemacht, eines, das sicher – insbesondere wegen ihrer Stimme - polarisierte, dessen schiere Musikalität aber selbst der größte Verächter ihrer gewöhnungsbedürftigen Stimme nicht verleugnen konnten. Dass sie aus einer Hippie-Famile stammte, dass sie Harfe spielte und eine durchaus elfenhafte Schönheit besaß – all das trug natürlich dazu bei, dass man neugierig war, was als nächstes kommen würde. Und dann hatte auch noch der weise alte Van Dyke Parks seine Hände beim neuen Album im Spiel, ebenso wie die Indie Koryphäen Steve Albini und Jim O'Rourke - und Bill Callahan (Smog) war dabei, der Leonard Cohen der Internet-Generation ! Ys musste zwingend gut und vor allem ungewöhnlich werden. Es ist für sich alleine gesehen schon keine geringe Leistung, dass diese Erwartungen erfüllt wurden. „Ys“ ist der Name einer Stadt in der Bretagne, deren Reichtum so legendär war, wie die Schönheit ihrer Königstochter, und die dann vom Ozean verschlungen wurde – und unter solch bedeutsamen Mythen macht Joanna Newsom es auch nicht. Aber die Texte behandeln nicht einfach nur Märchenhaftes, sie schicken den Hörer natürlich in Phantasiewelten, kehren dann aber erfreulicherweise doch immer wieder auf die Erde zurück, lassen Spielraum für Imagination und Interpretation (was man ihnen auch vorwerfen mag...) und sind vielleicht auch einfach nur vokaler Hintergrund, der sich einem klaren Konzept unterwerfen soll. Das Album ist ein Gesamtkunstwerk, das durch seine Individualität besticht. Und wer sich auf den Reiz der Stimme von Joanna Newsom und ihr klassisches Harfenspiel einlässt, das so delikat von Van Dyke Parks Orchestrierungen untermalt wird, der kann die Klasse von Ys nicht mehr leugnen. Natürlich ist die musikalische Ausführung superb, Alles wird bis ins Detail ausgeschmückt - das Cover des Albums ist nicht nur in dieser Hinsicht bezeichnend - „Only Skin“ mit seine fast 17 Minuten Dauer mag manchem zuviel sein, das ganze Album ist sehr barock, mit seinen Varianten und Veränderungen in der Textur, mit seinen ruhigen und dann wieder voluminösen Passagen, das Songwriting ist versponnen – aber wer hätte unter solchen Voraussetzungen etwas anderes erwartet ? Der 12- minütige Eröffnungstrack „Emily“ mit dem fast erschreckend abrupten Vocal-Einsatz ihrer Stimme und mit Texten, die zwischen Fantasiebildern und Konkretem wechseln ist bezeichnend für das ganze Album: "That the meteorite is a source of the light, and the meteor's just what we see... You came and laid a cold compress upon the mess I'm in. Threw the windows wide and cried, 'Amen, Amen, Amen...'" Tatsache ist, es ist eines diese unerklärlichen Alben in der Tradition etwa von Van Morrison's Astral Weeks oder Robert Wyatts Rock Bottom - Ausdruck purer Individualität und nur in seiner Ganzheit verständlich. Kein Wunder, dass es in fast allen Publikationen abgefeiert wurde. Es ist ein Meisterwerk im klassischen Sinne.

Amy Winehouse

Back To Black


(Island, 2006)

Ob Musik einen künstlerischen Anspruch erfüllen kann, und zugleich kommerziell extrem erfolgreich sein kann? Es gibt etliche Beispiele dafür, und mich hat solch ein Erfolg dann immer eher gefreut, als Zweifel an so etwas diffusem wie „Glaubwürdigkeit" zu erwecken. In den 00er Jahren war das zweite Album der Soul-Sängerin Amy Winehouse eines dieser kommerziell erfolgreichen Exemplare mit großen Qualitäten. Back to Black ist einerseits altmodisch – mit einem Vintage-Sound, mit einer Soul-Stimme, die sich an Vorbilder aus den 60ern, an altem Reggae/Ska und am Sound der Girl-Groups der Mitt-Sechziger orientiert - und die Hochleistungs-R&B-Sängerinnen der 80er und 90er komplett ignoriert. Ein Album mit Songs, die so sehr nach altem Soul/Ska/Rhythm 'n Blues klingen, dass man vermuten möchte, sie entstammen den Federn altvorderer Songwriter – was man allein schon als Kunststück bezeichnen könnte. Zumal die Vermischung der Einflüsse so mühelos gelingt und in so hitparadentauglicher Form ausgeführt wird, dass gar nicht auffällt, dass hier bislang disparate Elemente in eine ganz neue Form gegossen werden. Und all das funktioniert vor Allem, weil Amy Winehouse's Stimme mit einer unglaublichen Mühelosigkeit alle erforderlichen Emotionen aufruft, ohne technisch zu klingen und so an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Die Hitsingle „Rehab“ war wirklich nicht erst im Nachhinein nachvollziehbar, die Frau, die sich bei „Love Is a Loosing Game“ selber aufgibt, konnte man sich auch vor Bekanntwerden von Amy's katastrophaler Beziehung zu ihrem zeitweisen Ehemann/Drogenlieferanten vorstellen. Und die Stärke und Coolness, die sie bei „Tears Dry on Their Own“ besang, hätte man ihr im Nachhinein gewünscht – 2006 dachte man noch, sie stünde vor einer großen Karriere. Back to Black ist ein Album mit fantastischen Songs, postmodern und geschmackvoll, stylish, voller Versprechen auf Mehr - und der jahrelange Niedergang der so entsetzlich öffentlichen Person Amy Winehouse ändert nicht das Geringste an seiner Qualität. Sie starb dann zuletzt zu Niemandes Überraschung im Jahr 2011 ohne die Versprechen einlösen zu können. Um zu erkennen wie traurig das ist, muss man nur noch einmal zuhören... und noch einmal... und noch einmal...

Burial

s/t


(Hyperdub, 2006)

Was elektronische Musik leisten kann ? In den 00er Jahren kann sie schon lange die gleichen emotionalen Extreme anrühren, die früher nur mit Hilfe von Stimme und Gitarre erreicht wurden. Dabei haben Dubstep oder dessen Weiterentwicklung Future Garage ihre Wurzeln im Techno, in Musik mithin, die ausdrücklich Emotionen aussparen will. Und Burial (das Alias, hinter dem sich der Brite William Emmanuel Bevan verbirgt) hat auch – entgegen dem Prinzip der meisten elektronischen Musik – seinen völlig eigenen Stil – ob soundmäßig, oder ob bezüglich seiner Corporate Identity incl. sich gleichenden Sleeves etlicher formidabler EP's. Das erste „Album“ - nach einer wundervollen EP titels South London Boroughs aus 2005 – ist der düstere Soundtrack zu einer Fahrt durch die kalten Industrie-Vororte und die Slums einer dystopischen London. Vocals werden nur noch als kurze Cut-Up Samples eingesetzt, Sirenen, Regentropfen, dazu bass-schwere, gedubbte Sounds, die sich in den Magen graben. Darüber gehetzte Rhythmen, Melodiefragmente, die dem Album gerade genug Zugänglichkeit heben, dass man nicht verzweifelt, Wie ein einzelner Mensch so viele Ideen, so viele Sounds zu einem kohärenten Ganzen verbinden kann, ohne einmal den Faden zu verlieren, bleibt mir ein Rätsel. Bevan/Burial muss wohl ein Genie sein. Und es gibt auch echte Schönheit - „Forgive“ zum Beispiel ist fast schmerzhaft schön – erinnert in seinem Minimalismus an Eno und besten TripHop zugleich. Burial ist zweifellos ein Meilenstein, der aber nur erster (bzw. zweiter) Schritt auf einem langen Weg – siehe Untrue im folgenden Jahr etc pp... Kein Wunder, dass das schlaue Wire Magazin dieses Album als bestes 2006 auswählte.

The Knife

Silent Shout


(Rabid/V2, 2006)

The Knife direkt nach Burial – das ist mitnichten zu viel elektronische Musik. Zum Einen besteht im neuen Jahrtausend ein großer Teil der interessanten Musik aus elektronisch erzeugten Klängen – was zum Zweiten darauf hinweist, wie breit das Spektrum dieser Klänge ist. Die schwedischen Geschwister Karin Dreijer Andersson und Olof Dreijer machten schon seit 1999 zusammen Musik – Synth-Pop, wenn man es so einfach bezeichnen will. So lange mithin, dass sie 2006 schon aus einem reichen Fundus aus selbst entwickelten Sounds schöpfen können – einen eigenen Stil entwickelt haben, der – siehe Burial – auf seltsame Weise hoch emotionale und zugleich kalte Musik entstehen lässt. Sie sind Herren ihres eigenen Labels – Rabid – haben eine gewisse Reputation, die sich mit Silent Shout massiv vergrößert und sie können „Songs“ schreiben: Da ist zum Beispiel „Like a Pen“ - eine 80er Synth-Pop Ode ins neue Jahrtausend gebeamt, da ist das hüpfende Titelstück, modernistisch und zeitlos zugleich, da ist „We Share Our Mothers Health“, klinisch und lebendig - und das sind nur die drei Singles. Da sind Album-Tracks wie das seltsam beruhigende „From Off to On“ in all seiner minimalistischen Schönheit oder „Forest Families“ mit perfekten Vocals von Karin Dreijer – ein Vorgriff auf ihr Fever Ray Album. The Knife machen Pop-Musik, sie versuchen nicht gewollt intellektuell zu klingen, Silent Shout ist nicht bewusst Avantgarde – und weil das Album so ungewöhnlich klingt, ist es natürlich in hohem Maße avantgardistisch – obwohl die Sounds durchaus auch nach Synth Pop aus den 80ern klingt. Und damit nehmen sie schon die Musik des kommenden Jahrzehnts vorweg. Kein Wunder also, dass Silent Shout von allen Wissenden abgefeiert wurde.

Liars

Drum's Not Dead


(Mute, 2006)

Die Liars: Ein New Yorker Avantgarde-Trio, das mit seinem Debut scheinbar auf der Post-Post-Punk Welle der frühen 00er Jahre mitschwamm, den Part von Gang of Four übernahm, aber beim zweiten Album einen überraschenden Schritt Richtung tribalistischer Hexen-Mythen machte und nun – nach Berlin ging, um in den alten Ost-Berliner Planet Roc Studios ihr drittes Album Drum's Not Dead aufzunehmen. Auch dieses Album hat ein Konzept, das aber etwas rätselhaft ist. Laut Wikipedia sind „Drum“ und „Mount Heart Attack“ zwei fiktionale Charaktere die sich wie Yin und Yang gegenüberstehen, Drum ist die Kreativität, Mount Heart Attack die Destruktion... irgendwie ist es egal, denn die Musik die dabei herauskommt - zugleich elektronisch, symphonisch und von bis ins Mark gehenden Rhythmen angetrieben - entschädigt für den schwer verständlichen Hintergrund. Bei den Aufnahmen im ehemaligen Ost-Studio wurden die verschiedenen Räume und ihre jeweils spezielle Akustik genutzt, um für jeden Song eine eigene Atmosphären zu schaffen und die Songs sind extrem rhythmisch – ja, der Rhythmus - „Drum“ eben – ist das prägende Element. Dazu kommen verzerrte Gitarren, Angus Andrews unirdischer Falsett-Gesang, Drones und immer wieder Tribal-Rhythmen – alles Elemente, die man natürlich mal hier mal dort gehört haben mag, die aber so zusammengesetzt sind, dass sie ein völlig neues, unterschwellig bedrohliches Ganzes bilden. Der Opener „Be Quiet, Mr. Heart Attack“ wird von vielen als bester Song der Liars bezeichnet, für mich steht das komplette Album als Manifest wie ein großer Felsklotz in der musikalischen Landschaft. Um es zu beschreiben, will ich mal vergleichen: Radiohead ohne Prätention, Sonic Youth im neuen Jahrtausend, Gang of Four aus dem Urwald... und all das trifft es nicht genau. Man höre einfach den Drone bei „Hold You, Drum“, man beachte, wie perfekt der Closer „The Other Side of Mr. Heart Attack“ klingt... Es ist ein schwieriges, aber ein lohnendes Album. Lustiges Faktum am Rande: Das vorherige, zweite Album der New Yorker Liars - They Were Wrong, So We Drowned – erhielt 2004 sehr gemischte Reaktionen - aber nach diesem Meisterwerk wurde es offenbar auf einmal verstanden.

J Dilla

Donuts


(Stones Throw, 2006)

J Dilla, Jay Dee, James Yancey, in seiner kurzen Karriere arbeitete dieser Produzent unter verschiedenen Namen, den Moniker Jay Dee änderte er zuletzt in J Dilla, um Verwechslungen auszuschließen. Egal, er war jedenfalls einer der einflussreichsten HipHop Produzenten, die Liste seiner „Klienten“ liest sich wie ein Who's Who des Neo Soul/HipHop: Erykah Badu, Roots, D'Angelo, Common, Pharcyde, DeLa Soul, A Tribe Called Quest, Madlib etc pp... und er war vor Allem Innovator. Donuts nahm der vier Jahre zuvor mit dem Moschcowitz-Syndrom – einer seltenen Bluterkrankung - diagnostizierte J Dilla hauptsächlich im Krankenhaus mit einem Boss SP 303 Sampler und einem kleinen Plattenspieler auf. Es ist ein Instrumental-Album mit 31 Tracks, die eine beeindruckende Show seiner Fähigkeiten darstellen, das aus den diversesten Sounds und Tonschnipseln etwas komplett Eigenes und vor Allem Neues zusammensetzt. Es gibt Samples von Old School R&B, Soul, Zappa, Kool & the Gang, Supremes, Temptations etc, und er lässt diese Samples sich überlagern, verfremdet sie, verlangsamt, legt Beats darüber, erschafft wie ein Free- Jazz Musiker Schichten aus Sounds und macht dadurch etwas bis dahin unerhörtes Neues. Das Album ist wegen seiner Dichte an Ideen anstrengend, es ist tatsächlich so, als würde man einem extrem talentierten DJ dabei zuhören, wie er die von ihm geliebte Musik auf einem einzigen Album zusammenfasst. Und letztlich ist Donuts ja auch genau das. Dass er 31 Tracks von maximal 90 Sekunden Laufzeit zusammenstellte, und dass er selber gerade mal 31 Jahre alt wurde, dürfte geplant gewesen sein. Ihm war wohl klar, dass er bald sterben würde - und drei Tage nach dem Release des Albums starb Yancey tatsächlich. Donuts wurde zum Vermächtnis, das von etlichen Künstlern zitiert – und auch benutzt – wurde. Das wiederum war gewiss auch in seinem Sinne.

Brand New

The Devil and God Are Raging Inside Me


(Interscope, 2006)

Achtung ! Jetzt kommt Emo - und das heißt, der Sänger jammert, er fühlt sich von Allen missverstanden, denkt an Selbstmord, trägt vermutlich meist Schwarz und hat die Haare vor'm Gesicht – soviel zum Klischee, das sich zunächst aufdrängt (zumindest seinerzeit), wenn man sich The Devil and God... erstmals anhört. Aber dieses Album ist kaum im Emotional Hardcore verwurzelt, die Vorbilder heißen eher R.E.M. oder Modest Mouse - und man beachte: Tiefe Emotionen waren immer Voraussetzung für großer Musik. Dass es zu dieser Zeit – Mitte der 00er Jahre – eine Welle von Bands gab, die Indie-Rock mit desperaten Lyrics machten, die mit einem Image auftraten, das Elemente aus Gothic, New Romatic und vielleicht auch ein bisschen Hardcore verbanden – und dass dabei unter genau diesem Etikett Bands wie Fall Out Boy bei einem sehr jungen Publikum Erfolg hatten, hat dazu geführt, dass eine ganze Stilrichtung diskreditiert wurde (Dabei haben im Pop doch immer die jungen Leute verstanden...?). Aber vielleicht kann man mit einem gewissen zeitlichen Abstand eine Band wie Brand New nun mit offeneren Ohren hören. Sänger/ Gitarrist und Songwriter Jesse Lacey jedenfalls weiss genug über kluges Songwriting, über Dynamik und Spannungsbögen, um Songs zu schreiben, die zeitlos im besten Sinne des Wortes sind. Schon das vorherige Album Deja Entendu (2003) war beachtlich gewesen, The Devil... ist nahezu perfekt. Dass die Musiker zur Zeit der Aufnahmen vom Tod von Familienmitgliedern und Freunden regelrecht verfolgt wurden, dass Lacey eine Jugend in einem streng religiösen Elternhaus hinter sich hatte – all das spiegelt sich in den Texten wieder und mag Grund für diese simple Zuordnung sein. So behandelt „Limousine“ den Tod einer 7-jährigen aus der Heimatstadt Lacey's , die bei einem Autounfall ums Leben kam. Lacey beschreibt den Unfall aus verschiedenen Perspektiven. Der Albumtitel bezieht sich auf den an einer bipolaren Störung leidenden Musiker Daniel Johnston, Der Titel des besten Songs des Album lautet „Jesus“, ein um eine simple Gitarrenfigur aufgebaute theatralische Tour De Force mit einem der besten Outro's der Rock-Historie. Ja, Theatralik spielt in der Musik von Brand New eine tragende Rolle, das haben sie mit Bowie, Queen, Roxy Music und Metal gemeinsam. Es ist die perfekte Mischung aus tiefsten Emotionen (um das Wort nochmal zu benutzen) und durchdachten Songs und es ist letztlich kaum verwunderlich, dass The Devil... auch zu dieser Zeit und trotz stilistischer Uncoolness - von etlichen Independent-Medien abgefeiert wurde. Dass die Band wenig Erfolg hatte, liegt an ihrer Weigerung, bei den üblichen Publicity-Ritualen (Video's. Interviews etc) mitzumachen. Wer wirklich wissen will, wie Emo in Gut klingt, sollte hier zuhören, und wer Emo nicht mag: The Devil and God Are Raging Inside Me IST gar kein „Emo“, sondern Hardcore und noch viel mehr.

Scott Walker

The Drift


(4AD, 2006)

Künstler wie Scott Walker veröffentlichen nicht in regelmäßig Platten – sie „äußern“ sich in Abständen. Walker hatte seit dem letzten Album – Tilt - elf Jahre vergehen lassen, machte nun mit The Drift in dreißig Jahren gerade mal sein drittes Album, aber dafür kann man ja dankbar sein. Dass er sich vom kommerziellen Musikbetrieb verabschiedet hatte, war schon seit dem '84er Album Climate of Hunter klar und dass es bei seiner Vorstellung von Musik schwierig sein würde, eine veröffentlichungswillige Plattenfirma zu finden ist sicher auch EIN Grund für den Zeitverzug. Aber Scott Walker macht es ja auch niemandem leicht. Wer will, kann The Drift durchaus auch der Kategorie „Kunstkacke“ zurechnen. Auf jeden Fall ist es harter Stoff, es geht um politische Verbrechen in Europa und den USA, da wird bei „Clara“ die Hinrichtung des nationalsozialistischen Diktators Mussolini und seiner Geliebten Clara Petacci behandelt und dazu ganz passend ein Stück Schweinefleisch mit dem Baseballschläger bearbeitet, da erklingen String-Arrangements, die an Angelo Badalamenti und David Lynch erinnern, Gitarren klingen - wenn eingesetzt – nach Sludge und Swans. Drift ist definitiv keine Rockmusik, das Instrumentarium wird im Sinne Neuer Musik oder meinetwegen Avantgarde eingesetzt... „Jesse“ zitiert Elvis' „Jailhouse Rock“´, aber Walker beschreibt den Song als seinen Kommentar zu 9/11 und benutzt dabei das Motiv des totgeborenen Zwillingsbruders der amerikanischen Ikone. Und dann ist da "Cue," die epische, 10-minütige Studie über eine sich ausbreitende Pandemie, mit dem Klang von Holzkisten, aus denen etwas ausbrechen will, mit kreischenden Violinen und unmenschlichen Stimmen – ein Song wie der Abstieg in Dantes' Hölle. Ja, The Drift ist nicht düster, es ist vielmehr unheimlich und auch ein bisschen prätentiös, aber das ist gewollt und genau so auch richtig. Walker's Bariton klingt kaum noch so, wie er mit den Walker Brothers oder auf seinen gloriosen, existenzialistischen Pop-Alben Scott 1 bis 4 der Jahre vor 1970 geklungen hat – aber dennoch kreist die Musik um seine Stimme – man höre nur den mit akustischen Gitarren versehenen Closer „A Lover Loves“, der sogar ein gewisses Maß an Humor verrät, wenn zwischen den Verses ein sanftes „pssst, pssst, pssst“ erklingt. Walker ist einer der Musiker, die nur die Musik machen, die sie wollen, und die bei dem was sie tun nur nach sich selbst klingen. Ulkigerweise erreichte das Album dank guter Kritiken und der Mithilfe des ehrenwerten 4AD Labels tatsächlich Rang 51 in den britischen Charts. Na also, es geht doch...

Wolves in the Throne Room

Diadem of 12 Stars


(Vendlus, 2006)

Ab hier gab es im Black Metal die Option, etwas Anderes zu machen als die barbarischen Black Metal Acts Skandinaviens oder gar die dumpfem NSBM Bands der USA. Wolves in the Throne Room waren drei Musiker, die ohne „Corpse Paint“ und die sonst im BM üblichen Pseudonyme a la „Necroslaughterer“ oder dgl. auskamen. Nathan und Aaron Weaver und Rick Dahlin sagen selber, sie spielen Black Metal, der die Energie ihrer Heimat, der Landschaft der Pazifik-Küste des Nordwestens der USA widerspiegelt. Sie nennen als Einflüsse Old School Black Metal wie Burzum, Bands wie die Amerikaner Weakling und die Sludge-Hardcore Pioniere Neurosis, aber auch Folkmusik und Elektronik Pioniere wie die Krautrock Band Popol Vuh. Auf ihrem fantastischen (regulären - da gibt's natürlich noch Demo's etc) Debüt Diadem of 12 Stars kann man sich trefflich auf die Suche nach all diesen Einflüssen machen, und manchmal wird man sogar fündig. Black Metal ist sicher ein hermetisches Genres, bei dem für den Nicht-Initiierten so ziemlich alles gleich klingt – Songs und Texte verschwinden hinter Wällen aus Noise, der Gesang wird herausgekreischt, die Geschwindigkeit ist so hoch, dass die Musik vorbeizurasen scheint, und all das prägt auch Diadem of 12 Stars – aber den drei Musikern gelang es auf vier überlangen Stücken dennoch, erstaunlich differenziert zu klingen. Schon der Opener „Queen of the Borrowed Light“ hat nicht nur ein paar famose Riffs, es gibt auch überraschende Tempowechsel, irgendwo im Mix erklingen sogar klare Gesänge, zugleich bläst der Song die Ohren frei. „Face in a Night Time Mirror (Part 1)“ wird von einer klaren und wunderbar unkitschigen Folk Passage unterbrochen, gesungen - nicht gekreischt - von Jamie Myers von der Progressive-Metal Band Hammers of Misfortune (man beachte deren diesjähriges Album The Locust Years), es gibt Passagen, die an Post-Rock erinnern, aber bei denen gelingt es der Band, nicht in allzu formalistische Posen zu verfallen, ihre Basis ist und bleibt eindeutig Black Metal mit rasantem Tremolo Picking und höllischem Tempo. Irgendwie gelang es der Band unterschiedlichste Einflüsse organisch und glaubwürdig in ihren Black Metal einzufügen, dabei nicht den Faden zu verlieren und die Einflüsse ihrer kompromisslosen Musik unterzuordnen – wodurch die vier Stücke überraschend abwechslungsreich werden. Das finale, über 20-minütige Titelstück mit Neurosis-artigem Beginn und völlig ausgerastetem Ende ist dann Katharsis und Höhepunkt, Diadem of 12 Stars ist eines der ersten Alben, das Black Metal vom Stigma des elitären Underground befreite. Noch im selben Jahr kamen die Wolves beim Qualitäts-Label Southern Lord unter.

Natural Snow Buildings

The Dance of the Moon and the Sun


(Digitalis, 2006)

Und hier wieder eines der Alben, das kaum einer kennen mag, das ich selber aber für überragend halte. Nerd Kram ? Vielleicht. Erstmal die Kurzfassung: Dies ist eine massive, zweieinhalbstündig ausufernde Song-, Mantra- und Drone-Kollektion, die vom Transzendentalen bis zum Betäubenden reicht, ohne dabei an versponnener Pracht zu verlieren... Aber ich will das gerne besser erklären: Natural Snow Buildings sind die beiden Franzosen Mehdi Ameziane und Solange Gularte, die sich als Studenten in Paris in der Bibliothek kennenlernten, in diversen Bands zusammenspielten ehe sie dann zusammenzuleben und gemeinsam eine ganz seltsame Form der Musik zu kreieren begannen. So weit, so banal. Ihr x-tes Album The Dance of the Moon and the Sun ist natürlich – siehe oben – extrem lang, es handelt sich um 25 Tracks, vier davon teils weit über 10 Minuten lang, und man bemerkt schnell, dass hier so gut wie Alles improvisiert ist, dass den Klängen hinterhergespielt wird, dass der Kosmos, aus dem Songs wie „ Rain Serenade“ oder „All Animals in the Form of Water“ ein schamanistischer sein muß. Zugleich haben die Beiden einen Hang zum Horror (Einer der Songs heißt „John Carpenter“) und bei Ihnen ist definitiv nicht alles nur Blümchen und Schmetterlinge. Trance und Raga rutschen in Albtraum und Verzerrung, schon das erste Stück „Carved Heart“ stellt den Hörer auf eine lange Reise in einen mal folkig-schönen, mal elektronisch verzerrten Klangkosmos ein. Hand-Drums und Finger Cymbals bauen ein Rhythmusgerüst, und unter Allem liegt ein Drone, der immer wieder bedrohlich anschwillt. Über die ganze Länge von The Dance of the Moon and the Sun gelingt es den beiden Musikern die Balance zu halten zwischen hinwegdriften und mal sanft, mal heftiger aufwachen. Das wird - wenn man sich traut zuzuhören - nicht langweilig, sogar eher spannender. Es gibt keine „Songs“ die man herausheben möchte. Der beste lange Song mag der erste sein: „Cut Joint Sinews and Divine Reincarnation“. Manche der kürzeren Songs wie „Away, My Ghosts“ oder „The Cursed Bell“ sind erholsame Ausflüge ins Folkidiom, klingen aber bewusst so, als kämen sie aus einem fernen Autoradio – oder aus einer Welt, aus der man sich soeben verabschiedet hat. Noch eins, ehe du nach der CD suchst: NSB lassen alle Releases immer nur in skandalösen Mini-Stückzahlen veröffentlichen. Man kann ihre Alben (insbesondere Dieses) nur irgendwo downloaden. BaDaBing Records hat ein paar ihrer Alben wiederveröffentlicht, dieses soll vielleicht folgen, Ich empfehle einen Probelauf auf Youtube und bei entsprechender Neugier eine intensive Suche oder Abwarten. Ich finde, es lohnt sich.







Freitag, 14. Oktober 2016

1999 - Clinton und Lewinsky, Putin und Tschetschenien - Flaming Lips bis The Roots

Gegen den Präsidenten der Vereinigten Staaten wird nun in der Lewinsky Sex-Affäre wegen Meineides ermittelt, aber letztlich wird er bei aller geheuchelten Empörung nicht aus dem Amt gejagt. Der Panamakanal wird an den Staat Panama übergeben und die amerikanischen Truppen ziehen von dort ab. An der Columbine High School in Littleton in den USA laufen zwei Schüler Amok und töten 12 Menschen und dann sich selbst – Vorreiter des Wahnsinns sozusagen. In Venezuela kommt mit Hugo Chavez ein astreiner Sozialist an die Macht, sehr zum Ärger der USA (und vieler europäischer Konzerne, denn Venezuela ist eines der erdölreichsten Länder Südamerikas). Und in Russland übernimmt Vladimir Putin den Stab von Boris Jelzin. In Europa wird der Euro als „Buchgeld“ eingeführt. Das Bargeld wird dann drei Jahre später kommen. In der ehemaligen Sowjetrepublik Tschetschenien beginnt ein grausamer Krieg, als russische Truppen dort einmarschieren. Derweil läuft der Konflikt im ehemaligen Jugoslawien und Kosovo langsam aus. Die Zahl der Menschen weltweit überschreitet die 6 Milliarden-Marke ... der kommende Jahrtausendwechsel ist ein Riesenhype, aber weder geht die Welt unter, noch brechen die weltweiten Computersysteme zusammen. Die britische Soul-Sängerin Dusty Springfield und der Soul-Sänger Curtis Mayfield sterben. Musikalisch ist 1999 ähnlich wie 1998 – ein gutes Jahr für die populäre Musik, Nichts besonderes, keine revolutionären Neuheiten, dafür aber etliche tolle Alben in den jeweiligen Genres (und außerhalb). Das erste Album der Isländer Sigur Ros, die Neo-Psychedeliker Flaming Lips werden zum berechtigten Hype – Neo Psychedelik ist insgesamt ein kleiner Trend.. Die Band Opeth kommt aus dem Black Metal und macht inzwischen - wie so manche Band dieses Genres - progressiven Rock. Fiona Apples When the Pawn... ist ein weiteres Highlight, ebenso wie das Indie-Album von Dismemberment Plan, von der Ben Folds Five etc etc... Die Neunziger enden damit, dass sich Szenen und Stile immer mehr aufsplitten und somit unwichtig werden, und politische Relevanz hat Pop-Musik kaum noch. Im doofen Teil der Musikwelt ringen Boy- und Girl-Bands um den Thron der krassesten Tanzchoreografie während Disneyfigur Britney Spears ihr erstes komplettes Album veröffentlicht – mit Pop, der ganz offen schreit: KAUF MICH !!. Irgendwie weit schlimmer sind Pearl Jam Klone wie Creed oder der Erfolg des Rock-Rentners Santana mit schwülem Gitarrensoud zu Kaffeehaus-Samba im Duett mit Ricky Martin. Ich wollte es nur mal erwähnen...

The Flaming Lips

The Soft Bulletin


(Warner Bros., 1999)

Den Platz um das "wichtigste" Album des Jahres streiten sich bei mir immer mehrere Bands. Aber in diesem Jahr haben den Platz ganz oben natürlich die Flaming Lips mit ihrem ersten nicht ganz so chaotischen und dadurch sofort erfolgreichen Album seit Beginn ihrer Karriere. Zuvor hatten sie unter dem Titel Zaireeka vier CD's gleichzeitig veröffentlicht, die man am besten zugleich abspielen sollte. Tolle Idee, nur wer macht das? Für The Soft Bulletin nun gingen sie regelrecht auf ein Massenpublikum zu: Mit ihrem Produzenten und Bandmitglied David Fridman beschlossen sie eine Platte zu machen, die bewusst harmonisch, freundlich,und für ihre Verhältnisse massentauglich war – und trafen damit in Verbindung mit ihrem hier etwas unterschwelligeren aggressiven Wahnsinn den Puls der Zeit. The Soft Bulletin hat Alles, was vor der Jahrtausendwende gebraucht wurde: Prachtvolle Melodien, symphonische, schwer psychedelische Arrangements, spinnerte Texte, einen übersteuerten Sound, der aber gerade noch an der Grenze zur Hörbarkeit bleibt, das Gefühl, lachend in den Abgrund zu stürzen... Und die Lips blieben im Gegensatz zu den vorherigen, keinesfalls schlechteren Alben mit The Soft Bulletin gerade soweit im Rahmen des „Pop“, dass sie endgültig den Schritt in eine breite Indie-Community schafften. Allerdings komplett ohne ein Jota an Glaubwürdigkeit und erschreckendem Irrsinn zu verlieren. Man höre nur „A Spoonful Weighs A Ton“ oder „Waiting for Superman“ mit all den Schichten aus Sounds und Bedeutung, in all ihrer Spinnerei, und man erkennt: Radioheads OK Computer (1997) und Mercury Rev's Deserter's Song (1998) haben einen gleichwertigen Nachfolger gefunden.

Sigur Ros

Ágætis byrjun


(Fat Cat, 1999)

Das andere Highlight des endenden Jahrtausends waren zweifellos die Isländer Sigur Ros (Siegesrose). Deren Art Rockmusik hat ein paar Eigenschaften, die gute Musik – wirklich gute Musik – besonders auszeichnen: Da ist schon mal die Tatsache, dass keine Band so klingen kann wie Sigur Ros. Dazu kommen mehrere Faktoren zusammen: Ihre Herkunft aus Island, die sich in der Sprache ebenso niederschlägt, wie in der Eigenständigkeit der Entwicklung – man ist in Island Ende des Jahrtausends scheinbar doch immer noch zu weit weg von den Metropolen, um sich an andere Vorbilder anzugleichen – siehe auch Björk... Dann ist da die Eigenartigkeit des Bandkopfes/ Sängers/ Visionärs Jonsi, der mit seiner unirdischen Stimme (die ich bis zum Live-Konzert tatsächlich für eine Frauenstimme hielt) niemandem gleicht, und dann ist da nicht zuletzt die verlangsamte symphonische Musik, die mit Post-Rock nur unbeholfen kategorisiert ist, die meiner Meinung nach auch das Land in all seiner Großartigkeit widerspiegelt. Undenkbar, dass solche Klänge in einer Großstadt entstünden. Man kann zu ihrer Musik Prog Rock sagen, oder auch experimentelle Elektronik benennen, letztlich ist Ágætis byrjun ganz einfach Sigur Ros. Hier sind 72 Minuten voller klanglichem Reichtum und emotional perfekt aufgebauter Musik, voller Dynamik, und völlig Eigenständig. Das U-Boot Sonar beim unfassbaren „Svefn-g-englar“, die mit dem Bogen gestrichene Gitarre, der orchestrale Schimmer von „Starálfur“, das transzendierte Sehnen in „Ný batterí“, - man wollte gar nicht wissen, dass die Band zwei Jahre zuvor schon tätig gewesen war und ein im Vergleich einfach banaleres Album gemacht hatte. Und auch wenn sie hernach noch wunderbare Alben machen sollten: Ágætis byrjun bleibt (Gott sei Dank) unerreicht.

Fiona Apple

When The Pawn...


(Epic, 1999)

Dies nun ist ein Fall von persönlicher Vorliebe, die dieses Album über andere ebenfalls hervorragende Alben des Jahres '99 - wie etwa Königsforst oder Summer Teeth oder 69 Songs erhebt. Fiona Apple – bei erscheinen ihres zweiten Albums gerade mal 22 Jahre alt - ist eine Frühvollendete, und When the Pawn... (der Titel ist – verzeihlicherweise ein bisschen prätentiös - ein komplettes Gedicht und soll hier schon aus Platzgründen nicht abgedruckt werden) ist ihr schönstes Album. Sie hatte zwei Jahre zuvor den „Musik von jungen, mehr oder weniger verstörten Frauen, die ihr Leben reflektieren“ - Boom mit ihrem Debüt Tidal gekrönt, ihre Biographie mit Psychotherapie seit dem zwölften Lebensjahr hatte vordergründig zum Trend „Musik von komplizierten Frauen“ gepasst, aber ihre Musik hatte außerhalb all dieser modischen Sperenzchen die größere Klasse, ihre Stimme war von Beginn an besser, variabler und sicherer als die der anderen jungen Musikerinnen ihrer Generation (Morrissette, Amos) und ihre Songs waren schöner und tiefgründiger, als man von einer so jungen Frau erwartet hätte. Und dann kam When the Pawn... und da war die Bestätigung, dass diese junge Frau mehr wollte und konnte als nur eine kurze Karriere im Gefolge eines Trends. Die Singles „Fast As You Can“ und „Paper Bag“ haben zu viel Tiefe, zu viel Musikalität für reines Chartsfutter, „To Your Love“ ist eher PJ Harvey als Alanis, eine verfremdeter Jazz-Blues, in dem sie fleht: „Please forgive me for my distance“ und „Limp“ beginnt mit einem delikaten Piano-Motiv bevor sie ihren Partner beschuldigt: „You wanna make me sick / You wanna lick my wounds / Don’t you, baby?“. Sie hatte in den zwei Jahren an Reife gewonnen und das in intelligente, stilsichere und sehr eigenständige Musik übertragen. Und ihre Stimme – ich liebe sie einfach. Schade - und bezeichnend - dass sie trotz kommerziellen Erfolges mit diesem Album für den Nachfolger sechs Jahre brauchte – vor Allem weil der Plattenfirma ihre Musik zu wenig charts-tauglich wurde – aber dazu mehr in 2005..

Ben Folds Five

The Unauthorized Biographie of Reinhold Messner


(550 Rec., 1999)

Und Nun: Pop. - Meiner Meinung nach (und nur die zählt hier...) eines der besten Pop-Alben aller Zeiten und somit eines der Highlights des Jahres '99. Dieser bebrillte Piano Nerd, der es lustig findet, sein Trio Ben Folds Five zu nennen, der mit Musik und Lyrics spielt, indem er die Schlafkrankheit Nakrolepsie im ersten Song des Albums besingt, der zu diesem Albumtitel kommt, weil der Drummer den Namen Reinhold Messner zu Schulzeiten für gefälschte Schulausweise benutzte, dieser Typ ist eben auch ein begnadeter Komponist für wunderbar traurige, eingängige, mitreißende Mini-Opern, für Pop für Arschlöcher. Die ersten vier Songs auf The Unauthorized Biographie of Reinhold Messner sind Pop in Perfektion - mit rasanten Orchester-Arrangements, mit dem übersteuerten Bass von Robert Sledge und den muskulösen Drums von Darren Jessee klingt die Ben Folds Five nie „nur“ nach Trio – oder wenn doch, dann wie ein Power-Trio a la The Jam – nur amerikanisch und mit Piano statt Gitarre. Und dass Ben Folds ein begnadeter Pianist ist, sollte jeder Mensch erfahren. Tragisch nur, dass die Plattenfirma es an Unterstützung mangeln ließ und die drei Musiker nach diesem Album zunächst desillusioniert das Handtuch warfen. Schön dass Ben Folds dann Solo mit wiederum zwei Mitstreitern an Bass und Drums – somit quasi unverändert - weitermachen würde, und gut dass man ...Reinhold Messner ja immer noch entdecken kann. Unmoderner ist das Album – wie alle gute Popmusik – nicht geworden und Songs wie „Army“, in dem eine komplette Musikerkarriere incl. Scheitern als muskulöser, ironischer Pop dargeboten wird, werden immer gültig bleiben.

Bonnie „Prince“ Billie

I See A Darkness


(Domino, 1999)

Es gibt tatsächlich eine Verbindung zwischen When the Pawn... von Fiona Apple und I See a Darnkess: von Will Oldham aka Bonnie „Prince“ Billie. Beide Musiker haben bei Johnny Cash's letzten Alben mitgewirkt. Apple duettierte auf American IV: The Man Comes Around, und Cash hat auf dem Vorgänger American III: Solitary Man das Titelstück von Oldhams '99er Albums gecovert. Ein Ritterschlag, der zweifellos verdient ist. Ende der Neunziger ist Oldham vom obskuren Schauspieler, der auch Musik mit sehr großer Schlagseite macht, zum anerkannten Großmeister der Singer/Songwriter-Zunft seiner Generation geworden. Und der endgültige Beweis für seine Größe ist dieses Album. Es hat damit natürlich etliche Eigenschaften, die es in den zu dieser Zeit entstandenen neuen „Mainstream“ schiebt – die es sozusagen zum Songs of Love and Hate für die neue Generation der Rolling Stone Leserschaft macht. Aber was soll's, viele schöne Songs und kluge Arrangements und Texte machen eben ein tolles Album aus, und auf die unbekannteren Alben dieser Art werde ich auch noch zurückkommen... (Smog, Songs: Ohia, Simon Joyner...). I See A Darkness ist dunkler Country-Folk, die Songs klingen, als wären sie hundert Jahre alt, sie sind sparsam arrangiert, Klavierakkorde, ein dunkler, tragender Bass, mit dem Besen gespielte Drums, und dazu Will Oldham's Stimme, die schwankt, wie ein dürrer Ast im Wind - bei der ich immer damit rechne, dass er gleich das Singen aufgibt. Aber genau das ist integraler Bestandteil seiner Musik – ob es Attitüde ist, spielt somit keine Rolle, denn ohne diese Art von Gesang wären Songs wie „Death to Eveyrone“ oder „A Minor Place“ vielleicht sogar ZU bedrückend. Man höre nur Johnny Cash's Version von „I See A Darkness“ - und verzweifle... Aber durch den Kontrast zwischen Stimme und Inhalt gewinnen Oldham's Songs natürlich auch an Kontur, manchmal scheint sogar ein grimmiges Lächeln durch die desperaten Lyrics. Dass sich die Themen seiner Songs nie um die eigene Person drehen, ist ebenso klug, wie der Schachzug, am Ende des Albums mit dem Lovesong „Rainig in Darling“ auch ein bisschen Licht ins Dunkel zu lassen. Ganz einfach: Hier hatte die Mainstream-Presse genauso Recht mit ihrer Begeisterung, wie etwa bei den ersten drei Alben von Leonard Cohen.

Low

Secret Name


(Kranky, 1999)

So langsam wie die Musik des Trios aus Duluth ist, so langsam und zugleich kontinuierlich haben sie sich im Verlaufe ihrer Karriere verändert. Low hatten in den letzten 5-6 Jahren ihr musikalisches Rezept immer mehr verfeinert - sparsamen Stimmen und noch sparsamerer Instrumentation, gewickelt um sich langsam drehende Songs. Nun kam der Wechsel zum Kranky-Label und die Zusammenarbeit mit dem Hardcore-Produzenten Steve Albini. Dessen klarer, sparsamer Sound passte perfekt zu ihrer Musik und ließ sie den Schritt Richtung Kammermusik wagen. So wurde nun auf diversen Tracks ein Streichquartett zur Ergänzung hinzugezogen, aber was Secret Name so besonders in der reichen Diskografie der Band macht, ist die Tatsache, dass sie erstmals (fast) durchgehend nicht nur kluge, sondern auch „schöne“ Songs im Programm hatten. Da zerreißen die Vocal-Harmonies vom Ehepaar Mimi Parker und Alan Sparhawk auf „Missouri“ einem fast das Herz, lassen an Emmylou & Gram Parsons denken, da kommt mit „Starfire“ ein Song daher, der ihre größte Annäherung an Pop genannt werden will. Da ist der Gesang von Mimi Parker beim fatalen „Two-Step“... oder dieser weiche und glühende Sound von „Weight of Water“ und „Soon“... Low hatten sich verändert – weiter entwickelt hatten sie sich schon ihre ganze Karriere - aber als neuer Faktor kam nun diese gewisse „Freundlichkeit und Wärme“ in ihren Soundkosmos, die ihren immer wieder wunderschönen Kompositionen in den folgenden Jahren so gut stehen würde. So ist Secret Name zusammen mit der EP Songs for a Dead Pilot ein geeigneter Einstieg in ihren Klangkosmos und in ihre Diskografie – und in die Welt des sog. Slow-Core

XTC

Apple Venus Vol.1


(Cooking Vinyl, 1999)

Zwischen Nonesuch, dem letzten Album der New Wave Urgesteine, und dem neuen Werk Apple Venus Vol. 1 lagen volle sieben Jahre. Ein Zeitraum, in dem viel passieren kann. XTC hatten sich nach einem regelrechten Streik gegen die Repressalien des Labels bezüglich erwünschter Verkäuflichkeit letztlich von Virgin getrennt und ein eigenes Label gegründet, Und dann verlief Bandkopf Andy Partridge sich im Süßwarenladen Studio und schichtete in seinen Songs immer neue Soundschichten über Effekt-Layer und machte aus dem geplanten Album sein persönliches Smile, Keyboarder Dave Gregory verließ die Band im Laufe der Aufnahmen und Bassist und Co-Songwriter Colin Moulding gab auch langsam auf – auf Apple Venus Vol. 1 ist er nur noch mit zwei Songs vertreten. So wurde das Album, das zunächst als Doppel-LP geplant war zu einer Art Andy Partridge Solo-Album. Und es zeigt was für ein Genie und Exzentriker der Mann ist. Viele der Songs waren schon im Anschluss an Nonesuch geschrieben worden, aber Partridge erweiterte jeden Song um immer neue Einfälle und Spielereien. Das fängt schon beim Opener „River of Orchids“ an. Da fallen Wassertropfen, ein Double-Bass setzt ein, dann erklingen Hörner, eine wunderbare Melodie ertönt, und Partridge formuliert erz-britischen Eskapismus: „I heard the dandelions roar in Piccadilly Circus, take a packet of seeds, take yourself out to play I want to see a river of orchids where we had a motorway. Push your car from the road, just like a mad dog, you’re chasing your tail in a circle“. Das Album ist melodisch so reichhaltig, wie man es von XTC gewohnt war, aber die Ausführung war nun so delikat, wie Partridge es sich immer gewünscht haben mag. „Easter Theatre“ klingt trügerisch einfach, hat psychedelische Anklänge, die an XTC's Skylarking erinnert. Colin Moulding's „Frivolous Tonight“ leugnet das Vorbild Beatles nicht im geringsten, könnte gar zu deren besten Songs zählen, ist aber ein Fremdkörper neben Partridge's Kunstwerken. Die Einflüsse beim von Mike Batt arrangierten „Greenman“ kann man kaum aufzählen: Arabische Musik, Psychedelik, Gartenbaukunst... Und am Ende startet Partridge den „Last Balloon“ in eine freundliche Zukunft: „The last balloon is leaving, the last balloon from fear. The last balloon is leaving, form that line right here. Climb aboard, climb aboard you men folk you won't need any bombs or knives. Climb aboard, climb aboard you men folk leave all that to your former lives.“ - Banal ist hier jedenfalls nichts. Der geplante zweite Teil Wasp Star (Apple Venus Vol. 2) konnte diese Klasse schwerlich erreichen, aber dieses Album ist ein aus der Zeit gefallenes Meisterstück britischer Musik.

Wilco

Summer Teeth


(Nonesuch, 1999)

Jeff Tweedy hatte die wenigsten Probleme, sich von seiner vorherigen Band Uncle Tupelo zu emanzipieren. Summer Teeth war sein drittes Album nach der Trennung vom Songwriter-Kollegen Jay Farrar, dessen Son Volt vergleichbar gute Musik machten, aber den etwas traditionelleren Ansatz haben - und es zeigt, dass und in welchem Maße Wilco Tradition nur als Ausgangspunkt betrachten. Jeff Tweedy hatte eine schmerzhafte Trennung hinter sich, die ihn zu bitteren Texten, aber zugleich zu schwelgerisch schöner Musik inspirierte. Die Aufnahmesessions wurden zwischendurch unterbrochen, weil Woody Guthrie's Witwe den britischen Polit-Barden Billy Bragg gebeten hatte, Texte ihres Mannes zu vertonen. Bragg hatte Wilco's Being There gehört und war so begeistert von der Band, dass er sie darum bat, ihn für ein Album zu begleiten - aber davon woanders mehr... Die Band ging im Anschluss wieder ins Studio und nahm ein Album auf, auf dem die Erinnerung an Country nur noch vage hindurch schimmert. Stattdessen sind da elegante Vocal Harmonies a la Beach Boys, erklingen da Bläser und Streicher, wird da der große amerikanische Breitwand-Pop zelebriert. Und im Kontrast dazu stehen düstere Geschichten über Entfremdung, Trennung, Missbrauch und Enttäuschung. Es ist ein Kontrast, der dem Album Tiefe gibt. Da sind Songs wie der Opener „I Can't Stand It“, der Song, der von der Band unwillig zur Single umgebaut wurde, der Psychedelik und R&B verbindet, da ist „Via Chicago“, das als Folk beginnt und über die Kirche in Neil Young-Noise abgleitet, da sind Mellotron- gestützte Beatles Anklänge bei „Nothingsevergonnastandinmyway (again)“, oder „ELT“ (= Every Little Thing“, das klingt, als wollte Tom Petty Grateful Dead Konkurrenz machen, oder das betäubende „My Darling“.... - es wird deutlich, was für ein famoser Songwriter Jeff Tweedy zu dieser Zeit war. Die Aufnahmen liefen allerdings nicht ganz so friedlich – das Album wurde mit den angesagten Pro-Tools immer sauberer und perfekter produziert, womit Teile der Band nicht ganz einverstanden waren und der Einsatz des Mellotrons wurde auch nicht ohne Disput hingenommen – die Richtung in die Wilco drifteten, war eindeutig Tweedy's alleiniges Ding. Trotz allem ist es ein wirklich „schönes“ und dunkles Album – das sich unverdient schlecht verkaufen sollte. Aber dann kam ja die Trennung vom Label und das sowohl noch experimentellerer als auch erfolgreichere Yankee Hotel Foxtrot...

 

Gas

Oktember EP


(Mille Plateaux, 1999)



Gas

Königsforst


(Mille Plateaux, 1999)

Gas ist eines von Vielen Projekte des vielbeschäftigten Kölner Produzenten/ Labeleigners und Musikers Wolfgang Voigt. Er hatte schon im Vorjahr mit dem Album Zauberberg den elektronischen Untergrund aufgewühlt, aber mit der im Februar 1999 veröffentlichten EP Oktember und dem einen Monat später folgenden Album Königsforst - und dann ein Jahr darauf mit dem womöglich noch um ein Haar besseren Nachfolger Pop machte er definitive Statements in Sachen Minimal Techno. Es gibt etliche progressive Produzenten (und Hörer), die den simplen Rhythmus des Techno als zu primitiv diskreditieren – Voigt aber ist einer, der diese rhythmische und strukturelle Klarheit nicht aufgibt, sondern sie für seine Zwecke verändert und nutzt – und so insbesondere als Gas - seinerzeit jedenfalls – immens innovativ war. Im Ambient auf den logisch aufeinander aufbauenden Tracks von Oktember und Königsforst bleibt der Beat stetig in seinen Grenzen, wird dann aber unter den Loops und Sounds von Synth, Hörnern, gesampelten Sounds von Klassikalben der Deutschen Grammophon erstickt – incl. Knistern der Schallplatten übrigens...-. Dieses goldene Rauschen und Summen lässt tatsächlich die zum Titel des Albums passenden Bilder von dunklen Tannen, Mondlicht über stillen Seen, dem teutonischen Urbild des Waldes entstehen. Die EP beinhaltet hierbei zwei Tracks: Die erste LP Seite mit einer verlängerten Version von Track 1 von Königsforst, Track 2 ein Spaziergang durch den nächtlichen Schwarzwald mit rhythmischen Schüben wie Nebelschwaden - fast besser als die ganze folgende LP... Die entstehende Musik verdankt Wagner weit mehr als der Club Culture, was Voigt selber auch eindeutig beabsichtigte: „ Als ich an Königsforst arbeitete, hatte ich die Vision von einem Klangkörper, der irgendwo zwischen Schöngberg und Kraftwerk steht, zwischen Horn und Bassdrum. Für mich ist Königsforst Glamrock als Wagner, Hänsel und Gretel auf Acid, eine Wanderung durchs Unterholz – in eine Disco in einem imaginativen, nebligen Wald. Im Rückblick ist das erfreulichste und überraschendste Ding an dieser Musik, dass weltweit so viele Leute das Album genau so verstanden, wie ich es verstanden wissen wollte.“ Wie oben gesagt – der Nachfolger dieser beiden Alben - Pop aus dem Jahr 2000 - ist womöglich noch besser – so etwas wie die logische Fortsetzung von Königsforst, wie Königsforst die Fortsetzung der Ideen von Zauberberg ist - welches Album besser ist ? Ich meine, man muss beide kennen und beide sind unverzichtbar. Ihre katastrophal schlechte Erhältlichkeit (bei Discogs kosten die LP's irgendwas ab 120,- € und regulär gibt es die Alben weder als CD noch als LP, weil 2004 der Vertrieb pleite gegangen ist...) ist ärgerlich und steht in keinem Verhältnis zur Bedeutung, aber inzwischen gibt es eine Box mit Allem, was Voigt bis 2000 als Gas veröffentlicht hat. Die ist dann nur auch unverschämt teuer - und im Jahr 2017 hat Voigt dann noch den Projektnamen Gas wiederbelebt und mit Narkopop ein weiteres Kapitel Minimal Techno & Klassik & teutonischer Forst geschrieben... und jetzt PS: Es gibt seine Alben inzwischen (2019) auch wieder einzeln...

The Roots

Things Fall Apart


(MCA, 1999)

Erstmal: Dieses Album gehört zu denjenigen, die man zeitlose Kunst nennen kann. Ich weiß, dass HipHop insbesondere gerne von Hörern „normaler“ Rockmusik und von Metal-Hörern aus verschiedenen Gründen abgelehnt wird. Einer davon beruht auf der Unterstellung, dass Rapper „Nichts Können müssen...“ = keine bzw. kaum instrumentale Fertigkeiten besitzen. Das ist schon vom Anfang her falsch gedacht – man muss kein Instrument beherrschen, um große Musik zu machen – siehe Punk, siehe Noise oder elektronische Musik. Aber The Roots sind HipHop und zugleich extrem versierte Musiker, Drummer und Bandkopf ?uestlove ist einer der besten seiner Zunft, die Roots sind die „Hausband“ von US Talker Jimmy Fallon – so was bedeutet Können – UND – Es Ist Egal ! Im HipHop geht’s natürlich ums Wort, und Things Fall Apart ist dann auch ein Konzeptalbum, wenn auch ein freies, das der Interpretation des Hörers bedarf, Die Rhymes von Rapper Malik B und Black Thought sind meisterhaft, kein Satz fehl am Platz, reichen von Referenzen über Coltrane bis zu Louis Stevenson und bringen Ghetto Attitude und Intellektualität in perfekte Balance. Und der musikalische Background ist – wie angedeutet – perfekt, die Instrumentalisten können Jazz und Klassik, und mitunter muß man sich klar machen, dass hier nicht schnöde irgendein Jazz-Groove gesampelt wurde, sondern alles live im Bandgefüge eingespielt wurde, was wiederum einen ziemlich coolen, zurückhaltend jazzigen Hintergrund schafft. Und natürlich trägt die Produktion, die Niemanden in den Vordergrund schiebt dazu bei – was man vielleicht als einzigen Kritikpunkt benennen könnte. Das Album fließt trügerisch ruhig dahin. Aber ihm unterliegt eine düstere Melancholie, eine stille Wut über die Ungerechtigkeiten und Schieflagen in der US-Gesellschaft – nicht umsonst wurde als Covershoot ein Photo gewählt, das zeigt, wie zwei schwarze Teenager zu Zeiten des Civil Rights Movements (Anfang der Sechziger) bei den damaligen „Riots“ von weißen Polizisten gejagt werden. Things Fall Apart ist kluger, individueller, virtuoser conscious HipHop – mit einer illustren Gästeschar (da sind D'Angelo, Erykah Badu, mit deren Gastbeitrag auf „You Got Me“ ein Charts-Hit gelang, Common, Mos Def, Ursula Rucker...). Das für dieses Album in New York versammelte Künstlerkollektiv – es nannten sich The Soulquarians – nahm im selben Zeitraum D'Angelo's Neo-Soul Geniestreich Voodoo, Erykah Badu's Mama's Gun – die weibliche Entsprechung dazu und Common's Like Water for Chocolate auf. - die alle 2000 veröffentlicht werden. Da fand eine stille Explosion der Kreativität statt. Das merkt man auch hier. Am besten alle vier Alben haben.






















Donnerstag, 13. Oktober 2016

2003 - Der Golfkrieg und die Vogelgrippe und ein Hitzerekord in Deutschland - White Stripes bis Pelt

Dies ist das Jahr, in dem der durch gezielte Fehlinformationen der amerikanischen Regierung forcierte dritte Golfkrieg beginnt – gegen intensive Proteste auch in der westlichen Welt. Er endet auch sehr schnell mit dem Sturz des irakischen Diktators Saddam Hussein, ist aber dennoch für die Rüstungsindustrie eine Investition in die Zukunft, denn nun ist die Golfregion völlig destabilisiert und in der Konsequenz finden in verschiedenen Ländern schon mal etliche islamistisch motivierte Attentate statt. Die Raumfähre Columbia verglüht beim Eintritt in die Erdatmosphäre, alle Bestzungsmitglieder sterben, die Infektionskrankheit SARS – auch als Vogelgrippe bekannt - wird zur Pandemie und insbesondere in den westlichen Ländern wollen ein paar Wochen lang nur noch wenige Menschen Chicken McNuggets essen. In Deutschland wird im Sommer mit 40,3 Grad ein Temperaturrekord aufgestellt, die Klimaveränderungen lassen sich zwar nicht mehr leugnen, aber Politik und Wirtschaft sind nach wie vor nicht bereit die Umweltpolitik den Notwendigkeiten anzupassen. 2003 ist das Jahr, in dem Johnny Cash nur vier Monate nach dem Tode seiner Frau June Carter Cash stirbt. Auch Soul/ Jazz Sängerin Nina Simone stirbt. Musikalisch geschieht wenig weltbewegendes in diesem Jahr. Es gibt natürlich wieder einige sehr gute Alben, die White Sripes zum Beispiel sind sowohl künstlerisch als auch kommerziell erfolgreich, Musik von Zwei-Personen Bands könnte so etwas wie ein kleiner Hype sein, die zu Allem fähigen Kayo Dot machen eines der besten Alben des Jahres und bleiben außer in Insider-Kreisen völlig unbekannt, Radiohead wandern weiter den Weg zwischen Anspruch und Erfolg entlang, Black- und Death Metal dreht sich im Kreise, mit den Bangles und den Go-Betweens sind zwei schöne 80er Bands wieder aktiv – und machen gute Alben – wie man überhaupt erkennen kann, dass aus Altem oft erfreuliches Neues entsteht, siehe Kings of Leon mit ihre Holzfäller-Version des „The-Band/Post-Punk“, aber die wirklich guten Alben bleiben meist im Untergrund. Das Animal Collective hat seine eklektizistische Arbeit zwischen Folk, Elektronik und Psychedelik aufgenommen und wird nun mit seiner Form der modernisierten Folk-Musik wahrgenommen, genauso wie Sufjan Stevens' Spieldosen-Kammer-Folk. Nach vielen schönen Perlen dieses Jahres muß man etwas tiefer tauchen – und auf der verschmutzten Oberfläche schwimmen Leichtgewichte wie Hinternwacklerin Shakira, die Pathos-Goth-Rocker Evanescence, die es auch Versicherungsangestellten ermöglichen „Metal“ zu sagen oder die allzu nette Dido. Aber da ist auch Norah Jones mit immerhin geschmackvollem Capuccino Jazz. Kommerzieller Erfolg KANN auch mit Verstand und Geschmack erzielt werden

The White Stripes

Elephant


(V2, 2003)

Den Garagenrock, den die White Stripes nun seit ca. fünf Jahren spielten, hatten Musiker wie PJ Harvey – in anderer Form beispielsweise auf den 4-Track Demos – irgendwie ja schon zehn Jahre zuvor auf die Spitze getrieben. Aber Jack White hatte in den langen Jahren zuvor - und übrigens auch gegen alle Trends - eine eigene, von Blues und traditionellem Rock geprägte Version dieser Spielart der Rockmusik inklusive einer bestechenden Corporate Identity auf den Weg gebracht. Dazu hatte er nie einen Hehl aus seinem sowohl sympathischen wie auch konsequenten Traditionalismus gemacht. Also erschien das endgültige Durchbruchsalbum der White Stripes NACH dem kommerziellen Erfolg von White Blood Cells gegen alle digitalen Vorgaben zunächst auch ganz Old School als Doppel-Vinyl, und so war die Musik - seit dem Debüt unverändert – wieder reduzierter Garagen Blues samt Led Zeppelin Gitarrensoli und völlig überzogener Rock-Posen. Das Schöne und Besondere an Elephant sind zweifellos die unverschämt eingängigen Songs, die man ob der Credibility der beiden Musiker sogar als Hipster gut finden darf. Elephant war einfach noch härter und vielseitiger als der Vorgänger und hatte mit dem apokalyptischen Marsch „Seven Nation Army“; dem Stop-Start Kracher „The Hardest Button to Button“ oder dem berserkerhaften Blues-Punk von „Girl, You Have No Faith in Medicine“ einige kommende Indie-Klassiker im Programm. Und dann coverten sie auch noch Burt Bacharachs „I Just Don't know What to do with Myself“ ganz famos, spielten echten 70er Jahre Bluesrock bei „Ball and Biscuit“ und beendeten das Album wie so oft absurd fröhlich mit „It's True That We Love One Another“, einem Song zu dem sowohl Holly Golightly als auch Meg White Gesang beisteuern..

Kayo Dot

Choirs of the Eye


(Tzadik, 2003)

Den Metal-Anteil (für den Moment und nur ein bisschen) aus der Gleichung entfernend, nannte der Ex Maudlin of the Well Leader und Musician Extraordinaire Toby Driver sein neues Projekt nun Kayo Dot. Letztlich sollte der Unterschied zwischen beiden Projekten allerdings eher akademisch bleiben und die Musik sich nur als Weiterentwicklung des progressiven Wir-Können-Alles-Spielen Mixes entpuppen. Driver's neues Baby Kayo Dot bestand von Anfang an schon mal aus drei Gitarristen, Drums, Bass, Violine und Trompeter. John Zorn's Tzadik Label war zweifellos ein passendes Zuhause für die Fusion aus Death-Metal, Post-Rock, Jazz und Klassik auf dem Debüt Choirs of the Eye. Die technischen Fähigkeiten der Musiker waren natürlich über jeden Zweifel erhaben. Das ging so weit, dass man manchmal unangenehm an solch prätentiösen Acts wie Dream Theater - in intelligenterer und bescheidenerer Form immerhin - erinnert wurde. Drivers Vocals reichen von Jeff Buckley-esquen Tönen bis zu extremen Grindcore-Growls, und die Musik ist in ihren extremsten Momenten - eben extremer – Metal. Aber es gibt zur Erholung immer wieder kammermusikalisch ausgeführte Passagen, oder auch Post-Rock, oder freien Jazz - was wiederum die Band so geeignet für das Free-Jazz/Noise-Rock Label Tzadik macht. Der allergrößte Verdienst aber ist, dass dieser Stil-mischmasch in keiner Weise gezwungen klingt. Toby Driver ist zweifellos einer der Musiker, die Stilmittel ihren Bedürfnissen anpassen können, ohne sich ihren Limitierungen unterwerfen zu müssen - die Vermischung von Kammermusik mit Thrash Metal klingt daher nie gezwungen, sondern organisch. Die fünf Songs sind - zumindest solange man sie hört - einfach beeindruckend, insbesondere das 15-minütige „The Manifold Curiosity“ klingt mit seinen Stil-Sprüngen wie nichts zuvor und dennoch organischen. Allerdings ist man nach dem Anhören dieses Albums seltsamerweise nicht unbedingt versucht, es direkt erneut aufzulegen. Es kann anstrengend werden, hört sich an, wie eine Leistungsschau, die ein bisschen ZU wenig menschliche Makel hat. Manchmal ist diese Musik ein bisschen zuviel von Allem...

Radiohead

Hail to the Thief


(Parlophone, 2003)

Und schon wieder tauchen Radiohead hier auf. Nicht unbedingt weil dieses – ihr sechstes - Album so großartig wäre, sondern weil sie spätestens seit dem 97er OK Computer beständig neugierig und innovativ waren und in der Weiterentwicklung der Popmusik eine tragende Rolle gespielt haben. Dadurch sind sie so etwas wie die Beatles ihrer Generation geworden, die ja zweifellos (... das muss man einfach anerkennen, selbst wenn man die Beatles nicht mag...) über einen langen Zeitraum immer wieder neue Facetten der (Pop) Musik ausgeleuchtet hatten. Oder ganz einfach ausgedrückt: Radiohead-Alben sind wichtig – selbst wenn sie, wie Hail to the Thief „nur“ einen Zwischenschritt darstellen. Aber letztlich waren bisher alle Alben der Band Zwischenschritte - und zugleich definitive Momente in der Entwicklung der postmodernen Popkultur. Hail to the Thief vereint die Ideen der drei vorherigen Alben. Es hat einiges von den Weitwinkel-Panorama Songs von OK Computer – siehe „Sail to the Moon“, es hat die nervöse Elektronik von Kid A und Amnesiac, die den Song bestimmt, ihm aber seine Qualität nicht nimmt – siehe den Opener „2 + 2 = 5“ oder „Backdrifts“. Aber Radiohead wären nicht Radiohead, wenn sie dem Ganzen nicht noch eine weitere Facette hinzufügten. Hier sind es mitunter fast tanzbare Grooves, es ist Thom Yorke's Art seine Stimme einzusetzen, die sich immer weiter entwickelt, wenn er beim Closer „A Wolf at the Door“ den ersten gemurmelten Verse fast rappt, wenn er dann aber wieder im Chorus an OK Computer-Zeiten anknüpft. Hail to the Thief mag nicht den Effekt gehabt haben, den vorherige Alben hatten – es erfordert ein zweites und drittes Anhören, die Songs brauchen mehr Zeit, um zu wachsen. Aber zum Einen können Radiohead sich das inzwischen künstlerisch und materiell leisten, und zum anderen haben sie sich vermutlich bewusst via Experiment und Verweigerung von den Charts verabschiedet. Hail to the Thief mag also auf den ersten Blick in der zweiten Reihe stehen, aber eigentlich steht bei dieser Band Nichts in der zweiten Reihe.

M83

Dead Cities, Red Seas & Lost Ghosts


(Mute, 2003)

Und nun zum Thema „Old is the new New“. Zwölf Jahre nach Loveless und Shoegaze war eine Wand aus Distortion und schönem Gitarrendröhnen nicht mehr so beeindruckend oder gar revolutionär wie 1991. Während zahllose Bands mehr oder weniger erfolgreich versucht hatten, My Bloody Valentine's Ästhetik zu kopieren, brachen die beiden Franzosen Nicolas Fromageau und Anthony Gonzalez alias M83 diese Ästhetik im neuen Jahrtausend bis auf die Grundmauern nieder und rekonstruierten sie dann mit Synthesizern und billigen Drum-Computern. Heraus kam mit ihrem zweiten Album eines der schönsten des Jahres 2003. Statt sich um Soundnuancen zu scheren, legten sie Wert auf organisches Songwriting, das sich ganz wunderbar mit den anorganischen Sounds verband. Man mag manchmal an Jean Michel Jarre denken - oder an Air, wenn man's moderner will - aber im Gegensatz zu diesen gibt es auf Dead Cities, Red Seas & Lost Ghosts weniger französische Leichtigkeit als eher Songmonolithen - von beeindruckender Schönheit, aber "schwerer" - meinetwegen mit mehr Tiefe. Es ist eines dieser Alben, deren Reiz sich schwer in Worte fassen läßt, weil es um eine Atmosphäre geht, die man eher empfindet als hört. Songs wie das hymnische "In Church" oder das weit aggressivere "America" sind mehr als nur MBV mit Synthesizer statt Gitarre. Anders ausgedrückt: M83 nehmen die Erkenntnisse von Brian Eno und übersetzen sie in weniger subtile, dafür kraftvollere Musik. Sag meinetwegen Shoegaze mit Synthesizer oder Post-Rock dazu, das beschreibt zumindest den Sound, aber noch lange nicht die Wirkung.

Boris

Akuma no Uta


(Diwphalanx, 2003)



Boris

At Last – Feedbacker


(Diwphalanx, 2003)

Egal welches Stück auf Boris' Akuma No Uta man sich anhört, immer wird man an eine andere Band erinnert: Earth, Motörhead, Stooges, Melvins, Fushitsusha (... wer obskure japanische Psychedelik-Bands kennt...). Aber wenn das Album dann als Ganzes überstanden ist, wird klar - es gibt nur eine Band, der das gelingt, und die dabei zugleich charakteristisch klingt: Die japanische Band Boris – die sich nach einem Song der Melvins benannt hat (einem Drone-Monster von deren formidablem Album Lysol). Eigentlich hatte man das Trio als japanische Entsprechung zu den Drone-Priestern SunnO))) auf dem Schirm, und natürlich sind sie denen nah – nicht nur insofern als ihre Alben bald (2005) für die westliche Welt auch auf Southern Lord veröffentlicht wurde, sondern weil sie mitunter auch wie SunnO)) klingen und bald auch mit ihnen ein gemeinsames Album machen. Der Unterschied ist, dass Boris immer auch Songs schreiben, selbst wenn diese sich so langsam voran schieben wie ein Gletscher (man höre die über neun-minütige „Introduction“). Dass Boris mit dem Coverdesign Nick Drake zitieren, hat wenig mit dessen introvertiertem Folk zu tun, Akuma No Uta brennt eher die Stille weg. Wie bei so mancher anderen japanischen Noise Band ist der Klang der Gitarren hier so überzogen, so massiv, dass wir das mit unserem Verständnis von Rockmusik kaum vereinbaren können. Die beiden kurzen Tracks „Ibitsu“ und „Nuri“ jedenfalls lassen Motörhead lasch klingen. Das zentrale „Naki Kyoku“ beginnt immerhin in Nick Drake-Melancholie - um dann als komplexer Stoner-Rock die Zwölf-Minuten Marke zu überschreiten. Und so geht’s weiter. Feurige Gitarren-Workouts, donnernder Bass, donnernde Drums, japanische Lyrics, Proto-Rockmusik, wie Japaner sie sich vorzustellen scheinen. Um die andere wichtige Facette Boris' kennenzulernen braucht man sich nur das im selben Jahr in Japan veröffentlichte - und ebenfalls zwei Jahre später in Europa und den USA bei Southern Lord erschienene At Last – Feedbacker anzuhören. Dieses Album zeigt - wie der Titel verspricht - die „droney“ Seite der Japaner. Man hat bei Boris, wie bei den meisten anderen Gitarren-Noise und Drone Bands Japans, den Eindruck, sie vertonen ohne jede Ironie die vollkommen Hingabe an ihre bevorzugte Art von Klang und Musik. Diese Einstellung zieht sich von der Flower Travelin' Band über Les Rallizes Denudes oder Zeni Geva bis zu Acid Mothers Temple durch, und es trifft eben auch auf Boris zu. Die fünf titellosen Tracks sind der Klang der Gitarre, langgezogen und dröhnend, physisch spürbar, und Gitarristin Wata ist das personifizierte Gitarrensolo. (..erstaunlich übrigens, dass im noch männerdominierteren japanischen Rock-Business eine Frau eine so tragende Rolle spielt). Es gibt wiederum so etwas wie Song-Strukturen – nicht den puren Drone a la SunnO))) – aber Boris leben hier ihren Fuzz- und Distortion Fetisch aus. Sie beginnen ihre Tracks mit einem Chord und lassen dann Bass, und Gitarre bis zum letzten Knacken ausdröhnen – und auf Feedbacker verlieren sie sich in diesem Klang. Schön, dass sie dabei ab und zu Drums und zurückhaltende Vocals unterlegen, aber hier spielen diese Elemente eine untergeordnete Rolle, hier ist die Hingabe tiefer, und Feedbacker daher das bessere von zwei tollen Alben – wenn man sich mit Extrem-Musik anfreunden kann.

Four Tet

The Rounds


(Domino, 2003)

Ich schätze mal, Kieran Hebden, der Mann, der Four Tet ist, schert sich einen Teufel um Genre-Klassifizierungen – er macht die Musik, die er machen will, mit den Mitteln, die er frei gewählt hat, aus einer enzyklopädischen Kenntnis um die Popmusik heraus, ohne zu überlegen, wie man das Ergebnis am Ende nennen wird... Und wird dann von Hörern, Kritikern und auch von mir in ein bestimmtes Genre eingeordnet. Einfach um anderen sagen zu können, was sie erwartet, wenn sie seine Musik hören. Am interessantesten wird es immer dann, wenn Musik sich nicht so genau einordnen lässt – und das ist bei Rounds der Fall. Four Tet macht elektronisch (bearbeitete) instrumentale Musik - man nennt es IDM - aber dafür klingen die Tracks zu organisch, man sagt Glitch Pop, aber der basiert auf vom Computer generierten Klängen – und die kommen hier zwar vor, aber selbst in seinen „elektronischsten“ Momenten prägen Piano, Gitarre, ein Saxophon den Klang. Entscheidend ist: die Betonung von Four Tet's Musik liegt nicht auf den schlau zusammengebauten Rhythmen, nicht auf der Atmosphäre – Rounds ist eigentlich ein Songwriter-Album. Es ist fast trügerisch leicht den Tracks zuzuhören. Kieran Hebden macht intime, persönliche elektronische Musik – fast ein Widerspruch und von Anderen kaum erreicht, vielleicht auch weil nicht gewollt. Das über 9-minütige „Unspoken“, basierend auf einem Piano-Sample von Tori Amos' „Winter“, „And They All Look Broken Hearted“ ist Meditation mit Jazz-Schlagzeug, „My Angel Rocks Back and Forth“, „Hands“ und „She Moves She“, sind emotionaler Downbeat, Hebden kanalisiert einen gewaltigen Fundus aus Sounds und Rhythmen diversester Quellen in seinem Laptop, um daraus völlig neue, majestätische, freundliche, fiebrige „Songs“ einer ganz eigenen Art entstehen zu lassen.

Broadcast

HaHa Sound


(Warp, 2003)

Ach ja. Alt ist 2003 das neue Neu. Und auch bei der Birminghamer Band Broadcast wird man deutlich die Bezüge zu den vergangenen 40-50 Jahren Popgeschichte erkennen. Die graben sogar tiefer noch in der Geschichte der Popmusik als die aktuellen Post-Punk Revivalisten und holen sich ihre Inspiration aus den Sechzigern – von den Hippies, aus Woodstock, vom Peter Thomas Sound Orchester und von den Moog Experimenten der Sechziger, von Bands wie den Silver Apples und The United States of America. Trisha Keenan, James Cargill, Tim Felton und Roj Stevens hatten ihre Kreise seit 1995 im Umfeld solcher Bands wie Stereolab und Pram gezogen, wobei die Gemeinsamkeit insbesondere ihre Verwendung von analogen Synthesizern und ihre experimentelle Auffassung von Musik war – und natürlich die Tatsache, dass sie – wie Stereolab mit Laetitia Sadier – mit Trisha Keenan eine besondere Sängerin in ihren Reihen hatten. Eine deren ruhige, mädchenhafte Stimme bei mir die Bilder von 60er Jahre Lounge Bars, Turmfrisuren und den Farben Rosa und Hellgelb evoziert. Ihre Stimme schwebt über analoger Elektronik, die einem der kultigen „Raumpatrouille Orion“-Filme entnommen sein könnte und über massiven Drums, die bei „Pendulum“ etwa fast an stoischen Krautrock erinnern. Die Sounds im Hintergrund sind oft ungemein exzentrisch, würden allein für sich einem der experimentellen Alben der Sechziger gut zu Gesicht stehen, die auch heute noch nur von Spezialisten gehört werden. Aber dann holen Trisha Keenan's Stimme und die mitunter fast niedlichen Melodien das Album aus dem Nebel der Obskurität. Man höre nur als Beispiel den Fast-Folk-Song „Valerie“ mit gezupfter Gitarre, Kinderliedmelodie und elektronischen Sounds aus der Hölle. Und dann stampfen wieder die massiven Drums von Gast-Drummer Neil Bullock über eine weitere Songperle titels „Man is not a Bird“. Broadcast hatten mit dem Debüt- und Vorgängeralbum The Noise Made by People schon ein vergleichbar gutes Album geschaffen – aber Haha Sound kling noch etwas spontaner und leichter, Songs wie „Before We Begin“, „Lunch Hour Pops“ oder „Ominous Clouds“ sind kleine Pop-Preziosen mit Keenan's scheinbar unschuldigen Texten und ihrer nonchalanten Art zu singen. Broadcast mögen Stil und Ideen solcher Bands wie Stereolab als Ausgangspunkt für ihre Musik gewählt haben, aber sie haben mit diesem – ihrem zweiten Album einen eigenen Zugang gefunden und das Postmoderne Pop-Album des Jahres gemacht

Sufjan Stevens

Greetings From Michigan: The Great Lake State


(Rough Trade, 2003)

Auch hier ist - wenn man so will - Alt das neue Neu . Singer/Songwriter = Liederschmiede hat es schon immer gegeben, und sie werden vermutlich auch in Zukunft ihrem Geschäft nachgehen. Sufjan Stevens ist einer aus dieser Rige - und er ist einer mit großen Fähigkeiten in Storytelling und Komposition, er hat einen ganz eigenen Stil, man erkennt seine Songs sofort, diese Spieldosenmelodien, die klugen Arrangements um Piano, Banjo, Bläser. Sufjan Stevens hat diesem uralten Genre eine weitere neue Facette abgewonnen. Aber Originalität würde mir nicht reichen, dieses Album hier so zu exponieren. Man darf nicht außer Acht lassen, dass Sufjan Stevens hier quasi alle Instrumente selber eingespielt hatte, aber es sind vor Allem die wunderbaren Songs auf diesem Album, die er besser (bisher) nicht mehr hinbekommen hat, deren Klasse er mit dem opulenteren Nachfolger Illinoise „nur“ egalisierte. Das lose Konzept „Songs über einen Bundesstaat“ löst sich nach ein paar Songs auf, der Opener behandelt noch Jobverlust, Arbeitslosigkeit und Einsamkeit nach dem Zusammenbruch des GM-Werkes im kleinen Örtchen „Flint“, das zuvor schon Filmemacher Michael Moore in Roger and Me beschrieben hatte. Auch bei „Detroit, Lift Up Your Weary Head“ nutzt Stevens diese Thematik, wenn er in Schlagworten die Stadt, ihre Helden, Freuden und Unglücke vom Chor aufzählen lässt – und all das im Rhythmus der rollenden Räder der ehemaligen Autostadt. Aber es ist grundsätzlich so, dass er das übergeordnete Thema einzig dazu nutzt, die Fatalitäten des Lebens in all ihrer Schönheit zu beschreiben, und die Schönheit des Lebens im Verfall zu präsentieren. Das ist das Beste an diesem Album: Die unterschwelligen Strömungen, die Bedrohung, die unter den netten Melodien liegen, die von Stevens' kindhafter Stimme so sanft besungen werden. Michigan blickt mit Trauer, Sympathie, Mitleid und mit Lokalkolorit auf das Leben als Ganzes. Es richtet den Blick  vielleicht auf bestimmte Orte, aber im Grunde ist es zeitlos. Was will man mehr verlangen.

Songs: Ohia

Magnolia Electric Co.


(Secretly Canadian, 2003)

Jason Molina gehört auch zu dieser Generation von Songwritern. Aber er beleuchtet andere Facetten der Songschreibe-Kunst als Sufjan Stevens. Er ist weniger hoffnungsvoll, vielleicht ungnädiger mit sich und der Welt. Und damit zu Magnolia Electric Co. Titel und Bandname tragen bei Erbsenzählern zur Verwirrung bei - der bisherige Bandname Songs: Ohia ist nirgends zu finden, der Titel des Albums – Magnolia Electric Co. - hielt ab hier als Bandname her, und in der Tat hatte Jason Molina mit diesem Album neues Terrain betreten. Man kann sich das Album – oberflächlich – als eine Art Neil Young Pastiche, produziert von Hardcore-Koryphäe Steve Albini vorstellen – schon eine tolle Paarung - aber es ist doch viel mehr als das. Die immer wieder in die moll-getränkten Melodien hineinkrachenden Gitarren und Molina's Stimme mögen an Neil Young denken lassen, ebenso wie die getragenen Songs, aber dann sind da Tracks wie „The Old Black Hen“, komplett von Freund/Gast Lawrence Peters mit tieferer Stimme eingesungen und durch Anklänge an schottischen Folk verfeinert. Dann singt mit Scout Niblett eine Schwester im Geiste den folgenden „Peoria Lunchbox Blues“ und klingt wie ein weiblicher Van Morrison (... für mich. Andere finden ihren Gesang durchaus nervig - soviel dazu...). Das darauf folgende "John Henry Split My Heart“ und vor Allem der Opener des Albums „Farewell Transmission“ zeigen die versammelte Band in vollem Flug, tatsächlich auf der Fährte von Crazy Horse, aber Jason Molina's Stimme und seine mysteriösen Lyrics ziehen die Musik in seine Generation. Magnolia Electric Co. Ist ein amerikanisches Album – so wie Neil Young's Zuma ein amerikanisches Album ist (...von einem Kanadier – ganz nebenbei). Aber es ist zugleich deutlich ein Album der 2000er Jahre, und es ist vor Allem fast fehlerlos.

Pelt

Pearls From the River


(VHF, 2003)

Und nun zu einem „Trend“, der zwar schon einige Jahre anhält, der aber in diesem Jahr eine große Anzahl von hervorragenden Beispielen bietet. Zu der Musik, die man unter den Begriffen „New Weird America“ oder „Freak“ – bzw „Free Folk“ zu erfassen versucht – wobei diese Begriffe grundsätzlich sehr unterschiedliche Bands, Musiker und Projekte vereint. Über die genaueren Hintergründe schreibe ich weiter unten, als Beispiel, soll hier Jack Rose's Album Pearls from the River mit dem Projekt Pelt stehen – unter anderem weil er Teilnehmer des Brattelboro Free Folk Festivals war – aber als Beispiel könnte auch ein anderes Album wählen, wie etwa Six Organs of Admittance's Compathia oder The Queen of Guess vom Vibracathedral Orchestra oder Rose's Solo Album Opium Musick. Ich nenne Pearls... deshalb, weil sich auf diesem Album, das Jack Rose (g, banjo) gemeinsam mit Patrick Best (b, cel.) und Mike Gangloff (banjo) aufgenommenen hat, fast alle Einflüsse finden, die sich hinter dem obskuren Begriff Free Folk verbergen. Da ist Jack Rose's an John Fahey und American Primitivism geschultes Gitarrenspiel, da sind lange, mäandernde Kompositionen, die schnell in Raga-artige Improvisationen abtauchen, da sind vom Cello erzeugten Drones und psychedelische Folk-Strukturen, da sind sogar Noise-Ausbrüche, auch wenn sie „nur“ mit akustischen Instrumenten erzeugt werden. Zugleich aber ist dieses Album, wie alle anderen Beispiele dieser Musik in diesem Jahr auch, hochgradig individuell. Pelt hatten in den Jahren zuvor mit etlichen anderen Vertretern ihrer Zunft kollaboriert und improvisiert, hatten schon einige Alben im Rucksack, und machten mit Pearls... ein relativ „konventionelles“ Album – wenn man psychedelische Folkmusik mit indischen Raga Einflüssen konventionell nennen will - (...es gibt, wie ich unten zeigen werde, tatsächlich weit experimentellere Alben aus dieser Ecke). Pearls... hat seinen Charm dadurch, dass es ungemein organisch dahinfließt, dass es trotz aller exotischen Einflüsse auch für westliche Ohren überraschend angenehm klingt – eben weil die drei bis zu 20-minütigen Tracks mit letztlich „westlichen“ Instrumenten wie Banjo und 6- und 12- String Gitarre eingespielt sind und dadurch nicht zur simplen Raga-Imitation werden. Weil hier Einflüsse vermischt werden, was wiederum Hauptmerkmal und auch Ziel von „New Weird America/ Free Folk“ ist. Dass diese Musik alt und zugleich neu ist, ist ein Gewinn, der Begriff „New Weird America“ beinhaltet ja schon den Gedanken, dass es ein „Old Weird America“ gegeben hat – die alten Folk- Klänge von Dylan und The Band sind da gemeint, die wiederum auf den Klängen von Race Music Schellack-Platten aus den 20ern und 30ern beruhen. Pearls from the River ist natürlich weit internationaler, viel weniger einer einzelnen Traditionslinie verpflichtet, es zeigt die „Folk“-Musik der 00er Jahre und ist damit weit weniger konventionell, und wird dadurch vermutlich obskurer bleiben, aber wer weiss ? Vielleicht nimmt man diese Musik in 50 Jahren als Vorläufer einer echten „Weltmusik“ wahr. Schön genug ist sie.