Sonntag, 14. Oktober 2018

1969 – Fairport Convention bis Sweeney's Men – Das „Golden Age“ des britischen Folkrock

1969 ist ein Jahr, das so voll mit epochalen Alben ist, dass ich selber in meinem „Hauptartikel“ ( 1969 - Nixon, Vietnam-Proteste und der erste Mensch auf dem Mond - Velvet Underground bis Moondog ) etliche Meisterwerke schmerzlich vermisse. So müssten die drei (3 !!) '69er Alben von Fairport Convetion eigentlich dort untergebracht werden – genau wie Nick Drake's Debüt, Scott Walker's viertes Solo-Album, Led Zeppelin's Debüt etc pp... Aber Fairport lassen sich auch wunderbar im Kontext mit Kollegen und Zeitgenossen beschreiben – so sind sie also hier gelandet (und Nick Drake's Five Leaves Left auf dem Haufen mit anderen Singer/Songwriter-Alben – so ist hier das Prinzip...) Im UK hat sich die psychedelische Revolution (mit ein bisschen Verspätung) durch Bands wie Pink Floyd oder The Soft Machine bemerkbar gemacht – und ist auch in den Kreisen weniger dogmatischer Folk-Musiker angekommen. Man tritt schließlich gemeinsam auf, und wer nicht sklavisch an den Vorbildern aus den traditionellen Musik-Bibliotheken festhängt, der kann nicht anders, als auch elektrische Gitarren, Improvisation und eine gewisse Hippie-Seligkeit in die alten Vorlagen einfließen zu lassen – oder direkt selber Songs zu schreiben, die die alten Vorlagen nicht verleugnen, aber auch die „moderne“ Form von populärer Musik in sich tragen. Dass dazu noch auf die andere Seite des Atlantik geschaut wird, dass Dylan und Joni Mitchell gecovert werden, ist nur logisch – zumal in den USA eine ähnliche „Modernisierung“ alter Vorbilder (Country in Country-Rock bzw. Cosmic American Music) stattfindet. Ob DAS in britischen Folkmusiker-Kreisen auch wahrgenommen wird, weiss ich nicht – in dieser Zeit gibt es noch kein Internet – aber die Tendenz, aus und mit Folkmusik eine neue Art von (Rock)Musik zu machen ist weltweit virulent und wird auch von sehr nah an den Traditionen arbeitenden Künstlern wie Shirley Collins praktiziert. Hier also Fairport Convention, The Pentangle, die Strawbs – und ein paar Alben britischer Musiker, die an der Grenze zwischen Folk und Singer/Songwriter stehen: Pentangles Bert Jansch, Michael Chapman, Roy Harper oder Al Stewart oder Bridget St. John arbeiten mit Vorbildern aus der englischen Musik-Historie – aber sie haben sich dabei als Verfasser ihres eigenen Materials emanzipiert – und hätten damit auch an anderer Stelle in meinem Blog Platz finden können... Auch ein Musiker und angeblicher Dylan-Adept wie Donovan Leitch ist ernst zu nehmender Folk-Musiker – oder Singer/Songwriter, wenn man ihn da haben will. Was auch für die (bei mir unvermeidlichen) etwas unbekannteren britischen Folk-Künstler gilt...

Fairport Convention


What We Did On Our Holidays

(Island, 1969)

Fairport Convention

Unhalfbricking

(Island, 1969)

Fairport Convention


Liege & Life

(Island, 1969)

Es gibt - außer den drei Dylan-Alben der Jahre 65-66 – keine andere Vinyl-Trilogie, die in der kurzen Zeitspanne von nur zwölf Monaten einen solchen Ausbruch an Kreativität dokumentiert und zugleich so einflussreich ist, wie die drei Alben der britischen Folk-Rocker Fairport Convention aus dem Jahr 1969. Ihr künstlerische Durchbruch gelang ihnen in diesem kurzen Zeitraum nach einem guten, wenn auch uneinheitlichen Debüt mit der neu (..von den Strawbs – siehe weiter unten) dazu geholten Sängerin Sandy Denny und mit einer Musik, die das beste aus britischem Folk und zeitgenössischem Singer/Songwriter Material vereinte – und dieses mit den Erkenntnissen aus Psychedelic Rock und Improvisation aus der Londoner Szene um den UFO-Club vermengte (sie hatten gemeinsam mit Soft Machine getourt!). Ähnlich wie Gram Parsons verbanden sie Musikstile miteinander, die von den vom traditionellen Folk geprägten Bands ihrer Zeit eher gemieden wurden. Dabei waren Songs wie das Eröffnungsstück „Fotheringay“ von Sandy Denny oder Richard Thompson's „Meet on the Ledge“ selber sehr stark vom britischen Folk beeinflusst – klingen in ihrer Melodik teilweise, als wären sie schon hunderte von Jahren alt, dazu gab es auf What We Did on Our Holidays aber auch einige klug gewählte Coverversionen von Stücken von Dylan („I'll Keep it with Mine“) und der zu dieser Zeit noch vollkommen unbekannten Joni Mitchell („Eastern Rain“). Aber all das hätte nicht funktioniert, wäre die Band nicht so perfekt ausbalanciert, wären da nicht Sandy Denny's großartige unverstellte Stimme und Richard Thompsons exquisites Gitarrenspiel und seine Fähigkeiten zu wild wuchernden Improvisationen. Auf What We Did... war der junge Ian Matthews noch dabei, bei den Sessions zum folgenden Album aber musste er die Band verlassen - und entfernte damit anscheinend seinen Teil der „amerikanischen“ Einflüsse aus dem Sound. Das fünf Monate später veröffentlichte Unhalfbricking ist ein Album des Übergangs, der Sound ist bei den eigenen Stücken noch stärker an britischem Folk ausgerichtet, aber es sind auch drei Dylan-Songs dabei, von denen insbesondere „Si tu dois Partir (If You Gotta Go, Go Now)“ beeindruckend ist. Auch die Version von „Percy's Song“ ist sehr gelungen, die Band schaffte es immer besser fremdem Material den eigenen Stempel aufzudrücken, die besten Songs sind jedoch Sandy Denny's „Autopsy“ und ihr berührendes und berühmtes „Who Knows Where the Time Goes“. Sie hatte sich in dem kurzen Zeitraum seit dem Anschluss an die Band zur prägernden Figur entwickelt, deren Songs insbesondere das Bild von Fairport prägte. Mit dem späteren Band-Mitglied Dave Swarbrick an der Violine wies das 11-minütige Traditional „A Sailors Life“ in die Richtung, in welche die Band in der Zukunft gehen sollte. Dass es dann schnell zu Veränderungen kam, lag allerdings nicht nur an der Experimentierlust der Fairports'. Dazu trug auch ein Schicksalsschlag bei, als bei einem Unglück mit dem Tour-Bus Drummer Martin Lamble und Richard Thompsons Freundin umkamen. Die Band versuchte das Unglück durch Arbeit zu verdrängen - und nahm noch im selben Jahr ihr definitives Meisterwerk auf. Auf Liege & Life ist Folk zwar immer noch wichtigster Einfluss, allerdings elektrifizierten Fairport Convention diesen nun auf unvergleichlich organische und gekonnte Weise. Geiger Dave Swarbrick war nun vollwertiges Bandmitglied – und Gegengewicht zu Thompsons Improvisationen, mit Dave Mattacks war ein neuer famoser Drummer rekrutiert worden, und Ashley Hutchings hatte das Cecil Sharpe House nach passenden Traditionals durchsucht. „Tam Lin“ und „Matty Groves“ sollten zu Favoriten werden, ihre Lesung hier ist definitiv, die Band nutzte das traditionelle Material um die instrumentalen Fertigkeiten strahlen zu lassen. „The Deserter“ z.B. klang in dieser Form dann kaum noch nach traditionellem Folk. Und Sandy Denny's Gesang war sowieso über jeden Zweifel erhaben, sie hatte sich als beste Folk Sängerin der Insel etabliert, Richard Thompsons Gitarre spielte in der gleichen Klasse, und seine Komposition „Farewell, Farewell“ paßte sich perfekt in das Material ein. Fairport Convetion waren auf dem Höhepunkt, und Liege & Life ist beredtes und zeitloses Zeugnis davon - aber statt den Status zu zementieren, verließen Hutchings und Denny die Band, um mit Fotheringay eine eigene Band zu starten.... und Fairport Convention wurden zum sich bis heute drehenden Karussell für Folk-Veteranen. 

 Fairport Convention - Fotheringay

 Fairport Convention - Who Knows Where the Time Goes

 Fairport Convention - Matty Groves

Strawbs


s/t

(A&M, 1969)

Für kurze Zeit war Sandy Denny Mitglied bei den Strawbs gewesen hatte auf deren erstem, zunächst nicht veröffentlichtem Album ein paar Songs eingesungen um dann zu Fairport Convention zu gehen. Das übrig gebliebene Trio um den Gitarristen und Sänger Dave Cousins bekam bald nach ihrem Weggang einen Vertrag bei A&M und spielte dieses gleichnamige Debütalbum ein. Natürlich profitierten die Musiker von ihrer großen Live-Erfahrung, aber auf den ersten Blick ist das hier recht traditionell angehauchter Folk Rock - allerdings hatte Dave Cousins die Stücke allesamt selbst geschrieben und sich damit als talentierter Songwriter ausgewiesen. Der später durch seine Zusammenarbeit mit David Bowie so bekannte Tony Visconti produzierte das Album und diverse Gastmusiker gaben den Songs reichen instrumentalen Background. Manche der Songs schienen direkt aus der Zeit der Königin Elizabeth I transferiert, „That Which Once Was Mine“ wird von Blockflöte getragen, die angeblich Visconti beisteuerte, der bekannteste Song ist wohl „The Man Who Called Himself Jesus“ - aber das Album enthält einige Highlights und funktioniert locker über seine knapp 40 Minuten Dauer. Strawbs wird angesichts der folgenden, moderner klingenden, rockigeren Alben der Band immer etwas stiefmütterlich behandelt. Zu Unrecht, es mag nicht so gut sein wie die Alben von Fairport, aber es bietet schönen Folk anno '69.



The Pentangle


Basket Of Light

(Transatlantic, 1969)

Dass es allerdings noch andere Wege gab, Folk in das neue Jahrzehnt zu führen, hatten schon in den Jahren zuvor The Pentangle bewiesen. Deren Stärken lagen eindeutig in den instrumentalen Fähigkeiten ihrer Mitglieder: Bert Jansch und John Renbourne konnten quasi alles was Saiten hat virtuos bedienen, Jerry Cox (dr) und Danny Thompson (b) waren zwar fest im Folk verwurzelt, hatten aber ein äußerst „jazziges“ Verständnis für Rhythmus – Insbesondere Bassist Danny Thompson würde sich – wie Jansch und Renbourne - über die kommenden Jahrzehnte als einer der ganz großen seiner Zunft entpuppen und Jacqui McShee's kristallklare Stimme war für Folk schon fast zu ätherisch. Mit der Single „Light Flight“ und dem Album Basket of Light im Gefolge hatten sie so etwas wie einen Hit in den Album-Charts (Jaja, so was ging 1969...). Aber das restliche Material – und hier insbesondere die eigenen Songs wie der psychedelische „Train Song“ (neben dem üblichen traditionellen Material) – war Folk-Jazz-Rock ganz eigener Prägung... sie schafften es ebensogut wie Fairport Convention auch traditionellem Material wie „Once I Had a Sweetheart“ ihren eigenen Stempel aufzudrücken und in ihre Zeit zu heben und ließen den selbst verfassten „Hunting Song“ klingen als wäre er vor 500 Jahren geschrieben und ins Hier und Jetzt versetzt... Nach soviel Märchen brauchte man damals wahrscheinlich die Stooges.

Pentangle - Hunting Song 


Bert Jansch


Birthday Blues

(Transatlantic, 1969)

Bert Jansch war in diesem Jahr eigentlich mit seiner Band The Pentangle beschäftigt, aber offensichtlich hatte er noch Material, das nicht in das Bandkonzept passen wollte: Auf Birthday Blues, seinem fünften Solo-Album spielte mit Jerry Cox und Danny Thompson zwar die Rhythmussektion von The Pentangle mit, und Jansch's und sein Gitarrenspiel wird man automatisch mit Pentangle in Verbindung gebracht haben, aber hier war das komplett selbstverfasste Material etwas blues-lastiger, teils durch dezente Orchestration und die Produktion des The Who-Produzenten Shel Talmy aus der reinen Folk-Ecke heraus gehoben.. Jansch's Gitarrenspiel ist natürlich über jeden Zweifel erhaben, nicht umsonst gilt er bis heute – zusammen mit Richard Thompson - als einer der besten Gitarristen Englands. Manche der Songs sind nicht ganz auf dem Niveau seines Debüt's von 1965, aber er hatte schließlich in kurzer Zeit eine Menge Material – Solo und mit Band - verfasster Immerhin war er gerade frisch verheiratet und das junge Glück ließ sich im Instrumental „Miss Heather Rosemary Sewell“ und bei „I've Got A Woman“ erahnen und schon allein der „Tree Song“ gehört zu Jansch's besten Kompositionen (… das will was heißen...) und lässt Birthday Blues – trotz des Titels – klingen, wie einen angenehmen Urlaub vom Bandalltag. Dass Jansch auch in den folgenden Jahren einen ganzen Haufen formidabler Alben aufnahm, die wegen ihrer Sparsamkeit und Coolness zeitlos geblieben sind, muss angemerkt werden...

Bert Jansch - Tree Song 

Shirley & Dolly Collins


Anthems In Eden

(Harvest, 1969)

Achtung ! Dieses Album ist hier in gewisser Weise ein Fremdkörper – es ist Folk – aber sowas von... Shirley und ihre Schwester Dolly Collins haben eine traditioneller klingende Herangehensweise an die Folk-Musik Großbritanniens als die in den Zeilen zuvor vertretenen Bands und Musiker, aber sie finden immer wieder – gerade WEIL sie sich der Idee des Folk als „Volks“ Musik verpflichtet fühlen eine wunderbar offene Herangehensweise an ihr Material. Für ihr erstes gemeinsames Album Anthems In Eden suchte sich das Geschwisterpaar somit ganz logisch und konsequent Traditionals aus, verfasste aber auch ein paar Songs selber, coverte mit „God Dog“ die Incredible String Band und vertonte dieses Material im Gegensatz zu anderen Folk-Bands der Zeit mit mittelalterlichen Instrumenten. Die komplette erste Seite des Albums erzählt in „A Song Story“ eine Geschichte aus der Zeit des Ersten Weltkrieges, getragen von, Dolly Collins` unheimlichem Harmonium und Shirley Collins wunderbarem Gesang. Die hat (man muß es wirklich betonen!) eine Stimme, die so nur in England möglich zu sein scheint und die nach exakt den Arrangements verlangt, die Dolly Collins zusammen mit David Munrow durch Instrumente wie Kornett, Krumhorn und Dudelsack herstellte. In Songs wie dem irischen Folk-Frühlingsboten „Bonny Cuckoo” - allein Shirley's Stimme und ihr Banjo - oder bei der ernsten Warnung vor dem unsicheren Kantonisten “Rambleaway” entsteht dadurch eine außerweltliche Atmosphäre – eine Atmosphäre die heute eher an den (archaisch/ modernen) Freak Folk der beginnenden 00er Jahre erinnert, die vielleicht gerade dadurch außerhalb aller Modernismen besteht. Auch Anthems in Eden ist ein Meilenstein des Folk der späten Sechziger – aber einer, der wenig mit dem Folk-Rock Fairport's gemeinsam hat...

Shirley & Dolly Collins - Rambleaway 

Michael Chapman


Rainmaker

(Harvest, 1969)

Auf Michael Chapmans zweitem Album kann man schon allein an der Liste der Mitwirkenden erkennen, wes' Geistes Kind der Mann war: Danny Thompson von Pentangle spielt Bass, der spätere Bowie Sidekick Mick Ronson hilft an der Gitarre aus, Blues-Drummer Aynsley Dunbar trommelt, und der spätere Elton John Intimus Gus Dudgeon produziert das Ganze. Ja, Chapman selber war von vorne herein stark von Jazz und Blues beeinflusst, aber er hatte seine Erfahrungen dann in Folk-Kreisen um Roy Harper und John Martyn gesammelt, und Rainmaker ist definitiv ein Folk-Album – mit etlichen Auswüchsen in andere Richtungen. Womit es in ein Jahr wie 1969 passt. Michael Chapman selber war (und ist) einer der ganz großen Gitarristen – er spielt hier sowohl elektrische Gitarre als auch akustisches Folk-Picking – stilistisch irgendwo zwischen John Martyn und Bert Jansch, aber zweifellos auf deren Niveau. Er ist ein hervorragender Songwriter, mit einem Sinn für kluge Lyrics und feine Hooks - und mit einer unnachahmlich gleichmütigen Stimme, der man kaum anhört, dass er erst kurz vor Beginn der Aufnahmen begonnen hatte, zu singen. Schon im Opener „It Didn't Work Out“ erzählt er weltmüde und fatalistisch von einer zerbrochenen Liebe, „No One Left to Care“ hat bedrohliche Untertöne, klingt nach Folk und Blues und bekommt durch die offen gestimmte Gitarre einen regelrechten Drone verpasst. Heute wird Chapman als britisches Pendant zu John Fahey gehandelt – inzwischen passt das auch durchaus – aber er bleibt ein völlig eigenständiger Künstler. Leider ging Rainmaker in einem Jahr wie diesem in der Flut der fantastischen Alben unter. Es ist aber inzwischen mindestens in Kenner-Kreisen als Diamant anerkannt.

Michael Chapman - No One Left to Care 


Roy Harper


Folkjokeopus

(Liberty, 1969)

Roy Harper ist Vielen eher als Freund und Mitspieler der Pink Floyd-Mannschaft aus deren erfolgreichsten Tagen bekannt. Die Alben, die er in der Zeit seit Ende der Sechziger selber machte, wurden nie so erfolgreich, wie sie es verdient hätten. '69 hat er schon zwei Alben hinter sich – mit Musik, die sich zunächst noch stark an den psychedelischen Klängen ihrer Zeit orientieren – die er aber auch da schon mit seinem sturen Individualismus, mit deutlicheren politischen Positionen, als Ende der Sechziger in diesen Kreisen üblich, mit komplexen Kompositionen, die gerne mal die 10-Minuten Marke überschreiten und mit sehr versiertem Gitarrenspiel kennzeichnet. Das dritte Album Folkjokeopus läutet Harper's eindeutige Hinwendung zum britischen Folk ein. Nun wird der Ton seiner Stimme klarer erkennbar, die Folk-Einflüsse sind vor Allem beim zentralen „McGoohan's Blues“ erkennbar, einem 18-minütigen Epos, der Dylan erblassen lassen könnte. Hier redet Harper sich gegen die kapitalistische techno-theokratische Gesellschaftsordnung in Rage, und bezieht klar Position, wo andere Musiker im Ungefähren bleiben. ("...and the world that Christ fought is supported by using His name). Andere Tracks sind noch vom (zeitgemäßen) britischen Psychedelic Rock dieser Tage geprägt, aber sie haben alle Eigenschaften, die Roy Harper so besonders machen: Sein virtuoses Akustik-Gitarrenspiel, seine ungewöhnlichen Harmonien, seine eigenwillige, etwas nasale Stimme. „In Time of Water“ arbeitet mit Raga-Motiven, „Composer of Life“ könnte der Incredible String Band an einem guten Tag eingefallen sein und „Some Control“ und „Manana“ rahmen „McGoohan's Blues“ mit ebenso scharfen wie witzigen Lyrics ein. Keine Ahnung – vielleicht war Harper für den Durchschnitts-Hörer immer ein bisschen ZU zynisch und eigenwillig. Andere Musiker haben ihn immer wieder bewundert und er hat einige ganz großartige Alben geschaffen. Dieses ist das erste in einer Reihe, die in den kommenden Jahren folgen wird. Höhepunkt wird dann das '71er Album Stormcock. Das MUSS man haben.

Roy Harper - McGoohan's Blues 


Al Stewart


Love Chronicles

(CBS, 1969)

Der Glasgewian Al Stewart wird (in meiner Generation...) vermutlich immer mit seinen Mitt-Siebziger Folk-Pop Hits verbunden werden: Mit Songs wie „Year of the Cat“ und „Time Passenger“ und dem Sound, den er sich von Alan Parsons auf den Leib schneidern ließ. Dass Stewart davor sechs sehr gelungene Folk-Rock Alben abgeliefert hatte, ist weniger bekannt – und Schade. Stewart ist ein feiner Gitarrist, ein noch besserer Texter/Geschichten-Erzähler und Songwriter mit etwas zu freundlicher Stimme (für meinen Geschmack immerhin...). Aber wenn ich (...nur Ich...) über diese Manko hinweghöre, kann ich ein Album wie Love Chronicles nur rückhaltlos bewundern und empfehlen. Dass Love Chronicles so naiv freundlich/fröhlich klingt kommt nicht von ungefähr. Al Stewart war zu jener Zeit frisch verliebt und hatte Songs und Texte, diese Liebe zu preisen – und er hatte Songs und Texte in denen er deutliche soziale Kommentare abgab. Nehmen wir nur „Life and Life Only“, seine Fortsetzung von Dylan's „It's Alright Ma (I'm Only Bleeding)“ wo er singt: „Mr Willoughby/ Who's only luxury/ Is the sugar in his tea...“ oder die fast acht-minütige „Ballad of Mary Foster“, in der das Leben der Nachkriegs-Generation mit all seinen spießigen Regeln und Enttäuschungen auf's bildhafteste beschrieben wird – er hat eine Art, den Alltag zu beschreiben, die im 17-minütigen, natürlich autobiografischen Titeltrack ihren Höhepunkt findet. Und noch etwas spricht für dieses Album: Als Begleiter hat er vier Mitglieder von Fairport Convetion an seiner Seite – unter anderem den großartigen Richard Thompson, sowie den zu dieser Zeit extrem populären Led Zeppelin-Gitarristen Jimmy Page (und auf einem Track auch Led Zep Bassist John Paul Jones). Instrumental steht das Album also auf einem hohen Podest. '69 ist ein Jahr, in dem hervorragende Alben im Wochen-Rhythmus erscheinen, vielleicht ist Love Chronicles wegen dieses Überangebots relativ obskur geblieben. Dazu ist britischer Folk trotz seines End-Sechziger Popularitäts-Schubes immer eine Sache für Liebhaber und Kenner geblieben. Würde ich gerne hiermit ändern...

Al Stewart - Life and Life Only 


Al Jones


Alun Ashworth Jones

(Parlophone, 1969)

Der Gitarrist und Folk-Singer/ Songwriter Alun Ashworth-Jones macht sich zunächst in der Musik-Szene Bristol's einen Namen, spielt im Trio mit dem Harmonika-Player Elliot Jackson und dem späteren Folk-Club- und Magazin-Gründer (Folk Roots...) Ian A. Anderson (… der mit Ian Anderson von Jethro Tull nichts zu tun hat...) Blues, ehe er sich Richtung London und Folk orientiert. Er freundet sich mit Pentangle's John Renbourne und Bert Jansch an – die seine Fähigkeiten als Gitarrist, Sänger und Songwriter schätzen, spilt im In-Club „Les Cousins“ und lernt dort etliche bald bekannte Musiker kennen (John Martyn, Nick Drake, Gordon Giltrap – und den Folk-Producer Sandy Roberton...) und bekommt die Gelegenheit seine Songs für das Parlophone Label aufzunehmen. Das nach ihm benannte Album ist ein weiterer versunkener Edelstein. Warum da kein größerer Erfolg zustande kam, ist ein bisschen rätselhaft und vor Allem Schade. Die Songs sind verträumter elektrischer Folk mit Blues-Anleihen, mit prominenter Flöte von Harold McNair und mit der in diesem Zusammenhang wunderschönen und erstaunlichen Steel-Gitarre von Gordon Huntley. Bass spielt der spätere Jazz-Könner Percy Jones, dazu beweist Jones beachtliches Können an der gitarre bei Instrumentals wie „Ire and Spottiswoad“ und dem durch die Steel fast country-haften „River Bend“, aber all das instrrumentale Glitzern wäre Selbstzweck ohne Songs wie „Siamese Cat“ oder einen Song wi „Big City", bei dem er seine Erlebnisse mit seinem Freund Anderson in London vertont. Dass Jones nicht weiter Musik machte, hat viel mit Pech, unglücklichen Entscheidungen, schlechter Promotion und zu wenig Interesse an eine „Pop“ Karriere zu tun. 1972 kam noch ein etwas profaneres Folk-Album zustande und dann machte Jones erst in den Neunzigern wieder öffentlich Musik, dieses Album hier gibt es als CD mit haufenweise Bonus-Material, es lohnt sich danach zu suchen, die '69er LP ist gebraucht extrem teuer...

Al Jones - Siamese Cat 


Bridget St. John


Ask Me No Questions

(Dandelion, 1969)

Mit Bridget Anne Hobbs aka Bridget St. John kommt eine britische Solo-Künstlerin an die Reihe, die sich selber als musikalische Verwandte von John Martyn und Michael Chapman bezeichnete, eine Künstlerin, die den Namen des Radio DJ's John Peel ins Spiel bringt, der die Folkrock-Explosion jener Jahre genauso wach verfolgt, wie er die gesamte Rockmusik von Beat bis Techno klug verfolgt hat. Peel gründet 1969 ausdrücklich wegen ihr das Dandelion Label und verschafft ihr so die Möglichkeit ihre Musik an die Öffentlichkeit zu bringen. St. John hat zuvor mit Al Stewart Songs für die berühmten Peel Sessions ein paar Songs aufgenommen, Ask Me No Questions wird dann von John Peel selber in wenigen Stunden aufgenommen und bietet auf zwei Songs John Martyn als Gast... Und all das namedropping darf nicht von der Klasse ihrer Songs, ablenken, von der Eigenständigkeit und Kraft ihrer dunklen Stimme, die an Nico denken lässt – eine Nico ohne Akzent und mit Sinn für Melodik allerdings. Ask Me No Questions ist noch sehr sparsam aufgenommen - was den Songs einerseits gut tut, aber auch eine gewisse Eintönigkeit erzeugt – die folgenden zwei Alben für Dandelion sind dann „üppiger“, aber Songs wie „I Like To Be With You in the Sun“ oder „Autumn Lullaby“ brauchen keine Verzierungen. Man könnte sie mit Nick Drake vergleichen (der hier auch hingehört – ich weiss – aber er ist eben im Artikel Singer/Songwriter untergekommen – da könnte St- John auch hin...). Oder man kann sie mit der frühen Chan Marshall aka Cat Power vergleichen. Andererseits braucht sie keine Vergleiche. Man höre nur den absurden Text und die bezaubernde Melodie von „Lizard-Long-Tongue Boy“ - Folk(rock) 1969 ist ein Fest der Individualität (und Exzentrik). Bridget St. Johns erste drei Alben sind toll.

Bridget St.John - Lizard-Long-Tongue Boy 


Ralph McTell


Spiral Staircase

(Transatlantic, 1969)

Hier nun zwei Künstler, die weit mehr Erfolg hatten, als Al Jones oder Bridget St. John – zu Recht oder zu Unrecht ? Finde ich nicht... Ralph McTell etwa hat zu seinem Glück oder Unglück – mit „Streets of London“ den einen, lebenslangen Hit, der ihm vermutlich das Leben finanziert hat – und alle anderen künstlerischen Entäußerungen erdrückt haben dürfte. Er ist ein versierter Gitarrist und Harmonika-Spieler, beeinflusst von alten Bluesmusikern wie Robert Johnson und Blind Blake, er ist ein hervorragender Storyteller, der mehr zu bieten hat, als nur den einen Hit, der dieses Album eröffnet. Er lässt sich auf Spiral Staircase – seinem zweiten Album übrigens – von der hervorragenden aber unbekannten Famous Jug Band begleiten, wo nötig (auch John Peel-Favoriten übrigens), dazu verpasst ihm der bald mit Elton John so erfolgreiche Gus Dudgeon (der auch Michael Chapman produziert hatte – siehe oben) eine warme, mitunter ein bisschen plüschige Produktion mit ein paar Orchesterparts. McTell's Folk ist melancholisch und nah am Blues, aber er ist weit mehr, als der eine Hit vermuten lässt. Da sind Song-Preziosen wie „Daddy's Song“, „England 1914“ oder der Closer „Terminus“, die zwar ein bisschen in ihrer Zeit gefangen scheinen, aber zugleich wunderbares Songwriting bieten. Und der Jug-Band Sound und das bluesige Fingerpicking sind sehr gekonnt und eigenständig – wie in der Beschreibung des Bridget St. John-Albums gesagt: Folk(rock) 1969 ist ein Fest der Individualität 

Ralph McTell - England 1914 


Donovan


Barabajagal

(EMI, 1969)

"Goo goo goo goo barabajagal" - Der Refrain des Openers und Titelsongs von Donovan Leitch's neuntem Album ist gewiss kein textliches Highlight in seiner bunten Karriere. Tatsache ist – Ende der Sechziger bemüht sich Donovan (wie Dylan, mit dem er immer wieder ein bisschen unfair verglichen wird...) eher um musikalische Veränderung als um politische Texte, welche seine Fan/Folk-Basis befriedigen könnten. So gehen beide Musiker, Dylan und Donovan, von nun an in neue musikalische Richtungen, Dylan wird erfolgreich als Pionier in den Bereichen Country und Folkrock, Donovan beginnt Kinderlieder und indische Einflüsse zu verquicken – und hat damit weniger Erfolg – seine beste Zeit hat er nun scheinbar hinter sich. Und Barabajagal ist noch an der Grenze zwischen Folk, Rock und Kinderlied. Da ist eine Albernheit wie „I Love My Shirt“, die aber – man muss es zugeben – auch Spaß macht, da ist der Titelsong mit seinen Blödsinns-Refrain – bei dem aber die hart rockende Jeff Beck Group incl des Gitarrenvirtuosen für Wucht und Spannung sorgt. Das Album ist extrem eklektizistisch, es „Folk“ zu nennen ist eigentlich verfehlt – aber ein Song wie „Happiness Runs“ zeigt, dass Donovan durchaus noch Folk kann. Ganz einfach: Barabajagal hat – wenn man genauer hinhört - einige tolle Songs, die auch Freunden des Folk und Folkrock gefallen könnten. „Atlantis“ ist ein beatlesker mystischer Pop-Song, auf „Trudi“ sorgt wieder Jeff Beck und seine Band für mehr Kraft, als Donovans Stimme eigentlich verträgt – aber der hatte ja auch früher schon mit Rrrock-Gitarristen gearbeitet (Jimmy Page und John Paul Jones begleiteten ihn auf diversen Sessions – siehe übrigens auch Al Stewart... die mochten Folk bekanntermaßen gerne und waren in dieser Szene äußerst aktiv). Da gibt es noch die erwähneswerte Single „To Susan on the West Coast Waiting“ mit deutlicher Anti-Kriegs Message. Donovan war zu der Zeit auf jeden Fall als Songwriter in guter Form – und wer mehr von DIESEM Donovan will, sollte sich am nachfolgenden Album Open Road erfreuen können. Donovan's Karriere hat seit '65 acht Jahre bzw. elf Alben lang eine erstaunliche Konstanz.

Donovan - Barabajagal 


Sweeney's Men


The Tracks of Sweeney

(Transatlantic, 1969)

Zuletzt (in diesem „Kapitel“ der Geschichte der populären Musik) muss ich von Sweeney's Men berichten – einer der besten irischen Folk-Bands, die sich um die Modernisierung der irischen Folkmusik auf sehr eigene Art verdient gamacht hat. Irgendwann Mitte der Sechziger hatte die Band als Trio in Irland begonnen, irgendwann kam mit Terry Woods ein 12-String Gitarrist dazu, der in den USA gewandert war, und der amerikanisches Folk-Liedgut mitbrachte, irgendeiner des Trios brachte eine Bouzouki mit, ein anderer die Konzertina und Sweeney's Men nahmen ein etwas traditionelleres Debüt auf, traten auf dem Cambridge Folk Festival auf, verloren dort den zwischendurch dazu geholten Henry McCullough (...der dann irgendwann auch bei Paul McCartney's Wings mitspielen wird!!) an Joe Cocker's Grease Band und machten hier als Duo aus Terry Woods und Johnny Moynihan ihr zweites Album. Eines, das irische, schottische und amerikanische Folkmusik auf's wunderbarste verbindet. The Tracks of Sweeney (der Name ist einem Roman des absurd-komischen irischen Schriftstellers Flann O'Brien entnommen) ist in seinem freien Umgang mit den Wurzeln des Folk nah an der Incredible String Band, es gibt mit „Hall of Mirrors“ - von Woods und Moynihan geschrieben – unfassbar schönen psychedelischen irischen Folk, mit „Afterthoughts“ einen, der nah an Nick Drake's beste Songs kommt, und mit „Dreams For Me“ einen weiteren Song, der die Grenzen irischer Folkmusik ganz ganz weit in Richtung Folkrock verschiebt. The Tracks of Sweeney ist ein unzweifelhaftes Highlight unter den Veröffentlichungen des Jahres '69, auch hier ist die Obskurität unverdient. Die Band löste sich noch '69 auf, aber Terry Woods machte mit seiner Frau Gay als The Woods Band 1971 eine weitere tolle LP, spielte mit Steeleye Span, Dr. Strangely Strange, den Pogues etc... und John Moyniham ging zu den tollen Planxty, deren erste zwei Alben mindestens gehört werden müssen.

Sweeneys Men - Hall of Mirrors 


Zum Abschluss


Wie hier schon mehrmals im Text dargestellt – die Grenzen zwischen Folk, Folkrock, Psychedelic Rock und Singer/Songwriter-Zeug sind fliessend – gerade in einer Zeit wie dieser - Ende der Sechziger - als die Jugend sich von Zwängen und Reglementierungen jeder Art via Rock'n'Roll befreit hat. Zumal viele Musiker sich gerne genre-übergreifend gegenseitig inspirieren und helfen, aus Clubs wie dem UFO, dem Les Cousins und diversen Touren und Festivals kennen. Also ist die Auswahl hier oben weder dogmatisch, noch verpflichtend als irgendein Leitfaden. Ich habe eher nach Lust und Laune Alben kombiniert, Nick Drake einen Singer/Songwriter genannt, T.Rex als Vorläufer des psychedelischen Freak Folk in einem anderen Kapitel eingeordnet, in das The Pentangle oder die Collins-Schwestern genauso gut passen würden. Dies ist meine Auswahl der besten Folk-Alben 69 – hör' sie dir an - kann man alles auf Spotify oder YouTube finden. Es ist seltsamerweise sehr zeitlose Musik – vielleicht WEIL sie sich auf Vorbilder beruft, die entstanden, als es außer mündlicher Überlieferung keine musikalischen „Dokumente“ gab – was diese Musik so frei macht..









Mittwoch, 3. Oktober 2018

1969 – Nick Drake bis Jimmy Campbell - Traurige Barden werden Singer/Songwriter

Die hier unten versammelten Musiker und Alben mögen stilistisch sehr unterschiedliche Grundlagen haben – und ich will auch keine Ähnlichkeiten herbeifantasieren - aber eines fällt auf im Jahr 1969: Viele Songwriter haben den politischen Protest gegen eine desillusionierte Haltung zum politischem Tagesgeschehen und gegen die private Innenschau eingetauscht. Noch ist es nicht die pure Introspektion, noch kreisen sie nicht allein um sich selbst, noch sehen sie auch mal nach Aussen, aber da ist entweder melancholische Ruhe eingekehrt (Drake, Buckley) oder tiefschwarze Ironie an die Stelle von Idealen getreten (Walker, Van Zandt) – oder die Musiker sind - wie Skip Spence – selber zu Ruinen des Traumgebäudes „Love and Peace“ geworden. So mag die musikalische Sprache bei allen hier versammelten Alben und Musikern unterschiedlich sein – die Singer/Songwriter aus England mögen sich auf den britischen Folk beziehen, auf das europäische „Kunstlied“ oder den Chanson, die Amerikaner auf Country, Folk, Hillbilly und Blues, aber sie alle haben auch die elektrifizierte (Rock)-Musik ihrer Zeit gehört und als Teil ihrer eigenen Geschichte in ihre Musik integriert. Und sie alle haben textlich die besagten thematischen Gemeinsamkeiten – und es sind insbesondere diese Aussagen/Texte, die sich im Vergleich zu denen der „Singer/Songwriter“vor '67/'68 stark verändert haben. Texte, die bei allen hier versammelten Musikern verdammt wichtig sind, sind nun oft allgemeiner und allgemein-gültiger geworden. Dies war damals eine neue Art von Musik – hier etabliert sich der bis heute im Grunde unveränderte „Singer/Songwriter“.

Nick Drake


Five Leaves Left

(Island, 1969)

Von heute aus gesehen hatte Nick Drake doch eigentlich alles, was einen erfolgreichen Musiker ausmachen sollte: Er hatte eine wunderbare Stimme, war ein versierter Gitarrist, hatte großartige Songs und er hatte für sein Debüt Five Leaves Left (Der Titel bezieht sich auf die letzten 5 Blättchen für Zigaretten) mit Joe Boyd einen namhaften Produzenten und die Besten der Besten der britischen Folk Szene als Begleitung (Richard Thompson von Fairport Convention an der Gitarre und Danny Thompson von Pentangel am Bass). Aber - der junge Mann war viel zu perfektionistisch um Live auftreten zu können, dazu noch äußerst introvertiert– so sehr, daß er bei den wenigen Konzerten mitunter minutenlang stumm dasaß und seine Gitarre stimmte. Seine Studioalben allerdings zeigen, wie gut er war, und was für ein Talent die Welt verlor, als er sich 1974 umbrachte. Schon dieses Debüt besticht durch die melodisch reichen Songs, und es ist durchaus optimistisch im Ton, und durch die dezenten Streicher und Bläser-Arrangements des Schulfreundes Robert Kirby klingen die Songs noch delikater. Die Lyrics sind zwar melancholisch, aber man kann wirklich nicht – wie es so gerne versucht wird – suizidale Gedanken hineinlesen. Dazu ist seine Stimme und Intonierung nicht etwa düster, nein, ich habe eher einen ruhigen, vielleicht etwas verregneten Samstag Nachmittag in England vor den Augen, wenn ich diesen Klang höre. Jeder hat auf diesem (wie auf den beiden folgenden Alben) so seine Favoriten, meine wären „River Man“ und „Cello Song“ - aber das Album ist als Ganzes perfekt – und diese Atmosphäre in die Sonne Kaliforniens versetzt führt mich zu.....

Nick Drake - River Man 


Alexander „Skip“ Spence


Oar

(CBS, 1969)

.. der allerdings mit noch mehr Recht gerne mit Syd Barrett verglichen wird. Alexander Spence hatte ein paar Jahre zuvor mit den so talentierten wie glücklosen Moby Grape eine Karriere vor die Wand gefahren. Mit den damals angesagten Drogen hatte er sich Paranoia und Schzophrenie zugelegt, und war dann in der Psychiatrie verschwunden. Ein halbes Jahr später tauchte er wieder auf, verlangte ein Motorrad und Studiozeit in Nashville und nahm mit kleinem Budget komplett alleine dieses Solo-Album innerhalb weniger Tage auf . Dass er die Songs kaum ausformulierte, dass sie - nach heutigen Masstäben – wahrhaftig „LoFi“ sind, verleiht ihnen nun eine seltsame Modernität. Zur damaligen Zeit war diese Nicht-Produktion keine Qualität, sondern ein Mangel, heute kenne ich etliche „erfolgreichere“ Alben, die weit weniger durchgestyled sind, und das als Credibility verkaufen. Aber – wie immer – was zählt, sind die Songs: Und da hatte Skip Spence, vielleicht gerade weil er (zumindest für kurze Zeit) einem extremen Umfeld entkommen war, anscheinend einen Berg an Inspiration und Material vorzuweisen. Schon bei Moby Grape war Spence DER Songwriter gewesen (...neben anderen, die waren ein Sammelbecken für talentierte Musiker...), er hatte u.a. deren besten Song „Omaha“ geschrieben, hier scheint sein Talent noch einmal auf wie ein dunkler Diamant, Da ist „War in Peace“, gesungen im Falsett, ein Stück das so lose und zufällig klingt wie es zugleich konzentrierte Planung bietet – Spence spielte wie gesagt alle Instrumente selber ein, und dabei alle Elemente im Rahmen zu halten erfordert ein genaues Wissen um das erwünschte Resultat. Dann ist da das über neun-minütige „Grey/ Afro“, eine verfremdete Stimme, die dubiose Lyrics über Bass und Drums rezitiert. Oar dokumentiert, wie ein kreativer Geist langsam immer tiefer in Depression und Wahnsinn versinkt – und sich damit fast freudvoll abfindet. Das Album mag finstere Seiten haben, aber Spence war zu diesem Zeitpunkt offensichtlich auch glücklich über die Gelegenheit, sich äußern zu können. Selbstredend wollte '69 keiner diese Outsider-Musik hören – inzwischen hat Oar mindestens Kultstatus. Spence versank hiernach immer tiefer in Sucht und Krankheit und starb völlig verarmt im Jahr 1999 in einem Heim.

Skip Spence - War in Peace 


Leonard Cohen


Songs From a Room

(CBS, 1969)

Leonard Cohen's erste drei (eigentlich sogar vier...) Alben gehören sicher allesamt zu den Ikonen der Schlafzimmer-(Rock)musik – Songs of Love and Hate, der tief-dunkle '70er Nachfolger zu Songs From a Room , ist eines der größten Alben in der Zunft in der Singer/Songwriter – hunderte Male nachgeahmt, nie erreicht... und das '67er Debütalbum hat die bekannteren Songs. So ist dieses zweite Album Cohen's gewissermaßen eingezwängt zwischen zwei Meisterwerken – was seiner Qualität aber keinen Abbruch tut. Immerhin sind hier Songs wie „Bird on a Wire, „The Story of Isaac“ und „Tonight Will Be Fine“, die allein schon ein ganzes Album tragen können. Aber offenbar sah Cohen hier noch nicht völlig schwarz. Natürlich war er kein „Pop-Sänger“, er klang schon beim Debüt so alt wie die Zeit, und das hatte sich natürlich inzwischen nicht geändert, aber noch strahlt hier und da die Abendsonne in die Songs, wenn er beim Opener „Bird on a Wire“ etwa Bilder vom „...worm on a hook" bis zum „knight in an old-fashioned book“ entstehen lässt. Die Arrangements sind etwas sparsamer als auf dem Debüt, in fast jedem Song erklingt irgendwo im Hintergrund die Maultrommel, dafür erklingen beim wortgewaltigen „A Bunch of Lonesome Heroes“ auf einmal Acid-Gitarren. Cohen's Stil ist durch seine Reduziertheit zeitlos geblieben – auch wenn es auf Songs from a Room hier und da ein paar Hinweise auf die damals aktuellen Moden geben mag. Das Prinzip dieser Art von Musik hat sich vermutlich seit dem Mittelalter kaum geändert: Melodie trägt Text trägt Stimme - und Leonard Cohen's Pfund war neben den fantastischen Texten immer die Reduktion in seiner Musik, die anscheinend so simplen Melodien und sein murmender Bariton – und von all dem bietet Songs From a Room reichlich. Leonard Cohen ist das Vorbild sehr vieler trauriger Männer.

Leonard Cohen - A Bunch of Lonesome Heroes 


Tim Buckley


Happy/Sad

(Elektra, 1969)

Tim Buckley


Blue Afternoon

(Straight, 1969)

Happy/Sad ist Tim Buckley's schönstes Album. Es mag nicht sein visionärstes sein, es mag auch nicht sein zugänglichstes sein, es ist eigentlich ein Album des Überganges, aber es hat eine einzigartig spätsommerliche Atmosphäre, die es in der Zeit einfängt, wie ein Insekt in Bernstein. Nach dem Erfolg von Goodbye and Hello entschloss sich Buckley, seine Vorliebe für Jazz in seinen Folk-Singer/Songwriter Sound einfließen zu lassen und nahm mit kleiner akustischer Besetzung eine mutige Kollektion von gerade mal sechs teils über 10 minütigen Songs auf, die die Grenzen seines bisherigen Schaffens in allen Richtungen überschritt. Es ist für mich immer wieder erstaunlich zu bemerken, dass auf Happy/Sad weder Drums noch Percussion die außerordentlich rhythmische Musik unterstützen. Der Bass und ein prägnates Vibraphon untermalen Gitarren zwischen jazzigen Soli und weichen Chords. Die Hauptarbeit aber übernimmt natürlich Tim Buckleys fantastische Stimme. Hier begann er wirklich die Grenzen ihrer Möglichkeiten auszuloten – aber einer der wunderbaren Aspekte an Happy/Sad ist, dass er seine Stimme hier trotzdem noch den Songs unterordnete. Songs, bei denen sich zeigt, dass Buckley auch als Songwriter Hochform war. Es ist meiner Meinung nach das beste Album, um einen Einstieg in sein Werk zu finden. Kaum fünf Monate später war Buckley zu Frank Zappas Straight Label gewechselt und vollzog den Schritt hin zu seiner Vision/Version von Jazz in aller Konsequenz. Er produzierte nun selber und nahm in vier Wochen nicht nur Blue Afternoon, sondern auch – zumindest teilweise - die beiden Nachfolger Lorca und Starsailor auf. Das zunächst '69 veröffentlichte Blue Afternoon besteht dabei noch aus älterem Material, zunächst für Happy/Sad gedachten Songs wie dem optimistischen Opener „Happy Time“ oder dem weit düstereren „Chase the Blues Away“. Hier war noch Folk der Ausgangspunkt für Exkursionen in eine seltsame, eigenwillige Form von Vocal-Jazz. Der Einzige der in eine ähnliche Richtung gegangen war, war im Jahr zuvor Van Morrison mit Astral Weeks gewesen – aber dessen irirsche Wurzeln und der Blues waren dort Leitmotive . Auf Blue Afternoon ist der Folk-Einfluss prägend, noch ging Buckley nicht so weit, wie auf den folgenden beiden Alben. „River“ und „Cafe“ wären auch auf dem Vorgänger nicht fehl am Platze gewesen, sind atmosphärisch und melodisch, der letzte Song auf der LP, „The Train“ weist dann aber schon in die Richtung, in die Buckley seine Stimme dehnen sollte. 

Tim Buckley - Buzzin' Fly 

Tim Buckley - Chase the Blues Away 


Scott Walker


Scott 3

(Phillips, 1969)

Scott Walker


Scott 4

(Philips, 1969)

Scott 3, Scott Walker's letztes Top Ten Album im United Kingdom war das erste, auf dem er den überwiegenden Teil der Songs selber verfasst hatte - die drei übrigen Songs entstammen der Feder seines großen Vorbildes Jacques Brel. Man muß sich bei diesem Album mal vor Augen halten, dass Walker vor gerade mal 18 Monaten noch als Teenager Idol in den entsprechenden Magazinen abgelichtet worden war - und nun sang er auf „Big Louise“ für die Zeit ausgesprochen explizit über eine Prostituierte! Aber was Scott 3 auf musikalischem Gebiet so ungewöhnlich macht, ist die Vermischung zweier ästhetischer Systeme: Eine Orchestration die an Sinatra gemahnt stößt auf Gesang und Texte, die so tiefgründig und melancholisch sind, dass sie in diesem Zusammenhang fast surreal wirken – Ein Kontrast, den Sinatra ja bei seinem dunklen Meisterwerken Sings Only for the Lonely ebenfalls nutzte. Aber noch gibt es auf Scott 3 lichte Momente, auch wenn bei „It's Raining Today“ die Geigen im Hintergrund fast atonal flirren, meint man Hoffnung fühlen zu können. „If You Go Away“ basiert auf dem Jacques Brel Song „Ne me quitte pas“ und ist mindestens so berührend wie das Original, „Copenhagen“ läßt, wie manches an dieser Musik auch an den frühen David Bowie denken - der sich wiederum Scott Walker sicherlich angehört hat. Manchem gilt Scott 3 aufgrund seiner Kombination aus Anspruch und düsterem Pop-Appeal als Walkers bestes Album, experimenteller noch war dann das im selben Jahr veröffentlichte Album No.4. Hier sind alle Songs von Scott Walker selber geschrieben, und die dazugehörigen Lyrics sind für den Pop-Betrieb nun vollkommen ungeeignet. Es wurde logischwerweise das erste Album, das die britischen Top Ten nicht erreichen sollte. Schon der erste Track „The Seventh Seal“ behandelt den gleichnamigen Ingmar Bergman Filmklassiker, „The Old Man's Back Again“ ist dem Neo-Stalinistischen Regime gewidmet, „Hero of the War“ ist ein ironischer Tribut an einen Kriegshelden. Auf dem Backcover wurde Albert Camus mit "a man's work is nothing but this slow trek to rediscover, through the detours of art, those two or three great and simple images in whose presence his heart first opened" zitiert. Musikalisch wurden die Arrangements etwas heruntergefahren, erinnern manchmal an Filmmusik von Ennio Morricone, die Songs bleiben aber noch wundersam melodisch und wunderbar majestätisch. Walker hatte bislang noch nie so gut komponiert. Dass er sich mit dieser Musik - die ihm offenbar eine Herzensangelegenheit war – ins kommerzielle Abseits manövrierte, würde ihm in den kommenden Jahren wohl immer gleichgültiger werden. Bald kamen noch ein paar etwas halbherzigere und kommerziellere Alben, die das Anhören kaum lohnen, aber dann machte er mit den Walker Brothers auf Nite Flights (78) weiter mit Experimenten, wandte sich ganz von Pop und Kommerz ab und ist inzwischen mit Alben wie Drift oder Soused (mit der Extrem-Drone Band SunnO))) völlig ausserhalb der Populärmusik gelandet. Da, wo er wohl hin wollte... 

Scott Walker - Big Louise 

Scott Walker - The Old Man's Back Again 



Townes Van Zandt


Our Mother The Mountain

(Tomato, 1969)

Townes Van Zandt


s/t

(Tomato, 1969)

Townes Van Zandt hatte im Vorjahr sein Debüt veröffentlicht und sich Respekt unter anderen Musikern verschafft, der kommerzielle Erfolg seiner eigenen Platten jedoch blieb bescheiden. Dabei war er ein hervorragender, am Stil Lightnin' Hopkins' geschulter Gitarrist, hatte eine angenehme, wenn auch etwas brüchige Stimme. Das wirkliche Pfund, mit dem Van Zandt wuchern konnte, waren seine Songs und deren Lyrics: Nicht umsonst gilt er so manchem Berufenen (in seinem Genre) bis heute als der Shakespeare der Textdichtung – was heißen soll: Er war in der Lage in kurzen Zeilen eine komplette und komplexe Geschichte entstehen zu lassen. Er dürfte vermutlich zeitlebens von den Tantiemen seiner Songs ein befriedigendes Einkommen gehabt haben – litt aber unter Depressionen und hatte ein ausgewachsenes Alkoholproblem. Sein zweites Album Our Mother the Mountain ist nur ein weiteres von vielen hervorragenden Alben des Texaners. Hier produzierte - wie auf dem Debüt - wieder Jack Clement. Der verlieh den Songs wieder ein teils etwas zu barockes Gewand, das sie nicht unbedingt nötig gehabt hätten. Umso beeindruckender ist es daher, wie wenig die Arrangements dem Songmaterial bis heute geschadet haben. „Kathleen“ beispielsweise ist in jeder Form als großartiges Stück zu erkennen, „Tecumseh Valley“ kannte man schon vom Debüt, war hier immerhin etwas sparsamer arrangiert und ist ebenso zeitlos. Insbesondere die zweite Hälfte des Albums profitiert dann aber von einfacheren Arrangements. Auf dem im selben Jahr veröffentlichten Nachfolger Townes Van Zandt verzichtete Van Zandt dann auf die Dienste von Clement und nahm seine Songs nun endlich so sparsam wie nötig auf. Und da ihm die Aufnahmen einiger Songs auf den vorherigen Alben nicht gefallen hatten nahm er die wichtigsten davon erneut auf: „Waiting Around To Die“, „I'll Be Here In The Morning“ und der Titelsong des Debüts sind intensiver noch als auf dem Debüt For The Sake Of The Song - wenn das überhaupt möglich ist. Die Melancholie und Düsternis seiner Geschichten kam in der kargen Instrumentierung besser zur Geltung, und neben den „alten“ Tunes gab es selbstverständlich wieder wunderbares neues Material. Die Minenarbeiter-Ballade „Lungs“ ist sowohl melodisch als auch textlich perfekt, genau wie „None But the Rain“, ein Song über eine fehlgeschlagene Bezieheung - oder die hoffnungslose Ballade von „St. John the Gambler“ vom vorherigen Album... Nicht umsonst werden Van Zandt's Texte in ihrer Prägnanz und poetischen Eleganz mit den Großen der Musik – wie Dylan und dem Vorbild Hank Williams - auf eine Stufe gestellt. Und die Musik auf seinen Alben – meist eher Folk als Country, obwohl später meist von den Großen der Countrymusik gecovert – hat weit mehr Beachtung verdient, als sie bekam. Die beiden '69er Alben gehören zu Townes Van Zandts besten – aber man kann bis zum '78er Album Flyin' Shoes bei den musikalischen Hinterlassenschaften dieses Mannes nichts falsch machen.

 Townes Van Zandt - Kathleen

 Townes Van Zandt - Lungs


Mickey Bewbury


Looks Like Rain

(Mercury, 1969)

Wer Townes Van Zandt in diese Reihe stellt, muss auch dessen Kollegen Mickey Newbury hinzufügen – der 1969 nach einem für ihn unbefriedigenden Debüt sein zweites Album in die Welt setzt. Der Texaner Newbury hat – wie Van Zandt – einen hervorragenden Ruf unter Kollegen, gilt als anspruchsvoller Songwriter irgendwo zwischen Country, Folk und barockem Pop und verschafft sich ebenfalls in den kommenden Jahren mit erfolgreichen Coverversionen seiner Songs ein gewisses finanzielles Polster. Seine Songs wurden von Elvis, Jerry Lee Lewis, Kenny Rogers etc gecovert – und auch heute noch kennen ihn Musiker wie Bill Callahan (Smog...) - aber seine Solo-Alben blieben bis heute (zu) wenig bekannt. Looks Like Rain ist in vieler Hinsicht seiner Zeit voraus: Es ist ein Konzept-Album, bei dem die Songs durch Soundeffekte wie Wind, Regen Glocken etc miteinander verbunden sind. Die Musik hat mit Country soviel zu tun wie mit Pop, sitzt vollkommen zwischen den Stühlen, ist hoch-romantisch bis zum Kitsch, aber überschreitet nie die Grenze zur Geschmacklosigkeit – mal wird seine Musik (aus der Zeit zwischen '69 und '74) „Progressive Country“ genannt, mal habe ich den Begriff „Ambient Country“ gelesen – und immer sieht man die großen amerikanischen Ebenen vor sich, hört Wind und Regen, lassen die Texte ganze Geschichten entstehen, die sich auf kommenden Alben fortsetzen werden. Dazu gibt es Songs wie „She Even Woke Me Up to Say Goodbye“ oder den Titelsong des kommenden Albums „San Francisco Mabel Joy“ - Songs die ich wissentlich auf eine Stufe mit dem Besten von Scott Walker stelle (mit dem vergleiche ich Newbury gerne)... nur dass Newbury ur-amerikanisch ist. Looks Like Rain ist ein ungewöhnliches, sehr schönes, zutiefst romantisches Album zwischen den Stühlen, einerseits (seinerzeit) innovativ, andererseits aus alten Traditionen schöpfend. Und dass Waylon Jennings Newbury in seinem Klassiker “Luckenbach, Texas (Back to the Basics of Love)" auf das gleiche Podest neben Willie Nelson und Hank Williams stellte, muss man als ein berechtigten Hinweis auf Newbury's Klasse anerkennen.

Mickey Newbury - She Even Woke Me Up to Say Goodbye 


F.J.McMahon


Spirit of the Golden Juice

(Accent, 1969)

Der Folksänger Fred.J. McMahon kam ursprünglich aus Santa Barbara, hatte vor seiner Zeit bei der US-Army Musiker wie die Beatles und vor Allem den Countrymusiker Hoyt Axton als Vorbilder auserkoren, war mit Band aufgetreten - und mußte dann nach Vietnam und Thailand. Zurück von dort nahm er Spirit of the Golden Juice für das semi-legendäre Accent-Label auf. Man hört dem Album den geringen Aufwand kaum an – es gibt Bass und Drums von Musikern, die im Vergessen versunken sind, McMahon's Gitarrenspiel ist solide, seine Stimme nicht so reich wie die von Tim Hardin oder Fred Neil etwa – mit denen er mitunter verglichen wird - aber dieser sparsame und warme Sound könnte genauso gut heute entstanden sein – analoges Equipment vorausgesetzt.... Der Unterschied liegt in der Stimmung zwischen Reflektion und Melancholie – in der Haltung, die nach der Zerstörung der Illusionen der Hippie Generation so immanent geworden waren. McMahon sang über seine Erlebnisse als GI in Süd-Ost Asien - der titelgebende „golden juice“ ist der Whisky, der der Treibstoff der GI's gewesen sein soll – seine Songs irgendwo zwischen Folk, Country und Lo-Fi Psychedelik mögen wenig Aufsehen erregt haben – da kam sicher zu wenig Unterstützung vom Label, aber McMahon bot eine Art von Musik, die nicht gerade nach Aufmerksamkeit schrie - eigentlich ein bisschen wie Nick Drake in England. Er ging im Anschluss an die Aufnahmen auf eine Tour entlang der Westküste und beendete dann seine Karriere als Musiker. Dieser musikalische Schatz wurde erst nach fast 35 Jahren von den jungen Folk-Musikern des neuen Jahrtausends gehoben und auf diversen Labels wiederveröffentlicht. Songs wie „The Road Back Home“ oder das Titelstück sind eine Wiederentdeckung wert.

F.J. McMahon - Spirit of the Golden Juice 


Tommy Flanders


The Moonstone

(Verve Forecast, 1969)

Tommy Flanders war ein paar Jahre zuvor der Original-Sänger der New Yorker Band Blues Project – er sang auf deren '66er Debüt Live at the Cafe Au Go-Go, verschwand dann regelrecht in der Versenkung, machte noch eine Single – und tauchte dann 1969 etwas überraschend mit einem neuen Album wieder auf. The Moonstone war vermutlich sein letzter Versuch im Pop Business Fuß zu fassen – der Ton gemahnt an Tim Hardin, an Tim Buckley oder Fred Neil, das als Opener gewählte „Since You've Been Gone“ ist noch die übliche Singer/Songwriter-Ware der End-Sechziger, aber der Titelsong kann es durchaus mit den besten Songs der oben genannten weit bekannteren Zeitgenossen aufnehmen. Da ist das spinnenhafte Gitarrenspiel von Session-Crack Bruce Langhorne, da ist Flanders' klare und kraftvolle Stimme, da sind Begleiter wie Jerry Scheff (b) und Michael Botts (dr), die dem ganzen Album einen fließenden Sound irgendwo zwischen melancholischem Country und verträumter Hippie-Seligkeit verleihen. Auch dieses Album verkaufte sich, kaum, die Mischung aus Folk und Country war (noch) nicht populär, Flanders selber war inzwischen nur noch Wenigen bekannt und auf Tour hätte er sich die für das Album so wichtigen Begleiter nicht leisten können. So verschwand auch Flanders wieder von der Bildfläche und ward nicht mehr gesehen....und auch The Moonstone ist dankenswerterweise wiederentdeckt und –veröffentlicht – es ist das nächste Beispiel für Musik, die eigentlich zu Unrecht vom Radar verschwindet.

Tommy Flanders - The Moonstone 


Jimmy Campbell


Son of Anstasia

(Fontana, 1969)

Der Brite Jimmy Campbell hatte sich seit den Mitt-Sechzigern seine Sporen in diversen Mersey-Beat-Bands in Liverpool verdient, und hatte (wie so mancher hier beschrieben Küstler) vor Allem bei den Kollegen einen guten Ruf als Songwriter. Einer der A&R Männer bei Fontana hörte davon, ließ sich ein paar Songs vorspielen und nahm den 25-jährigen für drei Alben unter Vertrag. Campbell nahm '68 in einem Zug genug Songs für zwei Alben auf – aber er war mit dem Umstand, ohne Band im Rücken ins Studio zu gehen nicht sonderlich glücklich – ihm fehlten sowohl Selbstvertrauen als auch Erfahrung – beim Song „Tremendous Commercial Potential“ etwa trat er langsam vom Micro zurück, als er erfuhr, dass man da ein „Fade-Out“ vorhabe. Irgendwie klingt das Album dadurch so, als wäre Campbell unwillig – oder zu nervös – gewesen, seine Songs aufzunehmen – was Son of Anastasia zugleich einen ungewöhnlichen Charme verleiht. Material hatte Campbell bei weitem genug, aber anscheinend wusste keiner so Recht, wie man ihn produzieren sollte – und so spielt er dann meist eine geliehene Gitarre und ein Kazoo, imitiert mit dem Mund eine Trompete, singt mit schwankender Stimme und klingt wie ein weniger zugedröhnter Syd Barrett. Die Lyrics dazu klingen wie die Beobachtungen eines Outsiders, eines Mannes, der von einer Party berichtet, an der er nur ungern teilgenommen hat. Und all das ist nicht immer von Nachteil – die wenig ausgearbeiteten Tracks klingen wie Demo's – und damit für heutige Ohren nach den Lo-Fi Recordings eines begnadeten Songwriter (siehe das feine „Michel Angelo“) und die durcharrangierten Stücke rühren mit leicht betagtem Psychedelic-Pop-Flair – und tollem Songwriting (siehe etwa „Another Vincent Van Gogh“ - ja, Campbell hatte es mit der Malerei). Der Nachfolger würde „polierter“ werden, aber Campbell's Manager Hal Carter hatte dann vor allem damit Erfolg, Campbell's Songs zu promotete.

Jimmy Campbell - Another Vincent Van Gogh 


Diese Auswahl wieder..!!!


in der Tat könnte ich noch mal locker zehn weitere Alben hier hinzufügen und beschreiben. 1969 gibt es in der Musikindustrie einige Verantwortliche, die Männern (und natürlich auch Frauen, aber die habe ich fein säuberlich von den Männern getrennt...), die Gitarre spielen und ihre Befindlichkeiten besingen mit Vertrag und Studiozeit versehen – in der hoffnung auf einen echten Trend aufzuspringen. Aber ich habe mich auf zehn Künstler beschränkt, und werde weiter Alben dieser Art ganz einfach woanders beschreiben. Alben wie:


John Stewart – California Bloodliens


Bob Dylan – Nashville Skyline


Donovan – Barabajagal


Jim Sullivan – U.F.O.


David Ackles – Subway to the Country


Al Stewart – Love Chronicles


Neil Young – s/t


Neil Young – Everybody Knows This Is Nowhere


… und so kann ich noch eine Weile weitermachen. Aber nimm das als Empfehlung zum weiterhören, und lies an anderer Stelle weiter...