Mittwoch, 3. Oktober 2018

1969 – Nick Drake bis Jimmy Campbell - Traurige Barden werden Singer/Songwriter

Die hier unten versammelten Musiker und Alben mögen stilistisch sehr unterschiedliche Grundlagen haben – und ich will auch keine Ähnlichkeiten herbeifantasieren - aber eines fällt auf im Jahr 1969: Viele Songwriter haben den politischen Protest gegen eine desillusionierte Haltung zum politischem Tagesgeschehen und gegen die private Innenschau eingetauscht. Noch ist es nicht die pure Introspektion, noch kreisen sie nicht allein um sich selbst, noch sehen sie auch mal nach Aussen, aber da ist entweder melancholische Ruhe eingekehrt (Drake, Buckley) oder tiefschwarze Ironie an die Stelle von Idealen getreten (Walker, Van Zandt) – oder die Musiker sind - wie Skip Spence – selber zu Ruinen des Traumgebäudes „Love and Peace“ geworden. So mag die musikalische Sprache bei allen hier versammelten Alben und Musikern unterschiedlich sein – die Singer/Songwriter aus England mögen sich auf den britischen Folk beziehen, auf das europäische „Kunstlied“ oder den Chanson, die Amerikaner auf Country, Folk, Hillbilly und Blues, aber sie alle haben auch die elektrifizierte (Rock)-Musik ihrer Zeit gehört und als Teil ihrer eigenen Geschichte in ihre Musik integriert. Und sie alle haben textlich die besagten thematischen Gemeinsamkeiten – und es sind insbesondere diese Aussagen/Texte, die sich im Vergleich zu denen der „Singer/Songwriter“vor '67/'68 stark verändert haben. Texte, die bei allen hier versammelten Musikern verdammt wichtig sind, sind nun oft allgemeiner und allgemein-gültiger geworden. Dies war damals eine neue Art von Musik – hier etabliert sich der bis heute im Grunde unveränderte „Singer/Songwriter“.

Nick Drake


Five Leaves Left

(Island, 1969)

Von heute aus gesehen hatte Nick Drake doch eigentlich alles, was einen erfolgreichen Musiker ausmachen sollte: Er hatte eine wunderbare Stimme, war ein versierter Gitarrist, hatte großartige Songs und er hatte für sein Debüt Five Leaves Left (Der Titel bezieht sich auf die letzten 5 Blättchen für Zigaretten) mit Joe Boyd einen namhaften Produzenten und die Besten der Besten der britischen Folk Szene als Begleitung (Richard Thompson von Fairport Convention an der Gitarre und Danny Thompson von Pentangel am Bass). Aber - der junge Mann war viel zu perfektionistisch um Live auftreten zu können, dazu noch äußerst introvertiert– so sehr, daß er bei den wenigen Konzerten mitunter minutenlang stumm dasaß und seine Gitarre stimmte. Seine Studioalben allerdings zeigen, wie gut er war, und was für ein Talent die Welt verlor, als er sich 1974 umbrachte. Schon dieses Debüt besticht durch die melodisch reichen Songs, und es ist durchaus optimistisch im Ton, und durch die dezenten Streicher und Bläser-Arrangements des Schulfreundes Robert Kirby klingen die Songs noch delikater. Die Lyrics sind zwar melancholisch, aber man kann wirklich nicht – wie es so gerne versucht wird – suizidale Gedanken hineinlesen. Dazu ist seine Stimme und Intonierung nicht etwa düster, nein, ich habe eher einen ruhigen, vielleicht etwas verregneten Samstag Nachmittag in England vor den Augen, wenn ich diesen Klang höre. Jeder hat auf diesem (wie auf den beiden folgenden Alben) so seine Favoriten, meine wären „River Man“ und „Cello Song“ - aber das Album ist als Ganzes perfekt – und diese Atmosphäre in die Sonne Kaliforniens versetzt führt mich zu.....

Nick Drake - River Man 


Alexander „Skip“ Spence


Oar

(CBS, 1969)

.. der allerdings mit noch mehr Recht gerne mit Syd Barrett verglichen wird. Alexander Spence hatte ein paar Jahre zuvor mit den so talentierten wie glücklosen Moby Grape eine Karriere vor die Wand gefahren. Mit den damals angesagten Drogen hatte er sich Paranoia und Schzophrenie zugelegt, und war dann in der Psychiatrie verschwunden. Ein halbes Jahr später tauchte er wieder auf, verlangte ein Motorrad und Studiozeit in Nashville und nahm mit kleinem Budget komplett alleine dieses Solo-Album innerhalb weniger Tage auf . Dass er die Songs kaum ausformulierte, dass sie - nach heutigen Masstäben – wahrhaftig „LoFi“ sind, verleiht ihnen nun eine seltsame Modernität. Zur damaligen Zeit war diese Nicht-Produktion keine Qualität, sondern ein Mangel, heute kenne ich etliche „erfolgreichere“ Alben, die weit weniger durchgestyled sind, und das als Credibility verkaufen. Aber – wie immer – was zählt, sind die Songs: Und da hatte Skip Spence, vielleicht gerade weil er (zumindest für kurze Zeit) einem extremen Umfeld entkommen war, anscheinend einen Berg an Inspiration und Material vorzuweisen. Schon bei Moby Grape war Spence DER Songwriter gewesen (...neben anderen, die waren ein Sammelbecken für talentierte Musiker...), er hatte u.a. deren besten Song „Omaha“ geschrieben, hier scheint sein Talent noch einmal auf wie ein dunkler Diamant, Da ist „War in Peace“, gesungen im Falsett, ein Stück das so lose und zufällig klingt wie es zugleich konzentrierte Planung bietet – Spence spielte wie gesagt alle Instrumente selber ein, und dabei alle Elemente im Rahmen zu halten erfordert ein genaues Wissen um das erwünschte Resultat. Dann ist da das über neun-minütige „Grey/ Afro“, eine verfremdete Stimme, die dubiose Lyrics über Bass und Drums rezitiert. Oar dokumentiert, wie ein kreativer Geist langsam immer tiefer in Depression und Wahnsinn versinkt – und sich damit fast freudvoll abfindet. Das Album mag finstere Seiten haben, aber Spence war zu diesem Zeitpunkt offensichtlich auch glücklich über die Gelegenheit, sich äußern zu können. Selbstredend wollte '69 keiner diese Outsider-Musik hören – inzwischen hat Oar mindestens Kultstatus. Spence versank hiernach immer tiefer in Sucht und Krankheit und starb völlig verarmt im Jahr 1999 in einem Heim.

Skip Spence - War in Peace 


Leonard Cohen


Songs From a Room

(CBS, 1969)

Leonard Cohen's erste drei (eigentlich sogar vier...) Alben gehören sicher allesamt zu den Ikonen der Schlafzimmer-(Rock)musik – Songs of Love and Hate, der tief-dunkle '70er Nachfolger zu Songs From a Room , ist eines der größten Alben in der Zunft in der Singer/Songwriter – hunderte Male nachgeahmt, nie erreicht... und das '67er Debütalbum hat die bekannteren Songs. So ist dieses zweite Album Cohen's gewissermaßen eingezwängt zwischen zwei Meisterwerken – was seiner Qualität aber keinen Abbruch tut. Immerhin sind hier Songs wie „Bird on a Wire, „The Story of Isaac“ und „Tonight Will Be Fine“, die allein schon ein ganzes Album tragen können. Aber offenbar sah Cohen hier noch nicht völlig schwarz. Natürlich war er kein „Pop-Sänger“, er klang schon beim Debüt so alt wie die Zeit, und das hatte sich natürlich inzwischen nicht geändert, aber noch strahlt hier und da die Abendsonne in die Songs, wenn er beim Opener „Bird on a Wire“ etwa Bilder vom „...worm on a hook" bis zum „knight in an old-fashioned book“ entstehen lässt. Die Arrangements sind etwas sparsamer als auf dem Debüt, in fast jedem Song erklingt irgendwo im Hintergrund die Maultrommel, dafür erklingen beim wortgewaltigen „A Bunch of Lonesome Heroes“ auf einmal Acid-Gitarren. Cohen's Stil ist durch seine Reduziertheit zeitlos geblieben – auch wenn es auf Songs from a Room hier und da ein paar Hinweise auf die damals aktuellen Moden geben mag. Das Prinzip dieser Art von Musik hat sich vermutlich seit dem Mittelalter kaum geändert: Melodie trägt Text trägt Stimme - und Leonard Cohen's Pfund war neben den fantastischen Texten immer die Reduktion in seiner Musik, die anscheinend so simplen Melodien und sein murmender Bariton – und von all dem bietet Songs From a Room reichlich. Leonard Cohen ist das Vorbild sehr vieler trauriger Männer.

Leonard Cohen - A Bunch of Lonesome Heroes 


Tim Buckley


Happy/Sad

(Elektra, 1969)

Tim Buckley


Blue Afternoon

(Straight, 1969)

Happy/Sad ist Tim Buckley's schönstes Album. Es mag nicht sein visionärstes sein, es mag auch nicht sein zugänglichstes sein, es ist eigentlich ein Album des Überganges, aber es hat eine einzigartig spätsommerliche Atmosphäre, die es in der Zeit einfängt, wie ein Insekt in Bernstein. Nach dem Erfolg von Goodbye and Hello entschloss sich Buckley, seine Vorliebe für Jazz in seinen Folk-Singer/Songwriter Sound einfließen zu lassen und nahm mit kleiner akustischer Besetzung eine mutige Kollektion von gerade mal sechs teils über 10 minütigen Songs auf, die die Grenzen seines bisherigen Schaffens in allen Richtungen überschritt. Es ist für mich immer wieder erstaunlich zu bemerken, dass auf Happy/Sad weder Drums noch Percussion die außerordentlich rhythmische Musik unterstützen. Der Bass und ein prägnates Vibraphon untermalen Gitarren zwischen jazzigen Soli und weichen Chords. Die Hauptarbeit aber übernimmt natürlich Tim Buckleys fantastische Stimme. Hier begann er wirklich die Grenzen ihrer Möglichkeiten auszuloten – aber einer der wunderbaren Aspekte an Happy/Sad ist, dass er seine Stimme hier trotzdem noch den Songs unterordnete. Songs, bei denen sich zeigt, dass Buckley auch als Songwriter Hochform war. Es ist meiner Meinung nach das beste Album, um einen Einstieg in sein Werk zu finden. Kaum fünf Monate später war Buckley zu Frank Zappas Straight Label gewechselt und vollzog den Schritt hin zu seiner Vision/Version von Jazz in aller Konsequenz. Er produzierte nun selber und nahm in vier Wochen nicht nur Blue Afternoon, sondern auch – zumindest teilweise - die beiden Nachfolger Lorca und Starsailor auf. Das zunächst '69 veröffentlichte Blue Afternoon besteht dabei noch aus älterem Material, zunächst für Happy/Sad gedachten Songs wie dem optimistischen Opener „Happy Time“ oder dem weit düstereren „Chase the Blues Away“. Hier war noch Folk der Ausgangspunkt für Exkursionen in eine seltsame, eigenwillige Form von Vocal-Jazz. Der Einzige der in eine ähnliche Richtung gegangen war, war im Jahr zuvor Van Morrison mit Astral Weeks gewesen – aber dessen irirsche Wurzeln und der Blues waren dort Leitmotive . Auf Blue Afternoon ist der Folk-Einfluss prägend, noch ging Buckley nicht so weit, wie auf den folgenden beiden Alben. „River“ und „Cafe“ wären auch auf dem Vorgänger nicht fehl am Platze gewesen, sind atmosphärisch und melodisch, der letzte Song auf der LP, „The Train“ weist dann aber schon in die Richtung, in die Buckley seine Stimme dehnen sollte. 

Tim Buckley - Buzzin' Fly 

Tim Buckley - Chase the Blues Away 


Scott Walker


Scott 3

(Phillips, 1969)

Scott Walker


Scott 4

(Philips, 1969)

Scott 3, Scott Walker's letztes Top Ten Album im United Kingdom war das erste, auf dem er den überwiegenden Teil der Songs selber verfasst hatte - die drei übrigen Songs entstammen der Feder seines großen Vorbildes Jacques Brel. Man muß sich bei diesem Album mal vor Augen halten, dass Walker vor gerade mal 18 Monaten noch als Teenager Idol in den entsprechenden Magazinen abgelichtet worden war - und nun sang er auf „Big Louise“ für die Zeit ausgesprochen explizit über eine Prostituierte! Aber was Scott 3 auf musikalischem Gebiet so ungewöhnlich macht, ist die Vermischung zweier ästhetischer Systeme: Eine Orchestration die an Sinatra gemahnt stößt auf Gesang und Texte, die so tiefgründig und melancholisch sind, dass sie in diesem Zusammenhang fast surreal wirken – Ein Kontrast, den Sinatra ja bei seinem dunklen Meisterwerken Sings Only for the Lonely ebenfalls nutzte. Aber noch gibt es auf Scott 3 lichte Momente, auch wenn bei „It's Raining Today“ die Geigen im Hintergrund fast atonal flirren, meint man Hoffnung fühlen zu können. „If You Go Away“ basiert auf dem Jacques Brel Song „Ne me quitte pas“ und ist mindestens so berührend wie das Original, „Copenhagen“ läßt, wie manches an dieser Musik auch an den frühen David Bowie denken - der sich wiederum Scott Walker sicherlich angehört hat. Manchem gilt Scott 3 aufgrund seiner Kombination aus Anspruch und düsterem Pop-Appeal als Walkers bestes Album, experimenteller noch war dann das im selben Jahr veröffentlichte Album No.4. Hier sind alle Songs von Scott Walker selber geschrieben, und die dazugehörigen Lyrics sind für den Pop-Betrieb nun vollkommen ungeeignet. Es wurde logischwerweise das erste Album, das die britischen Top Ten nicht erreichen sollte. Schon der erste Track „The Seventh Seal“ behandelt den gleichnamigen Ingmar Bergman Filmklassiker, „The Old Man's Back Again“ ist dem Neo-Stalinistischen Regime gewidmet, „Hero of the War“ ist ein ironischer Tribut an einen Kriegshelden. Auf dem Backcover wurde Albert Camus mit "a man's work is nothing but this slow trek to rediscover, through the detours of art, those two or three great and simple images in whose presence his heart first opened" zitiert. Musikalisch wurden die Arrangements etwas heruntergefahren, erinnern manchmal an Filmmusik von Ennio Morricone, die Songs bleiben aber noch wundersam melodisch und wunderbar majestätisch. Walker hatte bislang noch nie so gut komponiert. Dass er sich mit dieser Musik - die ihm offenbar eine Herzensangelegenheit war – ins kommerzielle Abseits manövrierte, würde ihm in den kommenden Jahren wohl immer gleichgültiger werden. Bald kamen noch ein paar etwas halbherzigere und kommerziellere Alben, die das Anhören kaum lohnen, aber dann machte er mit den Walker Brothers auf Nite Flights (78) weiter mit Experimenten, wandte sich ganz von Pop und Kommerz ab und ist inzwischen mit Alben wie Drift oder Soused (mit der Extrem-Drone Band SunnO))) völlig ausserhalb der Populärmusik gelandet. Da, wo er wohl hin wollte... 

Scott Walker - Big Louise 

Scott Walker - The Old Man's Back Again 



Townes Van Zandt


Our Mother The Mountain

(Tomato, 1969)

Townes Van Zandt


s/t

(Tomato, 1969)

Townes Van Zandt hatte im Vorjahr sein Debüt veröffentlicht und sich Respekt unter anderen Musikern verschafft, der kommerzielle Erfolg seiner eigenen Platten jedoch blieb bescheiden. Dabei war er ein hervorragender, am Stil Lightnin' Hopkins' geschulter Gitarrist, hatte eine angenehme, wenn auch etwas brüchige Stimme. Das wirkliche Pfund, mit dem Van Zandt wuchern konnte, waren seine Songs und deren Lyrics: Nicht umsonst gilt er so manchem Berufenen (in seinem Genre) bis heute als der Shakespeare der Textdichtung – was heißen soll: Er war in der Lage in kurzen Zeilen eine komplette und komplexe Geschichte entstehen zu lassen. Er dürfte vermutlich zeitlebens von den Tantiemen seiner Songs ein befriedigendes Einkommen gehabt haben – litt aber unter Depressionen und hatte ein ausgewachsenes Alkoholproblem. Sein zweites Album Our Mother the Mountain ist nur ein weiteres von vielen hervorragenden Alben des Texaners. Hier produzierte - wie auf dem Debüt - wieder Jack Clement. Der verlieh den Songs wieder ein teils etwas zu barockes Gewand, das sie nicht unbedingt nötig gehabt hätten. Umso beeindruckender ist es daher, wie wenig die Arrangements dem Songmaterial bis heute geschadet haben. „Kathleen“ beispielsweise ist in jeder Form als großartiges Stück zu erkennen, „Tecumseh Valley“ kannte man schon vom Debüt, war hier immerhin etwas sparsamer arrangiert und ist ebenso zeitlos. Insbesondere die zweite Hälfte des Albums profitiert dann aber von einfacheren Arrangements. Auf dem im selben Jahr veröffentlichten Nachfolger Townes Van Zandt verzichtete Van Zandt dann auf die Dienste von Clement und nahm seine Songs nun endlich so sparsam wie nötig auf. Und da ihm die Aufnahmen einiger Songs auf den vorherigen Alben nicht gefallen hatten nahm er die wichtigsten davon erneut auf: „Waiting Around To Die“, „I'll Be Here In The Morning“ und der Titelsong des Debüts sind intensiver noch als auf dem Debüt For The Sake Of The Song - wenn das überhaupt möglich ist. Die Melancholie und Düsternis seiner Geschichten kam in der kargen Instrumentierung besser zur Geltung, und neben den „alten“ Tunes gab es selbstverständlich wieder wunderbares neues Material. Die Minenarbeiter-Ballade „Lungs“ ist sowohl melodisch als auch textlich perfekt, genau wie „None But the Rain“, ein Song über eine fehlgeschlagene Bezieheung - oder die hoffnungslose Ballade von „St. John the Gambler“ vom vorherigen Album... Nicht umsonst werden Van Zandt's Texte in ihrer Prägnanz und poetischen Eleganz mit den Großen der Musik – wie Dylan und dem Vorbild Hank Williams - auf eine Stufe gestellt. Und die Musik auf seinen Alben – meist eher Folk als Country, obwohl später meist von den Großen der Countrymusik gecovert – hat weit mehr Beachtung verdient, als sie bekam. Die beiden '69er Alben gehören zu Townes Van Zandts besten – aber man kann bis zum '78er Album Flyin' Shoes bei den musikalischen Hinterlassenschaften dieses Mannes nichts falsch machen.

 Townes Van Zandt - Kathleen

 Townes Van Zandt - Lungs


Mickey Bewbury


Looks Like Rain

(Mercury, 1969)

Wer Townes Van Zandt in diese Reihe stellt, muss auch dessen Kollegen Mickey Newbury hinzufügen – der 1969 nach einem für ihn unbefriedigenden Debüt sein zweites Album in die Welt setzt. Der Texaner Newbury hat – wie Van Zandt – einen hervorragenden Ruf unter Kollegen, gilt als anspruchsvoller Songwriter irgendwo zwischen Country, Folk und barockem Pop und verschafft sich ebenfalls in den kommenden Jahren mit erfolgreichen Coverversionen seiner Songs ein gewisses finanzielles Polster. Seine Songs wurden von Elvis, Jerry Lee Lewis, Kenny Rogers etc gecovert – und auch heute noch kennen ihn Musiker wie Bill Callahan (Smog...) - aber seine Solo-Alben blieben bis heute (zu) wenig bekannt. Looks Like Rain ist in vieler Hinsicht seiner Zeit voraus: Es ist ein Konzept-Album, bei dem die Songs durch Soundeffekte wie Wind, Regen Glocken etc miteinander verbunden sind. Die Musik hat mit Country soviel zu tun wie mit Pop, sitzt vollkommen zwischen den Stühlen, ist hoch-romantisch bis zum Kitsch, aber überschreitet nie die Grenze zur Geschmacklosigkeit – mal wird seine Musik (aus der Zeit zwischen '69 und '74) „Progressive Country“ genannt, mal habe ich den Begriff „Ambient Country“ gelesen – und immer sieht man die großen amerikanischen Ebenen vor sich, hört Wind und Regen, lassen die Texte ganze Geschichten entstehen, die sich auf kommenden Alben fortsetzen werden. Dazu gibt es Songs wie „She Even Woke Me Up to Say Goodbye“ oder den Titelsong des kommenden Albums „San Francisco Mabel Joy“ - Songs die ich wissentlich auf eine Stufe mit dem Besten von Scott Walker stelle (mit dem vergleiche ich Newbury gerne)... nur dass Newbury ur-amerikanisch ist. Looks Like Rain ist ein ungewöhnliches, sehr schönes, zutiefst romantisches Album zwischen den Stühlen, einerseits (seinerzeit) innovativ, andererseits aus alten Traditionen schöpfend. Und dass Waylon Jennings Newbury in seinem Klassiker “Luckenbach, Texas (Back to the Basics of Love)" auf das gleiche Podest neben Willie Nelson und Hank Williams stellte, muss man als ein berechtigten Hinweis auf Newbury's Klasse anerkennen.

Mickey Newbury - She Even Woke Me Up to Say Goodbye 


F.J.McMahon


Spirit of the Golden Juice

(Accent, 1969)

Der Folksänger Fred.J. McMahon kam ursprünglich aus Santa Barbara, hatte vor seiner Zeit bei der US-Army Musiker wie die Beatles und vor Allem den Countrymusiker Hoyt Axton als Vorbilder auserkoren, war mit Band aufgetreten - und mußte dann nach Vietnam und Thailand. Zurück von dort nahm er Spirit of the Golden Juice für das semi-legendäre Accent-Label auf. Man hört dem Album den geringen Aufwand kaum an – es gibt Bass und Drums von Musikern, die im Vergessen versunken sind, McMahon's Gitarrenspiel ist solide, seine Stimme nicht so reich wie die von Tim Hardin oder Fred Neil etwa – mit denen er mitunter verglichen wird - aber dieser sparsame und warme Sound könnte genauso gut heute entstanden sein – analoges Equipment vorausgesetzt.... Der Unterschied liegt in der Stimmung zwischen Reflektion und Melancholie – in der Haltung, die nach der Zerstörung der Illusionen der Hippie Generation so immanent geworden waren. McMahon sang über seine Erlebnisse als GI in Süd-Ost Asien - der titelgebende „golden juice“ ist der Whisky, der der Treibstoff der GI's gewesen sein soll – seine Songs irgendwo zwischen Folk, Country und Lo-Fi Psychedelik mögen wenig Aufsehen erregt haben – da kam sicher zu wenig Unterstützung vom Label, aber McMahon bot eine Art von Musik, die nicht gerade nach Aufmerksamkeit schrie - eigentlich ein bisschen wie Nick Drake in England. Er ging im Anschluss an die Aufnahmen auf eine Tour entlang der Westküste und beendete dann seine Karriere als Musiker. Dieser musikalische Schatz wurde erst nach fast 35 Jahren von den jungen Folk-Musikern des neuen Jahrtausends gehoben und auf diversen Labels wiederveröffentlicht. Songs wie „The Road Back Home“ oder das Titelstück sind eine Wiederentdeckung wert.

F.J. McMahon - Spirit of the Golden Juice 


Tommy Flanders


The Moonstone

(Verve Forecast, 1969)

Tommy Flanders war ein paar Jahre zuvor der Original-Sänger der New Yorker Band Blues Project – er sang auf deren '66er Debüt Live at the Cafe Au Go-Go, verschwand dann regelrecht in der Versenkung, machte noch eine Single – und tauchte dann 1969 etwas überraschend mit einem neuen Album wieder auf. The Moonstone war vermutlich sein letzter Versuch im Pop Business Fuß zu fassen – der Ton gemahnt an Tim Hardin, an Tim Buckley oder Fred Neil, das als Opener gewählte „Since You've Been Gone“ ist noch die übliche Singer/Songwriter-Ware der End-Sechziger, aber der Titelsong kann es durchaus mit den besten Songs der oben genannten weit bekannteren Zeitgenossen aufnehmen. Da ist das spinnenhafte Gitarrenspiel von Session-Crack Bruce Langhorne, da ist Flanders' klare und kraftvolle Stimme, da sind Begleiter wie Jerry Scheff (b) und Michael Botts (dr), die dem ganzen Album einen fließenden Sound irgendwo zwischen melancholischem Country und verträumter Hippie-Seligkeit verleihen. Auch dieses Album verkaufte sich, kaum, die Mischung aus Folk und Country war (noch) nicht populär, Flanders selber war inzwischen nur noch Wenigen bekannt und auf Tour hätte er sich die für das Album so wichtigen Begleiter nicht leisten können. So verschwand auch Flanders wieder von der Bildfläche und ward nicht mehr gesehen....und auch The Moonstone ist dankenswerterweise wiederentdeckt und –veröffentlicht – es ist das nächste Beispiel für Musik, die eigentlich zu Unrecht vom Radar verschwindet.

Tommy Flanders - The Moonstone 


Jimmy Campbell


Son of Anstasia

(Fontana, 1969)

Der Brite Jimmy Campbell hatte sich seit den Mitt-Sechzigern seine Sporen in diversen Mersey-Beat-Bands in Liverpool verdient, und hatte (wie so mancher hier beschrieben Küstler) vor Allem bei den Kollegen einen guten Ruf als Songwriter. Einer der A&R Männer bei Fontana hörte davon, ließ sich ein paar Songs vorspielen und nahm den 25-jährigen für drei Alben unter Vertrag. Campbell nahm '68 in einem Zug genug Songs für zwei Alben auf – aber er war mit dem Umstand, ohne Band im Rücken ins Studio zu gehen nicht sonderlich glücklich – ihm fehlten sowohl Selbstvertrauen als auch Erfahrung – beim Song „Tremendous Commercial Potential“ etwa trat er langsam vom Micro zurück, als er erfuhr, dass man da ein „Fade-Out“ vorhabe. Irgendwie klingt das Album dadurch so, als wäre Campbell unwillig – oder zu nervös – gewesen, seine Songs aufzunehmen – was Son of Anastasia zugleich einen ungewöhnlichen Charme verleiht. Material hatte Campbell bei weitem genug, aber anscheinend wusste keiner so Recht, wie man ihn produzieren sollte – und so spielt er dann meist eine geliehene Gitarre und ein Kazoo, imitiert mit dem Mund eine Trompete, singt mit schwankender Stimme und klingt wie ein weniger zugedröhnter Syd Barrett. Die Lyrics dazu klingen wie die Beobachtungen eines Outsiders, eines Mannes, der von einer Party berichtet, an der er nur ungern teilgenommen hat. Und all das ist nicht immer von Nachteil – die wenig ausgearbeiteten Tracks klingen wie Demo's – und damit für heutige Ohren nach den Lo-Fi Recordings eines begnadeten Songwriter (siehe das feine „Michel Angelo“) und die durcharrangierten Stücke rühren mit leicht betagtem Psychedelic-Pop-Flair – und tollem Songwriting (siehe etwa „Another Vincent Van Gogh“ - ja, Campbell hatte es mit der Malerei). Der Nachfolger würde „polierter“ werden, aber Campbell's Manager Hal Carter hatte dann vor allem damit Erfolg, Campbell's Songs zu promotete.

Jimmy Campbell - Another Vincent Van Gogh 


Diese Auswahl wieder..!!!


in der Tat könnte ich noch mal locker zehn weitere Alben hier hinzufügen und beschreiben. 1969 gibt es in der Musikindustrie einige Verantwortliche, die Männern (und natürlich auch Frauen, aber die habe ich fein säuberlich von den Männern getrennt...), die Gitarre spielen und ihre Befindlichkeiten besingen mit Vertrag und Studiozeit versehen – in der hoffnung auf einen echten Trend aufzuspringen. Aber ich habe mich auf zehn Künstler beschränkt, und werde weiter Alben dieser Art ganz einfach woanders beschreiben. Alben wie:


John Stewart – California Bloodliens


Bob Dylan – Nashville Skyline


Donovan – Barabajagal


Jim Sullivan – U.F.O.


David Ackles – Subway to the Country


Al Stewart – Love Chronicles


Neil Young – s/t


Neil Young – Everybody Knows This Is Nowhere


… und so kann ich noch eine Weile weitermachen. Aber nimm das als Empfehlung zum weiterhören, und lies an anderer Stelle weiter...















Sonntag, 30. September 2018

1986 – Metallica bis Candlemass - Thrash, Hardcore, Crossover-Thrash - die Krone der Welle ist erreicht

1986 steht Metal in voller Blüte. Da ist vor Allem Thrash, die härtere, amerikanische Variante des punk-infizierten Metal aus Großbritannien. Vorbilder wie Iron Maiden, Diamond Head oder Saxon klingen gegen Bands von der US- Westküste wie Slayer, Metallica, Megadeth oder Metal Church inzwischen fast zahm, zugleich bringen New Yorker Hardcore Bands wie Cro-Mags, Crumbsuckers oder Agnostic Front ihre Härte in den Thrash ein – und werden wieder selber von ihm beeinflusst: Gemeinsam haben beide geschrubbte Gitarren, hartes Riffing, Betonung auf den Rhythmus, oft unmelodisch herausgebellten Gesang und politisch-dystopischen Lyrics, Unterschiede findet man in den Gitarrensoli, in den Vorbildern aus Metal (Thrash) oder Punk (Hardcore). 1986 werfen vor Allem die großen Bands des Thrash Metal aus der Bay Area ihre Bomben ab: Slayer mit dem Über-Meisterwerk Reign in Blood, Metallica mit Master of Puppets - dem facettenreicheren Nachfolger von Ride the Lightning - lassen die erste Welle brechen. Dahinter drängen sich in der Königsklasse des Thrash Metal etliche andere Acts – die entweder schon ihre ersten Alben hinter sich haben (Overkill, Metal Church...) oder schon Jahre im Proberaum und auf der Bühne standen. In diesem Jahr wird eine reiche Ernte eingefahren – und – das muss man eingestehen - danach beginnen die Bands des Genres sich zu wiederholen. Nachfolgende, durchaus sehr gute Alben erfinden den Thrash nicht mehr neu – sie verfeinern ihn nur noch. Ebenfalls von Interesse sind Bands aus der Hardcore-Szene New Yorks, die sich vom Thrash haben beeinflussen lassen bzw. diesen beeinflusst haben. Die New Yorker Anthrax kamen im letzten Jahr mit Spreading the Disease, heuer gibt es Nuclear Assault oder die Cro-Mags, die Hardcore mit Thrash „crossovern“ Und auch in Deutschland liefern Bands wie Kreator und Destruction exzellente und eigenständige Thrash-Alben ab. In England ist es ebenfalls laut - wenn auch auf traditionellere Art: Iron Maiden liefern genauso getreulich ab wie Motörhead. Ganz am Ende Bands, deren Metal sich anders geriert: Fates Warning etwa „erfinden“ harten, progressiven Metal, der in die Zukunft weist, und die Schweden von Candlemass sind eindeutige Black Sabbath -Verehrer mit einem äußerst charismatischen Sänger. Diese Form des verlangsamten Metal - Doom genannt - entwickelt sich so langsam wie seine Rhythmen – und in jedem kommenden Jahr gibt es ein bis zwei überragenden Alben. Dieses Jahr ist es eben Candlemass' Epicus Doomicus Metallicus - und eigentlich auch der wunderbare Black Sabbath Rip Off Born too Late von Saint Vitus – aber Saint Vitus wurden vom amerikanischen SST Label veröffentlicht, und denen widme ich einen eigenen Abschnitt. Daher--- siehe dort.

Slayer

Reign in Blood

(Vertigo, 1986)
 Review Siehe...

Metallica


Master Of Puppets

(Vertigo, 1986)

Wie gesagt... das epochale dritte Album von Slayer (siehe hier 'drüber) habe ich an exponierterer Stelle beschrieben und zum Klassiker erklärt – das dritte Album der Kollegen von Metallica hätte aber durchaus an gleicher Stelle stehen können. Einfach Pech gehabt – dabei könnte man (…auch ich selber...) einwenden, dass Master of Puppets sogar das bessere, weil facettenreichere der beiden Alben ist. Tatsächlich überlege ich, während ich schreibe, Master of Puppets an die Stelle von Reign in Blood zu setzen – und entscheide mich dagegen. Nach dem puren Thrash von Ride the Lightning – mit dem Metallica zu der Zeit Slayer um eine Nasenlänge voraus waren – hatten sie das definitive pure Thrash Album gemacht. Mit toller Produktion, großen Songs und einer unerreichbaren Intensität und Härte. Nun hatten sie beschlossen, neue Bereiche zu erforschen – und das Feld des reinen Thrash zu verlassen. Master of Puppets fängt den Moment ein, an dem die vier Musiker die perfekte Balance zwischen thrashiger Aggression und progressivem Pomp halten – und daraus mehr machen, als die Summe dieser Teile eigentlich ergeben dürfte. Tatsächlich gibt es Leute, denen die Abkehr vom reinen Thrash hier schon zu weit geht, denen Metallica ab hier immer weniger bedeutet. Ich persönlich halte den Versuch, sich weiter zu entwickeln mindestens für ehrenwert, zumal hier auch noch für gelungen. Aber: Auch ich finde, nach Master of Puppets ging es (immerhin aus großer Höhe) bergab. Aber hier haben wir noch das klassische Quartett mit Bassist Cliff Burton – der bei der anschliessenden Tour in Schweden bei einem Tourbus-Unglück ums Leben kommen wird. Hier haben wir den Opener „Battery“ - beginnend als martialischer Militärmarsch, auslaufend in furiosem Thrash, hier haben wir den progressiven Thrash „Welcome Home (Sanitarium)“, der als Kraftpaket, hervorragend ausgedachte Story und als Song die Klasse von Metallica repräsentiert, hier gibt es mit „Orion“ ein weiteres Instrumental, das die enorme Tightness der Musiker herausstellt, bevor es dann mit „Damage, Inc.“ noch ein letztes Mal so richtig was auf die Ohren gibt. Da kann man das unaufhaltsam dahin-schrubbende „The Thing That Should Not Be“ zu langsam finden, muss aber dessen Kraft bewundern, da sind Kirk Hammett's ausgefeilte Gitarrensoli, die ihn jetzt endgültig an die Spitze der Konkurrenz aller namhafter Genrevertretern stellen. Da ist James Hetfield's Un-Gesang, der nun endgültig zum Markenzeichen wird – und der die Band positiv von der Konkurrenz abhebt. Master of Puppets ist der Beweis, dass man mit viel Talent und ein paar Einschränkungen mitunter mehr erreichen kann, als mit Können allein (Siehe Megadeth). Dieses Album hat auf seine Art womöglich mehr Einfluss auf die diversen Spielarten des Metal, als Reign in Blood. Negativ gesagt – es ist ein bisschen beliebiger – aber es ist zugleich eines der wegweisendsten und zeitlosesten Metal-Alben aller Zeiten.

 Metallica - Battery

Dark Angel


Darkness Descends

(Combat, 1986)


Das weitere Schicksal der großen Thrash-Bands der Mitt-Achtziger ist unterschiedlich. Die einen werden zu Mega-Stars (Metallica), andere halten ewig und werden immerhin zu Legenden in Metal-Kreisen (Slayer, Megadeth, Overkill), einige dienen den Großen als Personalreservoir (Flotsam & Jetsam) – und dann sind da diejenigen, die spätestens Anfang der Neunziger trotz fantastischer Alben untergehen. Zu denen gehört Dark Angel. '86 allerdings weiss man nur, dass Dark Angel mit Darkness Descends ernsthaft in Konkurrenz zu Slayer getreten sind. Die Band um die beiden Gitarristen Jim Durkin und Eric Meyer hat nach einem mittelmäßigen Debüt mit dem ehemaligen Slayer Drum-Tech Gene Hoglan einen Düsenantrieb für ihren High Speed Thrash gefunden, der das verbesserte Songwriting auf diesem Klassiker des Metal fast in Grund und Boden trommelt. Es kann sein, dass die enorme Schnelligkeit und Härte, die Konsequenz mt der Dark Angel spielten, ihnen den Weg an die Spitze verbaut hat, aber dieses eine Album MUSS jeder hören, der Reign in Blood liebt und seinen Thrash an der Grenze zum Death Metal will. Der Sound mag damals gewöhnungsbedürftig gewesen sein, die Drums sind sehr präsent, aber die Gitarren schrubben glasklar dahinter. Es gibt keine freundlichen Riffs wie bei Metallica oder gar Megadeth, keine Singalong-Lyrics wie bei Anthrax oder Helloween – und ganz gewiss keine Power-Balladen a la „Fade to Black“. Dafür gibt es mit „Darkness Descends“ einen Titeltrack, der Slayer links überholt, Tempowechsel von sehr schnell bis rasend schnell, die dem Album genug Abwechslung bescheren, um es über die ökonomischen 35 Minuten zu tragen – und mit „The Burning Of Sodom“ und „Merciless Death“ mindestens zwei Tracks, die zeigen, dass die Straße vom Thrash zum Death Metal schon gebaut wird. Wer wirkliche Härte will, sollte das hier hören.

Dark Angel - Darkness Descends 

Megadeth


Peace Sells... But Who's Buying

(Capitol, 1986)

Dass Megadeth-Diktator Dave Mustaine ein extrem talentierter Gitarrist und Songwriter ist, wusste man, seit klar war, dass er bei Metallica Einer zuviel war. Und dass er mit Megadeth dann eine zweite Speerspitze des Thrash schmieden würde, war ja wirklich ein toller Nebeneffekt seiner Trennung von Metallica. Blöd nur, dass er ein Drogenproblem hatte und für seine Bandkollegen zu einem äußerst unangenehmen Zeitgenosse werden konnte. Diese Faktoren dürften den größeren Erfolg seiner Band verhindert haben. Ich behaupte, dass Mustaine und Band unter anderen Umständen kommerziell mindestens neben Metallica hätten bestehen können. So verlief die Karriere der Band so erratisch, wie Mustaine's Persönlichkeit. 1986 aber standen sie mit diesem, ihrem dritten Album ganz knapp hinter Slayer und Metallica – ich finde sogar, dass Peace Sells... But Who's Buying von diesen drei das sauberste und geschmeidigste Album ist – will sagen – die Produktion ist hervorragend, die instrumentalen Fertigkeiten von Mustaine und Gitarren-Kollege Chris Poland sind beeindruckend, das Rhythmusgespann spielt so sauber und rasant, dass es eine Freude ist – und das Songwriting ist (zum größten Teil) exzellent. Die ersten vier Tracks lassen sich in ihrer Melodik und Kraft kaum mit der Konkurrenz vergleichen. Dave Mustaine's zynisches Krächzen soll Live unsäglich klingen, im Studio klingt es gut und passt zur Musik. Die Coverversion des Blues-Klassikers „I Ain't Superstitious“ passt einfach nicht hier hin – sie zeigt, dass Mustaine gerne Jimmy Page UND Robert Plant wäre – und das ist er nicht. Aber wenn der Schuster bei seinen Leisten bleibt – wie beim abschliessenden „My Last Words“ - ist Alles gut. Melodischer, rasanter Thrash mit brennenden Gitarren. Das nächste Album wird weniger toll, aber das 1990er Rust In Peace wird endgültig zum Meisterwerk. 

Megadeth - Peace Sells 

Metal Church


The Dark

(Elektra, 1986)

Jetzt folgen Bands, die bis ca '85 als ernsthafte Konkurrenz zu Metallica galten – die aber den Schritt in den Crossover unterließen und damit den breiten Erfolg verpassten. Metal Church hatten '84 ein formidables Debüt hingelegt, einen Klassiker des Thrash mithin, der (IMO) besser war, als Metallica's Debüt und kaum schwächer als das zeitgleich erschienene Ride The Lightning (aber ein furchtbares Cover-Design hatte). Und mit The Dark toppten sie ihren Erstling sogar noch einmal. Kontinuität ist da wohl von Vorteil: Es war immer noch das klassische Line-Up um den Gitarristen und Songwriter Kurdt Vanderhoof mit Shouter David Wayne, Drummer Kirk Arrington, Bassist Duke Erickson, and Gitarren-Mitstreiter Craig Wells – die allesamt auch ihren Beitrag zu den Songs leisteten. Schwankte Metal Church 1984 noch an der Grenze zwischen Thrash und klassischem Metal, so wurde nun auf The Dark die Grenze zum Thrash öfter überschritten. Aber Metal Church hatten mit David Wayne nun einmal einen Rob Halford-Wiedergänger am Mikro, und immer noch war Vanderhoff in der Lage auch mal eine kraftvolle Metal-Balladen zu schreiben, die dennoch Kitsch vermeidet („Watch the Children Play“) - somit enthält The Dark etliche Thrash-Tracks mit klassischen Metal-Anteilen – nur so progressiv und zugleich Hit-tauglich wie Metallica sind Metal Church nicht – und so extrem und Hit-tauglich wie Slayer auch nicht. Auf The Dark gibt es großartige Soli, rasantes Shredding, pumpende Rhythmen – man muss vielleicht Nieten-Armbänder tragen um das zu lieben. Die Sache mit den finsteren Song-Themen und Texten gibt dem Album eine zusätzliche Dimension, das Songwriting ist durchgehend gelungen und The Dark ist gut produziert, aber Metal Church blieben letztlich zu metallisch für den großen Erfolg (den – nebenbei bemerkt – Metallica ja auch erst in ein paar Jahren mit ihrem „schwarzen“ Album haben würden). 1986 waren sie noch ernsthafte Konkurrenz für Metallica – gingen mit ihnen auf Tour, warfen den ständig besoffenen Sänger 'raus, verloren Kurdt Vanderhoof – und machten mit Blessing In Disguise (89) ein weiteres großartiges Album. Aber Superstars wurden sie einfach nicht - was vielleicht auch so gewollt war...

Metal Church - The Dark 

Flotsam & Jetsam


Doomsday For The Deceiver

(Metal Blade, 1986)

Es geht das Gerücht um, dass sich Metallica mit der Absicht am Personal der Konkurrenz bedient haben, um diese aus dem Feld zu räumen. Das sicher Quatsch ist. Wenn ein Musiker wie Jason Newsted 1986 von Flotsam and Jetsam zu Metallica wechselte, dann war das seine freie Entscheidung – und dass er bei den Thrash-Königen zunächst „nur“ als Ersatz am Bass fungierte, ist logisch. Metallica waren eine festgefügte Einheit, die auf tragische Weise ihren vorherigen Bassisten verloren hatten. Der „Neue“ musste sich eben erst einmal etablieren... Aber dass damit eine extrem talentierte Band eines ihrer wichtigsten Mitglieder verlor, kann man durchaus bedauerlich finden. Und das Debüt von Flotsam and Jetam als Audition-Tape für das spätere Metallica-Mitglied zu sehen, täte der Klasse von Doomsday for the Deceiver unrecht. Diese Band gab es immerhin schon seit 1981 und sie waren inzwischen eine eingespielte Mannschaft – noch mit besagtem Bassisten und Songwriter in ihren Reihen, aber eben auch mit einem großartigen Sänger (Eric A.Knutson) der sich locker mit Judas Priest's Rob Halford messen lässt, mit einem Gitarrengespann, das etliche Konkurrenten mit sehr melodischen Twin-Gitarren-Duellen blass aussehen lässt und mit einem vituosen Drummer, der dem Speed-Thrash der Band den nötigen Turbo-Nachbrenner verleiht. Doomsday for the Deceiver muss sich unter den '86er Thrash-Meilensteinen nicht verstecken, ist schlagender Beweis dafür, dass die ganze Stilrichtung in dieser Zeit regelrecht aufblühte. Und – ja – tatsächlich zeigt sich auf diesem Album, dass Newsted ein hervorragender Songwriter ist: Aber die Songwriting-Credits gehen an die ganze Band und das zweite Album von Flotsam and Jetsam (No Place for Disgrace) würde in zwei Jahren beweisen, dass Newsted nicht der alleinige Grund für die Klasse von Songs wie „Hammerhead“, „Metalshock“ oder dem Titelsong des Albums ist. Doomsday… gehört definitiv zu den großen Thrash-Debüt Alben der Achtziger – auch wenn die lange Karriere der Band nach dem oben genannten zweiten (noch besseren) Album keine großen Höhepunkte mehr hatte...

Flotsam and Jetsam - Hammerhead 

Kreator


Pleasure to Kill

(Combat, 1986)

In der Einleitung zu diesem Kapitel weise ich schon darauf hin – Deutschland ist auch ein bisschen Thrash-Metal-Land. Hier sind insbesondere Kreator zu nennen, die mit ihrem zweiten Album eine schön eigenwillige Spur verfolgen, die eine teuflische Art Thrash spielen, die ganz viel vom kommenden Death Metal vorwegnimmt. Pleasure to Kill ist schon das zweite Album der Band aus Essen, das Erste (Endless Pain) hat das Trio der damals noch nicht volljährigen Musiker in Berlin eingespielt, sie haben mit Flag of Hate eine noch bessere EP folgen lassen und liefern mit diesem Album abwechslungsreiche, extrem harte und aggressive Konkurrenz zu den großen Thrash Alben aus den USA ab. Pleasure to Kill ist nicht nur richtig hart, es ist auch anders als alles, was man '86 Thrash nennt. Durch das Gebell von Drummer Jürgen „Ventor“ Riel und das zynische Krächzen von Gitarrist Mille Petrozza wird jede Anbiederung an Alt-Metall verhindert, abwechslungsreiche Songs wie "Ripping Corpse", "Under The Guillotine" "Pestilence" oder der allmächtigen Titel-Track bereiten die Eingeweihten auf die Death Metal Dämmerung vor, sind dabei aber immer noch wiedererkennbar – was manchen Death Metal Rasereien der kommenden Jahre abgehen wird. Die Produktion ist chaotisch und dreckig – und steht dem der Band hervorragend. Pleasure to Kill wurde zum ersten echten Klassiker Kreator's – die mindestens bis ins neue Jahrzehnt noch ein paar weitere Meisterstücke folgen ließ: Eine ganz eigene, sehr aggressive und rohe Form von Thrash, die zunächst mal ohne Konkurrenz blieb – bis auf...

Kreator - Ripping Corpse 

Destruction


Eternal Devastation

(Steamhammer, 1986)

… die sind nämlich mit diesem ebenfalls zweiten Album auf ähnlichem Terrain unterwegs. Destruction gelten als eine der dienstälteste Thrash-Bands Deutschlands, sie sind '82 in Weil am Rhein entstanden und haben 1984 mit Infernal Overkill bewiesen, dass Thrash nicht nur von US-Musikern von der Westküste kommen muss. Bassist/“Sänger“ Marcel „Schmier“ Schirmer, Drummer Tommy Sandmann, und Gitarrist Mike Sifringer hatten eindeutig Bands wie Venom, Mercyful Fate und Motörhead als Vorbilder - und aus diesen Einflüssen eine giftige Brühe gekocht, die zum Thrash der Zeit passt. Der Sound von Destruction ist womöglich noch roher als der von Kreator, Schmier's Vocals gehen von aggressivem Krächzen zu hysterischem Kreischen (und sind damit in der Extrem-Metal Tradition zuhause), ihre Songs haben oft regelrechte Marsch-Rhythmen mit seltam komplexem Riffing. „Curse the Gods“ dürfte Gotteslästerern gefallen haben, ist aber textlich weit reflektierter als man es bei dieser gewalttätigen Musik erwarten würde. „Life Without Sense“ nimmt die Tradition der „Horror im Hospital“-Themen von Metallica oder Dark Angel auf. Und auch für Eternal Devastation gilt – es hebt sich vom US-Thrash ab, ist eigenständig, voller Wucht und Härte. Destruction hatten keine so durchgehend erfolgreiche Karriere wie die Kollegen aus Essen, aber Eternal Devastation ist das Album, das man haben muss, um die drei großen deutschen Thrash-Bands hören zu können (… Sodom wären die Nr. 3 – die machen mit ihrem diesjährigen Debüt Obsessed by Cruelty aber ein Album das ich nicht empfehle... 1987 kommt dann das tolle Persecution Mania...)

Destruction - Curse the Gods 

Nuclear Assault


Game Over

(Under One Flag, 1986)

Diese Sache mit dem „Crossover“ diverser Stilarten im Metal wird inzwischen gerne als äußerst unhip – sogar peinlich bis ärgerlich angesehen – vermutlich weil es da spätestens ab den frühen Neunzigern sehr viele ehemals glaubwürdige und fähige Bands gab, die sich aus kommerziellen Gründen diesem Trend anbiederten. Aber wie immer – es gibt sehr positive (meist frühe) Beispiele dafür, dass die Verbindung von Hardcore/Punk und Thrash organisch, gelungen und sinnvoll ist. Eines dieser Beispiele ist das Debüt der Band Nuclear Assault um den Ex-Anthrax/baldigen Brutal Truth Bassisten Dan Lilker. Wenn man die Scheuklappen weglässt, kann man sehen, das Game Over ohne Probleme neben Kill 'Em All, Show No Mercy etc bestehen kann. Und das aus verschiedenen Gründen: Erstens sind hier einige hervorragende Musiker am Werk – besagter Lilker am Bass, dessen Kumpel/Ex Anthrax Roadie John Connelly als Gitarrist und Sänger, Gitarrist John Bramante und Drummer Glenn Evans wissen definitiv, was sie tun. Sie alle haben reiche Erfahrung in New Yorker Thrash und/oder Hardcore Bands gesammelt, und sie wissen offensichtlich Songs zu schreiben, die die Verbindung aus Metal und Hardcore sehr attraktiv machen. Da passt das kompromisslose ein-minütige instrumentale Eröffnungs-Stück „Live, Suffer“ wunderbar vor den Thrash-Hardcore Hybrid „Sin“. Tracks wie „Cold Steel“ und „Betrayal“ sind schon eher purer Thrash, „Hang the Pope“ nimmt den Grindcore von Lilker's baldigem Hauptprojekt Brutal Truth vorweg, „Vengeance“ ist wieder Crossover-Thrash in Gut und der Closer „Brain Death“ hat sogar ein Akustik-Intro ehe er rasant Tempo aufnimmt. Memorable Riffs, Ein Sound, der roh genug ist für ein Debüt, aber den Fähigkeiten der Musiker gerecht wird, Riffs und Soli, kraftvoll wie in dieser Sparte des Metal üblich... Game Over ist ein kurzweiliges Vergnügen – mindestens....

Nuclear Assault - Sin 

Crumbsuckers


Life of Dreams

(Rough Justice, 1986)

… und so ist der Schritt nach NY und in die dortige Thrash/Hardcore-Szene getan. New York HC ist sozusagen die Entsprechung zum Thrash der Westküste, beide Musik-Gattungen beeinflussen sich gegenseitig, beide sind vom Punk beeinflusst – und der „Crossover“, der bald als Schimpfwort verwendet wird, ist – noch - einfach eine logische Entwicklung außerhalb kommerzieller Planung. Es gibt bei der Website The Quietus die Worte des Anthrax-Sängers Scott Ian zum Debüt der Crumbsuckers – einer der leider vergessenen Bands der New Yorker Szene, die Mitte der Achtziger oft im legendären CBGB's die Wände zum Einsturz bringen. Er bescheinigt der Band zu Recht große Musikalität, stellt sie nah an den Thrash seiner Band/ dieser Zeit und verweist zugleich auf die deutlich erkennbaren Wurzeln im Hardcore ihrer Stadt. Bassist und Bandgründer Gary Meskil hat sicher auch ein paar Black Sabbath Alben im Schrank, die zwei Gitarristen Dave Wynn und Chuck Lenihan klingen, als könnten sie bei Ozzy Osbourne mitmachen, und Sänger Chris Notaro hat das Hardcore-Organ, das man auch bei etlichen Thrash-Metal Bands dieser Zeit findet. Interessanteweise hatten die Crumbsuckers in der HC-Szene mit ihren Thrash – und sogar Blues (!)- Zwischentönen keinerlei Probleme – eine „reine Lehre“ war wohl noch nicht formuliert. Tracks wie „Return to the Womb“ (schön gemein...), der Titeltrack „Life of Dreams“ und „Brainwashed“ (...irgendwas ist immer mit dem Gehirn...) sind kurz, hart und kernig, der Album-Closer „Moment Of Silence/Mr Hyde“ drosselt das Tempo mit... klar... Akustik-Gitarren Passage ehe wieder geshreddet wird, dass es kracht. Life of Dreams mag nicht der Beginn einer großen Karriere sein, aber es ist eines der gelungensten Alben seiner Zeit – mit Cover-Artwork von Sean Taggart, der für einige feine Cover in dieser Szene verantwortlich war (Siehe Agnostic Front...)

Crumbsuckers - Brainwashed 

Cro-Mags


The Age of Quarrel

(Roadrunner, 1986)

Das andere Album aus der NY Hardcore-Szene, das von Anthrax Bassist Scott Ian auf The Quietus hoch gelobt wird, kommt von einer etwas bekannteren Band. Die Cro-Mags haben einen mehr als legendären Ruf, ihr Hardcore stand nie im Anruch, sich kommerziellen Erwägungen zu beugen – aber auch sie scheuen '86 keine stilistische Grenzüberschreitung. Dabei sind sie in vieler Hinsicht das Gegenteil der Crumbsuckers – wo Die mit rasantem Tempo los-shreddern bleiben die Cro-Mags schwer und langsam wie ein Lavastrom, sie klingen „heavier“ als so manche Thrash-Band, haben aber ein Händchen für Hardcore-Hymnen (die im Gegenteil zum Thrash näher an der Realität, politisch bzw. gesellschaftlich aggressiver sind). The Age of Quarrel ist – laut Scott Ian - so brutal wie Reign in Blood und Master of Puppets, aber die Hardcore-Wurzeln der Cro-Mags sind deutlich erkennbar... und machen das Album vermutlich ausserhalb des Kreises der Eingeweihten zum No Go. Man muss bedenken, dass NY Hardcore '86 noch ein lokales Phänomen war, welches den kommerziellen Hype erst in 3-4 Jahren – im Zuge des ebenfalls bald folgenden Metal-Hypes - erleben würde. Aber es ist ja immer so: Die echten Perlen eines Genres entstehen vor dem Hype. Hier hat man mid-tempo Hardcore Ohrwürmer wie „Malfunction“, „Street Justice“ oder das für Hardcore regelrecht dahinschleichende „Seekers of the Truth“. Bei all ihren „Metal“-Zutaten gelingt es den Cro-Mags immer noch überzeugend die Punk und Hardcore-Anteile deutlich durchklingen zu lassen. Mag sein, dass die rohe Produktion da ihren Anteil hat, mag sein, dass John Joseph's Vocals und Harley Flanagans Songwriting (noch) zu weit vom Thrash-Crossover entfernt sind – zu nah an den Ursprüngen der New Yorker Hardcore Szene. Andererseits gilt dieses Album (und diese Band) als Fundament des Crossover – und das ist positiv zu verstehen. Das heißt aber auch, wer „echten NY-Hardcore will, sollte sich nach dem folgenden Album umsehen...

Cro Mags - Malfunction 

Agnostic Front


Cause for Alarm

(Rough Justice, 1986)

...denn Agnostic Front sind wohl so etwas wie DIE archetypische NY Hardcore Band. Da war der Gitarrist und Bandgründer Winnie Stigma, der die Band nach seinem Fanzine benannt hatte, da war nach einigen tumultösen Jahren an der Konzertfront mit Roger Miret ein Punk-Shouter dabei, der so glaubwürdig und charismatisch war, wie es seine Tattoos versprechen – und da war eine Band, die schon mit dem '84er Debüt Victim in Pain ihren Sound definiert hatte und die nun mit Cause for Alarm nicht nur ein typisches, sondern auch eines der besten HC Alben aller Zeiten ablieferte. Im Gegensatz zu den Crumbsuckers oder den Cro-Mags (siehe oben) gilt dieses Album als Beispiel für New York-Hardcore in Reinform... und zeigt damit, dass die Schnittmenge zwischen Thrash und HC in dieser Zeit recht groß ist. Mit zehn Songs in 24 Minuten wird die Tradition der kurzen, schnellen Alben bedient – was bei der Rasanz nicht einmal negativ ist - mehr wäre langweilig... mit ihrem neuen zweiten Gitarristen Alex Kinon ist anscheinend Thrash-Riffing eingeführt worden, das gerade mal ein-einhalb Minuten lange „Your Mistake“ wird von diversen Band gecovert werden, beim thrashigen „Public Assistance“ lassen AF sich den Text von Peter Steele schreiben (zu dieser Zeit Kopf der Band Carnivore) – und setzen sich damit ganz schön in die Nesseln. Diese Lyrics sind einfach dumm und geschmacklos in ihrer Verunglimpfung von Sozialhilfe-Empfängern – aber Peter Steele würde sich mit der eigenen Band und später mit Type O Negative oft genug mit seinen „provokanten“ Lyrics disqualifizieren. Erstaunlich nur, dass Agnostic Front sich hier bei ihm bedienen, weil sie sonst eindeutig der eher linken Seite der Hardcore-Szene angehören. Musikalisch – vor allem auch „gesanglich“ - ist Cause for Alarm mit seiner Wucht, mit Roger Miret's infernalischem Gebrüll, mit seinem Tempo, ein wirklich mitreissendes Album – das aber auch von dieser Band nicht mehr übertroffen wird. Es wird nur (durchaus besser) kopiert werden...

Agnostic Front - Your Mistake 

Onslaught


The Force

(Under One Flag, 1986)

Natürlich werden im United Kingdom auch Slayer, Metallica, Anthrax oder Kreator gehört – und die Generation junger Musiker, die sich der harten Musik verschrieben hat, lässt sich von den US-Bands ebenfalls beeinflussen – aber sie schöpfen auch aus der eigenen Geschichte. Da sind zum Beispiel Onslaught aus Bristol, die schon 1983 als Punk-Band begonnen haben, die sich an die D-Beat Institution Discharge angelehnt haben, die bald Metal in der Art von Bathory oder Venom in ihren Stil einbrachten, die nun nach zwei Alben eine gehörige Portion Thrash a la Slayer in ihre Suppe gießen. Mit Under One Flag hatten sie ein neues Label, mit Sy Keeler einen Sänger, der eine breitere Range hatte (nicht unbedingt nötig, ich weiss...) und mit Jase Stallard einen zweiten Gitarristen. Nun spielten sie als Vorprogramm für Anthrax und Motörhead – und hatten mit The Force ein Album am Start, das sich in punkto Brutalität und Schnelligkeit nicht hinter den Zeitgenossen aus den USA verstecken musste. Und The Force hat auch noch den Vorteil der Eigenständigkeit (sofern man das bei dem Lärm erkennt...), da Spurenelemente aus britischem Punk und vom Proto-Black Metal von Venom immer noch ihre Spuren hinterlassen. Und Onslaught wissen Epen zu verfassen: Das zentrale „Flame Of The Antichrist“ beginnt als Doom, wechselt immer wieder in rasantes Thrash-Riffing und schweren Metal. Aber auch der Opener „Let There Be Death“ und „Fight With the Beast“ sind ehrenwerte Thrash-Songs, die in ihrer punkigen Schnelligkeit durchaus an Slayer-Klasse heran reichen – nur dass sie eben von Briten stammen. Einziges Manko mag die nicht ganz so geleckte Produktion sein – aber dem Afficionado ist gerade das Qualitätsmerkmal. Schade, dass Onslaught für das nächste Album geschlagene drei Jahre brauchten und von der Plattenfirma drangsaliert wurden. '91 gingen sie auseinander und blieben so obskurer, als verdient. The Force gehört zu den hörenswerten Alben des Thrash der 80er. 

Onslaught - Flame of the Antichrist 

Motörhead


Orgasmatron

(GWR, 1986)

Ein Motörhead-Album in den Zusammenhang zu seiner Zeit zu stellen, ist immer ein bisschen schwierig. Gefühlt haben sich Motörhead in den 40 Jahren ihrer Existenz – bzw. den 11 Jahren seit 1975 – nicht verändert. Sie spielen schnellen, harten Rock'n'Roll (sagte Lemmy) und hatten zwar Punk und natürlich Metal in jeder Form seit Beginn der Achtziger beeinflusst, waren dabei aber anscheinend immer nur sie selbst: Lemmy, sein Bass, seine dreckige Stimme plus Gehilfen, die seinen krachenden Parolen Tempo geben. Das Vorgängeralbum Another Perfect Day allerdings war dank des Ex-Thin Lizzy-Gitarristen Brian Robertson so etwas wie Motörhead in Psychedelic gewesen – was Lemmy damals nicht so toll fand (aber zu einem tollen Ergebnis geführt hatte). Nun hatte er drei Jahre später gleich zwei neue Gitarristen und einen neuen Drummer und kehrte mit diesem Personal zum No-Fun Sound der sechs Alben davor zurück. Orgasmatron ist also wieder typisch Motörhead, mit dem wunderbar slogan-haften Opener „Deaf Forever“, mit dem gleichwertigen Titeltrack, mit wunderbaren Tracks wie „Mean Machine“ oder „Built for Speed“, die so klingen, wie die Titel es versprechen und mit einer kraftvollen Produktion vom New Yorker Jazz-Grenzüberschreiter Bill Laswell. Das Album war nach dem relativen kommerziellen Misserfolg des Vorgängers für die konservative Anhängerschaft ein Return to form – für mich ist Orgasmatron „nur“ ein weiteres gutes Motörhead-Album, das hinter dem ungewöhnlichen Vorgänger zurück bleibt – aber es ist Motörhead-Rock'n'Roll – und mehr will ich doch gar nicht. 

Motörhead - Built For Speed 

Iron Maiden


Somewhere in Time

(EMI, 1986)

Wer diesen Artikel liest, hat mitbekommen, dass Scott Ian von Anthrax sich auf der Website The Quietus kenntnisreich über den Hardcore/Thrash seiner Zeit ausgelassen hat (und ich beziehe mich auf ihn...) – aber er hat in diesem Beitrag u.a. auch Somewhere in Time von der NWOBHM-Institution Iron Maiden hoch gelobt: Bestimmte Bands sind in den entsprechenden Kreisen einfach „Kult“ - und werden über alle Stilgrenzen hinweg akzeptiert und bewundert. Zumal wenn sie – wie Iron Maiden – ihren Stil über lange Zeit so überzeugend beibehalten und prägen. An anderer Stelle habe ich es schon geschrieben – die ersten SIEBEN Alben von Iron Maiden sind allesamt sehr gelungen – und Somewhere in Time ist die Nummer Sechs. Es ist ein Album des stilistischen Überganges, Iron Maiden haben sich immer weiter in Gefilde des progressiven Rock gewagt, die Songs sind immer länger geworden, wenn man ihr '80er Debüt mit dem Vorgänger Powerslave vergleicht, sieht man, um wie viel die Band sich verändert hat. Auf dem neuen Album werden sie endgültig zur Progressive Metal Band. Kraft und Engagement sind erfreulicherweise in al den Jahren auf gleich hohem Niveau geblieben, die hymnen-haften Melodien sind ihnen nicht ausgegangen, aber jetzt fassen sie ihre immer weiter sprudelnden Ideen in Songs, die ohne Qualitäts-Abfall über sieben Minuten dauern können. „The Loneliness Of The Long Distance Runner“ dauert sechs-einhalb Minuten und keine Sekunde ist zuviel, die Twin-Gitarren-Soli erfreuen die Herzen derer, die so etwas für unabdingbar halten – und auch ich kann mich einer gewissen Bewunderung für den Einfallsreichtum der Gitarristen nicht enthalten. Bruce Dickinson's Vocals und seine Alarm-Sirenen-Stimme sind ungeheuer klischeehaft und zugleich beeindruckend in ihrer Kraft und Überzeugung. Die meinen das Ernst. Iron Maiden's Metal mag 1986 nicht mehr „zeitgemäß“ sein, aber das Niveau der Songs, der Spaß und die Power sind beeindruckend. Und ist Metal nicht auch immer ein Hort des Schönen, Guten und Bewährten? Ein tolles und in gewisser Weise zeitloses Album.

Iron Maiden - The Loneliness of the Long Distance Runner 

Fates Warning


Awaken The Guardian

(Metal Blade, 1986)

… da das Thema Thrash und Hardcore nun hinreichend behandelt ist, es 1986 aber auch etliche hervorragende Metal Alben aus anderen Ecken dieses Genres gibt, die ich nicht unerwähnt lassen wollte, wird nun mit diesem Album das Thema „Progressive Metal“ angeschlossen. Die US Band Fates Warning aus Hartford, CT steht mit ihren musikalischen Zielen von vorne herein ausserhalb der Thrash – Gemeinde, Sie haben offenbar Iron Maiden und Bands wie Rush, Genesis etc zu Vorbildern auserkoren – und mit ihrem dritten Album haben sie sich von diesen Vorbildern freigestrampelt und zugleich für eine Gruppe von ähnlich gearteten Bands (Queensryche, Heir Apparent, Crimson Glory) ein Referenzalbum vorgelegt. Awaken the Guardian ist ein eigenständiges, durchaus auch für Fans der härteren Seiten des Metal geeignetes Progressive-Rock Album, das alles hat, was man auch heute noch in dieser Nische sucht. Man sollte bedenken, dass diese Art Metal seinerzeit fast innovativ war – die Kombination aus Power Metal, jazzig- progressiven Angebereien und Thrash-Passagen gab es so noch nicht. Fates Warning füllten mit diesem Sound eine Lücke und waren in ihren technisch komplexen Passagen und Songstrukturen weiter, als Iron Maiden oder Metallica je kommen würden (und wollten...). Es gibt Tage, an denen mir die Gitarrenduelle, das thrashige Riffing und die komplexen, etwas schwer verdaulichen Songs gerade gefallen. Das Album verlangt nach mehrmaligem Anhören, und vor Allem die Gesangsleistung von John Arch ist bemerkenswert. Der hat eine einzigartige Stimme und er nutzt deren Bandbreite in allen Oktaven bis zum Exzess. Manchmal hört sich sein Gesang nach freier Improvisation an, was er hier macht, ist Hochleistungs-Sport – und damit vielleicht auch nicht jedermanns Sache. Awaken the Guardian polarisiert durch seine artifizielle Komplexität, aber wenn man einmal den Zugang zum Fantasy-Metal-Geheul von „Fata Morgana“ gefunden hat, dann kann man sich auch dem Reiz der Gitarrenduelle von „Giant’s Lore (Heart of Winter)" oder dem krachenden Noise am Ende von „Exodus“ nicht verschließen. Nach diesem Album verließ Arch die Band – und sie wurden zugänglicher (nicht unbedingt besser) – dieses Album und der Vorgänger The Spectre Within sei Prog-Metal Fans höchstrichterlich empfohlen. 

Fates Warning - Exodus 

Omen


The Curse

(Metal Blade, 1986)


Ein bisschen in die Richtung Fates Warning geht auch das, was Omen mit ihrem dritten Album fabrizieren. Die Band kommt aus Los Angeles, hat somit die gesamte Thrash-Gemeinde in der Nachbarschaft, aber sie selber sind wohl eher dem „echten“ Metal – also der Iron Maiden/Fantasy/ Epic /Power Metal Fraktion verpflichtet. Das hatten schon die beiden Vorgänger Battle Cry ('84) und Warning of Danger ('85) in Covergestaltung und Titel versprochen, aber beide Alben leiden unter einer etwas zu dumpfen Produktion, bei The Curse (dem dritten Album in gleicher Besetzung, was immer von Vorteil ist...) fielen die Teile perfekt zusammen. Auch Omen haben mit J.D. Kimball eine Hafensirene am Mikrophon, auch sie können Tharsh-Passagen in Songs wie den Titeltrack einbauen (...war damals nun einmal angesagt...), aber sie sind nicht so progressiv wie Fates Warning, dafür mit Songs wie „Bounty Hunter“ auf positive Weise nah an den älteren Vorbildern aus der New Wave of British Heavy Metal. Der Versuch, sich an den Thrash-Metal der Zeit anzupassen, wird von manchen Hörern als misslungen bezeichnet – mich stört er gar nicht – aber Omen's Stärken sind zweifellos „altmodischere" Tracks wie „Teeth of the Hydra“ mit den melodisch einfallsreichen Gitarrenworkouts von Kenny Powell und der „Hit“ der Band - „Holy Martyr“ mit Ohrwurm-Chorus. The Curse ist ein (fast) perfektes. altmodisches Power Metal Album mit ein paar modischen Accessoires. So was braucht man einfach manchmal wenn man Metal hören will.

Omen - Bounty Hunter 


Candlemass


Epicus Doomicus Metallicus

(Black Dragon, 1986)

Ganz oben wird es schon gesagt: Die verlangsamte Sparte des Metal – Doom – ist in diesem Jahr mit zwei ganz hervorragenden Alben vertreten: Da ist zum Einen Born too Late von Saint Vitus – die aber aus diversen Gründen auf dem Hardcore/Punk Label SST veröffentlichen und damit in einem anderen Kapitel über genau dieses formidable Label Erwähnung finden – und da ist das bezeichnend mit Epicus Doomicus Metallicus betitelte Debüt der Schweden Candlemass. Das Vorbild beider Bands ist klar – Black Sabbath und nur Black Sabbath - scheinen zunächst einziger Einfluss zu sein. Aber ein reiner Rip Off wäre ja langweilig, und wenn man Metal auf diese Art verlangsamt, gehen die Assoziationen automatisch in Richtung Sabbath, aber wer sowohl Saint Vitus als auch Candlemass als reine Nachahmer bezeichnet, tut ihnen Unrecht. Die Band as Schweden war von Gitarrist und Songwriter Leif Edling gegründet worden, nachdem er mit der Vorgänger Band Nemesis eine EP geschafft hatte. Seinen Stil und ein paar wirklich gelungene Songs hatte er schon dabei und nun hatte er mit Johan Landquist einen Sänger dabei, der genau die richtige Stimme – ein bisschen Ozzy Osbourne, viel Kraft und genug Eigenständigkeit – mitbrachte. Und der veredelt dann die sechs Songs in 43 Minuten auch entsprechend – Songs, die für sich schon den Standard für traditionellen Doom in den kommenden Jahren setzen werden. Epicus Doomicus Metallicus ist meiner Meinung nach tatsächlich das beste Doom Album der Achtziger – dicht gefolgt von den Debüt-Alben von Pentagram und Saint Vitus... ab Anfang der Achtziger findet man quasi eine Perle für jedes Jahr. Candlemass haben dieses Händchen für Melodik, das man bei etlichen schwedischer Bands jeglicher Provenienz findet – da mag die schwedische Folk-Musik eine Rolle spielen. Diese Melodien (in Songs wie dem Opener „Solitude" oder im Album-Closer „A Sorcerer's Pledge“) gepaart mit monströsen Riffs, donnernden Drums, Edlings tonnenschwerem Bass und dem kraftvoll-klagenden Gesang modernisieren Doom zur rechten Zeit und heben diese wenig modische Musik auf ein neues Level. Dazu kommt eine für diese Art von Musik genau passend klare Produktion, die das Album noch einmal von den Vorbildern abhebt. Doom hatte tatsächlich eine neue Facette bekommen. Leider verließ Sänger Landquist die Band nach dem Album – und mit Messiah Margolin kam ein neuer Sänger an Bord, der zwar ein äußerst gut wiedererkennbares Organ hat – der aber manchmal mit zu viel Theatralik nervt. Epicus Doomicus Metallicus ist somit das Candlemass-Album der Wahl – und wie gesagt – ab jetzt gibt es jedes Jahr einen leckeren Happen Doom im Metal...

Candlemass - Solitude 


Jetzt ein P.S. Zum Thrash Metal


Für alle Nerds – egal welcher Liebhaber-Ecke: 1986 ist die Krone der Thrash-Metal Welle erreicht. Das bedeutet für mich – ab jetzt kommt nichts wirklich revolutionäres mehr in diesem speziellen Genre – was aber andererseits NICHT heisst, dass es nach '86 keine tollen Thrash-Bands oder Alben geben wird. Also werde ich nun die 10 besten Alben aufzählen, die es da meiner Meinung nach gibt. Dabei weise ich auf folgendes hin: Thrash ist - wie jede andere Musikgattung beeinflusst von (...füge ein was dir einfällt...) und hat (dto...) beeinflusst. Reinrassige (um einen fragwürdigen Ausdruck zu verwenden) Thrash-Alben gibt es eigentlich nicht. Daher tauchen in meiner Auflistung auch Alben auf, die man durchaus auch dem NWOBHM oder dem Death Metal oder oder... zuordnen könnte.


Da sind also:


1. Metallica – Ride the Lightning (1984)


2. Celtic Frost – To Mega Therion (1985)


3. Metallica - Master of Puppets (1986)


4. (Das Beste...) Slayer – Reign in Blood (1986)


5. Dark Angel – Darkness Descends (1986)


6. Anthrax – Among the Living (1987)


7. Voivod – Dimension Hatröss (1988)


8. Megadeth – Rust in Peace (1990)


9. Sepultura – Arise (1991)


10. und als Abschluss - ein Album einer anderen Generation von Musikern: Vektor – Terminal Redux (2016)




Natürlich ist diese Auswahl streng subjektiv und mir fallen sofort mindestens drei weitere Alben ein, die ich für unersetzlich halte:


Metal Church – s/t (1984)


Coroner – Mental Vortex (1991)


Power Trip – Manifest Decimation (2013)


… und so könnte ich weitermachen. Andere Alben von Slayer, Metallica, Metal Church, einzelne Highlights wie Num Skull oder Infernäl Mäjesty, Grenzgänger wie Bathory's Blood Fire Death, irgendwas von Kreator oder Exodus oder Testament... So ist das eben. Bei Death Metal, Black Metal, Doom und Grindcore etc würde es genauso aussehen.