Dienstag, 7. März 2017

1985 - Die UdSSR entdeckt Gorbatschow und wir entdecken die Titanic - The Jesus and Mary Chain bis Hüsker Dü

In diesem Jahr wird mit Michail Gorbatschow in der UdSSR ein Mann Generalsekretär der KpdSU, der mit seiner „Perestroika“ für eine der ganz großen politischen Umwälzung des Jahrhunderts steht – der den Zusammenbruch des kommunistischen Systems des Ostblocks einleitet. Auch Brasilien wird wieder demokratisch, in Neuseeland versenkt der französische Geheimdienst das Greenpeace-Schiff „Rainbow Warrior“, das Wrack der „Titanic“ wird am Meeresboden entdeckt, die „Achille Lauro“ wird von palästinensischen Terroristen entführt. In der afrikanischen Sahelzone führt eine schon lange anhaltende Dürre zu einer immer fataler werdenden Hungersnot – auch ein Hinweis darauf, dass sich die klimatischen Bedingungen weltweit verändern. In England wird als Spendenaktion dafür das 1. Live Aid Konzert organisiert. In Kolumbien kommen bei einem Vulkanausbruch 31.000 Menschen ums Leben. Mit dem Schauspieler Rock Hudson stirbt einer der ersten Prominenten an AIDS. Arrangeur Nelson Riddle (Frank Sinatra) stribt und am 31. Dezember 1985 kommt Rock'nRoll/ Country-Rock Pionier Rick Nelson bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Wie so oft in den 80er Jahren gibt es eine relativ geringe Anzahl von besonderen bzw. hervorragenden Veröffentlichungen und danach eine Menge Musik die zurecht in Vergessenheit gerät. Das Debüt von The Jesus and Mary Chain ist einer der absoluten Klassiker, so unterschiedliche Künstler wie Kate Bush, Tom Waits oder The Fall geben uns fantastische Musik. Heavy Metal ist auf dem Sprung zu hochinteressanten Extremen wie Thrash- und Death Metal und in der heute unter dem Begriff Alternative Rock zusammengefassten äußerst heterogenen Sparte der Musik erscheinen einige Klassiker (Siehe Hüsker Dü). Und dann sind da noch The Smiths und Prefab Sprout und The Chameleons und The Cure (zuverlässig wie immer...) und die Pogues. Aber diese schönen Alben werden in den Charts von Unsinnigem und Peinlichem verdrängt – so zum Beispiel vom Debüt der Hochleistungssängerin Whitney Houston, die eine ganze Armee von seelenlosen Gesangsmaschinen nach sich ziehen wird, oder da ist wieder einmal Phil Collins mit Banalitäten – oder man kann sich an 80er Schmock von Foreigner oder Starship (ehem. Jefferson Airplane, leider abgestürzt) delektieren, wenn man Musik nur als Geräuschkulisse für den Hintergrund braucht. Aber solche Musik findet hier nicht statt.

The Jesus And Mary Chain

Psychocandy


(Blanco Y Negro, 1985)

Wenn man über The Jesus and Mary Chain spricht, müssen die Namen Phil Spector und Brian Wilson sowie Velvet Underground und The Stooges fallen. Denn die disparaten Elemente aus der Musik solcher Bands waren die Einflüsse der beiden Reid-Brüder und des Schulfreundes Doug Hart, die den Kern der Band ausmachten. Und man muss ihre chaotischen, gerade mal 20-minütigen Konzerte erwähnen, bei denen die Band mit dem Rücken zum Publikum einen Sturm aus Feedback und Lärm losließ, der für regelrechte Riots beim Publikum sorgte. Der Trick, diesen „White Noise“ mit süßen Harmonien aus der Beach Boys-Schule zu verquicken, sollte in den kommenden Jahren Legionen von Musikern und Bands inspirieren – unter anderem den jungen Kevin Shields, der sich hier die Inspiration für seine Band My Bloody Valentine holte. Jesus and Mary Chain brachte mit diesem Album auf einen Schlag Rückkopplungen und Unkontrolliertheit zurück in die doch recht clean gewordene Rockmusik. Tatsächlich waren sie mit dieser Musik seinerzeit ein Schlag ins Gesicht des musikalischen Establishments – und mit ihrem durchaus kalkulierten Image zwischen den Velvets und den Stooges zugleich so altmodisch wie Elvis oder die Sex Pistols. Daß unter all dem Noise auch noch Pop verborgen lag, macht Psychocandy (der LP-Titel ist äußerst passend) zu dem, was es ist: Zur besten Platte dieses Jahres, und zugleich zu einer der besten und prägendsten Platten der 80er. Beste Songs unter vielen sehr guten: Die Single „Just Like Honey (süß und wild) und „Never Understand“ (Rasend und gewalttätig) und der Ramones-mit-Rückkopplung Pastiche „In a Hole“ etc etc.... Klug: Die Idee, die Songs in der Regel nicht länger als 2-3 Minuten andauern zu lassen, stylish: der gleichgültige Gesang von Jim Reid – genau wie das Outfit der Musiker ganz in Schwarz und mit hochtoupierter Frisur – das war Mitte der Achtziger der Dresscode für Rebellen. Und natürlich wusste der Radio Guru John Peel schon beim erste Hören, das da eine weitere Revolution angezettelt worden war.

Tom Waits

Rain Dogs


(Island, 1985)

Es gibt eine schöne Beschreibung für Tom Waits Musik auf Rain Dogs: „Die Dreigroschenoper gesungen von Howlin' Wolf“. Tom Waits hatte sich zwei Jahre zuvor mit Swordfishtrombones neu erfunden, das Image des Poeten, Säufers und Bohemiens gegen ein weit surrealeres Bild eingetauscht – bzw. sein altes Image zumindest mit einem Schleier der Absurdität verhängt. Und dieses Image ist bis heute sein ureigenes geblieben, von manchen höchstens schlecht kopiert, aber nie erreicht - weil Waits immer schon das Zeug dazu hatte, seine Aussenwirkung mit fantastischen Stories und dazugehörigen Songs zu unterfüttern. Auch als Folkie oder Power-Pop Musiker wäre er wohl einer der ganz großen Songwriter und Geschichtenerzähler geblieben. Rain Dogs war Fortsetzung und Zementierung des neuen künstlerischen Selbstbildnis. Der Unterschied zum vorherigen (in meinen Augen etwas besseren) Album war zum Einen der neue Gitarrist Marc Ribot, der zu der Kakophonie der Geräusche faszinierende Licks und Leads beitrug, sowie eine größere Zugänglichkeit des Materials. Da sind nun Kabaret-Songs wie „Singapore“, Voodoo-Grooves wie „Big Black Mariah“ oder ein Delta Blues wie „Gun Street Girl“. Und natürlich ist auf diesem Album das wunderbar romantische „Downtown Train“. Rain Dogs ist als mittlerer Teil einer der großen Album-Trilogien nicht der beste Teil (der kommt noch mit Bone Machine), aber es ist eine schöne Kollektion von Songs aus einer anderen Welt.

Prefab Sprout

Steve McQueen


(CBS, 1985)

Hier das Album zum Thema smart, stylisch und zeitlos: Steve McQueen ist ein Klassiker, und das, obwohl das Album viele der modischen und heute ungeliebten Trademarks der Popmusik der Achtziger hat. Da ist die Produktion von Thomas Dolby, dessen Sound war damals State of the Art - und er klingt heute im Zusammenhang mit den Songs seltsamerweise immer noch passend. Passend zu einer Musik die freilich alle Moden überstrahlt. Songwriter Paddy McAloon gilt nicht umsonst als eines der Genies seiner Zunft... und hier erreichte er seinen ersten Gipfel. Die Musik ist leicht wie Baiser und zugleich vertrackt - wie die von Steely Dan vielleicht - immer mit einer gewissen Ironie in den Texten, aber weniger weltmüde, britischer und verschrobener als die der Amerikaner, und immer mit einem herzergreifenden Sinn für Romatik. „Bonny“ - „Appetite“ - „When Love Breaks Down“ - „Goodbye Lucille #1“. Auf der ersten Seite der LP vier Songs in einer Abfolge, auf denen Andere wahrscheinlich ein komplettes Album aufbauen würden – oder eine ganze Karriere. Die zweite Hälfte des Albums ist auf den ersten Blick schwächer, aber immer noch grandios. Sie erfordert ein weiteres Nachören.... Und ein Weiteres... und ein Weiteres... so, wie das gesamte Album. Nach Steve McQueen wurde Prefab Sprout immer mehr zum Solo-Projekt des Paddy McAloon, und der wurde immer exzentrischer, aber bis heute schreibt er seine wunderbaren Songs. Sophisticated Pop, so darf man das hier nennen

Kate Bush

Hounds Of Love


(EMI, 1985)

Auch Hounds of Love ist eines jener Alben, das trotz oder sogar wegen seiner in den Achtzigern verwurzelten Klangästhetik alle Moden überdauern wird. Unterstützt von dem inzwischen von ihr gemeisterten Fairlight Synthesizer und versehen mit einer entsprechend kristallinen Produktion schuf Kate Bush (in meinen Ohren neben The Dreaming ) hier ihr bestes Album. Dem Vorgänger hatte man seine berechnete Unkommerzialität vorgeworfen, hier war das Songwriting kohärenter, das Konzept klarer erkennbar, und mit „Running Up That Hill“ mit seinen gallopierenden Percussion sowie mit der wunderbaren Verschwörungsballade „Cloudbusting“ mit gleißenden Strings waren gleich zwei der größten Hits von Bush's Karriere dabei, die dazu mit spektakulären Videos auf MTV beworben wurden. Und auf der zweiten Seite der LP hatte Bush mit der Suite „The Ninth Wave“ einen Songzyklus über Geburt und Wiedergeburt konzipiert. Eine offen femistische Thematik, die sich auf Papier wie eine esoterische Kopfgeburt anhören mag. Aber heraus kam ein in der Popmusik geerdeter Songreigen, der vor allem durch seinen melodischen Reichtum und Kate Bush's bislang beste Gesangsleistung zu beeindrucken wußte. Hounds of Love ist ein völlig individualistisches Album - eines, dem Musikerinnen wie Björk mindestend konzeptuell etliches abgeschaut haben dürften, auch wenn der Stil von Kate Bush sich als unkopierbar erweisen sollte – und es ist auch noch perfekte Popmusik. Kate Bush trieb ihren Individualismus hiernach noch weiter auf die Spitze, bis sie dann ab den 00er-Jahren nur noch Musik machen würde, wenn Mutterschaft, Lust und Laune es ihr geboten erscheinen liessen.

The Pogues

Rum, Sodomy and the Lash


(Stiff Rec., 1985)

„My task was to capture them in their delapidated glory before some more professional producer fucked them up“ So sah Elvis Costello seine Rolle bei der Produktion des zweiten Albums der irischen Folk-Punks The Pogues. Und dieses gewünschte Dokumentieren der Band in all ihrer Spntaneität, ihrer Rage, ihrem Feuer und der schmutzigen Glorie gelang ihm auch: Rum, Sodomy & The Lash zeigt die Band so, wie man auf es sich auf dem Debüt gewünscht hätte. Aber es ist natürlich nicht nur ein gelungener Produzenten-Job, Rum Sodomy & the Lash zeigt auch, dass Trinker-Genie Shane MacGowan's riesige Schritte als Songwriter gemacht hatte. Hier gelang es ihm, die Wut des Punk - durchaus klischeehaft – mit der Erzählkunst des irischen Folk zu vereinen. „The Sick Bed Of Cuchulainn“ oder die Stricherserenade „The Old Main Drag“ zeigen seine Vielseitigkeit und sein Talent. Und natürlich hatten die Pogues, wie jede gute Folk Band, auch die Songs anderer Musiker drauf: Bassistin Cait O'Riordan's gespenstische Performance auf "I'm a Man You Don't Meet Every Day" ist superb (... Costello würde sie übrigens später heiraten...), und Shane MacGowan mag zwar „Dirty Old Town“ und „And the Band Played Waltzing Matilda“ nicht geschrieben haben, aber er machte sie zu Songs, die man bald einzig mit den Pogues und vor Allem mit seinen genialisch torkelnden Vocals verbinden würde.

The Fall

This Nations Saving Grace


(Beggars Banquet, 1985)

„Feel the wrath of my Bombast!“ ruft Mark E. Smith auf dem Nachfolger zum großartigen Vorgängeralbum Wonderful and Frightening World of the Fall . Und so zeigt This Nation's Saving Grace The Fall tatsächlich ein weiteres mal auf der Höhe ihrer Kunst. Stücke wie „Barmy“, „What You Need“ und das kraftvolle „Gut of the Quantifier“ werden angetrieben von Brix Smith's twanging Leads, lärmen mit polternden Drums und Rückkopplungen, und dazu beschimpft Smith Alle und Jeden – das Rezept ist doch eigentlich bekannt, auch wenn es nur diese eine Band gibt, die ihre Suppe auf diese ganz spezielle Weise zusammenkocht. Und es ist die teilweise Abkehr von den bekannten Mustern und Sounds, die This Nation's Saving Grace wirklich interessant macht.: „L.A“ verweist mit seinen Sythesizer-Sounds schon auf kommende Experimete der Band im Bereich der Electronica, „I Am Damo Suzuki“ - ein Tribut an den inzwischen bei den Zeugen Jehova's und sonstwo abgetauchten Sänger von Can - klingt wie die Quintessenz der Musik von The Fall. Und die (natürlich mindestens halb-ironische) Verbeugung vor diesem Sänger macht bei Mark E. Smith sogar Sinn... The Fall klingen auf diesem Album zugleich abenteuerlich, geerdet und witzig – sie sind bei einer wohltuenden Balance angelangt und nicht zu Unrecht gilt This Nation... bis heute als Bestes der John Peel-Lieblinge unter einer wirklichen Unmenge von Alben. Die Musik nahm in ihrer Kompromisslosigkeit und Klasse gewiß einiges vorweg, was Bands wie die Pixies oder Pavement dann in den 90ern machen sollten... Aber letztlich sind sie die Unkopierbaren.

The Smiths

Meat Is Murder


(Rough Trade, 1985)

Das zweite Studioalbum der Smiths - Meat Is Murder -  mag im Rückblick als eines der schwächeren gelten, aber was heißt das bei der Band, die die Achtziger erträglich machte (und die dazu auch noch viel zu wenige Alben gemacht hat). Es ist ganz einfach das Album, auf dem sie sich ihres Stils und ihres Könnens versicherten, denn hier begannen sie den Jangle Pop des Debütalbums zu variieren. In anderen Worten: Es ist das Album am Wendepunkt, aufgenommen als man sich über die Richtung, in der es weitergehen sollte gerade klar wurde. Wie so oft bei solchen Platten sind die guten Songs wirklich sehr gelungen: „How Soon Is Now ?“ ist düsterer und zugleich tanzbarer als Alles, was sie zuvor gewagt hatten, die Band schreibt Mid- Tempo Nummern wie das melancholische „That Joke Isn't Funny Anymore“ und am besten sind sie wenn sie sich auf ihre eigentlichen Stärken besinnen: Die wunderbaren Gitarren und das Songwriting auf „The Headmaster Ritual“ and „I Want the One I Can't Have“ zeigen die Band in Hochform. „Rusholme Ruffians“ ist gar Rockabilly - von den Smiths. Dazu gibt es noch die Tatsache, dass die Produktion des Albums definitiv besser war als beim Debüt. Also kann ich sagen: Trotz einiger schwächerer Songs ist Meat is Murder ein großes Album mit der besten Popmusik, die die Achtziger im United Kingdom zu bieten hatten. Es verblasst ganz einfach nur im Licht des kolossalen Nachfolgers The Queen is Dead - so wie Rubber Soul vor Revolver verblasst.

The Cure

Head On The Door


(Fiction, 1985)

Head On The Door wird meist als das Album bezeichnet, das The Cure so vorstellt, wie wir sie bis heute kennen – es ist der abschliessende Archetyp für das Image der Band. Sie ließen den hüpfenden Post-Punk von Three Imaginary Boys genau so hinter sich wie die trübe Düsternis der „Goth-Trilogie“ und den dekadenten und eher ungeliebten Funk von The Top und etablierten nun endgültig die eine, immer erkennbare - aber zuvor immer gefilterte Facette in Robert Smith's musikalischer Persönlichkeit: Den Pop. Natürlich ist Pop bei The Cure immer abgedunkelt und experimentell – die Geschichte der Band ließe gar nichts anderes zu – aber der Fokus liegt nun auf der Suche nach dunklen Pop-Songwriter Perlen. Und fündig wurde Smith schnell mit dem Album-Opener und dissonanten Ohrwurm „In Between Days“ und – auf der zweiten, besseren LP-Seite – der klaustrophobischen Hit Single „Close to Me“. Die ist dann umrandet von vier Album-Tracks, die in der Tat so gelungen sind, dass das Album bis zum Ende unterhaltsam bleibt. „A Night Like This“ is a blast, mit lustigem Saxophon-Teil, „Screw“ und „The Baby Screams“ sind so schön bedrohlich, wie es nur The Cure können und mit dem Closer „Sinking“ versinkt das Album dann wohltuend in der Hölle. Da hat man das asiatische Plinkern des „Kyoto Song“ und die spanischen Gitarren von „The Blood“ auf der ersten Seite der LP dann regelrecht vergessen. Man könnte beklagen, dass Robert Smith - der alle Songs allein geschrieben hatte - zu viel gewollt hatte und das Album dadurch etwas zu eklektizistisch wurde, aber die Variabilität kann man auch als Qualität ansehen. Dass The Cure mit dem folgenden Album Kiss Me, Kiss Me, Kiss Me, Kiss Me eine wahre Disco-Kugel von tanzbarem „Gloom and Doom“ machten, war dann nur logisch. Robert Smith hatte sein Rezept gefunden, und Head on the Door wurde zum internationalen Erfolg. Dass sich die Gothic-Gemeinde entweder abwandte oder zumindest unbehaglich schüttelte, bleibt egal. Es ist ein gutes, sehr eigenes und wiedererkennbares Album - wenn auch nicht ihr Bestes...

Celtic Frost

To Mega Therion


(Noise, 1985)

Bathory, Venom, Mercyful Fate und Celtic Frost- das sind die vier Bands, die man als Begründer des Black Metal bezeichnet. Dabei sind mindestens drei von ihnen nicht wirklich mit den BM-Bands der Neunziger zu vergleichen – nur Bathory haben Pioniere wie Mayhem und Darkthrone auch musikalisch und soundmäßig inspiriert und sind wirklich mit ihnen vergleichbar. Mercyful Fate und Venom dürften insbesondere durch Image, Thematik und ihre jeweilige rohe Aggression ihre zu dieser Zeit noch sehr jungen Bewunderer beeindruckt und beeinflusst haben. Und was ist mit den Schweizern Celtic Frost ? Sie vereinen auf ihrer Debüt-LP To Mega Therion (nach diversen erschütternden EP's wohlgemerkt...) diverse Sparten des extremen Metal. Da ist die diabolische Aggression des Black Metal, da ist nicht zuletzt das Coverdesign von HR Giger, dessen Bild I, Satan die Band nutzen durfte – das natürlich perfekt zu Black Metal passt, aber dann klingt da auch etliches nach futuristischem Thrash, nach Death Metal und progressivem Metal oder nach Doom. Celtic Frost waren ganz einfach – zu dieser Zeit logisch – stilistisch nicht vorbelastet. Es ist falsch vom besten Album der Band zu sprechen, weil sie über 20 Jahre später mit dem Doom-Brocken Monotheist einen würdigen Konkurrenten zum Debüt schufen, aber To Mega Therion ist zweifellos das revolutionärere und ungewöhnlichere Album – eines, das sich bis heute kaum einordnen lässt. Ich kenne wenige Metal-Alben deren Atmosphäre so düster ist - vergleichbar wäre vielleicht Burzum's Hvis Lyset Tar Oss – das betrifft wirklich nur die Atmosphäre! - aber es ist weit genießbarer, die Stile werden vermischt und statt Monotonie gibt es große dynamische Schwankungen bei stringentem Sound. „Dawn of Megiddo“ weist auf den eigenartigen Doom des 2006er Albums, „The Circle of Tyrants“ ist komplexer Death-Metal, „Eternal Summer“ ist Speed und Wahnsinn und „Usurper“ und „Jewel Throne“ sind wütender Thrash- Whatever-Metal. Sänger und Gitarrist Tom G Warrior (Thomas Gabriel Fischer, wenn man mal banal klingen will...) ist der unangefochtene Bandkopf mit halb gekreischten, halb höhnisch hervogestoßenen Vocals und extrem verzerrten Gitarren. Drummer Reed St. Mark und Bassist Dominic Stein waren nur Ausführende unter seinem Befehl und ich schätze, vor Allem Warrior's dominante Persönlichkeit dürfte einen größeren Erfolg verhindert haben. Der Nachfolger Into the Pandemonium war eine logische stilistische Wandlung Richtung Gothic, das genannte 2006er Monolith ist als Konkurrent wie gesagt fast noch besser als dieses Album hier - aber To Mega Therion war eine Revolution.

Hüsker Dü

New Day Rising


(SST, 1985)



Hüsker Dü

Flip Your Wig


(SST, 1985)

Hüsker Dü waren Mitte der Achtziger beeindruckend kreativ. Im Vorjahr hatten sie mit Zen Arcade ein überbordendes Doppelalbum voller Rage, Wucht und weissem Rauschen herausgeschossen, New Day Rising kam keine sechs Monate später auf den Markt – unter anderem weil SST darauf bestand schnell neuen Stoff nach zu liefern. Der Druck mag entsprechend groß gewesen sein, und man kann sich denken, dass die Band nicht glücklich damit war, aber ihre Kreativität wurde dadurch nicht negativ beeinflusst. Gitarrist Bob Mould näherte sich für dieses Album an Grant Hart's Pop-Affinität an, Hart schrieb ein paar Tunes, die fast klassischer Rock sein könnten, wäre da nicht immer noch das rauschen und zischen der Gitarren und das mitunter aberwitzige Tempo, mit dem sie durch die Songs jagen. Trotzdem. Wenn du ein wirklich genießbares Album der Hardcore Band suchst – New Day Rising wäre erste Wahl. Das Album scheint kürzer als es ist, weil die 15 Songs ein solches Tempo vorlegen und so reduziert und zugleich abwechslungsreich sind. Damit verweist New Day Rising schon auf Mould's spätere Band Sugar – und die Musik der gesamten Alternativen Rock-Szene des kommenden Jahrzehntes. Bei „Celebrated Summer“ gehen sie mal kurz vom Gas und lassen akustische Gitarren klingeln, das Titelstück wiederholt die drei Worte „New Day Rising!“ so oft, bis man daran GLAUBT, und Mould's „I Apologize“ ist einfach bewegend. Und Grant Hart zeigt ein weiteres mal, dass er ein großer Songwriter und Storyteller ist, wenn er bei „Books About UFOs“ singt: "She tells the same old story to everyone that she knows / She's just sittin' in her room reading books about ufos..." Immer wieder finden sich Perlen: „Powerline“ hat wieder einen ruhigeren Part, es gibt kaum Ausfälle und der pure Noise von Mould's Gitarre macht selbst Banaleres beeindruckend einzigartig. Dass sie dann kaum acht Monate später ein weiteres großes Album schafften, verwundert dann schon fast nicht mehr. Flip Your Wig ist das erste Album, das sie selber produzieren durften und das letzte für SST, es ist besser ausbalanciert und dadurch vielleicht weniger elektrisierend - aber im Grunde ist es mehr vom Selben. Es ist der endgültige Beweis, dass die Bedeutung ihrer Musik immer im Songwriting und nicht nur ihre noisige Wucht lag. Hier gibt es wieder den inzwischen klar erkennbaren und sehr eigenständigen Power-Pop von Bob Mould, der nun noch mehr auf seine spätere Band Sugar verweist. Da ist wieder sein famoser Titeltrack und insbesondere der Ohrwurm „Makes No Sense At All“, einer seiner besten Songs und einer, den er auch nach dem Ende Hüsker Dü's performte, da ist – in Konkurrenz würde ich vermuten – Grant Hart's „Green Eyes“, ebenfalls ein Klassiker der Band und wenn man's genau nimmt des Power Pop insgesamt. Und da ist immer noch dieser einzigartige Sound der Band aus völlig übersteuerten Gitarren, die die Chords nur so 'raushauen, einem muskulösen Schlagzeug, den No Fun Vocals von Mould und Hart und dem wieder einmal kaum hörbaren Bass. Es gab und gibt bis heute keine Band, die klingt wie Hüsker Dü, all ihre Alben sind das Anhören wert – da sind sie mit den Smith's vergleichbar – aber die drei Alben Zen Arcade, New Day Rising und Flip Your Wig sind der real deal. Muss man kennen...










Mittwoch, 22. Februar 2017

1983 – Iron Maiden, Metallica etc – US-Thrash und die nicht mehr ganz so neue New Wave of British Heavy Metal

Wie so oft: Auch das Thema dieses Kapitel könnte eine andere Jahreszahl vorantragen. Die US Version des „neuen“ Metal – genannt Thrash - brach natürlich nicht im Jahre 1983 los - aber '83 ist ein gutes Jahr, um sich mit den Innovatoren des Heavy Metal nach den Siebzigern zu beschäftigen. Da ist in Großbritannien zum einen die Musik, die sich hinter dem komplizierte Akronym NWOBHM verbirgt - das sich lustigerweise tatsächlich durchgesetzt hat und das für mich weit akademischer und langweiliger aussieht, als die Musik und vor Allem der Geist hinter dieser Revolution im Metal. Ende der Siebziger schon hatten junge Musiker in Großbritannien auf den kreativen Niedergang solcher Bands wie Deep Purple, Led Zeppelin und Black Sabbath reagiert. Sie verbanden ihren harten Rock mit der Aggressivität des britischen Punk, einer ausgeprägten DIY Ästhetik, veröffentlichten zunächst streng autark auf Kleinst-Labels und bauten sich ein Following in einer Underground-Szene auf, die (übrigens bis heute) als weit uncooler galt, als die ebenso autarken und jungen New Wave und Post Punk Szenen. Im Laufe des neuen Jahrzehnts begannen sich immerhin immer mehr junge Fans für diese Musik zu interessieren – und 1983 hatten sich einige Bands aus den Anfangstagen der Szene etabliert. Synonym dafür können Iron Maiden stehen, die 1983 schon ihr viertes Album vorlegen – oder Motörhead, die sich selber allerdings von Anfang an keiner Szene zuordnen, die aber eben vor allem das oben erwähnte Publikum ansprechen. In den USA hinkte man der Entwicklung in der ganz harten Musik 1- 2 Jahre hinterher. Hier hatten sich Bands wie Exodus, Flotsam & Jetsam, Metal Church, natürlich Metallica (aus denen sich Megadeth herauswinden...) und Slayer bis 1983 zunächst nur mit Tapes, Demo's und Live-Auftritten im Untergrund etabliert, aber '83 veröffentlichten zwei der Protagonisten des Thrash ihre Debütalben. Als erstes wirklich erwähnenswertes Album seiner Art wurde Metallica's Debüt Kill 'em All im Juli '83 veröffentlicht, Slayer's Show No Mercy erschien dann erst Ende 1983 – und ab diesem Zeitpunkt startet Thrash seinen Siegeszug – an dessen Schwanz dann der Death Metal hängen wird. Sowohl in USA als auch in Großbritannien und dem restlichen Europa gilt: Spätestens jetzt beginnt es wieder spannend zu werden im Metal.

 

Iron Maiden

Piece Of Mind

(EMI, 1983)


 

Die letzten beiden Alben von Iron Maiden (Killers und Number of the Beast) – beide mit Sänger Bruce Dickinson eingespielt, gelten als definitive Klassiker der NWOBHM, (ebenso wie das Debütalbum mit Sänger Paul DiAnno). Da erwartet man irgendwie schon einen kleinen Qualitätsabfall - nach extensivem Touren, kaum Zeit zum Songwriting, zumal nach der Trennung von Drummer Clive Burr und dem Zugang von Nicko McBrain - aber Nichts dergleichen - ihr viertes Album nahmen Iron Maiden nun auf den Bahamas auf – sie hatten es also „geschafft“, und all diese Faktoren ließen Piece of Mind um keinen Deut schwächer werden als die Vorgänger (... Man beachte das Wortspiel - Peace of Mind/Piece of Mind...). Noch immer habeln die Songs eine unnachahmliche shake-your-fist-at-the-heavens – Attitüde, noch immer klingt Dickinson wahlweise nach Alarm-Sirene oder Opernheld mit dicken Eiern, wieder wechseln sich Steve Murray und Adrian Smith mit feinen melodischen Gitarrensoli ab – und wieder gibt es Metal-Epen für die Ewigkeit. Iron Maiden haben sich ganz logisch weiterentwickelt, manche Songs haben progressive-Rock Anklänge, werden aber dann doch immer durch den rasanten Bass vom heimlichen Bandkopf Steve Harris geerdet. „“Flight of Icarus“ und vor Allem „The Trooper“ sind enorm dynamische, intelligente und abwechslungreiche Metal -Klassiker - und archetypische Iron Maiden Tracks. Es gab etliche Bands, die sich an diesen Vorbildern abarbeiteten, aber die mühelose Klasse der ersten vier bis sechs (!) Iron Maiden Alben erreichte kaum eine Band dieser Musikgattung und dieser Generation.

 

Satan

Court in the Act

(Roadrunner, 1983


 

Schade. Satan kamen mit ihrem ersten Album einfach 2-3 Jahre zu spät. Vielleicht war ihr Metal (damals) auch zu konsequent und extrem, um einen vergleichbaren Erfolg wie Iron Maiden zu erzielen, aber Satan's Debüt Court in the Act bietet (New Wave of British) Heavy Metal auf jeden Fall in seiner beeindruckendsten Form. Die Band hatte schon '79 live mit einem Mix aus Punk-Klassikern von den Ramones und den Dead Kennedy's und Metal Klassikern von UFO, Black Sabbath und Motörhead starke Duftmarken gesetzt, aber in den folgenden Jahren rotierte das Besetzungskarussell zu schnell, um in Ruhe eine Karriere aufzubauen. 1983 waren nur die beiden Gitarristen Russ Tippins und Steve Ramsey aus den Anfangstagen übrig geblieben. Aber die beiden hatten zuvor immerhin (mit anderen Mitgliedern) ein Demo veröffentlicht, welches das Metal-Label Roadrunner bewog, ein Album zu releasen. Satan klingen mehr nach Black Sabbath und zugleich mehr nach amerikanischem Thrash als Iron Maiden, sie haben zwar deren Fähigkeit „Hymnen“ zu schreiben, aber ihre Gitarrensoli sind chaotischer als die von Iron Maiden, Bass und Drums galoppieren so rasant wie bei Iron Maiden, aber die Atmosphäre ist düsterer, das Tempo schneller, der Sänger klingt „tougher“ als sein Kollege – Satan sind die harte Alternative zu Maiden. „Blades of Steel“ und „Broken Treaties“ haben die gleiche Klasse wie „Flight of Icarus“ und „The Trooper“ - aber das Album blieb aus irgendeinem Grund im Untergrund stecken. Vielleicht war die etwas weniger polierte, etwas dumpfere Produktion schuld, vielleicht war der Bandname schlecht gewählt – im folgenden Jahr benannten sie sich sogar kurzzeitig um, um nicht der falschen Szene zugeordnet zu werden – heute ist das egal, dieses und das dreißig (!!) Jahre später in der gleichen Besetzung aufgenommene Life Sentence sind perfekter, klassischer Metal, der der Vergessenheit entrissen gehört. Ganz einfach.

Metallica

Kill 'em All

(Music For Nations, 1983)

 

Das erste erwirklich erwähnenswerte komplette '83 Album ausserhalb der New Wave of British Heavy Metal ist dann auch ein echtes Schwergewicht. Das erste Album von Metallica, einer damals noch ganz jungen Band aus LA, mag noch nicht die Erschütterungen erzeugt haben, die dann durch den Zweitling Ride the Lightning ausgelöst wurden, aber im Nachhinein kann man trefflich behaupten, man hätte den revoltionären Anstoß, den die Band dem Metal gab, hier schon erkennen können.... Anfang der Achtziger waren in der Bay Area rund um San Francisco einige Bands unterwegs, die Metal mit Einflüssen aus Hardcore versetzten, die das Tempo noch mehr anzogen als ihre Kollegen in England, die den Blues als Einfluss auf ihre Musik außen vor ließen – und die im „Metal“ Genre wirklich innovativ waren. Und Metallica waren diejenigen, bei denen einge der größten Talente der Szene aufeinander trafen. Zunächst bestanden die '81 entstandenen Metallica aus James Hetfield (Voc, g), Lars Ulrich (dr), Ron McGovney (b) und Dave Mustaine (g). Letzterer verließ die Band, weil es ständig Reibereien um seinen Drogen- und Alkoholkonsum und seine Aggressivität gab und gründete die Thrash - Institution Megadeth. Als Ersatz wurde Kirk Hammett von der ebenfalls exzellenten Konkurrenz-Band Exodus abgeworben. Bassist McGoveny wurde von Cliff Burton von der Band Trauma ersetzt – womit ganz nebenbei die Mär von der Band entstand, die Anderen die Talente klaut. Das Debütalbum von Metallica jedenfalls gilt als eines der ersten seiner Art – Thrash, schnell gespielter Metal mit Hardcore Einflüssen, deutlich beeinflusst von Iron Maiden, Motörhead, Diamond Head, aber härter und schneller als die Vorbilder aus UK Und der Punkt ist: Schon hier erkennt man, dass diese Band brennnt, dass hier eine Menge Talent – sowohl instrumental als auch kompositorisch – zusammentrifft. Noch hört man heraus, dass James Hetfield sich selber als Sänger eigentlich nur als Verlegenheitslösung sah, seine Vocals sind kaum mit denen zu vergleichen, an die man sich ab dem zweiten Album gewöhnen würde – aber sein eher herausgebellter Gesang passt weit besser zu den rasanten Songs, als die Theatralik eines Bruce Dickinson. Die rohe Produktion steht den Songs ebenfalls besser als jede Politur und die Songs selber mögen direkter sein als auf den kommenden Alben, aber „Hit the Lights“, „Motörbreath“ und „Whiplash“ sind, insbesondere wenn man den Bandnamen ausser acht lässt, ganz einfach fantastischer Thrash mit durchgetretenem Gaspedal. Und "Phantom Lord" und "Seek & Destroy“ zeigen schon, dass die Band auch komplexe Strukturen kann. Bei „(Anesthesia) Pulling Teeth“ zeigt Cliff Burton, dass man als Bassist mit Verzerrer Unglaubliches machen kann - solche Soli spielte er seinerzeit bei den Konzerten... Bei den Song-Credits ist hier und da noch Dave Mustaine erwähnt, aber der hatte die Band beim Release von Kill 'em All wie gesagt schon verlassen – und Kirk Hammett, der hier keine Songwriting-Credits hat – ersetzt ihn mit abgefahrenen Gitarrensoli. Dies ist ein tolles Debüt – nicht Mehr, nicht Weniger...

 

Slayer

Show No Mercy

(Metal Blade, 1983)


 

... und wer Metallica sagt, muss dann wohl auch Slayer sagen. Show No Mercy ist bei weitem nicht so extrem, bei weitem nicht so ausgefeilt und stilsicher wie die nachfolgenden Alben der Thrash Innovatoren. Die Band war noch jung, unerfahren, noch stark beeinflusst von ihren Vorbildern – insbesondere von Iron Maiden und Judas Priest. Und sie hatten auch definitiv das Mitte '83 veröffentlichte Kill 'em All von der Konkurrenz gehört, und sich da einiges abgeschaut. Noch sind die Twin-Gitarren-Soli melodisch und nicht chaotisch und überlichtschnell (was auch seinen Reiz hat), noch sind viele Instrumentalparts gebremster als auf den kommenden Alben. Das satanistische Konzept der Texte und des Cover-Designs hatte die Band sich ausgedacht, um aufzufallen - und um den Vorbildern Venom nachzueifern. Das Album wurde an einem einzigen Tag unter finanzieller Hilfe der Familie des Gitarristen vom Produzenten und Metal Blade Labeleigner Brian Slagel aufgenommen – und der hatte von Produktion nicht wirklich viel Ahnung, der Musikjournalist hatte sein Label erst vor kurzem gegründet und keine großen finanziellen Mittel... ein Umstand, der vielen gelungenen Songs den Punch nimmt. Aber es ist – wie bei Metallica – erkennbar, dass hier eine Band zu Werke geht, die mal ganz groß werden kann. Songs wie „Evil Has No Boundaries“ und „The Antichrist“ sind so klischeehaft wie energiegeladen, man kann die späteren, finsteren Slayer erkennen, aber noch sind sie rührend naiv und unbekümmert – trotz der satanistischen Lyrics. Sänger Tom Araya wies bei späteren Interviews nicht umsonst auf ihre Jugend hin, aber das Band-Personal aller großen Bay Area Thrasher ist zu dieser Zeit gerade mal um die 20 Jahre alt. Und dass Jugend der Qualität von nicht Musik schadet, wissen wir seit den Anfängen des Rock'n'Roll. Show No Mercy ist ebenfalls ein tolles Debüt – nicht Mehr, nicht Weniger...

 

Dio

Holy Diver

(Warner Bros., 1983)


 

Der Amerikaner Ronnie James Dio war – ime Vergleich zu den Thrash- und NWOBHM- Musikern der Stunde - 1983 schon ein Veteran mit 41 Jahren und seiner hinter ihm liegenden Karriere bei solchen Hochkarätern wie Richie Blackmore's Rainbow oder als Ersatz für Ozzy Osbourne mit Black Sabbath – und jetzt kam er mit eigener Band daher und setzte sich mit in den Zug zur jungen Generation von Metal Bands. Das Personal dazu bestand aus einer gelungenen Mischung von Alt und Jung – Drummer Vinny Appice und Bassist Jimmy Bain gehörten eher zu Dio's Generation, Gitarrist Vivian Campbell war 20 Jahre jünger als Dio, und vor Allem durch sein dynamisches, modernes Spiel erhielt die Musik von Dio die notwendige Frische. Natürlich ist durch Ronnie James Dio's Stimme immer die Erinnerung an Rainbow da, aber wenn Holy Diver nach Rainbow klingt, dann nach einer runderneuerten und extrem dynamischen Version. Und Songs wie der Titeltrack oder „Rainbow in the Dark“ haben die Theatralik, die man auch bei Iron Maiden findet – und die restlichen Tracks stehen den beiden zentralen Songs an Klasse in Nichts nach. Und Holy Diver ist auch deshalb das beste Album der Band Dio, weil es enorm abwechslungsreich ist. Die Frage ob das „moderner“ Metal ist, oder „klassischer“ Heavy Metal, stellt sich nicht. Holy Diver ist ein gelungenes Abbild des Metal seiner Zeit.

 

Motörhead

Another Perfect Day

(Bronze, 1983)


 

...Apropos Veteranen: Motörhead und damit insbesondere Lemmy Kilmister sind 1983 ebenfalls etablierte Veteranen des Metal (bzw. Rock'n'Roll, wie Lemmy nie müde wurde zu betonen). Sie hatten ihre Jahre des Ruhmes genau genommen schon hinter sich. und mit dem rowdy Vorgänger Iron Fist und der Zusammenarbeit mit Girlschool das Niveau gesenkt. Lemmy hatte den Gitarristen Fast Eddie Clark vor die Tür gesetzt – und Drummer Phil „Animal“ Taylor hatte mit Brian Robertson seinen Kumpel von Thin Lizzy zu Motörhead gelotst – woraus sich eine kurzfristige Kollision von Einflüssen ergab, die so fantastisch wie unwahrscheinlich war. Da ist Lemmy's elefantischer Bass-Ton, da sind seine unnachahmlich proletarischen Vocals, mit inbrünstiger Primitivität herausgerotzt und da ist sein Chuck-Berry-On-Speed Songwriting, und dagegen setzt Robertson sein melodisches, ausgefeiltes Riffing und ungemein bluesig/harmonische Gitarensoli. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie Lemmy den (vergleichsweise) feingeistigen Virtuosen im Studio zum agressiven Riffing getrieben haben muss – und man kann verstehen, dass es bei dieser einmaligen Kooperation für dieses für Motörhead sehr ungewöhnliche Album blieb. Another Perfect Day sticht im Katalog der Band heraus, Robertsons Gitarre gibt Lemmy's Songs mitunter etwas irrlichternd psychedelisches, hängt den wuchtigen Songs einen Blumenkranz um – das mögen Fundamentalisten beklagen – aber man muss auch sagen: Lemmy hatte ein paar Perlen geschrieben, die den Klassikern von Bomber und Overkill in Nichts nachstanden. Textlich ist „One Track Mind" brilliant, Eine Art Sequel zu „(We Are the) Road Crew“, Lemmy krächzt irgendwas von einarmigen Banditen und Frauen mit zwei Gesichtern, „Tales of Glory“ kracht mit fulminantem Riff los, gegen das Robertson blendend melodische Gitarrensoli setzt, die klingelnden Gitarren im Intro zu „Dancing on Your Grave“ sind so „schön“ wie ungewohnt für Motörhead und der Jam zwischen Lemmy und Robertson am Ende von „Rock It“ ist außerweltlich. Wie gesagt: Schade und zugleich logisch, dass beide Musiker nicht zusammen weitermachen konnten, aber mit Another Perfect Day gibt es das eine Motörhead Album, das die Zeit überstanden hat, ohne „typisch Motörhead“ zu sein – das ist MEINE Meinung...

 

Mercyful Fate

Melissa

(Roadrunner, 1983)



 

Auch aus Dänemark kommt 1983 Metal, der in die Zukunft weist. Hier hatte der Sänger Kim Bendix Petersen mit dem alias King Diamond mit seiner Band Mercyful Fate ein egenwilliges Konzept entwickelt, mit dem er seine Vision von Metal realisierte. Ihr erstes Album Melissa ist aufgebaut um den extremen, hier und da gar ins Falsett umschlagenden Gesang Petersen's, dazu werden satanistische Lyrics herausgeschrien und die Band spielt eine Mischung aus progressivem Rock und epischem, blitzschnellem Metal. Dazu trat King Diamond als einer der ersten überhaupt mit dem sog. Corpse Paint auf – und keiner soll hier den Namen Kiss einfügen – deren Kriegsbemalung war weit karnevalistischer als die vom King Diamond. Die optische Besonderheit bei Mercyful Fate erwähne ich zuletzt, weil sie für eine Musik unwichtig ist, die jede Aufmerksamkeit verdient hat. Seinerzeit klang kaum eine Band so wie Merycyful Fate, weil keine Band dieses musikalische Konzept so ausgefeilt hinbekam, weil es wenige Bands gab, die kompositorisch so gelungen den Spagat zwischen Diabolik, Kraft und Eleganz hinbekam. Man könnte als Vergleich Judas Priest's Klassiker Sad Wings of Destiny von 1976 heranziehen, aber dem fehlen im Vergleich das hier angeschlagene Tempo und die boshafte Thematik. Songs wie „Satan's Fall“ oder „At the Sound of the Demon Bell“ wurden sicher auch von den symphonischer agierenden Black Metal Bands der Neunziger gehört und als Inspiration genutzt. Mercyful Fate und King Diamond als Solo-Künstler wird immer wieder gerne als Vorreiter des Black Metal genannt – und konzeptuell stimmt das. Mercyful Fate selber traten im folgenden Jahr mit dem noch besseren Album Don't Break the Oath auf den Plan, beide Alben sind perfekter, zeitloser Metal.

 

Witchfynder General

Friends of Hell

(Heavy Metal, 1983)


 

Doom, der verlangsamte Form des Heavy Metal, dessen einzige und eindeutige Vorbilder Black Sabbath sind, ist 1983 Nichts wirklich Revolutionäres mehr. Da gibt es in den USA Saint Vitus als Nachfolger (die aber noch kein Album veröffentlicht haben) - und da gibt es in Stourbridge/England die Band Witchfinder General, die schon ein Jahr zuvor mit Death Penalty eine Art New Wave of Black Sabbath Metal erfunden haben. Friends of Hell war also der schnell hinterher geschossene Nachfolger. Man sollte nicht den Fehler begehen, die Band als reine Sabbath-Klone abzutun – sie haben den Punk-Einfluss ihrer Zeitgenossen durchaus in ihre Musik einfliessen lassen, ihr Doom ist krachender, weniger depressiv, die Riffs mögen in Moll getränkt sein, aber da ist die Dynamik in ihren Songs, die man bei Black Sabbath auf Master of Reality und Vol 4 finden konnte – ohne deren Hang zur Psychedelik. Witchfinder General treten tatsächlich das Erbe dieser Musik an – und erneuern sie. Tracks wie das nec-romantische „Love on Smack“, das hoffnungslose „Requiem for Youth“ und „Last Chance“ treffen tief und hart, erzeugen Bilder von Konfusion und Verzweiflung dieser Generation. Jede LP-Seite endet mit einer 6+ minütigen „Suite“, Seite 1 mit dem satanistischen Sakrament „Friends of Hell“, Seite 2 mit dem Opfergesang „Quietus Reprise“, Sänger Zeeb Parkes hat den erforderlichen klagenden Ton in der Stimme, die Gitarre von Phil Cope weint herzzerreißend und die Rhythmen sind schwer. Es ist das zweite enstzunehmende komplette Album in einem Genre, das sich auf EINE einzige Band beruft und trotzdem über die kommenden Jahre in Form von Bands wie den oben erwähnten Saint Vitus, Obessed, Trouble, Pentagram oder Candlemass etliche dunkel strahlende Facetten bekommen wird

Ach, und übrigens:


Ich ignoriere ein paar Alben, die einige Fans der Musikgattung „Metal“ womöglich als unersetzlich betrachten. Def Leppards Pyromania – Def Leppard sind meiner Meinung nach einfach furchtbar, auch wenn ich der Band und dem Drummer meinen Respekt zolle – Manilla Road's Crystal Logic – ich finde das Album langweilig und vor Allem den Gesang peinlich, Accept's Balls to the Wall – mir zu mittelmäßig und Mötley Crüe's Shout at the Devil – na ja, es gibt bald besseren räudigen Glam-Metal... So bin ich eben und so hat eben jeder seine eigene Meinung...
































Dienstag, 3. Januar 2017

1962 – Die Kuba-Krise und Sturmflut an der Nordsee-Küste – Charles Mingius bis Ray Charles

Algerien wird in blutigen Geburtswehen von Frankreich unabhängig, die Kuba-Krise spitzt sich zu, als amerikanische Zerstörer vor Kuba ein russisches U-Boot beschießen. Einer der russischer Offiziere an Bord weigert sich, die nuklear bestückten Torpedos zu starten und verhindert damit wahrscheinlich den Ausbruch des 3. Weltkrieges. In Deutschland wird in der sog. „Spiegel Affäre“ ein kritischer Artikel über die Verteidigungsbereitschaft des Landes von der CDU Regierung als Anlass zum Angriff auf die Pressefreiheit benutzt. Im Iran sterben bei einem Erdbeben über 12.000 Menschen, und an der deutschen Nordseeküste kommt es zu einer gewaltigen Sturmflut. Marilyn Monroe und der Schriftsteller William Faulkner sterben, der Film Clockwork Orange kommt ins Kino. Brian Jones, Mick Jagger und Keith Richards gründen die Rolling Stones und treten erstmals gemeinsam im Marquee Club in London auf. Die Beatles werden von der Plattenfirma Decca nach ersten Probeaufnahmen abgelehnt („weil Gitarrengruppen nicht mehr „modern“ sind !“) veröffentlichen aber später ihre erste Single („Love Me Do“) und treten die bekannte Lawine der Beat-Musik – zunächst noch nur in England - los. Die Beach Boys und Surf Rock im allgemeinen, Bob Dylan, Judy Collins und der sich langsam von den Originalen lösende Folk aus den Clubs im New Yorker Greenwich Village sind zarte Andeutung auf eine Fortentwicklung der pop(ulären) Musik, aber auch Blues, Soul und vor allem Jazz sind Genres mit einigen interessanten Alben im musikalischen Jahr 1962 - wobei Jazz die Musikgattung ist, die in ihrer Reife ganz herausragende Alben bietet. Mingus, Coltrane und Coleman und die Jazz-Riege des Blue Note Labels haben die besten Alben, Platten die die Grenzen der Avantgarde weit voranschieben. In England verschwinden die Shadows und der Rock'n'Roll der Prä-Beat Generation langsam in der Versenkung, aber wie oben gelesen – mit den Stones und den Beat Bands der Stunde beginnt sich vor Allem hier etwas „Neues“ zu bewegen.

Charles Mingus

Oh Yeah


(Atlantic, 1961)

  Charles Mingus

Tijuana Moods

(Atlantic, Rec. 1957, Rel. 1962)

Was Oh Yeah zu einem besonderen Mingus'-Album macht? Nun – zum Einen wohl den durchgeknallten Rahsaan Roland Kirk – den blinden Saxophonisten, der drei Instrumente gleichzeitig spielen konnte, sowie einen Charles Mingus, der bei seiner Rückkehr zum Atlantic Label seine Exzentrizität und seinen schrägen Humor übersprudeln ließ. Auf Oh Yeah spielt Mingus nicht Bass – den überlässt er Doug Watkins – sondern nur Piano, er arrangiert und begleitet die Songs durch Zwischenrufe und bluesigen Gesang und ich vermute, dass die Zusammenarbeit mit dem ebenfalls leicht wahnsinnigen Kirk das Album so verrückt klingen lässt. Dazu kommt mit Brooker Ervin noch ein zweiter famoser Saxophonist, und - mit Songs wie dem Opener „Hog Callin' Blues“ zum Beispiel - Vorlagen, auf denen insbesondere Kirk sein Instrument nach Herzenslust blöken, heulen und schreien lassen kann. Mingus und Kirk teilten eine enzyklopädische Kenntnis des Jazz, und beide hatten nicht vor, mit ihrem Wissen konservativ umzugehen. So gab es mit dem wunderbar betitelten „Oh Lord, Don't Let Them Drop That Atomic Bomb on Me“ einen modernen Gospel samt Chor, so gab es Musique Concrete bei „Passions of a Man“und bei „Wham, Bam, Thank You Ma'am“ Thelonius Monk-Zitate. Hätte Monk Mingus' Part am Piano übernommen, und Mingus den Bass gespielt, dann wäre Oh Yeah vielleicht sogar noch besser geworden, aber diese Spekulation ist natürlich müßig, es ist Mingus verrücktestes und auch „fröhlichstes“ Album - in Englisch heißt das „Upbeat“ - klingt besser – und es gehört zu seinen vielen Klassikern – knapp hinter The Black Saint and the Sinner Lady und Mings Ah Um. Kirk verließ Mingus' Band leider nach kurzer Zeit wieder und spielte das formidable Domino ein... Und Atlantic beschloss auch noch quasi zum gleichen Termin das 1957 für Bluebird aufgenommene Album Tijuana Moods in die Welt zu setzen. Fünf Jahre waren seither vergangen, aber mingus Abenteuerlust war auch '57 schon virulent. Die Musik auf diesem Album entspringt tatsächlich einem wahnwitzigen Urlaubs-Trip Mingus' mit seinem damaligen Drummer Dannie Richmond in der mexikanischen Grenz-Stadt. Mingus hatte eine Scheidung hinter sich, wollte seine Gefühle in Exzessen aller Art ertränken – und ließ diese Erfahrungen in Musik fliessen, die genau das auch wiedergibt. Auf Tijuana Moods tauchen auf fünf Tracks South-of the-Border-Mariachi Rhythmen und TexMex Folk-Melodien in Mingus abenteuerlichen Jazz ein. Das beginnt mit dem Dizzy Gillespie gewidmeten „Dizzy Moods“ noch ganz optimistisch und ein bisschen hysterisch, angeblich entwickelt im Auto während sie Gillespie's Musik lauschten. „Ysabel's Table Dance“ ist eine Nightclub-Szene, voller Lust und Wildheit, „Los Mariachis“ ist ein Tribut an die Straßenmusiker und bei „Flamingo“ klingt das Album mit einem Ellington-Tribut aus. Mingus nannte es sein bestes Album und war zunächst verärgert, dass auf dem Cover sein Vornamen mit „Charlie“ angegeben wurde. Das „wäre ein Pferde-Namen, er hieße Charles“. Das wurde dann verändert. Dass dieses Album in en folgenden Jahrzehnten mit etlichen Outtakes aufgedickt wurde, ist eines der üblichen überflüssigen Phänomene des CD-Zeitalters. Die ca 35 Minuten des Originals reichen locker.

 

John Coltrane

Live At The Village Vanguard

(Impulse!, Rec. 1961, Rel. Feb. 1962)

John Coltrane

Coltrane Plays the Blues

(Atlantic, Rec. 1960, Rel. Jul. 1962)

John Coltrane

Coltrane


(Impulse, Aug. 1962)

Die Impulse!-Bosse Rudy Van Gelder und Bob Thiele nahmen zwischen dem 1. und 5. November 1961 22 Live-Tracks von Coltrane mit seinem klassischen Quartet und ein paar weiteren interessanten Musikern im Village Vanguard Club in NY auf. Heraus kam sein zweites Album für Impulse!, das erste, das wirklich Aufsehen erregte, nachdem er den Vorgänger Africa/Brass mit einem Cast aus 21 Musikern besetzt hatte. Man kann sagen, es ist das erste Album, das wirklich zeigt, wo es auf Impulse! bald hin gehen wird. Drei Tracks wurden '62 auf diesem Live at the Village Vanguard veröffentlicht, zwei weitere Live-Tracks wurden 1963 auf Impressions veröffentlicht – und wer viel Zeit, Geld und Lust hat, kann sich die Complete 1961 Village Vanguard Recordings als Box-Set besorgen – aber das ist IMO definitiv zu viel des durchaus Guten. Auf diesem ersten Live Album klingt Coltrane nicht mehr, als müsste er sich seiner selbst vergewissern, als „suche“ er noch, hier spielt Einer, der genau weiss, was er will. Die erste LP-Seite bginnt noch mit dem recht zurückhaltenden „Spiritual“, bei dem er sich mit seinem Freund und gleichwertigen Kollegen Eric Dolphy an der Bass-Klarinette ruhige, fast ein bisschen vorsichtige Solo-Duelle liefert, das 1928er Operetten-Stück “Softly, as in a Morning Sunrise“ wird dann vom Pianisten McCoy Tyner und natürlich von Coltrane bestimmt. Tyner legt mit einem wunderbar perlenden Solo los, ehe Coltrane erstmals wirklich abhebt. Die zweite LP-Seite besteht dann einzig aus dem 16-minütigen freien Blues „Chasin' the Trane“. Nur von Bass und Schlagzeug begleitet spielt Coltrane hier ein Solo, das schon Alles vorweg nimmt, was er auf späten Alben wie Meditations oder Interstellar Space in Free-Jazz erschafft. Hier haben die Töne bei sehr freier Form eine innere Logik, die diese Art von Free Jazz spannend und nachvollziehbar macht – wenn man sich darauf einlässt. Bei den Aufnahmen muss Rudy Van Gelder Coltrane dauernd auf der bühne hinterher rennen, der war wohl (hörbar) in den Wolken. Live... und die Village Vanguard-Tracks von Impressions wurden auch auf einer Doppel-CD zusammengefasst. Da hat man dann genug, finde ich. Und dann - erst einmal diese Info zum Zweck der Einordnung: Coltrane Plays the Blues wurde im Oktober 1960 für Atlantic aufgenommen, es handelt sich um Tracks, die er mit seiner Band aus Elvin Jones (dr), McCoy Tyner (p) und Steve Davis (b) bei den Sessions zum Album My Favorite Things sozusagen als Fingerübung einspielte. My Favorite Things ist -wie der Titel schon sagt - ein Album mit Versionen seiner Lieblings-Standards, die sechs Tracks von … Plays the Blues sind Eigenkompositionen, oder besser kurze Themen, die Bass, Piano und Drums vorgeben, damit Coltrane darüber improvisieren kann. Dabei hielt er sich durchaus an die Regularien das Blues, so gesehen sind Tracks wie „Blues to Bechet“ nicht wirklich abenteuerlich, noch hatte er nicht die Höhe seiner Kunst erreicht, und den Coltrane der Village Vanguard-Konzerte wird man hier nicht finden. Aber immerhin sind sowohl seine Solo-Attacken als auch die Art, in der das Rhythmus-Gespann den Blues hier fundamentiert, doch teils ziemlich unorthodox. Beim besten Track, dem genannten „Blues to Bechet“ begleiten Coltrane nur Bass und Drums und er spielt ein paar fantastische Soli auf dem damals selten eingesetzten Sopran-Saxophon (mit dem er einige Tracks von My Favorite Things einspielte). Aber auch der „Blues to You oder „Mr. Syms“ sind hörenswert. Er war auf erkennbar dem Weg zum freieren Spiel, wollte sich aber noch einmal seiner (Blues)-Wurzeln vergewissern, die sich letztlich auch auf späteren Alben nicht verleugnen lassen. ...Blues Ist kein essentielles Album, aber ein schönes – gerade weil es auf einer schlichteren und leichter konsumierbaren Basis ruht.. Das dann in diesem Jahr aufgenommen Inpulse!-Album Coltrane ist dann das erste Studio-Album allein mit Coltrane's klassischem Quartett, nun mit dem Bassisten Jimmy Garrison an Bord und wieder mit McCoy Tyner (p) und Elvin Jones (dr) – die Besetzung mithin, die 1964 den Über-Klassiker A Love Supreme einspielen würde – und das organische Zusammenspiel der vier Musiker lässt wieder Großes erahnen. Im Studio bleiben alle Beteiligten im Vergleich zum Live-Album zurückhaltend – beobachten einander sozusagen voller gegenseitigem Respekt. Ein Eindruck, der auch daher rühren mag, dass Coltrane seine Klangsalven hier - vermutlich auch bewusst - noch etwas zurückhält. Bestes Beispiel und zugleich bestes Stück auf Coltrane ist die Arlen/Mercer Komposition „Out of This World“, die der Saxophonist auf die ihm eigene Art dekonstruiert und wieder zusammensetzt. Das Stück wird zerlegt und „coltraneisiert“, aber noch sind da Passagen, bei denen er sein Temperament zügelt – in denen er einfach leiser spielt. Der Topf kocht immer wieder über, aber die ruhigen Sequenzen dienen nicht nur als Kontrast zu den feurigen Ausbrüchen, sie verbreitern das emotionale Spektrum, zeigen Farben in Coltrane's Spiel, die man bald danach nur noch selten wiederfindet. „Out of this World“ überstrahlt den Rest des Albums zwar, aber das soll das bezeichnend betitelte finale Stück etwa „Mile's Mode“ nicht abwerten: Hier brennt das Feuerwerk lichterloh, das ist modaler Jazz, wie er vom ehemaligen Arbeitgeber erfunden wurde, aber Coltrane legt die Betonung auf einen härteren Sound, und findet so seine Balance zwischen wilder Improvisation und Davis' modaler, zurückhaltender Musik. Ein ähnlicher Ansatz findet sich bei der lyrischen Ballade „Soul Eyes“, die meist leicht vor sich hin köchelt, um dann doch immer wieder zu explodieren. Und dann ist da das exotische „Tunji“, das den afrozentrischen Free-Jazz kommender Alben vorwegnimmt. Auf Coltrane lernen sich vier exzellente Musiker kennen, und es wird deutlich dass da noch mehr kommen kann. Alle drei Alben sind sehr gut, unverzichtbar aber ist Live at the Village Vanguard – wie gesagt am besten in der „Extended Version“.


Bob Dylan

s/t


(Columbia, 1962)

Das erste Album von Bob Dylan erschien 1962 auf Columbia Records, Dylan's Heimat von Beginn an bis heute. Produziert von John Hammond Jr., dem Sohn des Mannes, der ihn unter Vertrag genommen hatte, ist es der Beginn einer Legende innerhalb der Musikgeschichte – und damit ist die Geschichte der gesamten Musik des 20. Jahrhunderts gemeint – und es ist schon deshalb ein „Klassiker“ im Sinne des Wortes. Wenige Musiker sollten je so großen Erfolg in so kurzer Zeit und vor Allem so viel Einfluß erlangen. Zur Zeit der Aufnahmen war Dylan gerade mal 20 Jahre alt und voller Enthusiasmus und Ideen. Er war sprichwörtlich „young but daily growing". So nahm er für Bob Dylan zunächst ohne der Konkurrenz davon zu berichten Songs auf, die er eher selten in den Folk-Clubs spielte und folgte dabei den "Freight Trains" auf der Suche nach Cisco, Leadbelly und Woody. Auf dieser Suche würde er selber eine Unzahl an Stories in den großen Wahrheiten und Mythen Amerikas (er)finden. Auf seinem Debüt erzählte er erst einmal das nach, was er von den Vorbildern gehört und gelernt hatte, den Sound reduziert – wie es sich dazumal gehörte – auf Mundharmonika, Gitarre und Gesang - aber schon hier hatte seine Stimme etwas getriebenes und schon hier gab die Kraft seiner Persönlichkeit den Songs eine eigene Farbe. Dieser junge Mann hatte schon so viel gehört, dass seine Ohren davon bluteten, er war „Bound for Glory“. Dass er dabei zum Beispiel Dave Van Ronk's Version von „House of the Rising Sun“ Eins zu Eins übernahm, nahm dieser ihm nur kurz übel - Bob Dylan mag neben seinen große Werken klein erscheinen, aber ist es ein großes Debüt und es ist – ganz nebenbei – ein Zeitdokument der Musik, die zu diesewr Zeit in den New Yorker Folk-Clubs gespielt wurde.

Joan Baez

In Concert (Part 1)


(Vanguard, 1962)

Prestige. Wenn man ehrlich ist, ist das mitunter auch ein Grund, aus dem man sich mit bestimmten Künstler beschäftigt. Ich lese über einen bestimmten Musiker, oder es ist die Verbindung zu anderen bekannten Musikern, die ich mag, die mich dazu bringt, mich mit ihnen zu beschäftigen. Joan Baez fällt klar in letztere Kategorie: Wäre sie nicht integraler Bestandteil Dylan's formativer Jahre gewesen, so hätte ich mir ihre Musik kaum ernsthaft angehört. Natürlich war Joan Baez talentiert, Dylan hatte meist Musiker um sich, die selber sehr fähig waren, aber es ist auch nicht zu leugnen, dass ihr Name sehr häufig im Zusammenhang mit Bob Dylan fällt. Und In Concert (Part 1) tut wenig, den Gedanken an einen ungerechtfertigten Hype zu widerlegen. Bei den Konzerten, bei denen Baez angeblich unter massivem Lampenfieber litt, spielte sie Folk-Klassiker wie „House Carpenter“, „Pretty Boy Floyd“ und „Kumbaya“, und während es Häresie wäre, die Klasse des Materials in Frage zu stellen, begrub sie die Songs unter ihrem exzessiven Gesangsstil. Eine der wenigen Ausnahmen hiervon ist „Gospel Ship“, ein Carter-Family Tune, der einen überraschenden Ausblick darauf gibt, zu was sie in der Lage gewesen wäre, hätte sie ihrem Sopran nicht ständig dieses gellende Vibrato aufgezwungen. Für diesen Moment macht der Titel „Queen of folk music’“ wahrhaft Sinn, man hört, dass sie in der Lage gewesen wäre mit ein wenig Zurücknahme in minimalistischem Sound, den andere, unbekanntere Künstlerinnen pflegten, echte Glanzleistungen zu bringen. So ist dieses Album heute doch recht anstrengend, und ich frage mich oft, wieso andere, bessere Sängerinnen – wie etwa Karen Dalton - ein weit geringeres Prestige haben als Joan Baez

Judy Collins

Golden Apples of the Sun


(Elektra, 1962)

Golden Apples of the Sun ist schon Judy Collins zweites Album, und dieses Album und das Debüt sind sich natürlich recht ähnlich. Auch hier spielte sie Traditionals, coverte allerdings erstmalig auch zwei „neue“ = moderne Songs, und wieder war es insbesondere ihr glasklarer Sopran, der zu überzeugen wusste (mehr als die Stimme Joan Baez' übrigens – wenn wir schon mal dabei sind...), der sie angenehmer und weniger „dogmatisch“ klingen ließ (und auch heute noch lässt). Man merkte ihr an, dass sie Live-Erfahrung und Selbstvertrauen in den Folk-Clubs von Greenwich Village in New Yorks gesammelt hatte. Auf Golden Apples... ließ sie sich von Walter Raim an der Gitarre und einem gewissen Bill Lee (Vater des späteren Regisseurs Spike Lee) am Bass begleiten. Ganz nebenbei positionierten sich Jac Holzman und dessen Elektra Label mit Judy Collins und diesem Album deutlich auf der progressiven Seite des Musikgeschehens dieser Tage. Songs wie das altenglische Traditional „Fannerio“ oder der Titelsong des Albums (basierend auf einem Gedicht von W. B. Yeats) sind perfekte Beispiele für eine Art des 60ies Folk, der durch seine - im Vergleich zu manchen anderen - „unpolitischen“ Inhalte eine gewisse Unschuld hatte.

The Beach Boys

Surfin' Safari


(Capitol, 1962)

1962 ist eines dieser Jahre, in denen Bands und Musilker (Siehe Dylan), die in den kommenden Jahren formativ für die Entwicklung der Rockmusik werden sollten, ihre Debütalben aufnehmen. Und diese verblassen dann hinter dem, was diese Stars später leisten würden. Das Debüt der Beach Boys beispielsweise wurde zu einer Zeit aufgenommen, als der Single Hit alles war, die LP wenig galt und nur mit ein bis zwei Hits und eilig produziertem Füllmaterial ausgestattet wurde. So war auch Surfin' Safari bis auf die Hits und einige wenige Ausnahmen dünn produziert und das Songwriting noch lange nicht so exzellent wie es in den folgenden Jahren werden sollte. Der Titeltrack freilich ist famos, ebenso die FlipSide ("409"), welche selber ein Hit wurde - und einer der ersten Hot Rod Klassiker der Band. "Surfin'," die Debutsingle (und der erste kleine, noch nationale Hit), ist auch toll und einer der wenigen Tracks auf dem die Beach Boys nach Garage klingen. Aber leider ist das restliche Material im Vergleich zu späteren Aufnahmen eben eher mittelmäßig (wenn auch immerhin selbstkomponiert), Brian Wilson mußte erst noch eine Strecke gehen, bevor sein kompositorisches Genie aufblühen würde. Aber auf jeden Fall zeigt Surfin' Safari die Beach Boys noch als „echte“ Band, bevor Studiomusiker ihre Parts übernahmen und zwei der besseren Cuts, „The Shift“ und das Instrumental „Moon Dawg“ sind echter Surf-Sound, verweisen schon auf Hits wie das 63'er „Surfin' U.S.A“.

Dick Dale and the Del-Tones

Surfer's Choice


(Deltone, 1962)

Es gibt auch zu Beginn der 60er ein paar Rock'n'Roll Alben, die wirklich Neuland eroberten: Dick Dale's Surfer's Choice beispielsweise etablierte fast alleine das Genre der Surf Musik - machte das lokale Phänomen in ganz Amerika bekannt. Und zwar so bekannt, dass auch im hunderte von Kilometern vom Meer entfernten mittleren Westen der Geist des Surf-Rocks zu einem Jugendphänomen wurde. Das Album wurde hauptsächlich im Rendezvous Ballroom in Balboa Beach live aufgenommen – Ein Heimspiel für Dale - und man kann die Begeisterung des Publikums schon bei den Anfangsakkorden von „Surf Beat“ hören. Es gab ein paar Vocal Tracks in Dick's Set List („Peppermint Man“, „Lovey Dovey“, „Night Owl“, „Fanny Mae“ und „Sloop John B.“ - mit nachträglich im Studio hinzugefügten Strings), aber eigentlich sind es die Instrumentals, die den Surf Rock definieren sollten: Der „Miserlou Twist“ und „Let's Go Trippin“ scheinen dabei die einzigen beiden echten Studiotracks zu sein, die Live Takes von „Surfing Drums“ „Take It Off“, „Shake 'n' Stomp“ und das langsame „Death of a Gremmie“ sind Surf-Sound in seiner Ganzen Pracht. Dass Dick Dale – Sohn polnisch/libanesischer Einwanderer – die Gitarre autodidaktisch erlernt hatte, sie gar verkehrt herum (also mit den Bass-Saiten oben...) spielte, und dass er immens laute Verstärker benutzte, machte ihn so einzigartig Diese Tatsachen bewirkten, dass Dick Dale vielen Gitarristen (z.B. Pete Townshend) als Vorbild diente – dabei gab es niemanden, der so spilete wie er. Surfer's Choice jedenfalls ist Surf Guitar's finest hour.

Dion

Lovers Who Wander


(Laurie, 1962)

Zu Beginn der 60er hatte der New Yorker Dion DiMucci seine vormalige Band, die Belmonts verlassen um eine erfolgreiche Solo-Karriere zu starten. Er hatte sogar in einem Film mitgespielt, und insbesondere eine ganze Reihe von Hit-Singles geschrieben. Dabei hatte er seinen DooWop infizierten Sound mit immer größeren Anteilen von Rhythm'n'Blues und Rock'n'Roll angereichert, und daraus mit seiner Stimme und seinem Stil eine sehr eigene Variante der Popmusik der frühen Sechziger erschaffen. Neben dem ersten Album dieser Phase (Runaround Sue von 1961) ist vor Allem Lovers Who Wander das Album der Wahl, denn hier gelang es ihm neben der gleichnamigen Hitsingle weitere hervorragende Songs zu schreiben - „Little Diane“, „Sandy“ und „(I Was) Born to Cry“ sowie das zumindest von ihm mitkomponierte „Lost for Sure“ waren mindestens so gut – zeigten, was für ein hervorragender Songwriter der Mann war - wie die cleveren Coverversionen „Stagger Lee“ oder „Shout“, die Dion tatsächlich zu seinen eigenen Songs machte. Alle drei Laurie Alben von Dion in der Zeit von 61-63 funktionieren ganz hervorragend im Gesamtpaket - und sie klingen erstaunlich zeitlos. Was umso bemerkenswerter ist,, als sie zu einer Zeit erschienen, in der sich - wie gesagt -das Albumformat noch nicht durchgesetzt hatte und LP's eher als Erweiterung der Single-Hits gedacht waren. Ich denke, dass Dion später in Vergessenheit geriet, hat mit seiner galoppierenden Drogensucht (... ja, auch schon zu dieser Zeit – will man nicht meinen, wenn man diesen Schwiegermuttertraum auf dem Cover sieht) und mit einigen selbstgemachten Karriere-Fehlentscheidungen zu tun. Ihm gelangen später dennoch einige teilweise ganz tolle Alben. Siehe Dion (68) und Wonder Where I'm Bound von 1969.

Howlin' Wolf

The Rocking Chair Album


(Vogue, Rel. 1962)

Howlin' Wolf

Howling Wolf Sings the Blues


(Crown, Rel. 1962)

Howlin' Wolf's Rocking Chair Album (Der Titel wurde erst bei Re-Issues auf's Cover gesetzt) war streng genommen eine Compilation von sechs Singles aus den Jahren 60-62, kombiniert mit den jeweiligen Flip-Sides und zeigte ihn als den einzigen ernstzunehmenden Konkurrenten seines Label Kollegen Muddy Waters. Wolf's Stimme sollte später Musiker wie Tom Waits und Captain Beefheart beeinflussen, und war meiner Meinung nach der von MuddyWaters' zeitlebens weit überlegen. Die Songs auf diesem Album dienten in den 60er Jahren unglaublich vielen Bands einer jungen Generation von Rockmusikern als Vorlagen und flossen so in das Bewußtsein einer ganzen Generation von Hörern ein. Und wenn man dann hier hinhört erkennt man, dass nur sehr wenige Cover-Versionen jemals die Intensität ihrer Vorlagen erreichen sollten. Die Tracklist beinhaltet Songs wie "Spoonful," "The Red Rooster," "Wang Dang Doodle," "Back Door Man," "Shake for Me," und "Who's Been Talking?" - allesamt Klassiker, zuguterletzt auch noch eingespielt von und mit Chess Haus-Produzent/Bassist Willie Dixon und Hubert Sumlin an der Gitarre. Das hier ist ein Blues-Klassiker, der in Kombination mit dem folgenden Album alles Wichtige sagt, was man über Howlin' Wolf wissen will. Im Original war auch Sings the Blues eine Compilation von Tracks Howlin' Wolf's aus den Jahren 51-52 bei Chess und Modern, dazu kamen einige Tracks die bei RPM veröffentlicht worden waren und ein paar Instrumentals die nicht einmal von ihm selber waren. Er hatte in den 50ern keine feste Bindung an ein bestimmtes Label, nahm (wie viele andere Bluesmusiker) mal hier mal da eine Single auf und hinterließ ein undurchschaubares Durcheinander an Veröffentlichungen. Die Compilation von Crown ist ein hervorragendes Beispiel für frühen, elektrischen Blues, und die Tracks hätten ohne weiteres auch '62 entstehen können. Howlin' Wolfs Stimme hatte schon ihre angsteinflössende Intensität, die Gitarre war mit soviel Fuzz gespielt, dass man eher an Rock'n'Roll denken mochte – insbesondere bei schnelleren Tracks wie „House Rockin' Boogie" oder "Keep What You Got“. Dazu kamen Versionen von Klassikern wie "Morning at Midnight" (aka "Moanin' at Midnight") und "Dog Me Around" (aka "How Many More Years") und eine Cover-Design, das eher an Werbung für Waschmittel denken läßt, als an rohen Blues. Die CD Version enthält einen Haufen Bonus-Tracks vom Modern Label, was sie zur idealen Ergänzung zum Rocking Chair Album macht.

Ray Charles

Modern Sounds in Country and Western Music

(ABC Paramount, 1962)

Ray Charles

Modern Sounds in Country and Western Music Volume Two

(ABC Paramount, 1962)

Ein Album mit Country & Western Songs in Bigband Arrangements aufzunehmen war 1962 ein gewagtes Unterfangen - auch für einen bei Schwarz und Weiss so beliebten Künstler wie Ray Charles. Die Welt der populären Musik wurde gerade von Rock'n'Rollern, Croonern und einer wachsenden Anzahl von Folkies bestimmt, und ein Album voller Songs aufzunehmen, die einer soeben vergangenen Ära angehörte, war mindestens ein mutiger Schritt. Einer, der gegen alle geläufigen Trends ging. Zumal - Ray Charles war es gewesen, der Soul Music an die Spitzen der Charts gebracht hatte – und damit sind auch die „weissen“ Pop-Charts gemeint ! Man muß bedenken, in seiner eigenen - schwarzen - Community war er ein Symbol für kommerziellen Erfolg – eben nicht nur als Soul-Künstler, sondern als Crossover Pop-Star ! Wie kam er dann auf die seltsame Idee, Musik aufzunehmen, die stilistisch die frühen 50er zitierte, statt mit der Zeit zu gehen? Musik aus dem konservativen Country & Western Genre, Musik, die explizit „Weiss“ war ? Tatsache ist - so sehr Charles in seiner Jugend von Gosplel und Jazz geprägt worden war, er hatte im Radio auch Künstlern wie Hank Williams oder Don Gibson gelauscht, die Stories, die in deren Songs erzählt wurden, hatten ihn inspiriert, und für ihn stand in diesem Genre ein ganzer Stellplatz voller Vehikel zu Verfügung, die genau die Emotionen transportierten, die er vermitteln wollte. Diese emotionale Bandbreite der Songs ist das eigentliche Thema der beiden kurz hintereinander veröffentlichten Alben, Ray selber hätte auch das Telefonbuch nachsingen können, es hätte mit seiner einmaligen Stimme fantastisch geklungen, aber hier hatte er Themen und Geschichten zur Hand, die ihn emotional forderten: Allein schon wie er im zweiten Track, der melancholische Ballade „You don’t know me“ - im Original von Eddy Arnold – die volle emotionale Tiefe auslotet, ist fantastisch, dass auf dem ganzen Album mit süffigen Streicherarrangements gearbeitet wird, gibt der Musik eine weitere Dimension, aber zentrales Element aller Songs bei beiden Alben ist Ray Charles' Stimme. Es gibt eine interessante Dynamik zwischen dem ersten Song („Bye Bye Love“) und dem vorgenannten zweiten Track der LP: „Bye Bye Love“ erinnert in seiner Dynamik noch an die früheren Hits des Sängers, ab dem zweiten Track übernehmen die Streicher, wird Charles zum Balladensänger, und man könnte als Kritikpunkt anmerken: Die Musik bekommt Anklänge an Sinatra und gar an Easy Listening – aber letztlich ist es dann immer wieder Ray Charles Stimme, die den Unterschied macht. Und großartige Tracks wie „I Can’t Stop Loving You“ oder „That Lucky Old Sun (Just Rolls Around Heaven)“ machen Modern Sounds in Country and Western Music zu seinem besten Full Lenght Album. Einem Album, das übrigens als eines der ersten gilt, bei dem ein schwarzer Musiker selbstbestimmt arbeiten konnte! Was vermutlich auch der Grund gewesen war, warum Ray Charles die Plattenfirma gewechselt hatte, Modern Sounds war sein erstes Album nach den Atlantic-Jahren, sein erstes bei ABC-Paramount und er ließ sofort Modern Soundsi...Volume Two folgen - nach ähnlichem Rezept, allerdings diesmal auf der ersten Seite der LP begleitet von seiner Big Band und seinen Background Sängerinnen, den Raelettes, dann auf Seite 2 noch einmal mit Strings wie beim Vorgänger. Auch hier gilt freilich: Musik vom Feinsten mit Höhepunkten wie Don Gibson's flott verpacktem „Oh Lonesome Me“ oder Hank Williams Tearjerker „Your Cheatin' Heart“. Essenziell wie der Vorgänger und heutzutage im Doppelpack auf einer CD erhätllich.